Der Neue Merker

NEUBRANDENBURG: KONZERT DER NEUBRANDENBURGER PHILHARMONIE

NEUBRANDENBURG: Neujahrskonzert der Neubrandenburger Philharmonie
am 1.1.2017 (Werner Häußner)

Walzer in Mecklenburg: Mit einem Wiener Programm startete die Neubrandenburger Philharmonie ins neue Jahr. Eines der zahllosen Konzerte zum Jahreswechsel, dem aber GMD Sebastian Tewinkel eine attraktive Programmatik gegeben hat. Die dramaturgischen Billig-Varianten sind ja Beethovens Neunte als eingestaubtes Neujahrsritual, alternativ Evergreens von Johann Strauß oder ein buntes Allerlei aus unterhaltsamen Piècen. In der Stadt im Süden von Mecklenburg-Vorpommern mit ihren knapp 65.000 Einwohnern gab es zwar auch Strauß, aber dazu traten Otto Nicolai und Friedrich Gulda. Nicolai war ein waschechter Preuße, ging durch eine prägende italienische Schule und hat für Wien als Erster Kapellmeister an der Hofoper und Gründer der nun 175 Jahre alten Wiener Philharmoniker einen prägenden Einfluss. Und Friedrich Gulda, in Wien geborener und ausgebildeter weltberühmter Pianist, wurde mit seinem beliebten Konzert für Cello und Blasorchester als Komponist vorgestellt.

Die Neubrandenburger Philharmonie näherte sich diesem hübschen Programm mit Eleganz und Esprit. Das Orchester mit seinen 68 Planstellen besteht seit 1951 und bespielt seit jeher zahlreiche Abstecherorte in Mecklenburg-Vorpommern. Seit 1994 fungiert es auch als Opernorchester das Landestheater im 30 Kilometer entfernten Neustrelitz, der früheren Landeshauptstadt von Mecklenburg-Strelitz. Die Tradition des Theaters reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück. Der Max-Littmann-Bau aus den zwanziger Jahren wurde nach dem Einmarsch der Roten Armee 1945 durch Brandstiftung zerstört, aber 1954 mit einem modern gestalteten Innenraum wieder eröffnet.

Nicht erst in den letzten Jahren stehen für den Klangkörper – wie für Theater und Orchester in Mecklenburg-Vorpommern überhaupt – die Zeichen auf Sturm: Die letzten 20 Jahre waren von finanzieller Stagnation und ständig drohendem Abbau geprägt. Die erste Welle der Fusionierungen und Auflösungen von Ensembles war vielleicht noch mit einer notwendigen Neuordnung der Kulturlandschaft zu erklären. Die Zusammenlegung des Neustrelitzer Theaters, des Neubrandenburger Orchesters und des Kammertheaters in der stolzen „Vier-Tore-Stadt“ 2000/2001 stand schon unter dem Diktat ökonomischer Notwendigkeiten.

Seit 2014 sorgt ein Plan des bis 2016 amtierenden Ministers für Bildung, Wissenschaft und Kultur und jetzigen Finanzministers Matthias Brodkorb für Aufruhr: Ein „Staatstheater Nordost“ soll ab 2018 das Theater Vorpommern (Greifswald, Stralsund, Putbus) mit Neubrandenburg und Neustrelitz zusammenspannen. Für die Philharmonie Neubrandenburg würde dieser Plan das Ende in der bisherigen Form bedeuten. Für die kulturelle Ausdünnung werden wieder einmal ökonomische Gründe angeführt – und das in einem Deutschland, das heute reicher ist als je zuvor in seiner Geschichte. Auch die Demographie wird bemüht, denn das nordöstliche Flächenland mit seinen heute 1,6 Millionen Einwohnern hat seit 1990 mehrere hunderttausend Menschen verloren, ein Trend, der aber in jüngster Zeit erfolgreich gebrochen wurde.

Aber: Wer die bloße Zahl der Einwohner und den Charakter eines Flächenlandes heranzieht, wird schwerlich dazu kommen, eine Überversorgung des Landes mit Theaterkultur zu konstatieren. Das schaffen nur windige Berater, die Politikern einreden, man könne mit weniger Mitteln mehr und bessere Kultur gewährleisten. Wohin das führt, ist an anderen Beispielen ablesbar: Gera-Altenburg oder Plauen-Zwickau etwa sind durch Fusionen und nachfolgende Kürzungen keineswegs krisensicher oder qualitätvoller geworden. Aber das „Notstromaggregat für kulturelle Grundversorgung“ – so nannte die Frankfurter Allgemeine das geplante Gebilde – kappt die Bindung der Bürger an „ihr“ Theater, dünnt die lokale Kulturszene aus und sorgt für den Verlust kreativer Arbeitsplätze.

Momentan ist unter der neuen Ministerin Birgit Hesse eine Ruhe eingekehrt, von der man noch nicht weiß, ob sie das Innehalten vor dem endgültigen Sturm oder die Pause für eine vernünftige Besinnung bedeutet. Es bleibt zu hoffen, dass die mahnenden Worte von Spitzenpolitikern – auch von der Kanzlerin, die in der Uckermark in Brandenburg aufwuchs, kaum eine dreiviertel Stunde Autofahrt von Neustrelitz und Neubrandenburg entfernt – auf Gehör stoßen. Vor Situationen wie der in Mecklenburg-Vorpommern oder in Sachsen-Anhalt wirkt es nachgerade als Hohn, wenn die deutsche Theater- und Orchesterlandschaft zum „immateriellen Kulturerbe“ der Unesco erklärt werden soll, aber in ihrer Vielfalt von innen ausgehöhlt wird.

Welche Werte auf dem Spiel stehen, zeigt der Abend in der Konzertkirche in Neubrandenburg. In die ehemalige Marienkirche, einem gewaltigen gotischen Bau im Zentrum der Stadt, hat der finnische Architekt Pekka Salminen einen Konzertsaal mit 850 Plätzen eingebaut. Der Zusammenklang der gotischen Backsteinarchitektur des 13. Jahrhunderts und des sachlichen modernen Einbaus überrascht; der Saal selbst lässt den Blick frei auf die großflächigen gotischen Fenster des Kirchenschiffs. Transparente Segel regulieren die Akustik: Der Klang des Orchesters ist weich und füllig, scheint ein wenig die Streicher zu begünstigen.

Otto Nicolais Ouvertüre zu „Die lustigen Weiber von Windsor“ erklang sauber durchgezeichnet, die filigranen Violinfiguren bildeten sich im Raum ausgezeichnet ab – und stellten den Musikern der Philharmonie ein in Sachen Präzision erfreuliches Zeugnis aus. Die Holzbläser hatten es dagegen schwerer, sich im Klang eigenständig zu profilieren, obwohl sie nicht zu leise spielten. Tewinkel dirigierte ohne Übertreibungen, aber auch ein wenig bar gestischen Humors.

Auch die unverwüstliche, daher oft recht nachlässig genommene „Fledermaus“-Ouvertüre ließ einen Spritzer Ironie und „Schmäh“ vermissen. Tewinkel betonte eher die Eleganz der Melodiebildung und die Finesse des Metrums, weniger die rhetorisch-gestischen Möglichkeiten, unter Pathos oder Schwung einen doppelten Boden einzuziehen. Dem „Kaiserwalzer“ kam dieser Zugang zugute: schön ausgespannte, mit Crescendo-Decrescendo betonte Bögen, feine Fermaten, kein plumpes Betonen schwerer Takte, dabei ein plastisches Durchformen instrumentaler Details. Walzer in Mecklenburg – das klappt wunderbar!

Das Cellokonzert, das Friedrich Gulda 1980 für den jüngst verstorbenen Heinrich Schiff geschrieben hatte, fand in Maximilian Hornung einen animierten Interpreten. Der 31-Jährige ist in dieser Saison der erste „Artist in Residence“ des Orchesters und spielt mit den Neunbrandenburgern noch Victor Herberts Vier Stücke für Violoncello und Streicher, Dvořáks Cellokonzert und in einem Kammermusikabend Beethovens Septett op.20 und Brahms‘ Sextett op. 18. Hornung und die prachtvollen Bläser der Philharmonie hielten sich fern jeder falschen Ironie: Gulda legt in die Ländler und Dreher eine Hommage an die österreichische Volksmusik fern jeder metaphorischen Absicht. Ob in der „Idylle“ des zweiten oder im „Menuett“ des vierten der fünf Sätze: Gulda schreibt ungebrochen schön. Vergeblich sucht man ironischen Hintersinn, daher wurde das Konzert auch, etwa vom Komponisten Moritz Eggert, heftig kritisiert. Aber Gulda geht es nicht um den Material-Fortschritt oder den distanzierten Umgang mit Formen.

Dass er für Heinrich Schiff alles in die Noten gelegt hat, was Finger und Bogenhand des Cellisten zu geben in der Lage sind, versteht sich. Hornung bringt das nicht in Verlegenheit: Er gestaltete die wahnwitzig raschen Passagen ebenso wie das extreme Flageolett oder die schwärmerischen Legati. Und auch der Jazz-Teil von Satz eins brachte weder ihn noch die Orchestermusiker und das Drumset in Verlegenheit. Das Publikum zeigte sich angetan und fremdelte gar nicht mit der „modernen“ Musik; nach dem ersten Satz gab’s sogar Spontanbeifall.

Yvonne Friedli sorgte für den vokalen Glanz. Die Schweizerin hat in Neustrelitz schon Lortzings Undine, Pamina, Gilda und Lucia di Lammermoor gesungen und gestaltete die Arie „Nun eilt herbei, Witz, heit’re Laune“ Otto Nicolais mit brillantem Ton, beweglich und mit Sinn für den Humor der Heroinen-Parodie. Der „Csárdás“ aus der „Fledermaus“ liegt ihr zu tief; im Zentrum kann sie sich nicht gegen das Orchester behaupten, obwohl die Tiefe technisch anstandslos gebildet ist. Ihre Zugabe „Mir ist auf einmal so eigen zumute“, ein „Schwipslied“ auf die Melodie von Strauß‘ „Annen-Polka“ war ein Riesen-Spaß und keineswegs einer feinen Dame unangemessen. Dass ein vergnügliches Neujahrskonzert mit dem „Radetzkymarsch“ auszuklingen hat, ist fast schon ungeschriebenes Gesetz, dem auch in Neubrandenburg zur Freude des vollen Saals Genüge getan wurde.

Werner Häußner

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