NÜRNBERG: SIEGFRIED

by ac | 17. April 2017 20:00

NÜRNBERG:  SIEGFRIED am 16.4.2017

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Vincent Wolfsteiner, Hans Kittelmann; (c) Ludwig Olah

In Nürnberg laufen derzeit zwei Zyklen der 2015 entstandenen erfolgreichen ‚Ring des Nibelungen‘ – Inszenierung unter der musikalischen Leitung von Noch-GMD Marcus Bosch und in der Regie von Georg Schmiedleitner. Die musikalische Seite bei diesem ‚Siegfried‘ kann nur gelobt werden. Marcus Bosch und die Nürnberger Philharmoniker spielen das manchmal als problematisch empfundene „Scherzo“, den 2.Tag des Nibelungenrings, so souverän und mit einem Abwechslungsreichtum, der in seinen Bann schlägt. Dabei geht es von Anbeginn richtig zur Sache, und Marcus Bosch gönnt sich bei der ‚Erziehung‘ Siegfrieds durch Mime, die sich ja hauptsächlich ums Schwerterschmieden  dreht, keinerlei Verschnaufspause. Wie Rädchen schnurrt die Musik immer wieder ab, bis zu Mimes resigniertem Ausruf: „Und ich kann’s nicht schmieden“. Auch die Wanderer-Passagen nimmt Bosch nicht so breit, um einen vermeintlichen Kontrast aufzubauen: Der nur nach außen souverän gelassen wirkende Wanderer korrespondiert ja mit dem verängstigten Mime, der seine Angst nur durch seinen Herrscherwahn kompensieren kann. Die Schmiedelieder werden dann im richtigen volkstümlich derben Ton genommen, und der 1. Akt damit zu einem großartig kulminierenden Abschluß geführt.

Auf der Bühne spielt sich das in Mimes kleinem Multifunktionsraum auf einem Podest ab. Wichtigste Requisiten sind Waschmaschine, Kochherd  und Ikea-Stockbett (Siegfried oben, Mime unten). In dieser engen Kiste sticheln sich die Personen unaufhörlich, das wird mit viel Witz geschildert. Auch der Wanderer quartiert sich frech ein. Siegfried hämmert später das Schwert bevorzugt auf der Waschmaschine. (Bühne: Stefan Brandtmayr, die prollig bis prekären Kostüme von Alfred Mayerhofer) Im 2.Akt wird an die Erzählung  musikalisch wie szenisch nahtlos sprudelnd angeknüpft. Nicht ganz neu die Idee eines Ambiente mit verrotteter Autostraße, vielleicht nach einer Naturkatastrophe bzw.einem Reaktorunfall. Die Straße hat sich steil und schräg aufgerichtet, daneben gibt’s noch zwei rostig kurvige Rutschbahnen. Besonders Alberich rackert sich ab, da heraufzukommen, der Waldvogel in Gestalt eines schwarz-kessen Punkmädels hat sich gleich Krücken mitgebracht. Der Wanderer erscheint mit einem roten Basecap, das sein verletztes Auge verdecken soll, und einem Rollwägelchen mit Zeitung und Wasserflasche bestückt. Beim musikalisch gut beruhigtem Waldweben, kommt ein Siegfried Double, auch mit orangem T-shirt, Jogginghose mit Trägern zum Hornruf auf die Bühne (Bläser der Staatsphilharmonie). Der 3.Akt zeigt Wotans schmuddeliges „Unterwelts“-Walhall, ein mit roter Farbe an die Wand gemalter Siegmund-Schriftzug erscheint teilweise wieder übertüncht, gefallene Helden geben sich mit Sexspielen ab, vielleicht in Ermangelung von ‚Wunschmaiden‘. Diesem Treiben bereitet der Wanderer ein Ende und disputiert dann mit dem hochgefahrenen Naturweib Erda, die die Entwicklung bis dato in der Erde verschlafen hat. Der Feuerzauber ereignet sich dann zuerst mal als Schneegewitter, durch das sich Siegfried durchkämpft.  Hier schließen die Philharmoniker unter Bosch mit einer hinreißend aufwühlenden Erweckungsszene an, die auch szenisch gut getimed erscheint. Am Ende finden sich Siegfried und Brünnhilde in einer Patchworkfamilie mit dem Waldvogel mit Totenmaske auf einem Sofa Fernseh-schauend wieder.

Ina Yoshikawa gibt den Waldvogel bei großer szenischer Leistung mit geschliffenem Sopran, lieblich ausgesungen und trotz Koloraturreichtum wortverständlich. Die Brünnhilde Rachael Tovey spielt ebenfalls gut, bzw ist gut inszeniert zusammen mit Siegfried. Sie besitzt einen dezenten dabei silberstrahligen Sopran, den sie in den wechselnden Gemütsverfassungen nach dem  Erwachen gekonnt einsetzt. Nicolai Karnolsky orgelt (mit Verstärkung) seinen Fafner aus dem Off, auf der Autobahnschräge besteht Michael Dudek für den am Meniskus Laborierenden. Auch die Erda der Judith Schmid gibt einen  überzeugenden Part mit  aufgehelltem Mezzo. Ein echter elegant tänzelnder Schwarz-Baßbariton ist der Alberich des Stefan Stoll, der sich fast atonal mit Bruder Mime (Hans Kittelmann) zerft und streitet. Kittelmann gibt bei der ‚Aufzucht‘ einen echt kessen Gegenpart zu Siegfried, lässt sich von dem ‚großen Kind‘ längst nicht alles gefallen und schmeißt daneben den Haushalt mit abgefeimter Coolness. Stimmlich steht ihm dabei ein schlanker pointiert gewievter Tenor zu Verfügung. Den Wanderer gibt Antonio Yang oft in Einheitsforte, der starke gut timbrierte Bariton müßte aber kein Nachteil sein.
Unschlagbar als Siegfried  ist Vincent Wolfsteiner. Sein durch alle Register gut gestylter Tenor trägt ihn bis in die höchsten Höhen,er ist ein Kraftbündel und Energiepaket und kann auch die lyrischen Stellen fein und zurückgenommen aussingen.                                                               

Friedeon Rosén

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