Der Neue Merker

MYRTÒ PAPATANASIU: Händel ist wie Honig….

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MYRTÒ PAPATANASIU

Händel ist wie Honig….

So stellt man sich eine griechische Schönheit vor, schlank, mit schmalem Gesicht, großen Augen, wallendem Schwarzhaar: Myrtò Papatanasiu has it all, wie man so schön sagt. In Wien konnte man sie schon in ihren Paraderollen, 2011 als Donna Anna und 2014 als Traviata, hören. Nun singt sie Händels „Alcina“, die sie sehr liebt, die aber auch eine große Herausforderung darstellt

Das Gespräch führte Renate Wagner in englischer Sprache

Frau Papatanasiu, wenn man wie Sie einmal ein kleines Mädchen in Larissa, Thessalien, war, Musik liebte, im Chor gesungen hat so wie die Eltern auch – war man sich da bewusst, dass Maria Callas die größte Opernsängerin aller Zeiten war und stellte das ein Wunschziel dar?

Ich kann jedenfalls sagen, dass die Callas seit meiner Jugend immer präsent war und es geblieben ist. Meine Eltern sind beide Chorsänger – haben sich dabei sogar kennen gelernt -, und sie sprachen immer bewundernd von der Callas. Ich habe schon als Kind stundenlang ihre Schallplatten gehört, die Lucia zum Beispiel. Aber auch „Stabat Mater“ mit der Freni, sehr viel Mozart – irgendwie war der Weg zur Oper vorgezeichnet. Als ich 2012 in Dallas die „Traviata“ sang, saß ich ein paar Wochen später mit meinem Mann in Athen in einem Restaurant, bei einem romantischen Abendessen mit Blick auf die Akropolis. Da läutete das Telefon, und die Leute von der Dallas Opera erzählten mir, dass ich den “Maria Callas Debut Artist of the Year”-Preis gewonnen habe. Da sind mir die Tränen nur so aus den Augen gestürzt… Weil die Callas ja doch immer ein Vorbild war.

Ihren Weg haben Sie von den italienischen Opernbühnen aus gemacht?

Ich habe am Konservatorium von Thessaloniki Gesang und an der Universität Musikwissenschaft studiert, und ich durfte als Mitglied des Opernstudios meine ersten Schritte auf der dortigen Opernbühne machen – in Monteverdis „Il combattimento di Tancredi e Clorinda“, in Menottis „Medium“ und schließlich als Lauretta in „Gianni Schicchi“. Dann bin ich mit dem Geld, das ich beim Chorsingen verdient habe, und mit der Unterstützung meiner Eltern nach Italien gegangen, zuerst nach Mailand. Da kamen dann die Engagements, Schritt für Schritt – ich überhaste nichts (I never rush) -, bis dann 2004 meine erste Traviata an der Reihe war, die seither eine meiner „Schlüsselrollen“ ist.

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Als Zeffirellis Traviata / Traviata in Dallas

Und diese erste „Traviata“ war ja sehr aufregend?

Das kann man sagen. In Rom war der Oper die Titelrollensängerin eine Woche vor der Premiere verloren gegangen, und der Dirigent Gianluigi Gelmetti schlug mich vor. Franco Zeffirelli kannte mich nicht. Ich habe die Rolle in nur einer Woche gelernt – mit einem sehr guten Pianisten und viel Mut (lots of coraggio), und konnte nur hoffen, dass ein legendärer Regisseur wie Zeffirelli mich akzeptiert. Zwischen uns beiden war es wie Liebe auf den ersten Blick, er war damals glücklicherweise auch in sehr guter Verfassung, wir konnten die Rolle ganz intensiv in allen Details proben, und wo immer in der Welt ich seither die Traviata singe, bringe ich diese Erfahrung mit.

Sie waren auch die Wiener Traviata, in einer Inszenierung, die es den Sängern nicht leicht macht?

Es geschieht natürlich, dass man vom Bühnenambiente ein wenig allein gelassen wird, aber wenn man keine Hilfe von außen bekommt, besteht das Geheimnis darin, sich ganz auf Text und Musik zu konzentrieren. Wenn man auf diesem Pfad bleibt, ist man nicht verloren.

Neben der Traviata singen Sie sehr viel Mozart.

Ja, die Anna und die Elvira, die Gräfin und die Fiordiligi, ich liebe ihn sehr, und er ist sehr gut für die Stimme, allerdings nur, wenn man eine gute Technik hat, sonst nicht. Ich bin glücklich, dass ich jedes Jahr zwei-, drei Mozart-Produktionen mache, wobei die Donna Anna wohl nach der Traviata (nach der ich am meisten gefragt werde) meine zweite Schlüsselrolle ist, die ich ja auch schon in Wien und an vielen anderen Häusern gesungen habe. Die Donna Anna ist schwierig wegen der psychologischen Gegensätze und ganz einfach wegen der „Power“, die man dafür braucht.

Diese Donna Anna gibt es jetzt auch auf CD?

Ja, Teodor Currentzis, der ja auch Grieche ist, hat mich zu den Aufnahmen nach Perm geholt, und das war eine besondere Erfahrung, weil gearbeitet wurde, wie man es früher gemacht hat, ganz in Ruhe. Wir hatten das Theater zehn Tage nur für uns, konnten an jedem Detail arbeiten, während heutzutage ja Aufnahmen oft schnell, schnell nach wenigen Proben live gemacht werden. Übrigens war auch unser Don Giovanni, Dimitris Tiliakos, Grieche, das heißt, wir hatten eine fröhliche griechische Partie zusammen. Die Aufnahme erscheint im November, und ich bin neugierig, wie sie ankommt.

Und nun singen Sie in Wien Händels „Alcina“, die aber keine neue Rolle für Sie ist?

Nein, ich habe sie schon 2012 in Stuttgart in der Regie von Jossi Wieler und  2014 in Paris in der Garnier-Oper in der Regie von Robert Carsen, den ich sehr liebe, gesungen. Wenn ich für Händel einen Vergleich hernehmen darf, würde ich sagen – er ist wie Honig. Mozart wäre dann wie Wasser und Verdi wie die Natur schlechthin. Händel ist bei aller Virtuosität der Koloraturen in der Schönheit seiner Melodien und in seinen Harmonien wie etwas ganz wunderbar Schmeichelndes, auch wenn die Partie sehr, sehr anstrengend ist, auch in der Mischung aus lyrisch und intensiv. Ich bin sehr froh, dass wir in Wien dafür zwei  Wochen Proben hatten.

Sind Sie sehr nervös angesichts dieser Rolle in Wien?

Ich bin immer angespannt, wenn ich auf die Bühne gehe, was sich dann im allgemeinen löst, wenn die ersten Phrasen gut gelingen. Aber ich denke, das wird sich nie ändern, dass ich vor jeder Vorstellung richtiggehend leide. Ich möchte ja mein Bestes geben.

Ihr Repertoire umfasst Rusalka, die Sie in Brüssel in einer Herheim-Inszenierung gesungen haben, ebenso wie die Semiramide oder auch die Musetta, die Sie an der Met gesungen haben. Breit gestaffelt. Wohin wird der Weg Sie führen?

Ganz konkret gehe ich nach meiner Wiener Alcina wieder für einen „Don Giovanni“ nach Paris, wieder die Donna Anna, während es dann nächstes Jahr am Liceu in Barcelona einmal die Donna Elvira sein wird. Wichtig für mich ist, dass ich im Februar nächsten Jahres meine erste Amelia Grimaldi in Antwerpen singen werde, und es gibt schon einige Verdi-Rollen, die mich reizen würden, die Luisa Miller etwa oder die Desdemona. Aber, wie schon gesagt, Schritt für Schritt. Vielleicht kommen auch einmal die Anna Bolena und die großen Donzietti-Belcanto-Rollen.

Erzählen Sie uns etwas über Ihr Privatleben?

Ich bin mit einem griechischen Musiker verheiratet, er ist auf dem Gebiet des Jazz, der Filmmusik und der großen Events tätig, hat etwa Shows in Epidauros musikalisch begleitet. So sind wir beide Musiker, aber in verschiedenen Genres, was ich sehr gut finde. Wir arbeiten viel an verschiedenen Orten, aber wenn wir daheim sind, finden wir uns in Athen zusammen, wo ich auch versuche, immer zu den Ferien oder zu den großen Festen wie Weihnachten und Ostern mit der Familie zu sein, was für uns orthodoxe Christen wichtig ist. Unsere Tochter ist dreieinhalb Jahre alt und heißt Iphigenie – als ich mit ihr schwanger war, habe ich die Gluck’sche Iphigenie in Aulis im Theater an der Wien gesungen, und mein Mann und ich fanden beide, das sei ein wunderschöner griechischer Name. Derzeit nehme ich sie mit Hilfe einer Nanny überall hin mit, wobei ich weiß, dass es schwerer wird, wenn sie einmal in die Schule geht. Aber ich lebe sehr in der Gegenwart und will mir nicht sinnlos den Kopf über die Zukunft zerbrechen, weil man ohnedies nicht alles planen und organisieren kann. Das Leben ist dynamisch, ändert sich dauernd, und ich denke, unser Beruf bietet genug Streß, dass man es sich nicht noch mit Grübeleien schwerer machen soll. Was meine Tochter betrifft, so bin ich unendlich glücklich, dass es sie gibt, und es ist mir wichtig, ihr ein gutes Beispiel zu sein.

Haben Sie ein Hobby, hätten Sie überhaupt Zeit dafür?

Es stimmt, dass wir Sänger „freie Zeit“ meist dazu verwenden, neue Rollen zu lernen. Aber von Zeit zu Zeit muss man auch den Kopf frei bekommen, dann male ich gerne Aquarelle. Oder ich suche die Nähe des Meeres. Abschalten ist ganz wichtig, denn der Beruf erfordert sehr viel Kraft, und ein Teil der Arbeit ist auch die Disziplin, dass man gesund bleibt, um ihn durchzustehen.

Frau Papatanasiu, beste Wünsche für Ihre Alcina in Wien und für die Zukunft.

www.myrtopapatanasiu.com

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