P. I. Tschaikovsky: Symphony Nr. 1, „Der Sturm“

by R.Wagner | 25. Dezember 2016 16:26

CD Tschaikowsky

P. I. Tschaikovsky: Symphony Nr. 1, „Der Sturm“
Orchestra of St. Luke‘s
Pablo Heras-Casado

harmonia mundi CD

Tschaikovsky hat seine erste Symphonie als klingende Apotheose an den russischen Winter verfasst. Der 26-jährigen Komponisten ließ wohl seine winterlichen Reisen zwischen St. Petersburg und Moskau Revue passieren, als er sich unter der strengen Aufsicht seines Lehrers Anton Rubinstein im Sommer 1866 an das Schreiben machte. Die vorliegende Neuaufnahme bringt dank des großen Einfühlungsvermögens des südspanischen Dirigenten Pablo Heras-Casado, wohl einer der ganz großen Pultmagier der jüngeren Generation, in stupender Weise alle (Licht)Stimmungen ein, die das Vorbeiziehen verschneiter Landschaften heraufzubeschwören vermag. Heras-Casado muss auch ein ganz fulminanter Orchestererzieher sein, denn was er aus seinem Orchestra of St. Luke‘s an differenziertem Klang, langen Spannungsbögen und Atmosphäre herausholt, ist wahrlich ein philharmonisches Meisterstück. Das melancholische Träumen des ersten Satzes ersteht genau so plastisch und eindringlich wie das Programm des zweiten Satzes „Rauhes Land, Nebelland“. 

Die symphonische Dichtung „Der Sturm“ nach Shakespeare wiederum ist eine musikalische Beschwörung von Meer, Liebe und Verzicht. „Das Meer. Prospero, der Zauberkunst mächtig,lässt seinen Diener, den Luftgeist Ariel, einen Sturm entfachen, der zum Untergang des Schiffes führt, auf dem sich Fernando befindet. Eine verzauberte Insel. Erste Anzeichen aufkeimender Liebe zwischen Miranda und Fernando. Das Liebespaar gibt sich dem Rausch der Leidenschaft hin. Ariel. Caliban. Prospero verzichtet auf seinen Zauberkräfte und verlässt die Insel. Das Meer.“ Diese Kurzfassung stellte Tschaikovsky seiner Komposition voran. Auch hier sind Heras-Casado und seine Musiker des 42 Jahre alten Klangkörpers aus New York beste Anwälte der Seelenwelten des Tonsetzers und geben nicht nur der berühmten russischen Melancholie betörend intensive Klänge, sondern lassen auch im Sturm die Klangwogen so richtig hochgehen.

Noch ein Wort zu dem tollen Orchester, das aus einem Kammermusikensemble hervorgegangen ist, das 1974 anfing, in der Kirche St. Luke‘s in the Fields in Greenwich Village Konzerte zu geben. Das Orchester ist Eigentümer und Betreiber des DiMenna Center for Classical Music in Midtown Manhatten, wo es sich mit dem Baryshnikov Arts Center ein Gebäude teilt. Durch seine Musikerziehungsprogramme hat das Orchester in ganz New York breite Publikumskreise an die Musik herangeführt. Es veranstaltet in allen fünf Stadtbezirken Kammerkonzerte bei freiem Eintritt und bietet kostenlose interaktive Musikprogramme an. Erwachsenen Amateure erhalten kostenlose Möglichkeiten zu kammermusikalischen Betätigungen. 2013 hat es das Youth Orchestra of St. Luke‘s gegründet und verpflichtet alljährlich 10.000 Schüler staatlicher Schulden für die Free School Concerts.  Das scheint mir ein grandioser Weg zu sein, der Zukunft der klassischen  Musik unter Einbeziehung aller ein hoffnungsfrohes Gesicht zu geben. Bravo! 

Dr. Ingobert Waltenberger

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