Der Neue Merker

NÖ / Baden bei Wien: GRAND HOTEL

Grand Hotel Szene ganz 
Fotos: Bühne Baden

NÖ / Baden bei Wien / Stadttheater:
GRAND HOTEL
Nach Vicki Baums Roman „Menschen im Hotel“
Buch von Luther Davis, Musik und Gesangstexte von Robert Wright und George Forrest
Premiere: 28. Juli 2017

Es gibt Musicals, die es einfach nicht bis nach Wien schaffen – „Grand Hotel“ zum Beispiel, vor ein paar Jahren in Linz, ist jetzt in Baden bei Wien noch ein Stückchen näher gerückt, mehr wird es wohl nicht werden. Und wenn man es sehen will, muss man hierher fahren. Was sich durchaus lohnt – wenn auch nicht um des Werks selbst willen.

Woran liegt das? Nun, die Sache ist einfach nur ganz routinierte Konfektion, eine Vorlage, die im Glücksfall – wie diesmal – einiges von sich her machen kann, aber letztlich nicht von der Substanz lebt, sondern nur von der Interpretation abhängig bleibt. Weder ein total flaches Libretto noch eine gänzlich uninspirierte Musik ohne den geringsten Ohrwurm und den geringsten zündenden Einfall machen „Grand Hotel“ zu dem, was es sein könnte…

Dabei hätte es die Vorlage in sich. 1929 hatte Vicki Baum, die geschickte Wienerin mit der großen Berliner Karriere, die Großmeisterin der Kolportage, mit „Menschen im Hotel“ einen ihrer größten Erfolge. Alles drin – die alte Tänzerin, der Graf, der auch ein Dieb ist, der brutale, angeberische Industrielle, der sterbende Buchhalter und schließlich das kleine Mädchen mit den großen Träumen von Hollywood… Das alles im verrotteten und finanziell wie moralisch in sich zusammen brechenden Berlin von 1928 – da war Hollywood schnell dabei.

„Grand Hotel“ 1932 war ein Garbo-Film, so sehr, dass man sich kaum gemerkt hat, dass an ihrer Seite Joan Crawford (nicht so ideal besetzt) das arme kleine „Flämmchen“ spielte und sich gleich zwei Barrymores in der Besetzung fanden. Die deutsche Verfilmung 1959 war zumindest in den Männerrollen (O.W.Fischer elegant und melancholisch, Gert Fröbe als der hässliche Kapitalist, Heinz Rühmann als der rührende sterbende „kleine Mann“) noch stärker. Und dann musste eben das Musical kommen, ab 1989 am Broadway, 1992 in London, aber so richtig um die Welt ging es nicht. Das Buch von Luther Davis und die Musik von Robert Wright, George Forrest und Maury Yestonzu eigenen Songtexten (viele Köche haben den Brei nicht wirklich schmackhaft gemacht) sind einfach zu dürftig.

Doch es ist ein mitreißendes Tanzmusical, wenn man es richtig auf die Bühne bringt, und Baden (wo man trotz Sommers hier im Stadttheater und nicht in der Sommerarena spielt) hat sich mit Regisseur Werner Sobotka den ausgewiesenen Fachmann für das Genre geholt, der die richtige Entscheidung traf, das Ganze in eindreiviertel pausenlosen Stunden geradezu über die Bühne zu jagen. Er weiß auch, welchen Raum der der Choreographie einräumen muss: Bei Natalie Holtom läuft es mit dem Hotelpersonal zicke zacke flott, und das Ensemble (dann immer auch in Mini-Rollen eingesetzt) tanzt sich Beine werfend und temporeich schier die Seele aus dem Leib. Das ist es, was den Abend fraglos immer weiter treibt und verhindert, dass das Publikum zum Denken kommt.

Denn die Szenen mit dem zentralen Darsteller-Quintett bleiben flach, aber dafür hat man ja seine Besetzungen, um dem entgegen zu wirken. Und Wiener Theaterfreunde werden zweifellos nach Baden pilgern, um den raren Fall zu genießen, dass eine Schauspielerin, die auch eine vorzügliche Sängerin ist, eine Rolle in zwei Versionen gestaltet.

Denn Sona MacDonald hat die Elsaweta Gruschinskaja, die alternde Ballerina (bei der man unweigerlich an Margot Fonteyn denkt…) schon im März vorigen Jahres an ihrem Josefstädter Stammhaus gespielt, genauer, in den Kammerspielen, wo eine Dramatisierung von „Menschen im Hotel“ in Szene ging. Die Theaterfassung (Regie: Cesare Lievi) gab ihr die Möglichkeit, die Demontage der Figur, die Tragödie des Alters, die herzzerreißende Sehnsucht nach noch einmal Liebe, noch einmal Erfolg gnadenlos und ohne jeglichen Schönheits-Effekt auszuspielen… Im Musical sind die Anforderungen anders, das ist wie Kino, das verlangt das glatte Klischee, die gefällige Tragik.

Man kann auf YouTube sehen, wie 1991 Leslie Caron als ätherische Gruschinskaja durch die Berliner Aufführung im Theater des Westens schwebte, wunderbar – aber singen konnte sie so etwas von nicht! Sona MacDonald sieht vielleicht nicht ganz wie eine Ballerina aus, wohl aber wie eine Diva, sie tremoliert die Rolle absolut herrlich (man muss sie in diesem Rahmen tremolieren, anders geht es gar nicht, auch die Garbo tat es auf der Leinwand) – und sie singt wunderbar. Es ist schon etwas Besonderes – eine Schauspielerin / Sängerin, die zweimal dieselbe Rolle mit den jeweils so anderen Anforderungen so fabelhaft bewältigt. Sie ist das funkelnde Juwel dieser Aufführung.

Grand Hotel Sona x  Grand Hotel Flämmchen x

Und Bettina Mönch als „Flämmchen“ ist die Bombe, die ununterbrochen explodiert und kein Unheil anrichtet, sondern nur für atemberaubendes Tempo und sogar ein wenig für ein Schicksal sorgt. Man hat die Darstellerin weniger aus den „Producers“ (2008 im Ronacher), sehr stark aber aus der Volksoper in Erinnerung, wo sie zu Saisonbeginn in „Axel an der Himmelstür“ ihre perfekte Zarah-Leander-Version abgeliefert hat. Hier ist sie nicht die Diva, sondern das Musical-Pendant der Soubrette, unendlich gelenkig und ein Hingucker im kurzen roten Kleidchen (mit Traumfigur, als sie sich von dem lüsternen Generaldirektor Preysing ausziehen lassen muss), ein Schicksal, das tapfer mit hektischer Fröhlichkeit über sein Elend hinwegsingt und –tanzt. Die zweite Besetzung des Abends, um derentwillen man sich in Richtung Baden bei Wien in Bewegung setzen sollte.

Der Rest ist so gekonnt und routiniert wie die Inszenierung, wobei ein armer Otto Kringelein alle Herzen gewinnen muss, wenn er sein Schicksal so berührend offeriert wie Hannes Muik. Als Baron spielt Julian Looman mehr den eleganten Charmeur als den Mann, der über dem Abgrund tanzt. Martin Berger gibt den widerlichen Generaldirektor Preysing zurückhaltend , Wolfgang Pampel kommentiert als einäugiger Oberst das Geschehen auf der Bühne, Katja Berg sticht als lesbische Sekretärin der Tänzerin hart ins Ohr, und einer Schar von Nebenfiguren wird eiserne Präzision abverlangt, die sie perfekt auf die Bühne bringen.

Das Orchester ist hinter der Szene verortet, Michael Zehetner leitet die Begleitmusik – und der Abend tanzt über alles hinweg, was an der Vorlage dürftig ist. Mit großem und verdientem Erfolg.

Renate Wagner

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