Der Neue Merker

Oliver von DOHNÁNYI „Ich bin immer „in love“ mit dem(n) Komponisten, mit deren/dessen Werken ich gerade arbeite“.

Ekaterinburg/Russland: Interview mit Maestro Oliver von Dohnányi, Chefdirigent des Opern- und Balletttheaters in Ekaterinburg

Anlässlich der erstmaligen szenischen Aufführung der Oper von Mojsej Weinberg aus dem Jahre 1968, „Die Passagierin“ (Rezension im Merker 10/2016) in Russland, ergab sich die Gelegenheit, mit Maestro Oliver von Dohnányi, dem Chefdirigenten des Opern- und Balletttheaters in Ekaterinburg, ein Interview zu machen. Von Dohnányi begeisterte das Ekaterinburger Publikum mit einem exzellenten Dirigat dieser aufgrund der Komplexität ihrer Partitur nicht gerade leicht zu spielenden Oper.

Oliver in white smoking
Oliver von Dohnányi. Foto: privat

  1. Sehr geehrter Maestro von Dohnányi, wie kamen Sie zur Musik, eine Familientradition?

Wir sind eine Musikerfamilie. Aber leider stehe ich nicht in direkter Beziehung zu den größten Namen in unserer Familie, also Ernst und Christoph von Dohnányi, nur sehr entfernt. Meine Eltern waren beide keine Musiker. Aber meine Tante war Klavierlehrerin. Sie lehrte mich zu Hause, in meinem Großelternhaus. Als ich dreieinhalb Jahre alt war, sah ich Kinder kommen und „Musik“ auf dem Flügel spielen. Ich lernte die Musik sofort aus der Erinnerung heraus, und nachdem die Kinder weg waren, versuchte ich, die Musik nachzuspielen. Meine Tante kam zurück und dachte, eines der Kinder wäre noch am spielen, aber sie stellte fest, dass ich es war. Seit der Zeit brachte sie auch mir das Klavierspielen bei.

  1. Wie kamen Sie zum Opern- und Balletttheater in Ekaterinburg und was sind die interessantesten Seiten dieses Hauses?

Wie so oft, kam das durch einen Zufall zustande. Mein Agent fragte mich, ob ich eine Oper von Philip Glass dirigieren möchte. Ich stimmte sofort zu. Die Aufführung kam tatsächlich zustande, und da es eine sehr erfolgreiche Produktion war, boten sie mir die Stelle des Chefdirigenten an, die ich mit größter Freude annahm. Das Haus hat ein großartiges Solistenensemble, einen wunderbaren Chor und ein exzellentes Orchester. Insgesamt gesehen sind wir nun ein sehr starkes Team in allen einzelnen Bereichen. Das ist der größte Vorteil dieses Opernhauses. Ich denke, Sie konnten das selbst erleben bei der Premiere von Weinbergs „Passagierin”.

  1. Die Sängerinnen und Sänger sind überwiegend, wenn nicht alle russisch. Engagiert das Theater auch internationale Solisten, zum Beispiel aus Europa, für spezielle Rollen? Wenn das so ist, welche Rollen haben sie in der letzten Zeit gesungen?

Da haben Sie völlig Recht… Wir haben ganz überwiegend lokale, also russische Sängerinnen und Sänger, die meisten von ihnen kommen aus der Region des Ural. Dennoch benötigen wir gelegentlich internationale Stars, insbesondere für ganz spezielle Rollen, wie im dramatischen Sopran- und Tenorfach.

  1. In welchem Ausmaß wird Kultur und im speziellen die Musik durch die Stadt Ekaterinburg unterstützt?

Wir können sehr glücklich sein, von der Regionalregierung und dem Stadtrat von Ekaterinburg unterstützt zu werden. Ich kenne nicht die genauen Zahlen, aber die Unterstützung der Stadt und der Regionalregierung macht den größten Teil unserer Einnahmen aus. Natürlich kommen einige große Sponsoren und die Einnahmen aus dem Kartenverkauf hinzu.

  1. Kommen viele junge Besucher regelmäßig in die Ural Oper?

In der Ural Oper gibt es sehr viele junge Sängerinnen und Sänger sowie Tänzerinnen und Tänzer. Einige von ihnen könnten sofort eine internationale Karriere starten. Das ist sicher eines der wichtigsten Motive für junge Menschen zu kommen und unsere Premieren und Repertoire-Aufführungen mit unseren hervorragenden Künstlern internationaler Anerkennung zu erleben.

  1. Hat die Ural Oper auch Programme für Kinder wie beispielsweise die Wiener Staatsoper?

Natürlich, das haben wir! Das junge Publikum ist ganz entscheidend für uns, und es ist unsere Priorität auf lange Sicht. In jedem Fall arbeiten wir hart daran, das Interesse junger Menschen für klassische und Opernmusik zu entwickeln und auch weiterhin zu fördern. Und, Sie wären überrascht, wie schwierig, aber auch effektiv und hilfreich das ist!

Oliver Jeka 2016
Oliver von Dohnányi. Foto: privat

  1. Wie viele Neuproduktionen bringt die Ural Oper pro Saison heraus?

Aus verschiedenen Gründen bringen wir in den letzten Jahren nur zwei große Opernneuinszenierungen und drei Ballettproduktionen heraus. Zusätzlich organisieren wir natürlich einige spezielle Konzerte oder Konzertaufführungen.

  1. Beteiligt sich die Ural Oper auch an Koproduktionen mit anderen Opernhäusern, und wenn dem so ist, mit welchen Ländern außer Russland?

Weil Russland kein Mitglied der Europäischen Union ist und Ekaterinburg weit weg von Mitteleuropa ist – praktisch auf der Europa-Asien Grenze liegt- sind Koproduktionen zwischen unserem und anderen Theatern nicht sehr hilfreich oder preisgünstiger. Und wir denken mit etwas Stolz daran, dass wir lieber eine brandneue Produktion haben, die die unsrige ist.

  1. Welche Komponisten sind am beliebtesten in Russland?

Russland ist ein extrem großes und reiches Land. Das betrifft nicht nur die natürlichen Ressourcen, sondern auch das persönliche musikalische Können. In Russland ist P. I. Tchaikovsky der beliebteste Komponist. Aber es gibt viele exzellente russische Komponisten. Unter den Ausländern gehört Chopin zu den am meisten bewunderten, aber auch Wagner, Puccini, Dvorak, Verdi etc. Ich versuche auch, einige zeitgenössische Komponisten zu bringen, oder, sagen wir Komponisten, die größere Herausforderungen stellen wie Philip Glass, Mojsej Weinberg und andere. Und überraschenderweise werden sie hervorragend akzeptiert.

  1. Wer sind Ihre Lieblingskomponisten, wenn überhaupt?

Ich bin immer „in love“ mit dem(n) Komponisten, mit deren/dessen Werken ich gerade arbeite. Und meine Lieblingskomponisten – das wäre wirklich eine große Zahl… Von Bach zu Berg, von Glinka zu Alexander Tschaikowsky, von Verdi bis Puccini, von Wagner bis Richard Strauss, von Sibelius bis Manuel des Falla… und viele viele andere. 

  1. Was sind Ihre nächsten Pläne?

Zu meinen nächsten Plänen zählt Janaceks „Katja Kabanowa“) an der Seattle Opera, Wagners „Liebesverbot“ am Teatro Colón in Buenos Aires, gefolgt von Dvoraks „Rusalka“, Mozarts „Zauberflöte“ und Puccinis „Turandot“ am Opern- und Balletttheater in Ekaterinburg.

Maestro von Dohnányi, wir danken für das Gespräch und wünschen Ihnen alles Gute für die kommenden interessanten Auslandsauftritte sowie Ihre Zukunft als Chefdirigent am Opern- und Balletttheater in Ekaterinburg.                                                                   

Klaus Billand                            

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