Der Neue Merker

PETER SIMONISCHEK: Große Lust auf Verwandlung

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Foto: Filmladen

PETER SIMONISCHEK

Große Lust auf  Verwandlung

Burgschauspieler Peter Simonischek hat mit dem „Toni Erdmann“ eine Bombenrolle geangelt. Der Film von Regisseurin Maren Ade konnte bereits vor seinem Anlaufen in den Kinos ungeheure Publicity einheimsen. Schließlich ist er als erster deutscher  Film seit 2008 im Hauptwettbewerb der Filmfestspiele in Cannes gelandet. Den Hauptpreis, den die deutsche Presse enthusiasmiert „herbeischreiben“ wollte, hat es nicht gegeben. Aber der Hauptdarsteller ist dennoch sehr zufrieden, wie Peter Simonischek im Interview mit dem Online Merker feststellte.

Von Renate  Wagner

Herr Simonischek, am Ende ist es für den „Toni Erdmann“ bei den Filmfestspielen in Cannes nicht die „Goldene Palme“, sondern „nur“ der FIPRESCI-Preis der Filmjournalisten als bester Film geworden. Enttäuscht?

Bedenken Sie, dass ich ja fünf Wochen davor noch nicht einmal gewusst habe, dass wir mit dem Film nach Cannes fahren. Ich hatte den Film schon fast vergessen, es waren ja zwei Jahre seit Drehschluß vergangen, 2014 im Sommer haben wir gedreht, die Maren Ade hat mittlerweile ein Baby bekommen, da liegt viel Zeit dazwischen. Und dann plötzlich kriegt man einen Anruf: „Du, wir sind nach Cannes…!“ „Geh, wirklich? Toll!“ „Ja, aber niemandem sagen, wir werden ja nur in der Nebenschiene gezeigt“ – und eine Woche vor Festivalbeginn hat es geheißen, wir sind in den Wettbewerb übernommen worden, und dann hat es geheißen, der Film war in der Pressevorführung solch ein Erfolg, dass die Kritiken während der Aufführung applaudiert haben, und da haben Leute gesagt, wir sind schon lange in Cannes, aber das haben wir noch nicht erlebt! Und dann diese Ovationen bei der Premiere, das alles habe ich sehr genossen, eh klar, aber es ist nicht so dass… ich habe ja den „Jedermann“ acht Jahre gespielt, ich bin schon auch ein bisschen verwöhnt.

Wieso hat Maren Ade Sie für die Rolle gewählt?

Ich fuhr, wie viele andere Kollegen, zum Casting, und das tue ich sehr gerne, wenn es um eine wichtige Sache geht, denn dann lernt man den Regisseur, die Regisseurin kennen und kann bei dieser Arbeit feststellen, ob man sich „riechen“ kann. Wenn nicht, lässt man die Finger davon. Ich bin zwar ein Riesenkerl, aber überhaupt nicht gefeit davor, mir Angst machen zu lassen… Ich flog also nach Berlin, ich war bei weitem nicht der einzige Kandidat für den Winfried Conradi alias Toni Erdmann. Die Maren Ade und ich haben sehr gut miteinander gearbeitet, und dann kam nach zehn Tagen die Nachricht, ich hätte die Rolle, sie hat gesagt, ja, lass uns das doch zusammen machen. Und dann gab’s noch weitere Castings, denn natürlich musste vor allem eine gute Tochter dazu gefunden werden, also eine, die auch zu mir passt. Es waren Super-Kolleginnen, die da wir gecastet haben, eine die tollere Schauspielerin als die andere, aber als die Sandra Hüller kam, habe ich sofort gemerkt, das ist ideal, das könnte wirklich meine Tochter sein, und das hat sich bis heute komplett bewahrheitet. Sie ist wirklich eine ganz besondere Schauspielerin, ich kenne wenige, bei denen Gefühl und Kopf so nahe beisammen sind.

Wie war die Arbeit mit Maren Ade, einer Regisseurin, die 30 Jahre jünger ist als Sie?

Es war ein Charakteristikum dieser Arbeit, dass alles sehr genau, sehr geduldig, sehr akribisch vor sich ging, aber nicht, weil Maren Ade sich nicht entscheiden konnte, sondern weil sie einfach die beste Entscheidung suchte. Und das ist auch, finde ich, das Erfolgsgeheimnis von dem Film. Ich hab die Zusammenarbeit sehr genossen mit ihr zu machen, weil das so auf Augenhöhe war, konzentriert und leicht zugleich.

Dieser „Toni Erdmann“, der sich gleichsam in das Leben seiner Tochter, einer Karrierefrau, drängt, ist in seinen unkonventionellen Aktionen, in dem spielerisch-provokaten Einsatz der falschen Zähne beispielsweise, ja eigentlich nur als „Alt 68er“ zu erklären. Waren Sie auch ein 68er?

Na, als Jahrgang 1946 führte da kein Weg vorbei. Ich hatte viel zu lernen nach einem konservativen Elternhaus und einem katholischen Internat, ich war neun Jahre bei Benediktinerpatres – vor allem über die Rolle der Frau. Mit meinen Ehefrauen – mit der zweiten bin ich ja noch verheiratet – hatte ich da auch zwei sehr eindrucksvolle Lehrmeisterinnen… Was die falschen Zähne des Toni Erdmann betrifft –  die sind natürlich für diesen Film gemacht worden, nicht nur eine Garnitur, sondern sieben oder acht. Da war eine für Nahaufnehmen, eine zum schnell Rausenehmen, je nachdem, was die Szene gerade gefordert hat. Ich verstehe etwas davon, ich bin ja gelernter Zahntechniker, aber ich hab sie mir natürlich nicht selber gemacht, die Filmproduktion hat sie in Berlin für viel Geld machen lassen, da wurde sehr akribisch daran herumgedoktert.

Wie kommt es eigentlich, dass Film bisher eine so geringe Rolle in Ihrer Karriere gespielt hat? Wenn man Ihre Filmographie durchsieht, findet man außer „Beresina“, „Gebürtig“ oder „Hierankel“ so gut wie keinen wichtigen Titel?

Nun, ich habe auch in meinen Anfängen zwei wirklich gute Filme mit Axel Corti gedreht, aber es stimmt schon, ich habe nie eine Film- und Fernsehkarriere angestrebt, ich habe mich immer als Theaterschauspieler begriffen, von Anfang an. Ich bin deshalb zur Schauspielschule gegangen, um auf die  Bühne zu kommen, und das habe ich gemacht. Natürlich macht man immer wieder einen Fernsehfilm, der künstlerisch völlig unbedeutend ist – Drehbücher, die einem heutzutage auf den Tisch flattern, spiegeln ja unsere Fernsehszene. Da stellt die die Gage dann gewissermaßen ein „Schmerzensgeld“ dar…

Sie haben in jüngster Zeit auch in der Kinder-Fantasy-Trilogie „Rubinrot“ / „Saphirblau“ / „Smaragdgrün“ (der letztere Film läuft derzeit) mitgewirkt. Haben diese Kurzauftritte als böser „Graf von Saint Germain“ Sie wirklich  gereizt?

Wenn ich ein Filmangebot bekomme, frage ich immer: Wer ist sonst noch dabei? Und wenn es Kollegen sind wie Kathi Thalbach oder Johannes Silberschneider, die ich sehr schätze, kann schon nicht so viel passieren. Auch sind da gute Regisseure am Werk, und diese Filme werden mit sehr viel Sorgfalt gemacht, zum Beispiel, was die Schauplätze angeht, wenn man etwa auf der Wartburg dreht, das war richtig klasse, und das ist dann keine Schande, hier mitzumachen. Außerdem bin ich am Burgtheater „in Rente“, spiele zwar genau so viel oder mehr wie früher, bekomme aber spürbar weniger Geld dafür. Da nimmt man auch schon ein Filmangebot an, wenn gute Leute es machen und die Drehbücher in Ordnung sind.

Apropos Burgtheater und „Toni Erdmann“, die beiden kamen ja zusammen, als Sie in der Rolle des Pantalone in „Der Diener zweier Herren“ von Goldoni mit den falschen, aufgesteckten Zähnen erschienen sind, die in dem Film ein Running Gag sind?

Zwei Jahre nach dem Film kam „Der Diener zweier Herren“ im Burgtheater. Regisseur Christian Stückl wollte aus dem Pantalone einen Mafia-Boß machen, und ich hatte das Gefühl, das ist mit der vorgegebenen Figur ganz schwer zu machen.  Da hab ich mir in einer der letzten Proben den Spaß  gemacht, mir die falschen Zähne reinzutun. Stückl war völlig hin und weg –  „Wos is denn dös? Ah, geh da!“ Der Mann bringt ja keinen hochdeutschen Satz heraus. Aber dann fand er: „Joooh!“ Und so trage ich die Erdmann-Zähne, damit der Pantalone nicht nur ein alter Tepp ist, sondern ich ihn mit diesem Raubtiergebiß ein bisschen gefährlich mache. Ich verkleide und verwandle mich ja sehr gern, ich bin eben nicht ein Schauspieler, der stolz darauf ist, dass er immer gleich ist. Das gibt es natürlich auch, ganz tolle wie Heinz Rühmann oder Hans Moser, die waren eigentlich immer sie selbst, ihre eigenen Prototypen. Aber ich hab mehr Lust, dass die Leute sagen: Wo ist er denn? Und dann: Ich hab dich erst an der Stimme erkannt. Ja, ich mag das. Auf eine solche Rolle warte ich noch im Burgtheater…

Dafür sind Sie als Theaterschauspieler so populär geworden, wie man es als „Jedermann“ der Salzburger Festspiele nur werden kann, und Sie haben die Rolle überdurchschnittlich lang, nämlich acht Jahre hindurch, gespielt…

Für mich war das eine Superzeit, und ich fand das sehr schön, dass der Jürgen Flimm damals zu mir gesagt hat, Du sagst, wenn Du aufhören willst, es wird Dich niemand auffordern, es sein zu lassen. Das fand ich superschön von ihm. Eigentlich wollte ich nach drei Jahren aufhören, da hat Veronica Ferres als Buhlschaft aufgehört, und das ist auch ein Rhythmus, wie es andere Jedermänner gehalten haben. Und dann sind es vier Buhlschaften an meiner Seite geworden… Zwischendurch habe ich mit meiner Frau bezüglich des Aufhörens geredet: „Was meinst Du?“ Und ich dachte, sie würde sagen, schön, dann können wir endlich wieder auf Urlaub fahren, wir hatten da ein Haus in Griechenland gepachtet gehabt, die Pacht hatte ich auslaufen lassen dafür. Aber dann sagte meine Frau zu mir: „Na ja, überleg mal, ob Du schon alles mit der Figur erlebt hast, was man damit erleben kann?“ Guck mal, wie nett, dass sie das so sagt, dachte ich.  Und tatsächlich habe ich mit der Figur noch vieles erlebt.

Zum Abschluß: Sie werden am 6. August 70 Jahre alt. Bedeutet das irgendetwas für Sie?

Eine Zahl ist eine Zahl. Ich glaube, für mich wäre viel einschneidender, wenn ich feststellen würde, dass ich mir keinen Text mehr merken kann, denn dann ist der Beruf zu Ende. Die Gefahr besteht heute noch nicht, morgen vielleicht auch noch nicht – aber man weiß es nicht. Ich habe eine wunderbare Kollegin aus meinen Berliner Jahren, die Jutta Lampe, eine so großartige Schauspielerin. Die weiß gar nichts mehr, die weiß nicht mehr, wer sie ist, die kann auch nicht mehr sprechen. Das ist das härteste, wenn das Leben so zu Ende geht.

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