Der Neue Merker

PARIS/Théâtre des Champs Elysées: MÉDÉE – Einsame Apotheose einer Fetisch-Domina in gelber Stahlblume

PARIS „MÉDÉE“ Théâtre des Champs Elysées 21.10. 2012 . Einsame Apotheose einer Fetisch-Domina in gelber Stahlblume


Die Nebenbuhler Oronte und Jason buhlen um die Gunst Kreusas (am linken Rand Stéphane Degout als Oronte, Mitte: Sophie Kartäuser als Créuse, rechts im Hintergrund Anders Dahlin als Jason). Foto: Ruth Waltz

 Im Rahmen eines programmatischen Medea Schwerpunktes Oktober bis Dezember (Werke von Marc-Antoine Charpentier, Pascal Dusapin, Luigi Cherubini) hievt das TCE das bedeutendste französische barocke Musikdrama der Ära nach Lully auf seine mutige Raritätenbühne. Das Theater, das sein 100. Jubiläum feiert, hat damit sich und seinem Publikum ein tolles Geschenk gemacht. Von den Sängern konnte vor allem Michèle Losier als Médée einen großen persönlichen Triumph einfahren.

 Die lyrische Tragödie in 5 Akten und einem Prolog nach einem Libretto des Thomas Corneille wurde am 4. Dezember 1693 an der Académie royale de Musique im Beisein des Königs Ludwig XIV aus der Taufe gehoben. Die Oper hatte einen veritablen Skandal hervorgerufen und war dann ebenso rasch wieder von der Bildfläche verschwunden. Erst knapp 300 Jahre später hat der Pioniergeist der Oper in Lyon und der Einsatz von Künstlern wie Nadia Boulanger und William Christie uns eine Wiederbegegnung mit dieser vollendeten Partitur samt eines der schönsten Liebesduette der gesamten Opernliteratur beschert. Auch für das Wiener Publikum, das Charpentier wahrscheinlich nur von der Eurovisionshymne kennt (Einleitungsfanfare aus dem Te Deum), wäre eine szenische Begegnung mehr als wünschenswert. Zumal das Libretto und die Musik „modernes“ Musikdrama vom Feinsten liefern.


 Schlussbild: Médée in gelber Stahlblume, Créuse Sophie Kartäuser und die Kinder zu Füßen, rechts Jason Anders Dahlin. Foto: Ruth Waltz

Médée ist eine gebrochene Lady Macbeth zwischen Jugendliebe-Sentimentalität und grausamster Rache, deren Zerstörungswerk nach betrogener Liebe ihr ganzes Universum in den Abgrund reißt. Eine barocke Götterdämmerungs-Brünnhilde im Disney-Hexen-Look (Kostüme Jorge Jara). Die kanadische Mezzosopranistin Michèle Losier zaubert eine phänomenale Titelheldin auf die Bühnenbretter. Ihr nicht allzu groß dimensionierter Edelmezzo bringt alle Farben der fein geschichteten Partitur zum Leuchten. Dem Regisseur Pierre Audi ist sie aber ebenso eine kongeniale Partnerin in der Darstellung einer egomanen Obsession in einer zynischen und dekadenten Machtwelt. Und wird damit letztlich ebenso wie Kreusa zum Opfer in einem politischen Patriarchat, dessen Protagonisten alle samt und sonders mediokre und feige Opportunisten sind. Die besitzergreifende, tragisch weil unmögliche Liebe der Médée und ihr Schicksal münden in das von ihr angemaßte Recht, alles auf ihrem einsamen Weg zu vernichten. I

 „Der Egoismus Medées enthüllt und denunziert jenen aller anderen Personen in diesem Stück.“ Kreon ist nicht der hingebungsvolle Vater und gerechte Herrscher, sondern ein kalter Machtpolitiker. Ein Kammerstück, wie Laurent Naouri mit seinem passend spröden Bass die glatte Gestik eines Provinzherrschers in den Wahnsinn kippen lässt bis zum finalen Mord an Oronte. Letzterer wird eher als selbstgerecht berechnend, denn als leidenschaftlicher König von Argos und Kriegsverbündeter von Kreon vom großartigen Stéphane Degout mit wahrlich heldenhafter Stimme gesungen. Künden sich da schon die schweren Baritonkaliber von Wagner und Richard Strauss an? Wie auch immer. Wunderbar, barocke Oper von solchen Prachtstimmen serviert zu bekommen: Sophie Kartäuser als Médées weibliche Konkurrentin Créuse liefert eine perfekte Gesangsleistung, bleibt aber auch der Darstellung einer eitlen Königstochter, die wohl eher am Thron, als am richtigen Mann interessiert scheint, nichts schuldig. Ihr großes Duett mit Jason und die Auseinandersetzung mit Médée mündend im Tod durch das giftgrün ätzende Kleid gehören zu den großen Höhepunkten des musikalisch reichen Abends. Mit der Deutung Jasons als vollkommen verantwortungslosem schleimigen Schönling und schlaksigen Helden schließt der Regisseur Pierre Audi den tragischen Reigen im Pandämonium der Geschlechter. Was Médée am Kotzbrocken Jason findet, ist unergründlich. Der schwedische Tenor Anders Dahlin kommt mit dieser höllenschweren Partie stilistisch bestens zurecht. Als Statist des Unglücks im Schicksal einer Heimatlosen irrt und stakst er dem fatalen Ende zu. Ist es letztendlich dieses letzte Drama der überlebensgroßen Frau, die mit allen Mitteln die (falsche) Wahl verteidigt und einfach einen Meister für ihren Körper sucht? Deren Rache letztlich autistisch bleibt und doch auch Sympathie erweckt gerade durch die Sinnlosigkeit ihres Akts? Große Projektionsflächen für alle in ihren Gefühlen Erniedrigten und Gedemütigten dieser Welt. Zumal die Médée nach dem Willen der Librettisten ja auch noch mit ihrem Drachen abschwirren darf, während das in Flammen liegende Korinth zusammenkracht. Angezündet von den dämonischen Flammen, die Jason im Herzen Médées entzündet hat.

 Leider sieht man davon nichts in der optischen Umsetzung durch das Enfant terrible der Berliner Szene Jonathan Meese. Der berühmt berüchtigte Maler, Schauspieler und Performancestar ist grandios am Werk und am eigenen Anspruch gescheitert. Wir sehen geschmäcklerische modernistische Prospekte in Kanarigelb und Laubfroschgrün mit ostereierlilafarbenen Schattenkontrasten. Sarghälften verschiedener Größe kreisen wie im Hütchenspiel hektisch auf der fast immer zu hell erleuchteten Bühne (Lichteffekte Jean Kalman). Man kann auch sagen, optisch säuft die Bühne in grellem Gelb ab, während auf überdimensionierten Ikearegalen ausgeschnittene Pappversatzstücke von Nasen, Mündern und Augen (Pate standen Supermodel Claudia Schiffer und Schauspielerin Scarlett Johansson) hübsch arrangiert sind. Meese, der seinen Artaud und Balthus kennt und exorzistische Seancen liebt, ist ein großer Verfechter kathartischer Erfahrungen. „Das Theater ist ein Tank der von innen gereinigt werden muss“ lautet seine Devise. Das klingt so schön wie spannend, nur muss der Anspruch auch optisch vermittelt werden. Und das Bühnenbild ist nicht einmal ein Ärgernis, es ist einfach viel zu plakativ zur feinen Musik, aber auch viel zu harmlos und letztlich provinzlerisch, um irgendjemanden außer ein paar französische Kritiker aufzuregen. Den intensiv agierenden Sängerinnen und Sängern gelingt es spätestens im 4. und 5. Akt, dass das Publikum die optische Seite der Inszenierung einfach ignorieren kann. Diagnose: Inkongruenz und Mangel an szenischer Handwerkskunst. Wie das leider oft der Fall ist, wenn berühmte, geniale bildende Künstler, wie Meese zweifelsohne einer ist, auf eine Oper losgelassen werden. Übrigens: Jonathan Meese wird in Bayreuth für die Neuinszenierung des Parsifal 2016 sorgen.

 Und Emmanuelle Haïm? Bleibt Emmanuelle Haïm. Mit dem formidablen Orchester Le Concert d’Astrée und dem präzisen Choeur d’Astrée sorgt sie für spannende Akzente und einen kurzweiligen Ablauf des Musikdramas. Wie fast immer, irritiert sie aber mit zu romantisierenden Rubati und dem Fehlen eines dramaturgisch schlüssigen Gesamtkonzeptes. Der große Bogen will sich nicht einstellen, ein gewisser Sog zum tragischen Ende hin bleibt dennoch spürbar. Dafür erntet sie verdienten Zuspruch. Der heftige Schlussapplaus schließt auch die durchwegs exzellenten Sängerinnen und Sänger der kleineren Rollen ein: Aurélia Legay (Nérine, Bellone), Elodie Kimmel (Cléone, erste Hirtin), Katherine Watson (Italienerin, Geist, Hirtin), Benoît Arnould (Arcas) und Clémence Olivier (Amor).

Dr. Ingobert Waltenberger

 Hinweis: Diese Médée-Produktion geht von Paris direkt nach Lille, wo man diese viel zu selten aufgeführte Oper noch vom 6.-15. November auf der Bühne erleben kann. Auch die Opéra Comique ist in der Saison 2012/2013 aktiv in Sachen Charpentier. William Christie wird vom 14.1.-24.1. die biblische Tragödie David et Jonathas (Regie Andreas Homoki) leiten.

 Hörtipp: Marc-Antoine Charpentier Médée mit der fabelhaften Lorraine Hunt in der Titelpartie, umgeben von Mark Padmore (Jason), Bernard Deletré (Créon), Monique Zanetti (Créuse) und Jean-Marc Salzmann (Oronte) und Les Arts Florissants unter der kundigen Leitung von William Christie (Label Erato, 3 CD; aufgenommen 1994 in Paris).

 

 

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