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NIZZA FEIERT DEN KARNEVAL MIT BLUMEN UND BLÜTEN

Nizza feiert den Karneval mit Blumen und Blüten, 19.02.2014

von Ursula Wiegand

 Vor der Fastenzeit noch mal tüchtig feiern. Diese Tradition pflegt man in Nizza schon seit dem Mittelalter. Den ersten organisierten Karnevalsumzug gab es 1873, eine Blumenschlacht ab 1876. Seither ist Nizzas Karneval berühmt. Das fröhliche Treiben dauert 19 Tage, und rund 1 Million Besucher aus aller Welt reisen in dieser Zeit an.

 Blumenschlacht, eine Schöne grüßt vom Wagen
Blumenschlacht, eine Schöne grüßt vom Wagen. Foto: Ursula Wiegand

 Blumenschlacht? Das klingt fast martialisch, entpuppt sich jedoch als ein fröhliches Frühlingsfest im Zeichen der sonnengelben Mimosen. An der Côte d’Azur blühen sie bereits, und bildhübsche Mädchen auf den 20 Festwagen werfen sie bei der Parade auf der „Promenade des Anglais“ ins Publikum.

Zur Dekoration der Wagen gehören aber auch Rosen, Tulpen, Nelken, Lilien, Gerbera und Grünzeug, außerdem übergroße Früchte sowie Teller und Bestecks, hat doch der diesjährige Karneval „Nizzas Küche“ als Motto.

 Blumenkönigin Angéline Genovese bei der Parade
Blumenkönigin Angéline Genovese bei der Parade. Foto: Ursula Wiegand

 Auf dem feinsten Gefährt steht lächelnd die Blumenkönigin, die 20jährige Jurastudentin Angéline Genovese. Per Internet wurde die charmante Dunkelhaarige gewählt. Sie möchte die Menschen glücklich machen, so ihre Worte vor diesem beeindruckenden Blumenkorso.

 Blumenschlacht mit schnaubendem Drachen
Blumenschlacht mit schnaubendem Drachen. Foto: Ursula Wiegand

 Das haben alle im Sinn. Lauter schöne Frauen in ebenso schönen Kostümen grüßen, Musik umrahmt, von den prächtig geschmückten Wagen. Zu flotten Rhythmen sorgt auch die Animationstruppe BAT mit Rad schlagenden Girls und Akrobaten für jede Menge Stimmung. Ein schnaubender Drache zieht vorbei, ein buntes Fabeltier schwebt über den Köpfen, so als wär’s ein überdimensionaler Kindergeburtstag.

 Tahiti-Tanzgruppe
Tahiti-Tanzgruppe. Foto: Ursula Wiegand

Begeistert werden die (in Nizza beheimateten) Tahiti-Tänzer gefeiert, Applaus erntet auch der Fanfarenzug Graf Zeppelin aus Friedrichshafen. Wegen der 60-jährigen Städtepartnerschaft zwischen Nizza-Nürnberg ist Deutschland diesmal Karneval-Ehrengast.

Erst um Ende des Umzugs beginnt die Blumenschlacht, und das ist Emotion pur. Denn nun plündern Helfer die Wagen und werfen sämtliche Blumen in die Menge. Mit dicken Sträußen ziehen viele glückstrahlend von dannen. Wer wenig erwischt hat, kann bis zum 4. März das Fangen bei weiteren Blumenschlachten – jeweils mittwochs und samstags – üben.

Nicole Merlino, Managerin von abertausenden Blumen 
Nicole Merlino, Managerin von abertausenden Blumen. Foto: Ursula Wiegand

 An den folgenden Tagen werden die Wagen frisch geschmückt. All’ das plant und managt schon Monate im Voraus Nicole Merlino, früher selbst Blumenzüchterin. „Blumen sind meine Leidenschaft,“ bekennt sie.

Sie engagiert auch die Floristen, und die haben alle Hände voll zu tun.

 Blumengarage, Dekorieren der Karnevalswagen
Blumengarage, Dekoration der Karnevalswagen. Foto: Ursula Wiegand

Jeder der 20 Wagen wird mit rd. 2.500 Blumen dekoriert. Ist es nicht schade drum?  „Nein,“ meint Nicole, „Blumen begleiten uns von der Geburt bis zum Grab. Außerdem ist Nizza die Blumenstadt, und 60 Prozent der Blüten stammen aus unserer Region,“ betont sie.

 Kostümschneiderin Caroline Roux mit einer Kreation
Kostümschneiderin Caroline Roux mit einer Kreation. Foto: Ursula Wiegand

Für die Farbharmonie zwischen den Blumen und Gewändern der jungen Damen sorgt Chef-Kostümschneiderin Caroline Roux zusammen mit drei Kolleginnen. Schon in jungen Jahren ging sie gerne in die Oper oder ins Theater, vor allem wegen der Kostüme. Carolines Arbeit fängt mit dem Einkauf der Stoffe und dem Zeichnen der Modelle an. Zu viert fertigen sie dann ab Oktober die tollsten Kostüme, teils witzige, teils überaus prächtige.

Henda, Carolines Kollegin, macht diesen anspruchsvollen Job schon seit 15 Jahren. Stets gestaltet sie die Robe der Blumenkönigin und braucht dafür rd. 200 Arbeitsstunden. Summa summarum schneidern die vier Frauen 47 Kostüme, davon 27 für die Blumenschlacht.

 Karnevalskönig beim Abendumzug
 Karnevalskönig beim Abendumzug. Foto: Ursula Wiegand

 Spätabends, bei der Parade von 18 Fahrzeugen am Massena-Platz, schlagen die Wogen der Begeisterung – angeheizt von bestem Beat – fast noch höher. Wer kostümiert kommt, hat freien Eintritt, allerdings keinen Sitzplatz auf den Tribünen.

 Karnevalskönigin Charlotte vorm Riesenrad
Karnevalskönigin Charlotte vorm Riesenrad. Foto: Ursula Wiegand

 Den Anfang macht der „König der Gastronomie“, gefolgt von Königin Charlotte mit roten Riesenbeeren und dem Sohn Carnavalon. Der Feuer speiende Drache und das Fabeltier sind auch wieder da und werden von den Scheinwerfern in schrille Farben getaucht.

 Abendumzug mit Fabeltier
Abendumzug mit Fabeltier. Foto: Ursula Wiegand

 Doch alle warten gespannt auf die traditionellen Großköpfe aus Pappmaschee. Nach dem Schauspieler Depardieu ziehen beispielsweise der Starkoch Bocuse und der Reiseführer Michelin vorbei. Ein Weintester tunkt seine lange Nase in die Gläser, eine Bauersfrau packt eine Gans fest an der Gurgel.

 Angelas Euro-Sauerkraut
 Angelas Euro-Sauerkraut. Foto: Ursula Wiegand

 Wladimir Putin ist gleich mit einer Reihe kleinerer Köpfe vertreten, Angela Merkel kommt in groß daher. Im offenherzigen Dirndl schwebt sie lächelnd vorbei, mit offenbar empört kreischenden Regierungschefs zu ihren Füßen. „Angelas Euro-Sauerkraut“ heißt diese Papp-Kanzlerin.

Doch statt Sauerkraut genießen die Zuschauer nach dem Spektakel lieber die für Nizza typischen Spezialitäten, die immer mehr Restaurants offerieren, so das gemütliche „Acchiardo“ in der Altstadt. In Nizza wird gerne gediegen und gesittet gefeiert.

 10-Meilen Rock'n Roll Karnevalslauf
10-Meilen Rock’n Roll Karnevalslauf. Foto: Ursula Wiegand

 Wer am Morgen danach am Meer entlang joggen will, hält sich ohnehin etwas zurück, hat doch Nizzas Oberbürgermeister Christian Estrosi das Faschingsgeschehen mit einer neuen Zutat gewürzt: dem „10-Meilen Rock’n Roll Karnevalslauf“.

Und so traben bei warmer Sonne und heißen Rhythmen rund 3.000 Frauen und Männer diverser Nationen entlang der Engelsbucht bis zum Hafen und zurück, eine ca. 16 km lange Strecke. Laufen statt Lallen, ist hier angesagt. Einige tragen bunte Perücken, manche Ganzkörperkostüme, während sich mutige Schwimmer bereits ins noch kühle Mittelmeer wagen.

Nach all’ den Paraden, nach Konfetti-Regen und Spagettis aus Sprühdosen ist aber auch in Nizza am Aschermittwoch alles vorbei. Schon am Faschingsdienstag (4. März) wird der König verbrannt, doch die Laune bleibt bestens. Die Materialien werden recycelt, in anderer Gestalt wird er zum nächsten Karneval symbolträchtig wieder auferstehen.

 Blick auf Nizzas Altstadt mit Kathedrale
Blick auf Nizzas Altstadt mit Kathedrale. Foto: Ursula Wiegand

 Zwischen den Veranstaltungen ist noch Zeit für das „Erklimmen“ des Schlossbergs, sei es per pedes oder per Fahrstuhl. Das lohnt sich, denn von dort oben hat man einen großartigen Blick auf Nizza mit seiner barocken Kathedrale. In der Gegenrichtung zeigt sich der Hafen, gesäumt von farbigen Bauten aus dem 18. Jahrhundert im Genuesischen Stil.

 Blick auf Nizzas Hafen mit Bauten im Genuesischen Stil
Blick auf Nizzas Hafen mit Bauten im Genuesischen Stil. Foto: Ursula Wiegand

 Nicht erst jetzt fällt Besuchern Nizzas besonderes Licht auf, genau wie einst dem Maler Henri Matisse. 1917 war er nach Nizza gereist, um seine Bronchitis auszukurieren. Nach drei ziemlich verregneten Wochen wollte er frustriert abreisen, doch in diesem Moment, so heißt es, brach die Sonne durch die Wolken. Matisse war überwältigt und blieb. Zeitweise wohnte er in dem ockerfarbenen Haus Nr. 1, Place Charles-Felix.

 Matisse wohnte in diesem Haus
Matisse wohnte in diesem Haus. Foto: Ursula Wiegand

 „Als ich mir bewusst wurde, dass ich jeden Morgen dieses Licht wieder sehen werde, konnte ich mein Glück kaum fassen,“ waren seine Worte. Beim Blick auf die schimmernde Engelsbucht lassen sich seine Gefühle nachempfinden.

 Nizza, die Engelsbucht mit den feinen Hotels
Nizza, die Engelsbucht mit den feinen Hotels. Foto: Ursula Wiegand

 Bis zu seinem Tod im Jahr 1954 lebte er im heutzutage zur Stadt gehörigen Vorort Cimiez. Seine Werke, inspiriert von Nizzas Licht, sind im Matisse Museum zu sehen (www.musee-matisse-nice.org). Bewunderer von Marc Chagall werden in dem nach ihm benannten Museum beim Anblick von 17 Großbildern mit biblischen Botschaften glücklich (www.musee-chagall.fr).

 Nationaltheater + MAMAC, geplant von Ives Bayard u. Henri Vidal, 2
Nationaltheater + MAMAC, geplant von Ives Bayard u. Henri Vidal. Foto: Ursula Wiegand

 Liebhaber moderner Kunst und Architektur spazieren durch die neue Grünanlage „Promenade du Paillon“ zum MAMAC, dem „Museum der Modernen und Zeitgenössischen Kunst“, errichtet 1990, nach Plänen der Architekten Ives Bayard u. Henri Vidal. Die setzten ein kantiges Ensemble, bestehend aus Museum und Nationaltheater, ins lebhafte Stadtzentrum, einen Bau aus weißem Carrara-Marmor mit einem roten Sockel entlang der Straße. Von der  oberen Plattform, wo sich die Eingänge befinden, bietet sich ein Blick auf Nizza.

 Feinste Olivenöle von Nicolas Alziari
Feinste Olivenöle von Nicolas Alziari. Foto: Ursula Wiegand

 Im Gegensatz dazu die Oper von 1885 in der Altstadt in der rue Saint-François de Paul (www.opera-nice.org). In dieser Straße befinden sich auch zwei berühmte Geschäfte. Feinstes Olivenöl aus eigenem Anbau bietet Nicolas Alziari in der „Huilerie de la Madeleine (www.alziari.com.fr), ein Familienbetrieb seit 1868. Edelste, handgefertigte Pralinen zu edlen Preisen offeriert das „Maison Auer“, gegründet 1820, im Jugendstilambiente.

Infos zum Karneval auch auf Deutsch mit Terminen und Ticketpreisen unter www.nicecarnaval.com, zur Stadt unter www.nicetourisme.com. Außer teuren Strandhotels gibt es auch preiswerte Gästezimmer. Eine Liste mit 40 Anbietern besitzt das Touristbüro.