Der Neue Merker

Philip Glass/Robert Wilson: EINSTEIN ON THE BEACH, 2 Blu-rays – OPUS ARTE

Philip Glass/Robert Wilson:  EINSTEIN ON THE BEACH, 2 Blu-rays – OPUS ARTE

Tanz-mathematisch inszeniertes formal variiertes „Improvisationstheater“

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„Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle“ Albert Einstein

Also Oper ist das keine. Die 1976 geschaffene klanglich theatrale Betrachtung der Welt in unzusammenhängenden Szenen mit dem Feature „Einstein“ als optischem Symbol  ist ein Stück mächtiges Theater, durch Robert Wilson in seine gewohnt strenge Form gezwängt. Die vorliegende Produktion hatte 2012 in Montpellier ihre Premiere, sie wurde anlässlich einer Aufführungsserie im Théâtre Châtelet in Paris 2014 auf Zelluloid gebannt.

Die nicht narrative „Oper“ in vier Akten erkundet den Raum mittels Richtungs- und Positionswechsel der Tänzer im Verhältnis zu den anderen. Der reiterativen Musik, die rhythmisch präzise die optische Vision Wilson in Klang transponiert, stehen eine Serie von eindrucksvollen changierenden Bildern gegenüber, denen von Lucinda Childs kreativ gestaltete Tanzsequenzen zugefügt sind. Das Leben Einsteins, dessen Gewohnheiten und stereotypes Outfit (am Anfang stand dessen Kleidung mit weiten grauen Hosen, gestärkten weiße T-Shirts und Hosenträgern) bilden eher die Schablone für die vollkommen avantgardistische Erkundung der Kunstszene von Downtown New York (SoHo). Eine synkretistische Erfahrung mit Musik, Bildhauerei und psychologischer Abstraktion. 

Laut Philip Glass ist in der Musik die Zeit Dauer. Die Kult gewordene Aufführung spiegelt wie kaum ein anderes Theaterereignis eine verlorene Welt der schönen Abstraktion, der präzisen Darstellung von Welt im Raum, der Abbildung unvorhergesehener formaler Strenge, unentrinnbar wie das Ablaufen einer Sanduhr. Etwas Liturgisches durchdringt diese Arbeit, die meditative Länge der Aufführung mit über 260 Minuten stellt den auf Action getrimmten Zuhörer bisweilen auf harte Geduldsproben. 

„Einstein on the Beach“ ist sozusagen ein ideologisches Gegenprogramm zu schriller Unterhaltung, zum raschen Statement, zur pragmatisch- realen Weltenschau, zu Hollywood. Es ist höchst artifizielles Bewegungs-Theater, das durch Wilsons Ästhetik noch mal eins drauflegt. Die Farbe Blau dominiert, das den Begriff der Zeit zum Gegenstand erhebende Epos will die Aufmerksamkeit lehren. Pädagogik statt Freiheit: Der Zuhörer wird in eine Art Schwimmer mit Gegenstromanlage verwandelt, der Wiederholung als etwas Irreales begreifen soll. Genau um diese fein graduelle Veränderung ist es den Schaffenden gegangen, um dieses merklich (unmerkliche) Fließen von etwas, das dem Zuschauer anheim gegeben ist zu vollenden. Eine Spielwiese des Zudenkens und der Mitkreation, ein Mythos, der sich selbst zum Gegenstand hat.

„Einstein on the Beach ist Dichtung. Dichtung in Musik und Prosa, in Tanz und im Bühnenbild, welche weit mehr die Aura Einsteins als seine physische Realität aufruft. Es geht hier um die Spur, die er in unserem kollektiven Gedächtnis hinterlassen hat“ (Jérémie Szpirglas). Das wie Litaneien stilisierte Reden auf der Bühne, das Violinspiel Einsteins wird von Antoine Silverman, Helga Davis, Kate Moran, Jasper Newell und Charles Williams  mit ungeheurer Präzision und Präsenz realisiert. Autismus, Atomzeitalter, Apokalypse wird mit Ritualen geantwortet, einem Stummfilm um Knee Plays, Prozess- und Bauwerkszenen, schließlich die Dance Fields und das Spaceship. Mein Einwand bei so viel an philosophisch kalkulierter Eigenmythologisierung: Schöne Theaterbilder allein können  nicht über die mangelnde Emotionalität dieses Stücks hinwegheben. Sie vermögen den Zuschauer abseits des Liveerlebnisses  – also schon gar nicht vor dem TV-Schirm – nicht jene Katharsis durchleben zu lassen, die jeder Mythos sublimierend dem geduldig Ausharrenden als Belohnung schenkt. Jede/r kann sich ja so wie er/sie  will erlösen lassen. Alles Schattenboxerei, eine als Oper getarnte Sphinx ohne Rätsel?

Dr. Ingobert Waltenberger

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