Der Neue Merker

NEUBURG an der Donau: ARZT WIDER WILLEN und ALLES VERHEXT? – zwei Einakter von Francesco Gardi (1760 – 1810)

Zwei Opernraritäten in Neuburg an der Donau:

„Arzt wider Willen“ und „Alles verhext?!“ von Francesco Gardi

(Vorstellung: 23. 7. 2017)

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Copyright: Theater Neuburg

Seit Jahren bringt die Neuburger Kammeroper im Sommer Opernraritäten zur Aufführung, in diesem Jahr zwei Opern-Einakter des in Vergessenheit geratenen venezianischen Komponisten Francesco Gardi: „Arzt wider Willen“ („Il medico a suo dispetto ossia La muta per amore“) und „Alles verhext?!“ („L’Incantesimo senza magia“). Die beiden Opern wurden von Annette und Horst Vladar für die Neuburger Kammeroper übersetzt und bearbeitet.

 

Francesco Gardi wurde um 1760 in Venedig geboren, wo er auch um 1810 starb. Er schrieb mindestens 26 Opern, deren handschriftliche Partituren in der Pariser Nationalbibliothek zu finden sind. Über sein Leben ist nur wenig bekannt. Höchstwahrscheinlich erhielt er seine musikalische Ausbildung in Venedig, wo er von 1787 bis 1791 Chordirektor am Hospiz Poveri Derelitti war. Später war er Mitglied der Accademia Filarmonica von Bologna, die im Rang einer Hofkapelle stand. Seine Bekanntschaft mit dem Grafen Alessandro Pepoli, einem der einflussreichsten Männer des venezianischen kulturellen Lebens, erwies sich für Gardi als besonders wichtig. Er hatte in seinem Palazzo ein Theater eingerichtet, in dem viele Werke von Gardi uraufgeführt wurden. Außerordentlich geschätzt wurden seine einaktigen komischen Opern (Farsa) nach Textbüchern von Giuseppe Maria Foppa, die ihn auch außerhalb Venedigs populär machten. Dazu zählen auch die zurzeit im Stadttheater Neuburg an der Donau gezeigten Werke.

 

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Joachim Herrmann, der Arzt wider Willen, mit Laura Faig, seiner verprügelten Ehefrau (Copyright: Neuburger Kammeroper)

Der Einakter „Arzt wider Willen“ nach einem Stück von Molière wurde im Jahr 1800 in Venedig im Teatro S. Angelo uraufgeführt. Der Inhalt in Kurzfassung: Eine von ihrem älteren  Ehemann verprügelte junge Frau rächt sich, indem sie ihn einem wegen der plötzlichen Stummheit seiner Tochter verzweifelten Vater gegenüber als wahren Wunderdoktor ausgibt. Da er aber seinen Beruf nicht ausüben will, könne er nur durch Prügel dazu gebracht werden. Der besorgte Vater ergreift diesen „Rettungsanker“ und lässt den Kräutersammler von seinen Dienern so lange durchprügeln, bis er zugibt, Arzt zu sein. Tatsächlich gesundet seine Tochter, die mit vielen Tricks und der Hilfe von Bediensteten die ersehnte Zustimmung des Vaters zur Heirat mit ihrem Geliebten Giocondo bekommt. Auch der zum Doktor Geprügelte kann sich mit seiner jungen Frau wieder versöhnen.

Regisseur Michael Hoffmann gelang eine komödiantische Inszenierung, in der das Sängerensemble durchwegs humorvoll agierte, wobei es auch stimmlich überzeugte. Den Kräutersammler Tarabara spielte der aufgrund seiner enormen Größe linkisch wirkende Bariton Joachim Herrmann mit starker Bühnenausstrahlung und großer Begabung fürs Komödienhafte. Seine verprügelte Ehefrau Armellina gab die Sopranistin Laura Faig, die ihrem Ehemann mit Augenzwinkern und List die Prügel heimzahlte.

Die anfangs „stumme“ Fiorina wurde von der Mezzosopranistin Denise Felsecker mit köstlichem Mienenspiel gegeben, ihren besorgten Vater Luca gab Horst Vladar, der Mitbegründer der Neuburger Kammeroper. Er darf auch als die „Seele“ des Unternehmens bezeichnet werden, ist er doch seit Jahren dessen künstlerischer Leiter. Fiorinas Geliebter Giocondo wurde vom Schweizer Tenor Semjon Bulinsky dargestellt. Er überzeugte sowohl stimmlich wie schauspielerisch und darf als Gewinn für die Neuburger Kammeroper bezeichnet werden. Sehr komödiantisch agierte als Lucas Diener Finocchio der Tenor  Wilfried Michl.

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„Alles verhext“. Eine der vielen komödiantischen Szenen: Joachim Herrmann, Wilfried Michl und Denise Felsecker (Copyright: Neuburger Kammeroper)

Nach der Pause stand der zweite Einakter „Alles verhext?!“ von Francesco Gardi auf dem Programm, dessen Uraufführung im Jahr 1800 im Teatro S. Moisé in Venedig stattfand.

Der Inhalt in Kurzfassung: Avorio, Corinnas Vormund, hat für sein Mündel eine für ihn vorteilhafte Ehe beschlossen, obwohl sie in Ernesto verliebt ist. Der von ihm Erwählte ist Don Tirante, ein eitler reicher Mann aus der Nachbarstadt. Als er zur Brautwerbung kommt, umgarnen ihn hübsche Frauen. Der Dummkopf fällt darauf rein, obwohl ihm für Untreue von Brüdern und Onkeln der Frauen Rache angedroht wird. Total verwirrt ist er, als ihm im Haus des Vormunds dieselben Leute in anderer Identität entgegentreten. Dass alle Freundinnen und Freunde des Mündels Corinna und ihres Geliebten Ernesto sind, bemerkt er erst, als er entsetzt aus dem Haus flieht. Zurück bleiben glückliche Paare und ein geprellter Vormund.

Der reiche Dummkopf Don Tirante war mit dem Bariton Joachim Herrmann exzellent besetzt. Unter der Regie von Horst Vladar spielte er seine Rolle auf eindrucksvolle Weise komödiantisch aus, wobei er stimmlich sehr wortdeutlich agierte. Ebenso kabarettreif spielten die Mezzosopranistin Denise Felsecker, die als Dienerin Dorina den eitlen Don Tirante mit erotischen Verrenkungen umgarnt, und die Sopranistin Laura Faig als Mündel Corinna, die sich Don Tirante gegenüber als wahnsinnig verliebte Lucidora ausgibt, die sich für jeden Fehltritt rächen werde.

Sehr humorvoll agierten auch die beiden Tenöre Semjon Bulinsky als Corinnas Geliebter Ernesto und Wilfried Michl als Avorios Diener Lumino, der in Dorina verliebt ist. Den Vormund spielte der Bariton Michael Hoffmann mit köstlicher Mimik.

Die ansprechenden Bühnenbilder der beiden Einakter gestaltete der Mailänder Michele Lorenzini, der im Jahr 2014 bei der Neuburger Kammeroper kurzfristig einsprang und seither für die Bühnenausstattung verantwortlich zeichnet. Das 1890 gegründete Orchester des Akademischen Orchesterverbandes München dirigierte wieder in bewährter Manier Alois Rottenaicher, der seit über 20 Jahren der musikalische Leiter der Neuburger Kammeroper ist.

Das von den Darbietungen im ausverkauften Theater Neuburg an der Donau begeisterte Publikum, das auch mit Szenenapplaus nicht geizte, dankte allen Mitwirkenden mit lang anhaltendem Beifall und Bravorufen. Man darf gespannt sein, welche Raritäten das Ehepaar Annette und Horst Vladar den interessierten Opernbesuchern im nächsten Jahr bieten wird.

Udo Pacolt

 

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