Der Neue Merker

OPER GRAZ: Giuseppe Verdi IL TROVATORE Premiere

Titelfoto 1

OPER GRAZ
Giuseppe Verdi IL TROVATORE
Premiere der Neuinszenierung
30.September 2017

 

Der Troubadour als Nummernrevue


Nein, Langeweile konnte in diesem Trovatore nicht aufkommen. Ben Baur, der aus Hessen gebürtige Mitdreissiger war sich scheinbar einer solchen Gefahr bewusst und stattete als Regisseur Verdis Zugpferd als teilweise flotte Revue in einem Berliner Nachtlokal, aber auch mit Elementen sadomasochistischer Gefangenenquälerei aus. Und die Rechnung ging auf: Ob die flotten Revuegirls zum Zigeunerchor tanzten, ob sich opulente Gäste an den Behandlungen der Gefangenen des Grafen Luna begeilten, das Berlin der Dreißiger des vergangenen Jahrhunderts steht Pate für die optischen Ideen des Nachtlebens, eine stringente Regie an den Einzelschicksalen, dazu die ins Ohr gehenden Gassenhauer aus der hochromantischen Phase des großen Italieners und der bejubelte Erfolg war gegeben.

Dabei begann es harmlos mit dem Terzett der Eifersuchtsszene des zweiten Bildes, die wie eine Parodie auf eine Feydeau-Aufführung mit dem Slapstick-Charme eines Stummfilms wirkte und es endete der Abend tatsächlich in einer packenden Schlusssequenz, in welcher Ben Baur sein Können ausspielte. Dass vor Beginn des dritten Aktes das Kettengeklirre der Gefangenen minutenlang den Beginn verzögerte, sei erwähnt und ein Signal dafür, dass zunehmend Regiemacht den musikalischen Ablauf einer Opernaufführung in Zukunft bestimmen könnte. Immerhin erklang im zweiten Akt ein Teil der originalen Ballettmusik zu diesem Werk.

Sourouzian und Secco

Sourouzian und Secco

Die stimmigen, weil teilweise Zeitkolorit ausstrahlenden Kostüme, vor allem im Revuebereich sind sehenswert (Uta Meenen), für die Redundanz der üppigen Bühnenaufbauten sorgte der Regisseur selbst, für deren Ausleuchtung Mariella von Vequel-Westernach.

Keine Frage, Enrico Caruso hat es geschafft, mit dem angeblich von ihm getätigten Ausspruch, für eine gute Vorstellung des Trovatore wären lediglich die vier besten Sänger der Welt notwendig, allen Intendanten das Leben schwer zu machen. Von solchen vier besten Sängern gibt es vielleicht nur ein Dutzend, über die Opernhäuser der Welt verstreut. Wie soll das ein schmal dotiertes Repertoirehaus wie die Grazer Oper erfüllen?

Nun, wenn das Quartett aus Mitgliedern wie der Sängerin von der Klasse einer Nora Sourouzian bestünde, käme man in Graz diesem Traum schon näher. Die kanadische Mezzosopranistin lieferte mit ungemein ausdrucksstarker und voller Stimme ein packendes und überzeugendes Rollenportrait der Azucena und wurde mit Recht am meisten akklamiert!

Nora Sourouzian

Nora Sourouzian

Die drei anderen des Solistenquartetts waren:  Die junge Kroatin Lana Kos als Leonora, anfangs noch unausgeglichen in Phrasierung und Legato und etwas schrill in den Höhen, mit fortlaufendem Abend aber festigte sich ihr gar nicht so kleiner Sopran und trug zum Erfolg der Schlussszenen bei. Der gebürtige Moskauer Rodion Pogossov als Luna, er muss noch einiges an seinem Bariton arbeiten, will er an große Vorbilder heranreichen, Material hätte er in der Höhe genug, weniger in der Tiefe. Und als Manrico Stefano Secco, der Mailänder „studied with Franco Corelli“, wie es in seiner Bio heißt, daher intoniert er auch problemlos, allerdings etwas kopfig die Hochtöne der Stretta. Insgesamt fehlt ihm das gewisse Charisma im Auftreten, das einem solchen Rollenvertreter als Bandenführer auszeichnen sollte und gerade ihm als einzigem Italiener auch ein wenig an Italianitá.

Lana Kos (oben Rodion Pogossow)

Lana Kos (oben Wilfried Zelinka)

Wilfried Zelinka spielte köstlich ein Faktotum des Revueunternehmens, die Ines war in guten Händen der Sonja Saric, Martin Fournier war verlässlich als Ruiz und Bote.

Bernhard Schneider studierte Chor-und Extrachor ein, man muss nicht extra schreiben wie gut beide klingen, noch dazu bei der Bewältigung der anspruchsvollen Bewegungsaufgaben. Auch die Statisterie der Oper Graz, wie immer ein Rückgrat erfolgreicher Inszenierungen, so auch gestern.

Andrea Sanguineti war mit Akribie bei der Sache, seine Agogik auf die rasch wechselnden Situationen einzustellen, auffallend die schnellen Änderungen bei der Tempowahl, ein fürsorglicher Begleiter den Solisten, es fehlte vielleicht ein stringenterer Bogen über dem Ganzen.

Der Schlussapplaus betrug lediglich rund acht Minuten, im Mittelpunkt stand dabei ganz besonders Nora Sourouzian.

 Auch wenn die Deutung umstritten ist, SEHENSWERT !

 

Peter Skorepa
OnlineMERKER

Fotos: Werner Kmetitsch/Oper Graz

 

 

 

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