Der Neue Merker

NÖ / Reichenau: BAUMEISTER SOLNESS

Solness  Szene~1 
Fotos: Festspiele Reichenau

NÖ / Festspiele Reichenau: 
BAUMEISTER SOLNESS von Henrik Ibsen
Premiere: 1.Juli 2017 
Besucht wurde die Generalprobe

Henrik Ibsen hatte seine großen – und, wie sich zeigen sollte, anhaltenden – Erfolgsstücke wie „Peer Gynt“, „Nora“, „Gespenster“, „Die Wildente“ und „Hedda Gabler“ schon geschrieben, als er sich 1892, mit 64 Jahren, einem Stück zuwandte, in dem es dezidiert um das Altern geht, um Verleugnung, Kampf dagegen und Flucht davor, um die Abrechnung mit dem eigenen Leben und seinen üblen Taten –  und um den unabwendbaren Untergang.

Alles konzentriert sich auf die Figur des Baumeisters Halvard Solness, der – wie viele Ibsen-Gestalten – keineswegs sonderlich sympathisch ist und dessen gnadenlose Rücksichtslosigkeit von Anfang an auf den Tisch gelegt wird. Zeit seines Lebens hat er Möglichkeiten erkannt und zu seinen Gunsten ausgebeutet, auch wenn sie keinerlei moralischen Standards stand hielten – man erlebt es in der Gegenwart, es deckt sich in der Vergangenheit auf.

Mehr noch, man merkt nach und nach, dass Solness und seine Frau, oberflächlich betrachtet nur ein liebloses Ehepaar, schwer gestörte Menschen sind, die ihre Katastrophen nicht verarbeitet haben. Und da stürmt eine junge Frau ins Geschehen, die man bestenfalls als überdreht bezeichnen kann, als hektisches Jugendstilgeschöpf, schlechtestenfalls als Borderline-Persönlichkeit. Sie holt Solness aus seinem Alltag, in dem es nur darum geht, seine berufliche Position zu wahren und die heranrückende Jugend abzuhalten, und holt ihn in die Irrationalität ihrer Hysterie.

Wie stets bei Ibsen ist alles mit dichtem Symbolismus getränkt, auch, dass der Baumeister, der eigentlich unter Höhenangst leidet, um der jungen Frau und ihrer idealistischen Vorstellungen wegen auf einen Kirchturm steigt – und natürlich abstürzt…

Es ist ein kurzer Dreiakter, arm an Nebenhandlungen, konzentriert auf die beiden Hauptfiguren, deren Faszination die Wirkung der Bühnenrealität bestimmt.  In Reichenau gehört der hundertminütige Abend dem Hauptdarsteller. Joseph Lorenz ist seit Jahren der Alpha-Darsteller der Festspiele, in den glanzvollsten Hauptrollen der Theaterliteratur vertreten. Allerdings hat man für den „Baumeister Solness“ keinen Regisseur aufgetrieben – Hermann Beil, der hier möglicherweise die Rauheit Ibsens herausgearbeitet hätte, nahm sich einen freien Sommer, um seinen Weggefährten Claus Peymann beim Abschied vom Berliner Ensemble zu begleiten. Es ist immer wieder einmal gut gegangen, wenn Schauspieler selbst inszeniert haben, selten allerdings, wenn sie dabei auch noch die Hauptrolle spielten.

Solness  die zwei~1

Mit sich als Hauptdarsteller ist Joseph Lorenz à la Schnitzler umgegangen – man kennt den Tonfall. Aus der Härte des Solness, der hier gnadenlos bezahlen muss, klingt immer wieder ein Hauch von Sentimentalität durch, er bröselt die Figur mit geradezu lustvoller Freud’scher Detailfreudigkeit auf. Etwas mehr Nüchternheit hätte dem Dichter vermutlich eher entsprochen, ebenso wie bei Alma Hasun, die die Hilde Wangel schlechtweg überzeichnet. Genuin mädchenhafter Zauber würde die Faszination, die sie auf Solness ausübt, erklärbarer machen als die so theaterhaft anmutende Kalkulation, was auch ein wenig an der allzu ausgereizten Bewegungsregie liegt.

Dort, wo die Darsteller „normaler“ bleiben, überzeugen sie mehr – die Verbissenheit, mit der die schmerzgezeichnete Frau Solness Normalität vorspielen will (Julia von Sell); die hilflose Verliebtheit der Sekretärin, ausgebeutet von Solness, was ihn in seiner kalkulierten Manipulation noch unsympathischer macht (Elisa Seydel); die von ihm benützten Männer, die an seiner Seite kein Schicksal haben dürfen (Hans Dieter Knebel, Michael Pöllmann). Schließlich der Arzt, der alles durchschaut und absolut nicht helfen kann (Peter Moucka).

Peter Loidolt hat ein symbolistisches Bühnenbild geschaffen, Spielzeughäuser im Hintergrund, die von der Schuld des Baumeisters erzählen (der die Natur gnadenlos für einen Bauboom verkauft hat), ein Eisengestänge, das Kletterkunststücke ermöglicht, wenn man das „Fallen“ und Sterben des Baumeisters auch nur aus zweiter Hand erleben muss – in der Starre seiner Mitwelt, die dabei zusehen muss…

Es ist nicht Ibsens stärkstes Stück, aber mit Reichenaus Star als Titelrollenheld natürlich in der Sommerfrische bestens zu verkaufen, zumal, wenn es eher nach Schnitzler klingt als nach dem so bitteren Henrik Ibsen.

Renate Wagner

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