NEW YORK / Die Met im Kino: NABUCCO

by R.Wagner | 8. Januar 2017 01:02

2017  Met NabuccomPlakat xx

NEW YORK / Die Met im Kino:
NABUCCO von Giuseppe Verdi
7.
Jänner 2017

Mag sein, dass auch in Wien für die „Met im Kino“ der „Cavalleria Rusticana / Bejazzo“-Abend nicht ausverkauft war so wie am Originalschauplatz in New York. Für „Nabucco“ jedenfalls hatten die Village-Kinos in der Landstraße zusätzliche Säle geöffnet. Natürlich nur, weil Plácido Domingo in der Titelrolle angesetzt war. Muss man Opernbesucher deshalb verurteilen, weil sie (wie auch im Fall Kaufmann oder Netrebko) „stargeil“ sind? Oder suchen sie schlicht und einfach die große Persönlichkeit?

Und die bekommt man mit Plácido Domingo wahrlich geboten. 2014 hat man ihn als Nabucco auch in Wien gehört, aber das war kein Vergleich zu dem, was er in New York zeigen durfte. Das hat natürlich mit der Inszenierung zu tun – wie soll man Gotteslästerung, Wahnsinn, Furor und Läuterung in einer Straßenanzug-Inszenierung wie der Krämer’schen auch nur annähernd überzeugend darstellen? Da half das historisierende Ambiente in New York (von dem noch die Rede sein soll) gewaltig.

Vor allem aber kommt man, wie zuletzt beim Wiener Macbeth, aus dem Staunen über die gesangliche Qualität von Domingos Leistung nicht hinaus. Natürlich, das sei vorausgeschickt, singt er die Rolle mit seinem bekannten, also tenoralen Timbre, den dunklen, düsteren Bariton erlebt man nicht. Aber die Rolle wird punktgenau und ohne hörbare Schwierigkeit gesungen, im Gegensatz zu jüngeren Sängern (man muss Belosselskiy da als Beispiel anführen) „rutscht“ Domingo nie aus oder ab, erweckt auch nie den Eindruck der Überforderung. Sein Nabucco ist eine ganze Figur, wenngleich seine Feinde sicher die grimmige Miene, die  er bei seinem Auftritt zieht, um den bösen Potentaten gleich von Beginn festzumachen, vermutlich lächerlich finden. Aber seine großen Szenen, wenn er sich selbst zum Gott erklärt, oder auch wenn er zur Einsicht kommt (dies bitte auf dem Bauch liegend gesungen! Da bekommt man schon vom Zusehen Atemnot), sind schlechtweg großartig. Später einmal wird man als Opernfreund zu einander sagen: „Erinnerst Du Dich an seinen New Yorker Nabucco? Der war wirklich phantastisch…“

Der Nabucco ist eine komplexe Rolle, aber innerhalb des Verdi-Bariton-Kosmos nur eine von vielen großen. Die Abigail ist – gemeinsam mit der Odabella im „Attila“ – das, was der junge Verdi meinte, einer dramatischen Sängerin abfordern, ja zumuten zu können. Glücklicherweise hat er nach „Macbeth“ dann seine Vorstellungen von Frauenrollen bei allen Finessen auf ein erträgliches Maß technischer Machbarkeit zurückgeführt. Die Abigaille hingegen ist das, womit man sich leicht die Stimme ruiniert, mit ihren gewaltigen Sprüngen in den Registern, mit der Notwendigkeit, in höchsten Höhen gewaltig zu schmettern, mit den Extremen, einerseits eine regelrechte „Stretta“ zu donnern, andererseits mit aller lyrischer Feinheit zu sterben…

Liudmyla Monastyrska, die wir in Wien nur einmal als Aida erlebt haben, die aber die „Abigaile vom Dienst“ vieler Bühnen ist, tritt hier bombastisch als Mittelding von Amazone und Walküre auf, was leises Lächeln erzeugt. Aber je mehr man ihr zuhört und zusieht, umso beeindruckender ist ihre gesangliche und auch – mit wildem Schwarzhaar und wildem Blick – darstellerische Bewältigung der Rolle. Ein „Mordsweib“, und genau das soll sie sein.

Dagegen hat es ihre Schwester Fenena gut, ein Mezzo, der meist nur geschreckt dreinsehen muss und am Ende eine wunderschöne lyrische Arie bekommt: Jamie Barton, ganz selten in Europa und hier noch wenig bekannt, hat optisch den Umriß, mit dem die Amerikaner besser zurecht kommen als wir und macht ihre Sache brav. Gleiches kann man von dem afroamerikanischen Tenor Russell Thomas sagen, durchaus heldisch im Zuschnitt, aber bekanntlich hat der junge Verdi noch darauf vergessen, dem Tenor tüchtig zu tun zu geben.

Dafür hat der Baß eine sehr große Rolle, vom Anfang bis zum Ende, und Dmitry Belosselskiy (der auch in Wien hier Domingos Partner war) wirkte leicht überfordert. Seiner zwar starken, aber harten und nicht wirklich resonanzreichen Stimme ging nach und nach die Kraft aus, Unsauberkeiten schlichen sich ein.

Dass „Nabucco“ eine Choroper ist und dass es sich bei „Va pensiero“ um die wahrscheinlich berühmteste Chor-„Nummer“ des italienischen Repertoires handelt, ist bekannt: Die New Yorker sangen es sehr schön und durften auch wiederholen. Dass dieser Chor bei der Uraufführung so wichtig war, weil die Italiener damals von den Österreichern „unterdrückt“ (oppressed) waren, erfuhr man von Pausen-Kommentator Eric Owens, der diesmal den Gastgeber spielte. Ja, sie waren schon die reinsten mordlustigen Babylonier, diese Habsburger…

James Levine, der 73jährige, ist nach schwerer Krankheit wieder da, und das ist immer ein Glück für die Met, der er sein Leben gewidmet hat. Denn er ist bekanntlich der Mann, der alles kann, Wagner und Verdi, Offenbach und Berg, die „Fledermaus“ und natürlich Mozart, Rossini und alles, was das Opernrepertoire so mit sich bringt. Er ist ein Phänomen, und wer seine Karriere in den letzten Jahrzehnten mitverfolgt hat, kann gar nicht anders, als ihm höchsten Respekt zu zollen. Die Met trägt ihn zu Recht auf Händen, man hat sogar ein drehbares Podest eingebaut, auf dem er in seinem Rollstuhl dirigieren und sich auch zum Publikum wenden und für den Applaus danken kann.

Zu den immer wieder zu lobenden technischen Qualitäten dieser Met-Aufführugen (es gibt sogar Kameras, die offenbar auf irgendwelchen Kränen von oben geschwenkt werden, und die Bildauswahl ist erstklassig) gehört auch, dass man immer wieder den Dirigenten sieht – zu beobachten, wie gespannt und dabei beglückt Levine die Musik formt, ist ein Erlebnis für sich. Wobei er „Nabucco“ eher diskret nahm, man könnte da mehr Theaterdonner entfesseln, er hielt sich an die Schönheiten der Musik und an die sensible Begleitung der Sänger.

Die Met ist die Met, wenn die  „Neubauer“-Family und Bloomberg einen großen Teil der Kosten übernehmen, können sie auch das ästhetische Profil bestimmen, wer zahlt, der schafft an. („Wir werden ihnen schon nicht auf die  Bühne scheißen“, sagte der mittlerweile verstorbene Rolf Langenfass zu mir, als er auf dem Sprung nach New York war, um mit Otto Schenk den „Don Pasquale“ der Netrebko auf den Leib zu schneidern). Allerdings haben historisierende Aufführungen zweifellos auch etwas für sich. Freilich, nicht auf den ersten Blick – da scheint das, was Elijah Moshinsky übrigens schon 2001 geschaffen hat, in der opulenten Drehbühnen-Ausstattung von John Napier (Tempel in Jerusalem, Baal-Tempel in Babylon, eine Art babylonischer Klagemauer, wo der Chor der Hebräer sich nach Hause sehnen darf) wie ein Bibel-Film aus Hollywood – oder schlimmer: wie die Parodie dessen.

Und doch: Was sieht man, wenn man sich vorurteilsfrei darauf einlässt? Man sieht Verdis „Nabucco“, so wie die Geschichte geschrieben ist, vom tapferen Volk, dem überheblichen Usurpator, der intriganten Tochter (nebenbei noch ein kleines bisschen Liebesgeschichte der zweiten Tochter mit einem Hebräer), Gewalt, Umsturz, Läuterung des Königs, der sich von Baal zu Jehova wendet, Happyend. Alles ist klar, logisch und verständlich – was man von keiner „modernen“ Inszenierung behaupten kann. Gilt die gute, alte, dramatische Bibel-Geschichte nicht mehr, weil es seither viel zu viel Tod und Vertreibung jeder Art gegeben hat? Darf man deshalb das Original nicht erzählen? Bei uns sicher nicht. In New York schon. Und es ist wunderbar, um wie viel leichter sich die Sänger dabei tun…

In der Pause gab es die üblichen Gespräche, davon eines aufgezeichnet: Intendant Peter Gelb sprach mit James Levine und Placido Domingo, die etwa 350 gemeinsame Abende an der Met gestaltet haben. Keine Künstler, so meinte Gelb, hätten so viel für dieses Haus getan wie diese beiden. Domingo erinnerte sich an seine erste Begegnung mit Levine für eine „Tosca“ 1971 in San Francisco, und schon damals hätte er sich gefragt, wer denn dieser begabte Junge da am Dirigentenpult sei. Im übrigen lobte er besonders Levines freundlichen Umgang mit den Sängern – na ja, ein Toscanini, der nur herumbrüllte und jedermann beleidigte, bekäme es heute mit dem „Human Resources Department“ zu tun, scherzte Gelb.

Levine meinte, nichts sei perfekt in der Oper, „to be perfect is not an artistic concept“, und jedes wahre Publikum hätte Verständnis, wenn etwas nicht gelingt, „ein Fehler ist nicht das Ende der Welt“. Domingo fügte hinzu: „In meinem Kopf weiß ich genau, wie etwas zu singen ist – aber ich war nie imstande, etwas perfekt zu realisieren.“ Mein einigte sich darauf, dass doch sehr, sehr viel gelinge…

Es war ein Gespräch voll Humor und Würde, und der Respekt, den Gelb diesen beiden „alten“ Künstlern entgegenbrachte, war einfach wunderbar. Wenn man sich daran erinnert, wie hierzulande über große Künstler gesprochen und geschrieben wird, mit wie viel Häme und Verächtlichkeit, kann man sich nur genieren.

Renate Wagner

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