Der Neue Merker

NÖ / Gutenstein: DER ALPENKÖNIG UND DER MENSCHENFEIND

Alpenkönig Plakat  Alpnkönig Rappekkopf 
Fotos: Raimundspiele / Joachim Kern

RAIMUNDSPIELE GUTENSTEIN:
DER ALPENKÖNIG UND DER MENSCHENFEIND von Ferdinand Raimund
Premiere: 12. Juli 2017,
besucht wurde die Generalprobe

Im zweiten Jahr der Intendanz von Andrea Eckert erlebten die Raimundspiele in Gutenstein viele Glücksfälle auf einmal. Zuerst wählte man von Raimunds acht Stücken das beste, das er je geschrieben hat – „Der Alpenkönig und der Menschenfeind“, der Vorläufer einer Freud’schen Analyse und Therapie. Dann verpflichtete man Regisseurin Emmy Werner, eine „alte Häsin“, die nicht beweisen musste, wie großartig und innovativ sie ist, sondern die nur dem Stück gerecht werden wollte. In einer von Matthias Mamedof angeführten Besetzung gab es keinen schwachen Punkt. Und schließlich hatte man für „Prinzipalin“ Andrea Eckert mit dem Alpenkönig eine Traumrolle gefunden, die ihr von der Inszenierung fugenlos auf den schmalen Leib geschneidert wurde. Ideale Zusammentreffen.

Alpenkönig  Bühnenbild  x

Dass die Aufführung im „Zelt“ von Gutenstein ein paar schräge und gestrige Modernismen brachte, um zumindest optisch „heutig“ zu wirken, damit konnte man leben – dass der Herr von Rappelkopf in einem Wohnwagen (?) hausen muss (Bühnenbild: Katharina Wöppermann); dass die Damen der Familie zuhause (!) alberne Pullmannkappen (!) tragen, damit sie – kombiniert mit Brillen – möglichst reizlos wirken (Kostüme: Nina Ball); dass man dem Dienstmädchen einen dicken Ostblock-Akzent verpasst, um nicht Gefahr zu laufen, sie könne „lieblich“ ausfallen – das eigentlich unter dem Niveau des Gebotenen, spielt aber keine weitere Rolle, weil der Rest „stimmt“.

Auch, dass die berühmte „Köhlerhütten“-Szene, von Raimund keinesfalls als rührende Sozialstudie gemeint, hier bei Prekariatsproletariat von heute spielt, überzeugt, ebenso wie viele geschickte Striche, die das Stück straffer machen (man muss die „Entführung“ von Rappelkopfs Schwager wirklich nicht zeigen, es reicht, sie in ein paar Worten zu schildern, und ebenso kann die Szene mit der Erscheinung der toten Gattinnen durchaus aufs Minimum gekürzt sein wie hier) – und dass schließlich die Musik, die dem „Großmeister der Wiener Knöpferlharmonika“ Walther Soyka obliegt (wie sich der Pressetext ausdrückt), hier nicht die Ohren quält, sondern im Grunde die originalen, bekannten Melodien paraphrasiert, ohne in Biedermeier-Kitsch zu verfallen, tut der Aufführung wohl.

Die Stärke des Abends besteht darin, dass sowohl der Alpenkönig wie der Menschenfeind zwar humoristisch-ironisch, aber letztendlich so ernst genommen werden, wie Raimund sie gemeint hat. Herr von Rappelkopf steigert sich in seinem Misstrauen gegen die Menschen in eine Rage hinein, die ihn ja nur selbst bis an die Kippe treibt: Dass Matthias Mamedof hier mit äußerer und innerer Kraft zu dieser Charakterstudie reifen konnte, viel tut und doch nicht zu viel, ist zweifellos auch das Werk der Regisseurin, die überhaupt alle Darsteller immer ganz eng bei ihren Raimund-Originalen belässt und nie willkürliche Umdeutungen vornimmt. Wie dieser Rappelkopf zur Erkenntnis „geheilt“ wird, indem er sich selbst mit den Augen der anderen sieht, hat im zweiten Teil des Abends durchaus seine ergreifenden Momente.

Alpenkönig Eckert in Furor  xx

Das Wunder vollbringt ein Alpenkönig der ganz anderen Art: Andrea Eckert erscheint mit Hut und langem Mantel, mit rauchiger Stimme und fließenden Bewegungen, ein bisschen wie Humphrey Bogart in einem Vierziger-Jahre Film Noir. Sie ist ein undefinierbares Wesen, an dessen Macht man nicht zweifelt, und wenn sie in die Rolle des Rappelkopf schlüpft, um ihm heiligen Schrecken einzujagen, schlägt ihre große Stunde: Sie übertreibt schamlos, sie droht, sie flucht, sie tobt, sie rast, dass es ein wahres Vergnügen ist – und doch darf sie die weisen Schlussworte Raimunds ohne Einschränkung in voller Wahrhaftigkeit sprechen. Dank an die Regisseurin, dass sie zumindest im Theater die ideale Möglichkeit der Selbsterkenntnis nicht in Frage stellt…

Annette Holzmann ist entzückend in ihrer händeringenden Verzweiflung über den Gatten, Tanja Raunig zappelig-reizend in ihrer Liebe zu ihrem Maler, und Anita Kolbert gibt das Lieschen als kraftvollen Putztrampel mit Akzent. Dazu noch zwei starke Leistungen – Stefan Rosenthal zeigt, wie viel innere Kraft man einem Liebhaber geben kann, um ihn aus der Farblosigkeit zu erlösen, und Eduard Wildner als der Bediente Habakuk, der „zwei Jahre in Paris war“, um sich das Prestige seiner Umwelt zu verschaffen, spielt nicht das lustige Bedienten-Klischee, sondern wirklich die arme, gequälte Haut, der um seinen Platz in der Welt zappelt.

Das Ganze geht in kurzweiligen, straffen zweieinhalb Stunden in Szene, erfasst Inhalt, Geist und Seele von Raimunds Stück und ist, was bei ihm immer wichtig ist, auch ein Fest für die Darsteller.

So stellt man sich die Raimundspiele Gutenstein heute und in Zukunft vor.

Renate Wagner

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