Der Neue Merker

OLGA BEZSMERTNA: „Wienerisch“ am Naschmarkt gelernt

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© Iryna Buchegger

OLGA BEZSMERTNA

„Wienerisch“ am Naschmarkt gelernt

Olga Bezsmertna, die vor fünf Jahren aus der Ukraine nach Wien kam, steht eine der aufregendsten Spielzeiten ihres Lebens bevor – drei große neue Rollen, eine kleine, zwei Premieren an der Staatsoper. Die Liu ist wunderbar vorbei gegangen, eine Dienerin der „Armide“ und außerdem Tatjana und Melisande stehen bevor. Kein Wunder, dass sie angesichts solcher Aufgaben gar nicht daran denkt, von Wien wegzugehen

Das Gespräch (in deutscher Sprache!) führte Renate Wagner

Frau Bezsmertna, Sie sind nun bereits Ihre fünfte Spielzeit an der Wiener Staatsoper, und der Direktor hat Sie dafür ganz außerordentlich belohnt. Sie singen vier neue Rollen am Haus, davon zwei große, und Sie sind in zwei Premieren dabei. Wie fühlt man sich da?

Nun, da ich meine erste Liu hinter mir habe, die von Vorstellung zu Vorstellung besser wurde, schon sehr gut. Ich war anfangs sehr nervös, eine Rolle wie diese mit nur einer Orchesterprobe zu machen, aber Marco Armiliato war sehr freundlich und ist ein wunderbarer Dirigent. Ich liebe diese Rolle, ich finde, sie ist schwerer als die Mimi, die ich studiere und die viel mehr zu singen hat, aber bei Liu muss man den Charakter stärker erfassen.

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Liu   © Wiener Staatsoper/ Pöhn

Haben Sie eigentlich noch mit Johan Botha geprobt – es war die Rede davon?

Nein, leider. Es herrscht im Haus wirklich eine sehr gedrückte Stimmung durch seinen Tod, denn jeder mochte ihn gern. Ich bin mit ihm in „Ariadne“ auf der Bühne gestanden, er als Bacchus, ich als Echo, und öfter im „Parsifal“, wo ich eines der Blumenmädchen war. Er war sehr lustig – ich glaube, er hat manches in der Wiener Inszenierung eigenartig gefunden und mit uns hinter der Bühne darüber gelacht. Ich denke, wir werden ihn alle sehr in Erinnerung behalten.

Nach der Liu  folgt ja schon die erste Premiere der Spielzeit, in der Sie auch dabei sind.

Ja, wir proben bereits an „Armide“ von Gluck, die Mitte Oktober herauskommt.  Ich singe die Dienerin Phenice, natürlich übernimmt man als Ensemblemitglied auch kleine Rollen. Wir proben im Arsenal, wir sind mit der Produktion noch mitten in der Arbeit, aber sie wird wahrscheinlich interessant und jedenfalls sehr heutig sein, mit viel Krieg, Blut und Tod.

Und dann schieben wir Pamina und Elvira dazwischen, Rollen, die Sie in Wien schon gesungen haben – und danach gibt es für Sie im Mai nächsten Jahres Ihre erste Tatjana an der Wiener Staatsoper.

Mein Gott, ich hätte mir so gewünscht, eine Rolle wie diese zuerst an einem kleineren Haus zu singen, aber ich war hier  so beschäftigt, dass man mich nicht weggelassen hat. Nun begleitet mich die Tatjana schon lange, schon seit dem Konservatorium in Kiew wollte ich sie singen – wie übrigens auch alle meine Kolleginnen, die mir mit studiert haben -, aber die Lehrerin war klug und sagte: Nein, keinesfalls, warte noch. Ich hoffe, jetzt ist die Zeit richtig dafür. Die Rolle ist für mich insofern nicht so schwer, als sie russisch ist, und wir haben in Kiew, wo ich aufgewachsen bin, zweisprachig gelebt, Russisch ist ebenso meine Muttersprache wie Ukrainisch. Und heute weiß ich, dass es im Konservatorium viel zu früh gewesen wäre – allein die Briefszene, die an die 20 Minuten dauert, da braucht man die Reife in der Stimme und der inneren Entwicklung. Ich habe mir natürlich hier in Wien Anna Netrebko in der Rolle angesehen und war begeistert von ihr. Das ist eine sehr große Künstlerin, von der man nur lernen kann.

Es wird nicht Ihre einzige Tatjana bleiben?

Nein, ich freue mich sehr, dass ich nächsten Sommer endlich Urlaub mache, denn gleich im Herbst kommt dann die Tatjana in einer Neuinszenierung in Zürich. In Wien ist Christopher Maltman als Eugen Onegin mein Partner, in Zürich dann Peter Mattai, Pavol Breslik singt den Lenski. Es ist mir schon klar, dass die Wiener Inszenierung von einer Tatjana besonders viel verlangt, und in Zürich wird es vielleicht noch schwieriger werden – aber das macht nichts. Mit dieser Rolle geht für mich ein Traum in Erfüllung.

Und Ihre letzte neue Rolle in dieser Spielzeit ist dann in der zweiten Juni-Hälfte wieder eine Premiere, nämlich die Melisande in „Pelleas und Melisande“.

Der Direktor hat mir schon vor einigen Jahren gesagt, dass er das mit mir plant. Ich habe mir daraufhin die Rolle angesehen, und ich dachte, na ja, das ist für mich doch eine ganz neue Art von Musik, aber je mehr ich mich darauf eingelassen habe, auch auf die Dichtung, um so mehr spüre ich die Rolle. Aber dieser Prozeß der Annäherung war schon ein großer Streß.

Wenn man bedenkt, dass Sie erst im März 2012 an der Wiener Staatsoper debutiert haben, ist Ihre Karriere im Raketentempo hochgeschossen. Das dürfte aber auch damit zusammen hängen, dass Sie sich ein paar überaus mutige, man könnte auch sagen waghalsige Einspringer-Abenteuer geleistet haben.

Es war ja schon ein Abenteuer, überhaupt nach Wien zu kommen. Ich hatte im Oktober 2011 in Gütersloh den Wettbewerb „Neue Stimmen“ gewonnen, im Sommer davor war ich im „Young Singers Project“ der Salzburger Festspiele. In Gütersloh war Dominique Meyer der Vorsitzende der Jury, und wenig später ließ er mich fragen, ob ich nicht in das Ensemble der Wiener Staatsoper kommen wollte. Das muss man sich vorstellen – ich war in Kiew verheiratet, meine Tochter war klein, ich hatte von meiner verstorbenen Lehrerin eine Gesangsklasse im Konservatorium übernommen, da bestand durchaus die Möglichkeit, einfach nein danke zu sagen und daheim zu bleiben. Aber mein Mann hat mir zugeredet, es zu versuchen, und so kam ich erst einmal allein nach Wien. Ich konnte kein Deutsch, ich kannte niemanden, ich wusste nicht, was mich erwartet. Und dann, kaum war ich da, kam schon die Frage, ob ich für Ildiko Raimondi als Dame in „Cardillac“ einspringen würde. Eine Oper, die ich nicht kannte, eine Sprache, die ich nicht beherrschte, eine Musik, die mir eher fremd war – und ich habe es in zwei Wochen einstudiert, und es hat funktioniert.

Franz Welser-Möst hat es Ihnen nicht vergessen, denn ich denke, dass Sie 2015 bei den Salzburger Festspielen die Marzelline im „Fidelio“ und heuer die Europa in „Die Liebe der Danae“ gesungen haben, hatte wohl mit der guten Erinnerung zu tun, die er an Sie hatte?

Ich bin Franz Welser-Möst wirklich sehr dankbar, er ist ein großer Künstler und ein Mensch, mit dem ich sehr gerne arbeite, es ist immer ein Vergnügen mit ihm.

Um bei Ihrer durchaus aufregenden Wiener Karriere zu bleiben – da sind Sie nur ein paar Monate später, im Herbst 2012, für Genia Kühmeier als Gräfin in „Le Nozze di Figaro“ eingesprungen.

Ja, und ich muss sagen, dass Mozart für mich ein ganz, ganz wichtiger Komponist ist – mit Gräfin, Elvira, Pamina, das sind Rollen, die ich „immer“ und immer wieder singen möchte, weil sie auch so schön für die Stimme sind. Und ich freue mich, dass ich zum Staatsopern-Gastspiel im November für die Gräfin nach Japan mitgenommen werde: Zwar „nur“ als Cover, aber ich freue mich so, dass ich endlich Japan kennen lernen werde, wo ich noch nie war, und das verdanke ich dann auch Mozart.

Bleiben wir bei Ihren Einspringer-Abenteuern?

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Rusalka © Wiener Staatsoper/ Pöhn

Die Rusalka für Kristine Opolais, die Rachel für Soile Isokoski – ich kann mich nicht beschweren, ich habe auf diese Art die schönsten Rollen mit den herrlichsten Partnern gesungen, mit Piotr Beczala als Prinz, mit Neil Shicoff als Eleazar. Aber eines meiner waghalsigsten Unternehmen war, als man mir am 1. Jänner 2014 die Rosalinde zu singen gab. Deutsch konnte ich ja schon, aber nun hat jeder gesagt: „Aber Du weißt schon, Du musst Wienerisch sein, Wienerisch!“ Und ich bin auf den Naschmarkt gegangen und ins Kaffeehaus und habe den Leuten zugehört, um das „Wienerisch“ ins Ohr zu bekommen. Ich habe die Rolle damals nur zweimal gesungen, aber sie wird auch diese Saison  rund um Silvester auf mich zukommen … Vielleicht nehme ich noch ein bisschen Unterricht bei meiner Tochter, die geht schon in die Schule und kann inzwischen wirklich Wienerisch, viel besser als ich jedenfalls.

Wenn man sich das breite Repertoire ansieht, das Sie sich in Wien erarbeitet haben, scheint eigentlich nur der große Verdi zu fehlen?

Ich habe schon in Frankreich die Troubadour-Leonore gesungen, und wenn man in einem Ensemble ist, lernt man sehr viele Rollen, einfach um als Cover zur Verfügung zu stehen. Ich könnte jederzeit als Micaela einspringen, und ich studiere jetzt, als Cover für die Premieren, die Alice im Falstaff, kann auch die Leonore, und auch als Desdemona wäre ich bereit, wenn die Sängerin ausfällt. Auch für die Juliette in der „Toten Stadt“ bin ich Cover. Und irgendwann werde ich in diesen Rollen ja hoffentlich auch eingesetzt werden. Und in Zukunft werden hoffentlich Ariadne, Marschallin, aber auch Tosca kommen. Meine Lehrerin hat  zu mir gesagt: „Olga, mit Deiner Stimme kannst Du alles singen.“ Ich schränke das eigentlich nur dahingehend ein, dass es bei Wagner nie mehr sein wird als die Freia, eine Walküre oder ein Blumenmädchen, die ich hier schon gesungen habe…

Haben Sie je bereut, dass Sie sich damals 2011 für Wien entschieden haben?

Nie! Mein Mann und meine Tochter Margarita sind nach einem halben Jahr nachgekommen, und seit acht Monaten ist die Familie größer geworden, denn ich habe einen kleinen Sohn bekommen, Martin. Wir leben sehr gerne hier, haben eine Wohnung im Dritten Bezirk, und wenn das Wetter es erlaubt, radle ich zur Staatsoper. Mittlerweile kann ich auch schon Deutsch – anfangs gab es Kurse, die die Staatsoper für ihre fremdsprachigen Mitglieder veranstaltet hat, aber als ich jetzt schwanger war und ungewohnterweise gar nichts zu tun hatte, habe ich rasch noch einen Deutsch-Intensivkurs gemacht und eine gute Note auf die Abschlussprüfung bekommen… Ich lebe nicht nur gerne hier, ich arbeite auch überaus gerne her: Ich mag die Kollegen, ich mag die Atmosphäre an der Staatsoper, und wahrscheinlich bleibe ich lieber hier im Ensemble, als die Karriere einer reisenden Sängerin anzustreben, die dann ihre Familie vernachlässigen muss. Und ich muss ja wirklich nicht weggehen, wenn man mir hier jede Möglichkeit bietet, mich künstlerisch zu entwickeln. In diesem Haus zu arbeiten – das ist wie im Himmel zu sein.

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