Der Neue Merker

Omer Meir Wellber: MOMENTE MIT MOZART

BuchCover Wellber  Momente mit Mozart

Omer Meir Wellber, Inge Kloepfer:    
DIE ANGST, DAS RISIKO UND DIE LIEBE
MOMENTE MIT MOZART
136 Seiten, Ecowin Verlag, 2017

Zu Beginn ist man – zumal als Wiener Leser – total verblüfft. Da geht man im Prolog über den Wiener Kohlmarkt, und da ist das „Café Milani“. Wie bitte? Wie kommt es, dass man das nicht kennt? Nun, weil der Autor im Prolog so um fast 250 Jahre zurückblendete, in die Zeit, als Wolfgang Amadeus Mozart hier mit Lorenzo Da Ponte am Kaffeetisch saß. Das ist nicht erwiesen, aber der Dirigent Omer Meir Wellber stellt es sich so vor. Und nimmt den Leser in seine Wanderung in die Welt Mozarts mit.

Jeder Mensch, der sich etwas aus Musik macht, befasst sich auf individuelle Art und Weise mit Mozart. Logisch, dass ein Dirigent – zumal, wenn er dessen Werke dirigiert – dies ungleich intensiver tun muss als jeder andere. „An Mozart kommt man nicht vorbei“, stellt der international erfolgreiche Israeli (gerade erst Mitte 30!) fest, obwohl er sich eingestandenermaßen lange um ihn herumgedrückt hat. Er ging dem Vorurteil auf dem Leim, der Komponist wäre von Tausender großer Interpreten ausgereizt. Zu oft gespielt, zu oft gehört.

Dann kam das Angebot der Dresdener Semperoper, die drei Da Ponte-Opern zu dirigieren (was Omer Meir Wellber dann auch, in der Reihenfolge „Cosi“, „Figaro“, „Giovanni“ getan hat). Und damit begann sein Abenteuer Mozart, das nun – mit Hilfe von Musikjournalistin Inge Kloepfer       – zwischen Buchdeckeln nachzuvollziehen ist. Von Werk zu Werk, chronologisch, in der Reihenfolge „Figaro“, „Giovanni“, „Cosi“.

Er beginnt mit „Die Hochzeit des Figaro“ (den Titel auf Deutsch nehmend), und erzählt, wie er sich dem Werk in seiner aktuellen Arbeit näherte. Dabei hat er sich vor allem mit den Rezitativen beschäftigt, die zu Mozarts Zeiten frei improvisiert wurden, was ihn sogar auf die Idee brachte, andere Instrumente und andere Musik (bis zu Piaf und Sinatra) einzubringen… für einen Musiker riskant und verführerisch zugleich, zumal, wenn er sich selbst ans Klavier setzte.

Im übrigen bietet Omer Meir Wellber – wie schon Tausende vor ihm – seine eigene Interpretation der Figuren, seine eigenen Fragen an Dichter und Komponisten (vor allem im Fall von „Figaro“, was sie eigentlich erzählen wollten – die Ungleichheit der Gesellschaft aufzeigen? Oder dem Publikum einfach nur Spaß machen?) Jedenfalls erscheint ihm, im Hinblick auf die beiden nächsten Werke, der „Figaro“ das menschlichste von den dreien, schon weil hier am Ende offenbar echte Vergebung waltet (auch wenn es Regisseure gibt, die diese gar nicht inszenieren…).

„Don Giovanni“ ist die Oper, vor der sich Wellber schon als Kind gefürchtet hat – heute kann er erklären, an welch dämonischen „Noten-Schritten“ schon in der Ouvertüre (in der quasi das ganze Werk enthalten ist) das liegen kann. Bis zur Erschütterung durch Giovannis Tod, wobei auch er die – immer wieder gestellte – Frage nach den verschiedenen Schlüssen stellt: Braucht man das moralisierende Ende nach der Höllenfahrt? Und – wer und wie ist Don Giovanni? Sagenhaft unnahbar? Warum hat er nicht ein musikalisches Thema, das ausschließlich ihm gehört?

Und „Cosi fan tutte“? Das Libretto hat Da Ponte ursprünglich für Salieri (!) geschrieben, der es „ankomponierte“, aber dann nicht wollte. Für uns ein moderner Stoff, eine „Versuchsanordnung“, ein psychologisches Experiment. Was in C-Dur beginnt, verlässt bald den sicheren Boden unbeschwerter Harmonie. Mozart wechselt, wie Omer Meir Wellber analysiert, ununterbrochen die Tonarten und schafft damit dauernd neue Atmosphären. Gerade in dieser Oper folgt der Interpret der Musik, um die Schwankungen der Handlung zu erläutern. Eine Geschichte, die absolut keine moralische Aussage hat…

Am Ende holt der Autor Mozart und Da Ponte wieder ins Café Milani am Kohlmarkt. Sie haben ihre drei italienischen Opern hinter sich. 1790 gibt es einen neuen Kaiser, der sich weniger aus Mozart macht als sein verstorbener Bruder. DaPonte überlegt die Abreise, er hat es getan, ist in Amerika gelandet. Mozart geht zum deutschen Singspiel – und stirbt.

Und doch, überlegt Omer Meir Wellber: Sieben Libretti hat Da Ponte für Salieri geschrieben, vier für Martin y Soler (die beiden Starkomponisten damals) – wer weiß noch davon? „Für die Zusammenarbeit mit Mozart blieben nur drei Gelegenheiten, dafür aber drei singuläre Momente der Musikgeschichte, in den Opern für die Ewigkeit entstanden.“

Dem kann man nur zustimmen.

Renate Wagner

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