PERGOLESI: STABAT MATER / BACH: KANTATEN für ALTSOLO

by R.Wagner | 17. April 2017 14:25

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PERGOLESI: STABAT MATER
BACH: KANTATEN für ALTSOLO 

La Nuova Musica, Lucy Crowe, Tim Mead

harmonia mundi CD

Pergolesis Stabat Mater als bekanntester Hymnus des 18. Jahrhunderts an Maria, wurde auch von Bach bearbeitet. Man stelle sich vor, der Guru der protestantischen Kirchenmusik nimmt sich ein Stück eines verstorbenen italienischen katholischen Komponisten zur Vorlage für die Motette „Tilge, Höchster, meinen Sünden.“ Aber nicht nur J. S. Bach war von der schlicht eingänglichen, wohl auch wahrhaftig schmerzlichen bis lebenswärmenden Musik höchst angetan. 

Unter den Dutzenden im Katalog verfügbaren Aufnahmen finden sich als InterpretInnen sowohl große Diven wie die Freni, die Netrebko oder jüngst die Yoncheva. Aber auch alle Wegbereiter und Stars der Originalklangbewegung, viele Countertenöre und lyrische Soprane haben diese vollkommen scheinende Musik Pergolesis eingespielt. Die im März erschienene Neuaufnahme bei harmonia mundi stellt zwei Kantaten Johann Sebastian Bachs „Widerstehe doch der Sünde“ BWV 54 und „Vergnügte Ruh! beliebte Seelenlust!“ BWV 170, beide für Solo-Alt geschrieben, Pergolesis „Stabat Mater“ von 1736, das der Komponist schon stark von der Tuberkulose gezeichnet, kurz vor seinem Tod vollenden konnte, gegenüber.

Die Klammer zwischen der lutherischen Strenge und dem opernhaften Stil des genialen Süditalieners zu spannen, gelingt dank der delikat schlanken und dennoch hochsinnlichen Interpretation durch das britische Ensemble La Nuova Musica und seinem künstlerischen Leiter David Bates. Und natürlich finden sich Parallelen zwischen Bach und Pergolesi, sind doch für unsere heutigen Ohren die innovativen Errungenschaften barocker sakraler Kompositionsweise einigender als stilistische Varianten geographischer oder religionsphilsophischer Natur. 

Die vokale Mammutaufgabe der CD kommt dem Countertenor Tim Mead zu. Mit balsamisch timbrierter Mittellage, lyrischer Tongebung und vibratoarmem Vortrag reüssiert Meade ganz besonders in den fünf Soloarien aus den beiden Bach-Kantaten. „“Widerstehe doch der Sünde“ oder „Wie jammern mich doch die verkehrten Herzen“ sind herausragende Interpretationen, die den spirituellen Kern dieser Musik mit vokalem Glanz edeln. Im Stabat Mater finden Lucy Crowe und Tim Mead zu betörend schöner klanglicher Symbiose. So werden neben dem berühmten Eingangsduett die Zwiesprachen „Quis est homo qui non fleret“, „Inflammatus et accensus“ und „Quando corpus morietur“ zu Höhepunkten jetziger barocker Interpretationskunst. In ihrer uneitlen, frei strömenden Einfachheit sind diese Aufnahmen allen Gesangsversuchen großer Primadonnen auf diesem Terrain haushoch überlegen.

Dr. Ingobert Waltenberger

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