Der Neue Merker

Peter-André Alt: SIGMUND FREUD

BuchCover  Alt, Sigmund Freud

Peter-André Alt:
SIGMUND FREUD
DER ARZT DER MODERNE
Eine Biographie
1036 Seiten, Verlag C.H.Beck, 2016

Als man 1929 bei dem 73jährigen Sigmund Freud anfragte, ob er eine Autobiographie verfassen wollte, nannte er das einen „ganz unmöglichen Vorschlag“, denn sein Leben sei zu „inhaltslos verlaufen“. Obwohl er damals schon weltberühmt war, konnte er wohl nicht ahnen, wie viel über ihn noch geschrieben werden sollte – oft weniger „Freud“ als Ganzes, sondern in zahllose Scheibchen von Betrachtungsweisen zerschnipselt. Man hob ihn in den Himmel und überschüttete ihn mit Verachtung, Verleumdung, Beschimpfung. Er war und blieb eine Reizfigur, ohne Ende gedreht und gewendet.

Nun hat sich Peter-André Alt seiner Person vorgenommen, auf mehr als 1000 Seiten, was der „Inhaltslosigkeit“ dieses Lebens widerspricht. Dabei ist Alt, dessen Kafka- und vor allem voluminöse Schiller-Biographie große Bewunderung geerntet hat, Literaturwissenschaftler und kein „gelernter“ Fachmann für Psychoanalyse, aber das hindert nicht am Schreiben einer kompetenten Biographie über den Vater der Psychoanalyse. Im Gegenteil, seine Analyse vor allem von Freuds Werken wird dem Leser solcherart vermutlich verständlicher vermittelt, als es Fachleute, in ihrem Jargon verstrickt, vermöchten.

Peter-André Alt verwebt, chronologisch vorgehend und dennoch immer wieder Themenkomplexe verdichtend, drei Ebenen von Freuds Leben: den Menschen (den er durchaus „auf die Couch“ legt), den Alltag und die Entwicklung des Berufslebens sowie schließlich das wissenschaftliche Werk. Zusammen ergeben sie ein Bild dieser ungeheuren „Leistung“, die sich unter dem Namen Freud subsumiert und die – ohne Übertreibung – das Bewusstsein der Welt über die Spezies Mensch verändert hat.

Peter-André Alt bemüht sich um größtmögliche Sachlichkeit, was schon deshalb nicht leicht ist, weil das Bild Freuds „von der Parteien Gunst und Haß verwirrt“ ist. Der Autor bezieht sich vor allem auf Freuds Selbstaussagen (er war ein großer Briefe-Schreiber), in zweiter Linie erst auf die – notgedrungen widersprüchlichen – Aussagen der anderen. Entscheidend scheint für ihn, Freud persönlich „sexuell“ reinzuwaschen, klar zu stellen, dass dieser Mann, der beruflich (fast pathologisch) die Sexualität las Ursache von allem im menschlichen Leben umkreiste, selbst nur mit seiner Frau und (erstaunlich für einen gänzlich areligiösen Menschen!) nur zwecks Kinderzeugung verkehrte (und nach dem sechsten Kind ganz auf Sex verzichtete und diese Kräfte / Frustrationen in Arbeit sublimierte). Kein Verhältnis also mit der Schwägerin, das viele für gegeben annehmen, keine Verwirrungen durch Patientinnen (der so viele Kollegen erlagen), höchstens eine gewisse Befriedigung, für die Damen, die durch sein Ordinationszimmer schritten, oft mit eindeutigen Verführungsabsichten, ein Objekt der Begierde zu sein…

Diese Asexualität erstreckt der Autor auch auf Tochter Anna, deren intimes Verhältnis mit Dorothy Burlingham von den meisten Autoren als gegeben angesehen wird, während er Annas lesbische Kondition für unausgelebt hält. Was es bedeutet, dass Anna Phantasien hegte, vom Vater geschlagen zu werden (was Freud als wissenschaftliche Erkenntnis der Welt preisgab!), scheint hingegen eindeutig – inzestuöse, aber unterdrückte Begierden von Vater und Tochter gleicherweise… Ja, Freud hätte durchaus auf die Couch gehört.

Auch in seinem ungeheuren Arbeitsethos, verbunden mit dem steten Gefühl, viel Geld verdienen zu müssen. Das hat etwas Pathologisches – doch er hatte schließlich eine große Familie zu ernähren, erstreckte seine Unterstützung auch auf Mutter und Schwestern, also kostete eine Sitzung bei ihm so viel wie ein Anzug bei einem guten Schneider! Die Rechnung für die Behandlung Gustav Mahlers hat er noch dessen Nachlassverwalter präsentiert… Ebenso verkrampft sein Allmachtsanspruch im Rahmen jener Psychoanalytischen Gemeinde, die es ohne ihn ja nicht gegeben hätte. Fluktuierend zwischen den Bereichen Mensch / Beruf finden sich seine zahlreichen Beziehungen zu Freunden und „Schülern“, die beinahe alle schief gingen, teils aufgrund wissenschaftlicher Differenzen, teils aber wohl auch aufgrund von Freuds sprödem Wesen. Er litt an allen Kränkungen, ersparte sich aber jegliche Wehleidigkeit, flüchtete lieber in Sarkasmus (etwa wenn der Nobelpreis, den er so sehr wünschte, Jahr für Jahr an ihm vorbeiging…)

Freuds gewisse Unfähigkeit zur Herzlichkeit war auch in Bezug auf die Familie festzustellen, der liebende, besorgte Vater, den seine Kinder bewunderten, war vielleicht kein zärtlicher Vater, sondern letztendlich ein Mensch, der sich immer in und auf sich selbst zurückzog. Übrigens hat Peter-André Alt in seinem Buch – das ja nun wirklich genügend „Platz“ für alles hat – die Rolle von Martha Freud geradezu sträflich unterspielt (der Schrei der Feministinnen, „Frau Freud ist wieder einmal vergessen worden!“, könnte hier neu erklingen): Man erlebt sie so ausführlich, wie es ihr zukommt, als durchaus temperamentvolle Braut, und sie verschwindet als Ehefrau und Mutter. Dass Freud sein anspruchsvolles Arbeit- und Geistesleben nur führen konnte, weil Martha ihm alles vom Hals hielt, wird hier kaum gewürdigt.

Wie „unsinnlich“ diese Existenz war, ergibt sich auch aus Details – so machte sich Freud nichts aus gutem Essen oder Essen überhaupt, er mochte und brauchte keine Musik (!), befasste sich mit Literatur vor allem in Bezug auf die Psychoanalyse (darum fand er in dem Dichter Arthur Schnitzler einen bewunderten Geistesverwandten), und man ist fast verwundert, dass er auch Kriminalromane von Agatha Christie und Dorothy Sayers las, was vielleicht damit zusammenhing, dass er so anglophil war (der Glücksfall für seine Emigration später). Nur auf Reisen scheint Freud aus dem allzu engen Korsett, das er sich selbst in Wien anlegte, ein wenig ausgebrochen und lockerer geworden zu sein… Auch das könnte man hinterfragen.

Der – geglückte – Versuch, das Wesen Freuds von Anfang an nachzuzeichnen, beginnt schon mit Kindheit und Jugend, wo Peter-André Alt beweisen (oder zumindest sehr glaubhaft machen) kann, dass Freuds später Erkenntnisse über frühkindliche Prägung auf eigenen Erfahrungen beruhen: in seinem Fall die Verachtung des Vaters (der ein interessantes Versager-Porträt halb kriminellen Zuschnitts erhält), der frühe erotische Reiz durch die Mutter. Zur ersten Selbstanalyse kam er, um zu sehen, was in seinem Leben schief lief – genau gesagt, warum er nicht so erfolgreich wurde, wie er gerne gewesen wäre.

Freuds Ruhm und Erfolge lesen sich in dem Buch, das sich stark mit seinem Alltag befasst, dann tatsächlich weniger glanzvoll, als es von außen den Anschein gehabt haben mag: Der Professor, der die Psychoanalyse „erfand“ und durchsetzte, der hinter dem Sofa saß und die Neurosen der reichen Damen entschlüsselte, tat dies in wahrer geistiger Knochenarbeit, und dass er zeitlebens von Krankheitssymptomen begleitet war, hätte er selbst wohl teilweise als psychosomatisch erkennen wollen, wäre er bei der Selbsterkenntnis nicht immer wieder auch stehen geblieben.

Tatsächlich war sein Berufsleben ein schwankendes Auf und Ab, man liest sich durch die berühmt gewordenen „Fälle“, durch die Entwicklung, die seine Methoden nahmen. Die Praxis des mehr oder minder Modearztes brach mit dem Ersten Weltkrieg ein, danach waren es vor allem Engländer und Amerikaner, die kamen, sich von ihm analysieren zu lassen (und seine Kasse zu füllen – in den letzten Kriegsjahren hatten Patienten mit Naturalien bezahlt…). Immerhin, sein Ruhm wuchs und wuchs, und der Sigmund Freud, den die Nazis mit seinem Anhang nach England emigrieren ließen (um vier seiner uralten Schwestern in Konzentrationslagern zu vernichten), war ein weltberühmter Mann, dem jedermann seine Aufwartung machte.

Doch seit 1923 wurde der bis ans Ende unverbesserliche Raucher Freud (der möglicherweise mit der Lust am Saugen der Zigarre andere Lüste kompensierte – und vor allem die „Rauch“-Anregung für das Schreiben absolut notwendig zu brauchen meinte) von Kieferkrebs gequält, den Peter-André Alt ausführlich schildert und der sein Leben zur Hölle machte. Umso mehr Bewunderung muss man der nie nachlassenden Leistung zollen, die Freud bis ans Ende seiner Tage zu neuen Erkenntnisbereichen und Schriften trieb.

Dem Wissenschaftler gilt die dritte Ebene des Buches, und wer sich etwa über die „Traumdeutung“ (oder irgend ein anderes von Freuds epochemachenden Werken) per Sekundärliteratur einlesen will, ist hier bestens bedient – auch für die Autoren von Biographien ist es wichtig, ihre Leser nicht im Gestrüpp zu verlieren, und das geschieht hier so gut wie nie. Auch nicht, wenn Peter-André Alt auf der beruflichen Ebene dem ganzen Kreis um Freud (allerdings den Männern weit, weit ausführlicher als den Frauen!) Raum gibt,  ihren Persönlichkeiten,  ihrer Bedeutung für die psychoanalytische Bewegung, und den Problemen, die sie Freud und einander in stetem Konkurrenzkampf bereiteten. Jeder enge Kreis – ob Verlag, Opernhaus, Universität, Großkonzern – kennt diese Reibung von Persönlichkeiten, und doch scheint es, als sei hier das Menschliche, das oft den Vorwand der Dissens in wissenschaftlichen Fragen wählte, besonders hart, brutal und grausam gewesen. Nicht nur an den Beispielen von Adler und Jung, den berühmtesten Dissidenten, wird das klar, sondern auch an einem Mann wie Otto Rank, der nach Jahren treuester und ergebenster Arbeit für Freud plötzlich umschwenkte und zu einem „Feind“ wurde, was er aber letztendlich selbst nicht verkraften konnte… Eine emotionale Schlangengrube.

So unspannend, wie Freud meinte, ist sein Leben wahrlich nicht, und man liest zwar lange Zeit, aber nicht mühsam in den tausend Seiten. Dass man selbst hier und da immer wieder von Zweifeln überwältigt wird – sei es vom Menschen, sei es von seinem obstinaten Bohren in der Seele -, liegt in der Natur der Sache: Freud, der gelehrt hat, Fragen zu stellen, muss sie auch über sich ergehen lassen. Immerhin liefert Autor Peter-André Alt dazu fabelhaftes Anschauungsmaterial.

Renate Wagner

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