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OPER GRAZ: Giacomo Puccini La BOHÈME Wiederaufnahme

Das perfekte Jungensemble der Grazer Oper Foto: w.Kmetitsch

Das perfekte Jungensemble der Grazer Oper für Puccinis Künstler-WG        Foto: W.Kmetitsch-Oper Graz


OPER GRAZ
Giacomo Puccini LA BOHÈME
Wiederaufnahme am 1.Oktober.2017

 

Puccini kannte Paris nicht, als er das Leben rund um die Bohèmiens Rodolfo, Marcello, Schaunard und Colline sowie Mimì und Musetta mit lebendiger Klangwelt samt ihrer verzaubernden Arien treffend auf die Bühnen dieser Welt brachte. Sogar Debussy soll der Legende nach gesagt haben, dass niemand das Paris dieser Zeit so gut beschrieben hatte, wie Puccini eben in seiner Bohème.

Eine Oper wie die Bohème braucht keine ausgefinkelte Regie, bei der diverse Metaebenen hinzugefügt werden, der Handlungsort muss nicht in das Stockholm der 2080er Jahre versetzt werden, noch muss man Mäuse tanzen lassen, damit die Geschichte lebt, mitreißt und bewegt. Der Stoff verlangt nach Personenführung und nach einem Team, das miteinander Freude auf der Bühne hat und die Leichtigkeit des jugendlichen Studenten- bzw. Künstlerlebens transportieren kann. Auch muss die Handlung nicht entstaubt werden und einen modernen Anstrich verpasst bekommen, hat sie doch nicht an Aktualität verloren: Jugendlicher Leichtsinn und Übermut, unterbrochen durch den Tod, der dann die Protagonisten von einem Schlag auf den anderen in Erwachsene verwandelt.

Die Inszenierung von Dietmar Pflegerl aus dem Jahr 2002 gibt einem genau das: Man bekommt eine heruntergekommene Künstlerwohnung; einen lebhaften zweiten Akt im Café Momus, in welchem man bei dem ganzen Trubel mit dem Chor unter der Leitung von Bernhard Schneider, sowie dem Chor der Singschul‘ unter der Leitung von Andrea Fournier samt Statisterie der Oper Graz nicht weiß, wo man zuerst hinschauen soll; einen düsteren, kühlen dritten Akt mit viel glitzerndem Schneefall. Szenisch einstudiert wurde die Wiederaufnahme innerhalb der kurzen Probenzeit von Michael Eybl, der den, teils noch sehr jungen, Darstellern viel Raum zur Entfaltung bot und den Wandel von der Leichtigkeit hin zur Verzweiflung mit eben der für die Bohème im Zentrum stehenden Personenführung wunderbar gestaltete.

In einem Rollendebüt als Rodolfo wurde Ensemblemitglied Pavel Petrov vorgestellt. An sich wäre diese Rolle genau die seinige, er könnte als Rodolfo glänzen, begeistern und alle verzaubern. Und das mit Sicherheit auch an den größten Häusern der Welt! Petrov hat eine wunderschöne, natürliche Stimme, eine, wie man sie vielleicht einmal unter 1000 Tenören finden kann. Allerdings merkt man jedoch, dass er die Melodien, den Text sowie die italienische Sprache noch nicht ganz im Blut hat; durch Unsicherheit läuft er dem Orchester manchmal davon. Von den Anlagen her hat der junge Tenor alles, was er für einen sagenhaften Rodolfo braucht, aber vielleicht noch etwas mehr an Dedikation, Mut und Leidenschaft. Und dann gehört der Rodolfo ihm allein!

Polina Pastirchak als Mimì bewegte vor allem im vierten Akt. Sicher ist kein Auge trocken geblieben, als sie mit letzter Kraft nach einem kleinen Muff für ihre gelide manine fragt, sich schlafend stellt, damit sie mit ihrem Rodolfo noch ihre kostbarsten Minuten verbringen kann. Außerdem harmoniert sie optisch sowie darstellerisch ausgezeichnet mit Petrov, da scheint die Chemie zu stimmen. Manchmal bleibt sie etwas eindimensional, aber mit Zeit wird sie noch weiter in die Rolle der Mimì hineinwachsen und neue Ebenen und Facetten entdecken können. Gänsehautfeeling kommt im dritten Akt auf, als sich Mimì nicht von Rodolfo trennen kann.

Mimi

Mimi Polina Pastirchak und Rodolfo Pavel Petrov  Foto: W.Kmetitsch

Der polnische Bariton Dariusz Perczak debütierte als Marcello und hat hier eine Rolle gefunden, welche ihn sicherlich über Jahre hinweg begleiten wird. Selbstsicher bewegt er sich über die Bühne und durch die Musik, kostet Marcellos Arroganz und Blasiertheit voll aus, lässt aber auch Gefühle und Wärme zu und stellt den vielschichtigen Charakter dar, den Puccini erschaffen hatte. Bei den gemeinsamen Szenen mit den anderen Bohèmiens merkt man Perczak deutlich an, wie viel Spaß er mit seinen Kollegen hat und wie sehr er es genießt, mit dieser Partie auf der Bühne zu stehen. Als nächstes steht dann in Le nozze di Figaro der Graf Almaviva für ihn an, hier wird sich ein Besuch lohnen!

Als Musetta, ebenfalls als Rollendebüt, konnte man sich über das Energiebündel Sieglinde Feldhofer freuen. Regelmäßige Besucher kennen Feldhofer wohl eher von ihrer Arbeit in diversen Operetten und Musicals (letzte Saison bezaubernd als Maria in der West Side Story), doch ist die junge Steirerin auch im Genre der Oper zu Hause. Da tanzt sie überschwänglich, liebt und hasst Marcello gleichzeitig: im zweiten Akt, gerade, wo ca. 100 Menschen auf der Bühne sind, kann man sich nicht von ihrem Anblick losreißen. Ihre Stimme ist klar und hell, die Routine kommt mit Sicherheit, daher darf man sich auf die nächsten Projekte schon freuen: In dieser Spielzeit wird sie u.a. die Susanna in Le nozze di Figaro singen!

Der Neuzugang im Opernstudio der Grazer Oper, der erst 23-jährige Neven Crnić, hatte sogar ein zweifaches Debüt: Das erste Mal bei einer Premiere am Grazer Opernhaus und sein Debüt als Schaunard. Eine große, weiche Stimme und dazu noch ein immenses schauspielerisches Talent: Diese Karriere wird spannend zu verfolgen sein.

Der Bass Peter Kellner hatte seinen großen Glanzmoment in der Rolle des Colline naturgemäß im letzten Akt und begeisterte mit seiner gefühlvollen Ode an den geliebten Mantel. Besonders der Wechsel von der Blödelei hin zur Schwermut gelingt ihm bruchlos. Auch er bringt eine gute Energie auf die Bühne und das Publikum in Stimmung.

Und auch die kleineren Rollen wurden aus dem exzellenten Hausensemble und dem Chor besetzt; auf der Bühne durfte man David McShane, Konstantin Sfiris, Manuel von Senden, István Szécsi sowie Zoltán Galamb bewundern.

Marius Burkert legte mit seinem Dirigat des Grazer Philharmonischen Orchesters viel Gefühl in die Partitur und unterstützte die Sänger bestens. Fermaten vor dramatischen Höhepunkten wurden ausgekostet, „belcantoreske“ Gesangslinien breit gemalt und es wird mit Genauigkeit und Präzision gearbeitet, wodurch die selbstverständlich klingende Leichtigkeit des Werkes umgesetzt wird.

Dem Publikum hat es auch gefallen: Großer Applaus für alle Darsteller und im Saal sah man vereinzelt verschmierte Wimperntuschen.

Konstanze Kaas
OnlineMerker

 

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