Der Neue Merker

NACHDENKEN ÜBER GRILLPARZER

VORTRAG
Gehalten im Rahmen des Grillparzer Symposions
Wien, 21. Oktober 2016

RENATE WAGNER

NACHDENKEN ÜBER GRILLPARZER

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Herzlichen Dank, dass Sie sich für einen Arbeitsbericht, einen Nachdenk-Bericht über eine zu verfassende Grillparzer-Biographie interessieren.

Der Vortrag muss, das liegt in der Natur der Sache, natürlich sehr persönlich ausfallen.

Es ist mir im Laufe meines Lebens geglückt, Biographien über Arthur Schnitzler, Ferdinand Raimund und Johann Nestroy zu schreiben, aber daneben hat mich Franz Grillparzer mit seinem Werk immer begleitet.

Und das Bedürfnis, mich ihm biographisch zu nähern, ist ungebrochen und geht schon auf meine Jugend zurück. Immer hat mich der Mensch Grillparzer interessiert. Bereits in meinen Teenager-Jahren fiel mir die Biographie von Josef Nadler, die ich in der Bibliothek meines Vaters fand, in die Hände. In den folgenden Jahren und Jahrzehnten las ich alles, was ich Biographisches im Buchhandel fand – was gar nicht so besonders viel war. Der wieder aufgelegte Auernheimer, die Rowohlt-Monographie, und 1990 gab es dann natürlich als wichtigsten Beitrag Politzer, dann auch Humbert Fink.

Dann fing ich an, nach alten Biographien zu suchen und, ZVAB sei Dank, ich fand eine Menge. Dank übrigens auch an Amazon, die als Book on Demand den alten Laube, den alten Frankl nachdrucken: Man hat zwar dann kein schönes, altes, nach Staub riechendes Buch in der Hand, wohl aber den Text, den man sucht.

Eine neue Biographie zu verfassen, kann allerdings nicht bedeuten, sich die alten herzunehmen und sie ab- oder umzuschreiben.

Nachdenken, wie man eine Biographie angeht, heißt, sich der tausendenfachen Wege, der schier grenzenlosen Zugänge bewusst zu sein, die man zu einem Thema nehmen kann.

Dazu steht man im Falle von Grillparzer vor einer nicht zu bewältigenden Sekundärliteratur, die hauptsächlich das Werk und Einzelaspekte interpretiert. Wenn man wirklich alle Anmerkungen der Germanistik vor allem, der Theaterwissenschaft auch, der Soziologie und Geschichte lesen wollte, die zu den einzelnen Grillparzer-Werken verfasst wurden – man wäre Jahrzehnte über den eigenen Tod hinaus beschäftigt, wobei auch Sonderthemen immer wieder gedreht und gewendet werden.

Eine persönliche Geschichte dazu – dass ich nämlich einmal aus einer Germanistik-Vorlesung des von mir über alle Maßen geschätzten Professor Herbert Seidler hinausgegangen, ja, hinaus gelaufen bin, als er nicht aufhören wollte, die „und“ in einem Hofmannsthal-Gedicht zu zählen.

„Das kann es wohl nicht sein“, dachte ich damals – aber ich war ohnedies immer eine begeisterte Tochter der Theaterwissenschaft und eine sehr kritische Tochter der Germanistik.

Aber wenn ich nun, mit aller gebührenden Bewunderung, „Grillparzers dramatischer Stil“ von Joachim Kaiser lese und er ähnlich ausführliche Überlegungen zum Gedankenstrich bei Grillparzer anstellt – dann weiß ich natürlich, dass er von seinem Standpunkt aus recht hat und dass dies legitime Überlegungen der Germanistik  sind. Tatsächlich aber bedeutet es in meinen Augen auch, to know more and more about less and less, und das könnte dann Wissenschaft bedeuten, die nur noch für sich selbst besteht.

Für den Biographen verfängt das nicht, damit kann man sich für die Lebensgeschichte gar nicht abgeben. Nachdenken heißt also auch auswählen und entscheiden und manche Spezifizierung beiseite zu lassen. Selektieren, überlegen, was für das, was man sagen, berichten und darstellen will, relevant ist und was nicht.

Detaillierte Werkinterpretation nach mannigfaltigen Gesichtspunkten sind folglich, meiner Meinung nach, nur sekundär die Aufgabe des Biographen.

Natürlich: Ohne Werk kein Dichter – aber geht es nicht vor allem darum, den Zusammenhang zwischen Leben und Werk möglichst klar herauszuarbeiten, was meines Erachtens eine der spannendsten Herausforderungen beim Biographieschreiben ist?

Warum, muss man sich fragen, verfasst ein ganz bestimmter Mensch zu einer ganz bestimmten Zeit, möglicherweise auch noch überlegt: warum an diesem ganz bestimmten Ort ein ganz bestimmtes Werk, das nur ihm gehört, nur durch ihn möglich ist?

Das dann mit ihm in die Welt tritt und für immer dorthin gehört – wenn es denn Werke sind wie jene Grillparzers, an deren Wert und Bestand wir nicht zweifeln.

Wurde das nicht alles schon dargestellt? Ja und nein.
Und auch nicht hier und jetzt.
Denn Grillparzer ist uns in der Gegenwart als Gegenstand des Interesses weitgehend verloren gegangen.

Das beweisen Ihnen nicht zuletzt die Bühnenspielpläne. Das Burgtheater hat zuletzt 2013 eine veräppelnde Parodie der „Ahnfrau“ gespielt.

Die Zeiten der großen Auseinandersetzungen mit seinem Werk  liegen weit zurück – der legendäre Burgtheaer-„Bruderzwist“ mit Attila Hörbiger war in den sechziger Jahren, 1980 versuchte Leopold Lindtberg das Stück noch einmal mit Romuald Pekny – seither war dieses Schlüsselstück des Österreichischen in Wien nicht mehr zu sehen.
Sie wissen schon –
Auf halben Wegen und zu halber Tat mit halben Mitteln zauderhaft zu streben…

Das gibt eine weitere Antwort darauf, warum es eine neue Biographie geben sollte, auch wenn von den Fakten her möglicherweise alles zusammen getragen und alles gesagt ist.

Denn auch Dichter unterliegen dem „Zeitgeist“ der Nachwelt.

Wo sind die Zeiten, als man Grillparzer bei jeder Gelegenheit als nationale Referenz des Österreichischen herangezogen hat, als die erste Burgtheater-Vorstellung nach dem Zweiten Weltkrieg, damals noch im Ronacher, selbstverständlich der „Sappho“ galt, als man das wieder aufgebaute Haus 1955 nicht mit Goethe, wie zuerst überlegt wurde, sondern mit „König Ottokars Glück und Ende“ eröffnete? Mit dem, wie man es damals noch empfand, „Nationaldichter“. Der natürlich auch zur „Repräsentation“ herangezogen wurde.

Aber heute?

Wo würde man heute bei Österreich-Feiern noch „Es ist ein gutes Land“ zitieren lassen? Wer würde heute noch den Ausruf „O gutes Land! O Vaterland!“ wagen, auch mit Rücksicht auf die vielen Neuankömmlinge in unserer Heimat, die ihr Vaterland zurücklassen mussten?
Wir leben in einer sehr veränderten Welt.
Und die große Zeit Grillparzers als „vaterländischer“ Dichter ist vorbei.

Er wurde übrigens immer wieder benützt, das beweist der Weg durch die Biographien und Interpretationen.

Es gab jene Epoche, da man ihn unbedingt als den „Dichter der Deutschen“ reklamieren wollte, wo er doch Österreicher war wie kaum einer.
Aber freilich, 1946 wollte man ihn ganz schnell wieder zum „klassischen Wiener“ machen, mit seiner Hilfe sozusagen nach dem Gespenst des Deutschtums – aufgezwungen oder eher nicht, vorbei war vorbei –   zurück zum Österreichertum.
Ein Österreichertum, das, sobald es ein sattes, prosperierendes Österreich wieder gab, nicht mehr gefragt war.

Und später? Hat man ihn da nicht durch den Fleischwolf einer Psychoanalyse gedreht, deren Tendenz die Herabwürdigung war? Der von mir an sich so geschätzte Hans Weigel, dem ich das allerdings nie verziehen habe, hat diesbezüglich in seinem Buch „Flucht vor der Größe“ einen Tiefpunkt gesetzt.

Das sollte uns übrigens an die Tatsache erinnern, dass es keine objektive Biographie gibt – jeder Autor hat seine Meinung, jeder Autor präsentiert Ihnen sein Objekt der Schilderung nach eigenem Augenmaß.

Julius Caesar ist mir in Biographien in allen Variationen zwischen Genie und Verbrecher begegnet. Und es stimmt schon, was einer der wichtigsten Forscher über Alexander den Großen angesichts der Hekatomben von Literatur seiner Kollegen festgestellt hat:
Jeder hat seinen eigenen Alexander.
Jeder hat auch seinen eigenen Grillparzer.

Über meinen Grillparzer nachdenken, einmal anders nachdenken, scheint mir der Weg, und damit bin ich jetzt schon sehr, sehr lange beschäftigt.

Mit größter Bewunderung dafür, was große Vorgänger geleistet haben – wer würde sich heute noch damit abgeben, jedes einzelne Buch in Grillparzers Bibliothek zu bibliographieren? Früher hat man es getan, das Verzeichnis findet sich in einer alten Broschüre über das Grillparzer-Zimmer, herausgegeben von Karl Glossy, ohne Jahr, ein kostbares Stück meiner privaten Grillparzer-Bibliothek.

Oder das Gesamtregister der 16bändigen Grillparzer-Ausgabe von Stefan Hock und Richard Smekal: Wie viel Arbeit hat man sich da gemacht, Orte, Menschen und Fakten aus Grillparzers Leben als Register so aufzuarbeiten, dass man gezielt suchen und finden kann!

Ganz zu schweigen von der Arbeit, die August Sauer leistete, als er unter dem Titel „Grillparzers Gespräche“ alles sammelte, was von Zeitgenossen als „O-Ton“, wie wir heute sagen würden, hinterlassen wurde.

Von dem Anmerkungsapparat der Historisch-kritischen Ausgabe will ich in Ehrfurcht gar nichts sagen, da ist jedes Fitzelchen an Dokumenten angeführt.

Und es hat, als Grillparzer noch etwas in diesem Land gegolten hat, zahlreiche große Ausstellungen über ihn gegeben, deren Kataloge Fundgruben dafür sind, was an Grillparzer-„Hardware“ vorhanden ist, um auch hier den modernen Ausdruck zu verwenden…

Und dann komme ich, sehe mir vieles an, das mir in die Hände kommt, durchaus – ich gestehe das – mit einem Gefühl kindlicher Beglückung.

Und weil ich Theaterwissenschaftlerin bin und es mit meinem alten Lehrer Prof. Kindermann halte, der gerne Goethe zitierte: „Das Theater bleibt immer eine der wichtigsten Angelegenheiten“, habe ich mich besonders bei den Theaterzetteln der Uraufführungen umgesehen, die oft in verschiedenen Publikationen bildlich dargestellt sind.

Nur – wo bleibt die „Ahnfrau“? Das erste aufgeführte Stück, der erste Riesenerfolg des jungen Dramatikers mit, wir würden schon sagen, einem schönen Schauerdrama, damals im Theater an der Wien?
Damals, das war der 31. Jänner 1817.
Kein Theaterzettel weit und breit.

Nun haben so viele Herrschaften wissenschaftlich so fabelhaft akribisch gearbeitet und das vorhandene Material zusammen getragen, dass ich die Sache eigentlich auf sich beruhen lassen könnte, aber das wäre unwürdig, wenn man sich mit einer Biographie befasst.

Ich beginne in der Theatersammlung, wo man besonders nett ist, alles durchwühlt, was man von dieser Zeit aus dem Theater an der Wien besitzt: nichts.
Wenn schon nicht die Premiere, so doch eine Folgevorstellung der „Ahnfrau“?
Auch das nicht.

Ich versuche es bei der Wien Bibliothek im Rathaus: besonders nett, leider nichts! Man schickt mir aber einen Bericht der Theaterzeitung, der ist kostbar.

Ich versuche es im Wien Museum bei meiner Nichte Elke Wikidal, die dort arbeitet: keine Frage, dass sie ganz lang und gewissenhaft sucht. Aber – nichts.

Warum ich das so ausführlich erzähle? Weil ich ziemlich sicher bin, dass alles, was man aus Grillparzers Zeit noch finden konnte, gefunden ist. Das Material liegt vor.

Und jetzt? Es noch einmal umwälzen?
Natürlich, das ist unvermeidlich.
Aber – neu nachdenken ist das Motto.

Dass man grundsätzlich besser zu den Originalquellen geht als zur Sekundärliteratur, ist klar.
Dass man diese drehen und wenden muss,
dass nichts unbefragt und ungeprüft „for granted“ hingenommen werden kann, ebenso.
Schon gar nicht, was ein Dichter im Tagebuch und in autobiographischen Aufzeichnungen geschrieben hat.
Da muss man bekanntlich besonders vorsichtig sein.

Das Nachdenken bezieht sich auf Dinge, denen meiner Meinung nach in dieser Lebensgeschichte von Franz Grillparzer zu wenig Beachtung geschenkt wurde – und wohlgemerkt, die Lebensgeschichte möchte ich neu befragen und erzählen.

Man neigt dazu, diesem „Beamten“ ein weitgehend ereignisloses, gewissermaßen auch temperamentloses, langweilig dahinfließendes Leben zuzuschreiben. Es passt zum Klischee des „grantigen Hofrats“, zum ehescheuen Junggesellen, zum braven Untertan.

Hat man sich, wenn man diesen Klischees ins Netz geht, mit vielen, bei genauer Betrachtung erschreckenden Details dieses Lebens befasst?

Denken wir einmal die persönlichen Tragödien seiner frühen Jahre.

Hat man sich wirklich schon ausreichend gefragt, wie ein Mann von 26 Jahren darauf reagiert, dass sein jüngerer Bruder Selbstmord begeht?

Und, viel, viel schlimmer noch, eineinhalb Jahre später, Grillparzers ist 28, mit der Sappho Burgtheaterdichter, da findet er seine Mutter erhängt in der Wohnung.

Viel wurde über die Verdrängung gesprochen, dass er diesen Tod nie kommuniziert hat, dass er in seiner Selbstbiographie so beschönigend darüber hinwegschrieb, dass man, wüsste man es nicht, den Selbstmord nicht wahr genommen hätte.

Aber man muss sich diese Situation in ihrer ganzen Schärfe vergegenwärtigen – ein noch junger Mann, der sein Leben lang mit dieser Mutter zusammen gelebt hat, auf engstem Raum und in engster Kommunikation, nicht nur durch die gemeinsame Liebe zur Musik und zum vierhändigen Klavierspiel, sondern auch in seiner Funktion als der Mann, der nach dem Tod des Gatten und Vaters  ihr Leben bestimmte, der die Verantwortung für sie trug – und sie bringt sich um, gerade zehn Monate, nachdem der Sohn das Höchste erreicht hat, was man als Dramatiker in Wien, in Österreich erreichen konnte, eine erfolgreiche Uraufführung am k.k. Hofburgtheater?

Er wollte es uns nicht sagen, was er fühlte, als er ins Zimmer trat und vor der Leiche seiner Mutter stand –  aber wir müssen uns nur vorstellen, mit welch namenlosem Entsetzen jeder einzelne Mensch auf eine solche Situation reagieren würde, müsste er sie selbst erleben. Bilder, die man nie aus dem Kopf bekommt, die vermutlich lebenslang nachwirken.

Und doch, Grillparzer musste die seelische Labilität seiner Mutter besser gekannt haben als jeder andere, er hat sie täglich erlebt, täglich damit gelebt?

Könnte am Ende auch ein Hauch Erleichterung im Schmerz gewesen sein? Und die damit verbundene Scham über die eigenen, gemischten Gefühle?

Sollten wir nicht ein bisschen mehr darüber nachdenken?

Auch darüber, dass dieser Franz Grillparzer, 1791 geboren, in einer Welt ununterbrochener Kriege aufgewachsen ist?

Napoleonische Kriege nennen wir sie heute, sie begannen ein Jahr nach seiner Geburt, sie endeten 1815, als er 24 Jahre alt war! Eine ganze, lange Jugend in Kriegszeiten, die Unterbrechungen waren kürzer als die Kampfhandlungen allerorten.

Zweimal war Wien von den Franzosen besetzt, 1809 zog es den 18jährigen Grillparzer,
„mit Haß im Herzen“, aber „mit magischer Gewalt“,
wie er in seiner Selbstbiographie schreibt, nach Schönbrunn, um den Usurpator in lebendiger Gestalt zu sehen. Und siehe da, da war er, dieser Napoleon,
„Er bezauberte mich wie die Schlange den Vogel…“
Der junge Grillparzer hat wohl gespürt, dass er in diesem kleinen Mann, der vielleicht sogar ein wenig lächerlich aussah, ein lebendes Stück Weltgeschichte vor sich sah?

Fragen wir uns doch auch einmal, wie sich der 35jährige, im Grunde wohl bestallte Beamte Herr Grillparzer (dessen „König Ottokar“ erst im Jahr davor im Burgtheater uraufgeführt worden war!) fühlte, als es am 19. April 1826 an seine Tür klopfte und drei Polizisten davor standen.

Er weiß ja nun sehr gut, dass er in einem Polizeistaat lebt, aber dieser trifft doch nicht die braven Bürger wie ihn? Von diesen drei Polizisten nun verhaftet zu werden, streng verhört und schließlich „nur“ unter Hausarrest gestellt, weil man vermutet, die schwadronierende Literatentruppe in der „Ludlamshöhle“ plane staatsgefährdende Aktivitäten, was natürlich lächerlich ist – nein, es ist kein Spaß.

Man lebt ihn scheinbar beschaulichen, aber im Untergrund unruhigen Zeiten, und, wie man sieht, es kann jeden treffen. Ins Gefängnis wie Nestroy, der sich immer wieder mit der Zensur anlegte und hinter Gittern fuchsteufelswild wurde, kam Grillparzer nicht. Aber fuchsteufelswild war auch er angesichts der österreichischen Zustände.

Und apropos unruhige Zeiten: War das Jahr 1848 in Wien wirklich so gemütlich?

Wenn Grillparzer für seine Erinnerungen an das Revolutionsjahr 1848 auch getadelt wurde, zurecht vielleicht, wenn er es „die lustigste Revolution“ nannte, so soll nicht vergessen werden, dass Graf Latour doch am Laternenpfahl hing und echt und nicht lustig tot war, und dass ein marodierender Mob sich auf die Suche nach Grillparzer machte, um ihn für ein Gedicht auf Radetzky zur Verantwortung zu ziehen. Es waren die Schwestern Fröhlich, die ihn schnell aus der Schusslinie nach Baden schafften.

Tatsache bleibt also, dass es im scheinbar so friedlich und ereignislos hinfließenden Leben Grillparzers doch auch seelisch wie körperlich lebensbedrohende Situationen von größter Dramatik gab… Und Messenhauser, ein Dichterkollege, wurde ganz echt hingerichtet. Wie fühlt man sich da?

Es gab Ereignisse, die „kleiner“ anmuten, aber mich zum Nachdenken bringen, wobei mir immer bewusst ist, dass Grillparzer nie ein reicher Mann war, im Gegenteil, lange Jahre seines Lebens sehr arm, und für seinen Lebensunterhalt arbeiten musste, während seine reiche Sonnleithner-Verwandtschaft wohl keinerlei Sorgen hatte.

Wie war das damals, als er 1812 – man muss sich immer fragen, wie alt jemand ist, er war damals 21 Jahre – in den Dienst des Grafen von Seilern trat, in der klassischen Stellung, die sich arme, gebildete junge Herren suchten, nämlich als Hauslehrer von meist des Lernens unlustigen reichen Aristokratensöhnen.

Damals nahm die Familie Grillparzer im Sommer auf ihr Landgut in Mähren mit.

Dort wurde er krank. Schwer krank. Ob Typhus, ob Nervenfieber, wir können es heute wohl kaum feststellen, aber es war lebensgefährlich.

Die Familie des Grafen kehrte nach Wien zurück und kümmerte sich nicht weiter um den Kranken, er war schließlich Bediensteter, und das waren Menschen zweiter Ordnung.

Grillparzer blieb dort in irgendeinem Nebengebäude des Schlosses liegen, und das Personal, das wohl nur Tschechisch sprach, versorgte ihn höchstens mit der nötigen Nahrung.

Kann man sich vorstellen, wie ein phantasievoller junger Mann sich in Fieber und Schmerzen gottverlassen in seinem Krankenbett wälzt? Und dann kommt noch ein Priester, vermutlich von den tschechischen Bauern in Sorge geholt, der an ihm die Letzte Ölung vollziehen will und solcherart den kommenden Tod ankündigt… Was muss Grillparzer mit seiner so lebhaften Phantasie, seinem so wachen Intellekt aus all dem machen, was rührt es innerlich in ihm um?

Kann man über so etwas in Biographien mit wenigen Zeilen hinweggehen, mit dem Hinweise, er wurde krank, glücklicherweise dank seiner zähen Natur wieder gesund, und im Jahr darauf trat er als Praktikant in die Hofbibliothek ein…?

Wäre nicht etwas mehr Nachdenken angesagt?

Apropos Hofbibliothek: Der Ort seiner Sehnsucht, an dem er nicht bleiben durfte. Die einzig mögliche Stellung für einen Dichter, sollte man meinen.

Aber nein: Womit sich der Beamte Grillparzer den Großteil seines Berufslebens befasst hat, sind Akten, von denen wir viele in der Historisch kritischen Ausgabe finden – die Haare sträuben sich, wenn man die Agenda liest: Finanzen, Handel, Wirtschaft, Bergbau und Verkehr – alles, nur nicht Kunst und Literatur.

Immer wieder ersuchte er um einen Posten in der Hofbibliothek, immer wieder hat man ihn einem Mann, der sich schon zu Lebzeiten zum anerkannten Dichter entwickelte, verweigert.

O du mein Österreich.

Nun, über Grillparzers Frustrationen ist immer wieder geschrieben worden. Aber haben wir uns das plastisch je vorgestellt, wie er, des Dienstes ewig gleichgestellte Uhr (das ist allerdings ein Schiller-Zitat), tagaus, tagein „unter Faszikeln“ saß? Hier ein Klafter Holz, dort eine Petition, Entscheidungen über Dinge, deren Trivialität unvorstellbar scheint.

Gewiss, mit den ewigen Göttern gemeinsam, hat er gedichtet, aber man muss sich doch diese Situation wirklich bewusst machen…

Und auch einen Schlenker in die Nachwelt: Sind wir doch heute, wenn man Hofkammerarchiv googelt, stolz darauf, „dass kein Geringerer als Franz Grillparzer (1791–1872) hier von 1832 bis 1856 als Direktor amtierte. Sein Arbeitszimmer im 2. Stock kann heute noch in seiner Originaleinrichtung besichtigt werden, samt Stehpult, an dem Grillparzer einen Teil seiner Dramen schrieb…“

Das ist das Haus, in dem wir uns für dieses Symposion befinden, heute Literaturmuseum und „Grillparzer-Haus“ benannt. Aber denken wir an die Akten, die er bearbeiten musste – so viel Zeit zum Dichten im Amte hatte er nun auch wieder nicht…

Es gibt viele, viele bewundernswerte Interpretationen von Grillparzers Werken, und ein so großartiger Wissenschaftler wie Heinz Politzer hat eine ganze Biographie daran aufgehängt, indem er von Werk zu Werk fortschritt.

Und selbstverständlich werden auch immer die Quellen angegeben, aus denen sich der Dichter bedient hat, wobei auffällt, dass diese Schilderung von Vorlagen und Anregungen von Buch zu Buch repetiert werden.

Also– nachdenken!

Sicher sind Quellen eine Inspiration. Und auch äußere Ereignisse, die zu Entscheidungen führen, werden berichtet – etwa dass Sappho als Opernstoff an ihn herangetragen wurde.

Aber wieso sprang er auf dieses Thema dermaßen an?

Hat man sich ausreichend gefragt, wie es möglich ist, dass ein junger Mann von 25, 26 Jahren mit so unglaublicher „Seelenkenntnis“ die Geschichte einer alternden Dichterin schreibt? Woher hat er diese Dinge gewusst?

Das erinnert mich an eine wunderbare Biographie über Georg Büchner, wo der Autor nichts als gegeben hingenommen hat, nicht die Werke des Dichters als „eben entstanden“  berichtete, sondern Überlegungen anstellte, wie ein junger Mann, der mit 23 Jahren gestorben ist – ich wiederhole: Georg Büchner ist mit 23 Jahren gestorben! -, imstande war, „Woyzeck“, „Dantons Tod“, „Leonce und Lena“ und „Lenz“ zu schreiben? Jedes einzelne ein Kopendium von Wissen und Lebenserfahrung, jedes einzelne katapultierte Büchner in die Weltliteratur. Wie war das möglich?

Man wundert sich nicht genug.

Man fragt vielleicht nicht genug nach.

Sappho also. Grillparzer behandelte das klassische, auch im täglichen Leben aufzufindende Dreiecksproblem, im „Rosenkavalier“ steht es ganz ähnlich, die alte Frau verliert den jungen Mann an das junge Mädchen.

Aber wenn wir sehen, mit welch stupendem Verständnis ein Mittzwanziger hier die Emotionen einer älteren Frau behandelt, die noch einmal an die Liebe glauben möchte, dann hilft uns keine „Quelle“: Dann müssen wir uns fragen, woher kommt das, woher wusste er das?

Und auch: Warum interessierte ihn das?

Ich glaube fest an den biographischen Hintergrund künstlerischen Schaffens, zumal bei Schriftstellern.

Bei Arthur Schnitzler hatte ich es leicht, da lässt sich der Bezug zur Wirklichkeit bis in Details feststellen.

Ferdinand Raimund holte den Rappelkopf aus sich selbst, und wenn Johann Nestroy auch mit seiner Fließbandproduktion von Stücken viel zu beschäftigt war, um hier autobiographisch zu agieren, so wissen wir doch, dass alle skeptischen und liberalen Erkenntnisse in seinen Stücken ganz tief aus ihm selbst kamen.

Es ist nachzudenken, Stück für Stück, warum sich Grillparzer für seine Stoffe entschied, es ist zu fragen, wie alt er jeweils war, wie die Welt um ihn aussah. Und was er schreibend von sich selbst preisgab. Und mit welchem Schamgefühl er im Theater saß, um seine eigenen Werke anzusehen. ..

Über andere Details ist nachzudenken – ich persönlich wundere mich meinerseits, wenn viele seiner Biographen sich wundern, dass er bei seinem Weimar-Besuch kein zweites Mal zu Goethe ging, obwohl er eingeladen war. Ist das nicht mühelos zu erklären für einen Mann, der mit höchster Empfindlichkeit gerade die Peinlichkeit von Situationen empfand und sich diesen eher entzog als aussetzte?

Wir wissen doch – das tritt der Österreicher hin vor jeden, denkt sich seinen Teil und lässt die anderen reden. Ist das nicht schlicht und einfach Selbstschutz? Nicht zuletzt, um den blutigen Blessuren der eigenen Seele zu entgehen?

Was, denke ich manchmal, würde er über all die Versuche seiner Biographen denken…Unser indiskretes Wühlen, unser  Sticheln in seinen Befindlichkeiten?

Er müsste wohl darauf beharren, was er einmal im Tagebuch schrieb – „wie, um nicht immerfort verletzt zu werden, endlich kein Mittel übrig bleibt, als sich unempfindlich zu machen…“

Würden wir ihn verletzen, wenn wir ihm zu nahe kommen? Auch das ist zu überlegen.

Immer, wenn ich im Wien Museum bin, und oft auch nur, wenn ich vorbeigehe und mir eine Viertelstunde nehme – dann begebe ich mich in den zweiten Stock und besuche das „Grillparzer“-Zimmer.

Eigentlich war es seine ganze letzte Wohnung, wie sie Kathi Fröhlich der Stadt Wien überlassen hat und wie man diese in Zeiten, als man Dichter noch geachtet hat, als Ort des Gedenkens zu bewahren versprach.

Und so ist es geschehen, und man kann hineingehen, durch das Vorzimmer, durch das er täglich mehrfach gegangen sein muss, dann links in den Raum mit den Bücherkästen. Und dann kann man – zwar nicht wirklich eintreten, aber sich dann über eine Schranke doch so weit wie möglich in das nicht sehr große Zimmer hineinlehnen, umschauen, Atmosphäre mitnehmen.

Und sich klarmachen, dass Grillparzer in diesem Zimmer die letzten 23 Jahre seines Lebens verbracht hat.

Er war 58 Jahre als, als er am  27. April 1849 in die Spiegelgasse Nr.1007 einzog, zweite Stiege, vierter Stock, als Mieter von Fräulein Anna Fröhlich, die mit ihren Schwestern Katharina und Josephine im anderen Teil der Wohnung lebte… und er starb hier am 21. Jänner 1872, eine knappe Woche nach seinem 81. Geburtstag.

Ein dunkler Raum mit Schreibtisch und kleinem Flügel, Bett und Sitzecke. Oft dargestellt, denn der alte Hofrat war schon sehr berühmt, auch wenn er seine neuen Stücke, die aus der Schublade, nicht mehr spielen ließ. Nicht wesentlich größer als eine Zelle, selbst gewählte Zuflucht, allerdings in idealen logistischen Verhältnissen – die Schwestern Fröhlich, die sich diskret zurückhielten, wenn der Hofrat Ruhe wollte, aber immer da waren, wenn sie gebraucht wurden, natürlich auch mit ihrem Personal für die Bedürfnisse von Wäsche, Aufräumen und was ein alter Hofrat noch so benötigt, der offenbar täglich seine vier Stockwerke hinab und wieder hinauf gestiegen ist, um im nahe gelegenen Matschakerhof zu essen, woran noch heute eine Gedenktafel mit seinem Antlitz als Relief erinnert…

Und fragen wir uns doch einmal, was das für ein Mensch war, für den in solch engem äußeren Rahmen, in dieser scheinbaren Düsternis, die vielleicht auch eine schützende „Höhle“ bedeutete, ein Habsburger Kaiser, eine böhmische Fürstin und eine schöne spanische Jüdin seine Gefährten waren???

Das sind jetzt nur wenige Beispiele dafür, wo mir neues Nachdenken über Grillparzer als Menschen und auch als Künstler angebracht wäre, Fragen, die wir heute stellen, wenn wir uns für einen Menschen interessieren.

Biographische Neugierde an jemandem, der Besonderes geleistet hat.

Wir heute fragen nach Geld, nach Vorlieben, nach Religion, nach Beziehungen, wir fragen so lange, bis wir ein rundes Bild erhalten, das natürlich auch nicht das definitive ist.

Die nächste Generation wird wieder fragen und es nach anderen Gesichtspunkten tun, die ihr wichtig sind.

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Am Ende möchte ich Ihnen noch von einem Buch erzählen, das ich auch immer schreiben wollte – und weiß gar nicht, warum ich es nicht getan habe.

Es hätte „Toni, Kathi und Marie“ heißen sollen,

und Sie ahnen wahrscheinlich, wer die Damen sind, um die es gehen würde.

Antonie Wagner, die aufopfernde Geliebte des geschiedenen, wahrlich über die Maßen schwierigen  Ferdinand Raimund, der sie nicht heiraten konnte und die doch bis zum Ende an seiner Seite blieb…

Katharina Fröhlich, die so genannte „ewige Braut“ Franz Grillparzers, die, als er sie dann doch noch heiraten wollte, diesen Antrag als zu spät und als Beleidigung abwies und doch bis zum Ende an seiner Seite blieb…

Und Marie Weiler, die Gefährtin des geschiedenen, als Mann so unzuverlässigen, als Menschen so noblen Johann Nestroy, der sie nicht heiraten konnte und die bis zum Ende an seiner Seite blieb…

Vielleicht könnte man ein solches Buch doch „Die wilden Ehen des Biedermeier“ nennen, als geradezu charakteristisches Verhaltensmuster dieser zwiespältigen Zeit.

Aber warum es mir gegangen wäre, war letztlich die synoptische Betrachtung dieser drei Männer – Raimund, Grillparzer, Nestroy – , die zur gleichen Zeit in ein- und derselben Stadt lebten und, mit Ausnahme weniger freundschaftlicher Begegnungen von Grillparzer und Raimund, nicht miteinander verkehrten.

Bei Nestroy waren es wohl Berührungsängste: Er spielte die Rollen des einen – er muss wohl ein toller Rappelkopf gewesen sein, die Rolle auch für sein grimmiges Gemüt ideal -, er parodierte die Stücke des anderen – so schrieb er einen „Dummen Diener seines Herrn“ und prügelt in seinen „Theatergeschichten“ die „Sappho“ fast zu Tode -, aber er hielt sich von den „Kollegen“ fern.

Und die drei Frauen, die in demselben Wien wohnten? Was wussten sie von einander? Wie verschränkten sich ihre Schicksale – bzw. taten es nicht in einer Stadt, die damals so groß nicht war, schon gar nicht in Theaterwelten, wo sie alle zuhause waren?

Ja, meine Damen und Herren, dafür dass ich mich eigentlich immer vor allem für Frauenschicksale interessiert habe, habe ich dann doch den größten Teil meiner Arbeitskraft den Männern zugewendet… Und vielleicht schaffe ich es noch, den heutigen Blick auf Leben, Schaffen, Zeit und Umwelt des Franz Grillparzer zu werfen.

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