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Österreich

Willkommen in Jenseits Das weibliche Ensemble Alice gastiert im Wiener Pygmaliontheater (21. Januar 2017)

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Beim Begräbnis noch mit ernsten Gesichtern – die fünf Schwestern des Alice Ensembles, v.l.n.r.: Sophie Isermann, Leonie Reiss, Lisa Neumaier, Caroline Weber und Ronja Forcher. © Szynkariuk

Pygmalion, das war jener Bildhauer aus der Mythologie, der sich in eine von ihm erschaffene weibliche Statue  so verliebte, dass sie – mit göttlicher Hilfe – zu einer richtigen Frau wurde. Das Pygmaliontheater in der Alserstraße hat eine vergleichbare Verwandlung erfahren: ein gewöhnlicher Hauseingang mit einem kleinen Schild führt über einem Hinterhof mit Mülltonnenidylle in ein kleines Kellertheater mit einem Zuschauerraum für etwa 62 Sitze. Eine Bühne mit einigen Requisiten, Ton und Licht – mehr braucht es für theaterbegeisterte junge Leute nicht. Zur Premiere des Alice-Damenensembles waren alle Plätze ausverkauft an ein überwiegend junges interessiertes und begeistertes Publikum, das sich, wenn schon nicht ins so doch nach Jenseits begab, um einen hintergründigen Spaß zu haben.

Dieses Jenseits ist ein ländliches Nest am A… der Welt. In Tschechows Klassiker Drei Schwestern sind es drei junge Frauen, die sich nach der großen weiten Welt von Moskau des ausgehenden 19. Jahrhunderts sehnen. In diesem Stück des 21. Jahrhunderts von der 26-jährigen Autorin und Schauspielerin Lisa Neumaier sind es fünf Schwestern, und sie sind  von dieser Problematik gar nicht weit weg. Sie werden in ihren divergierenden Charakteren von fünf jungen Frauen gespielt, alle zwischen 20 und 30, aber schon fertig ausgebildete und teilweise schon arrivierte Schauspielerinnen, die sich 2015 zu besagtem Ensemble zusammengefunden haben, um nach ihren eigenen Vorstellungen ein sehr spontanes Agitationstheater zu machen. Die Inszenierung weist keine von ihnen explizit als Regisseurin aus; sie entsteht quasi während der Proben. Es gibt kein definitives Programm, das die einzelnen Rollen anführen würde; alle verstehen sich in der Gemeinschaft.

Die Geschichte nimmt ihren Anfang am Grab der an Krebs verstorbenen Mutter, zu deren Beerdigung sich fünf Schwestern in ihrem Heimatdorf wieder zusammen finden. Oder waren sie niemals weg? Eine zog immerhin nach Wien; es ist die elegante dunkelhaarige Medizinstudentin Julia (Leonie Reiss), der die anderen vorwerfen, etwas Besseres sein zu wollen. Oder die feine Isabella (Sophie Isermann), die sich andeutungsweise auf Münchens Straßen für ein Schmetterlingsprojekt von global 2000 eingesetzt hat, dies aber nicht mehr tun kann, weil sie von einem Liebhaber geschwängert und aus Gründen von dessen Selbstverwirklichung verlassen wurde. Oder die kindlich-naive Maria (Caroline Weber) mit ihrem Stoffhund Hansi. Oder die wilde Roxi (Ronja Forcher, auch bekannt aus der TV-Serie Der Bergdoktor); von der Rolle her passt sie nicht recht in das Quintett, aber ihre grelle und laute Darstellung übertreibt das wohl ein wenig. Die einzig Vernünftige in dieser hysterischen Schar ist Katharina (Lisa Neumaier), die versucht, die Fäden in der Hand zu behalten. Und dann spielen da noch einige Personen mit, die gar nicht auftreten: die Stimme des Pfarrers, der die blumige Grabrede hält, der abgesprungene Liebhaber von Isabella, der Elektriker aus der Nachbarschaft, der nebenberuflich als Schamane namens Hantschi wirkt, und wenn man von ihm spricht sagt immer jemand „Gesundheit“. Und die ältliche unattraktive Tante Ursula, die für alle in ihrer Kindheit eine eigentlich positive Rolle gespielt hat. Sie verkündet als Stimme aus dem Hintergrund den Schwestern das Ergebnis der Testamentseröffnung, auf das sie so gespannt gewartet und das sie schlussendlich verschlafen haben: es wird an dieser Stelle aber nicht verraten!

Neben sprühender Situationskomik, Ironie und Pointenreichtum schimmert aber auch eine feine Charakteristik der Schwestern und etwas Tiefsinn hindurch, etwa in der berührenden Szene, in der sich Julia gegenüber Kathi verteidigt, warum sie das Medizinstudium in Wien begonnen hätte, nämlich um ihren Eltern helfen zu können, und warum sie die kranke Mutter so selten besucht hätte, nämlich aus Verzweiflung darüber, medizinisch nichts für sie tun zu können.

Für Junge und jung Gebliebene spielt dieses etwas andere Theater noch am 21., 27., 28. und 29. Jänner.

Ursula Szynkariuk

 

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