Der Neue Merker

NEW YORK / WIEN / Die Met im Kino: THE EXTERMINATING ANGEL

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NEW YORK / WIEN / Die Met im Kino:
THE EXTERMINATING ANGEL von Thomas Adès
18. November 2017

Wenn die Met eine populäre Oper spielt und in die Welt schickt, öffnen die Kinos mehrere Säle. Wenn die Besetzung Weltrang ist, sind es noch ein paar Säle mehr. Für „The Exterminating Angel“ fuhr man auf einen Saal zurück, vor dem Kinoeingang versuchte so mancher vergeblich, seine Karte los zu werden – und nach der Pause war der schon anfangs nicht volle Saal um einiges leerer.

Wie immer, kann und muss man eine Situation von beiden Seiten betrachten. Man kann die Opernfreunde tadeln, dass sie gar nicht erst wissen wollen, was in dem von ihnen doch so geliebten Genre heute vorgeht. Oder sie ahnen, dass sie weder sehen noch hören wollen, was da geboten wird – und was auch entschlossene, tapfere Durchhalter nach zweidreiviertel Stunden trotz der extrem bequemen Kinosessel einfach erschlagen hinterlässt…

Teils beeindruckt, teils kaputt, weiß man dennoch, dass es sich bei dem Briten Thomas Adès noch um einen der besten derzeit tätigen Opernkomponisten handelt. Mit der lockeren Selbstverständlichkeit wie wir heute Verdi und Wagner, wird ihn vielleicht erst eine nächste, übernächste Generation rezipieren, die mit dieser Musik aufwächst… falls Facebook sich dafür einsetzt.

Man kennt den Background der Produktion: Thomas Adès hatte bisher für die Bühne die Kammeroper „Powder her Face“ (1995) geschrieben (die Musikwerkstatt von Hugh Rhys James hat 2000 dafür gesorgt, dass wir das Werk kennenlernten) und hatte dann mit „The Tempest“ (uraufgeführt 2004 in Londons Covent Garden) einen Welterfolg. Die Salzburger Festspiele erteilten ihm einen Kompositionsauftrag, und Ende Juli 2016 kam dann „The Exterminating Angel“ zur Uraufführung. Als Koproduktion mit Londons Covent Garden, das die Aufführung im April / Mai dieses Jahres gezeigt hat, der Metropolitan Opera, wo sie derzeit am Spielplan steht, und der Kongelige Opera, Kopenhagen, die noch nachziehen wird. Die Wander-Inszenierung hat Tom Cairns besorgt, der für Adès auch das Libretto schrieb, und der Komponist Thomas Adès steht wohl überall am Pult und ist seiner Musik der beste Anwalt.

Dass dieser „Angel“ ein inhaltlich so verrücktes wie auch konfuses Stück ist, verdankt er seiner Vorlage – dem „Würgeengel“ von Luis Buñuel, einem seiner absurden, die bürgerliche Gesellschaft durch die Mangel drehenden Filme. Wie Thomas Adès im Pausengespräch der Met (Susan Graham moderierte) sagte, hätte er den Film zuerst im Alter von 13, 14 Jahren gesehen, liebte spontan das Anarchische daran und dass darin alle nur möglichen Regeln gebrochen werden. Warum er dann eine Oper daraus gemacht hätte, verwies er ins Reich des Unterbewußten – ein Künstler suche nicht seine Stoffe, die Stoffe fänden ihn.

Gefunden hat der „Würgeengel“ auch die Tonsprache von Thomas Adès, und man muss ehrlich sagen, wenn man ein paar Mal „The Tempest“ gehört hat (die Met-DVD mit Keenlyside, die Wiener Aufführung mit Eröd und Maltman), tut man sich beim Hören nicht ganz so schwer. Auch wenn Adès die Sängerinnen wieder teilweise in die unvorstellbarsten Höhen hetzt (man bildet sich ein, außer Audrey Luna könne das ohnedies niemand singen) und die Kakophonie oft schmerzlich ist. Aber er hat auch geniale, fesselnde Klangeffekt zu bieten, ob mit Glocken, ob mit einer Phalanx von sechs drängend-beklemmend geschlagenen Trommeln, ob mit dem seltsamen elektronischen Instrument namens Ondes Martenot, das die Spielerin, Cynthia Millar, in der Pause auch vorstellen durfte und das unirdische, auch unheimliche Töne erzeugt – man lernt wirklich etwas bei diesen Pausengesprächen.

Was das Bühnengeschehen betrifft, so ist man einige Zeit lang damit beschäftigt, die Figuren auseinander zu dividieren – 15 von ihnen sind ununterbrochen auf der Bühne (na, drei davon dürfen wegsterben), und man muss sie erst kennenlernen, nachdem zu Beginn der Handlung die Nebenfiguren, das Personal, (mit einer Ausnahme) aus unergründlichen Motiven davon gelaufen sind. Dennoch geben Edmundo de Nobile (Joseph Kaiser) und seine Gattin Lucia (Amanda Echalaz) nach einer Opernaufführung eine Party für ihre Gäste, wobei die Sängerin Leticia Maynar (die bekannte Audrey Luna, unvergesslicher Ariel im „Tempest“) strahlender Mittelpunkt sein sollte – wenn man nicht bald andere Sorgen hätte.

Zuerst profilieren sich die Damen, und das weit nachdrücklicher als die Männer mit Ausnahme von John Tomlinson (unvergessener Bayreuther Wotan mit Schlapphut und Ledermantel), der als Doktor eine zentrale Rolle innehat und der sich gleich zu Beginn von seiner Patientin Leonora Palma (Alice Coote) sexuell belästigen lassen muss, was er leicht peinlich berührt mit „Übertragung“ erklärt (der Mann hat seinen Freud gelesen).

Da ist noch die anfangs so unendlich oberflächliche Silvia de Ávila (Sally Matthews), die alles Extreme so interessant findet, aber später für ihren Bruder Francisco (Countertenor Iestyn Davies) so viel sorgliche (und auch inzestuöse) Anteilnahme zeigt. Da ist Blanca Delgado (Christine Rice), die anfangs Klavier spielt, sich um ihre Kinder sorgt und später erschütternd die Nerven wegwirft. Beatriz (Sophie Bevan) und Eduardo (David Portillo) sind ein junges Paar, das angesichts der kommenden Ereignisse beschließt, gemeinsam zu sterben, statt sich einem erschütternden Untergang zu stellen. Und noch eine Handvoll Herren, darunter Colonel Álvaro Gómez (David Adam Moore), der Liebhaber der Hausherrin, tobt sich durchs Geschehen, ohne viel persönliches Profil zu finden – Frédéric Antoun als streitsüchtiger Raúl Yebenes. Rod Gilfry als Alberto Roc, Kevin Burdette als Señor Russell, der bald eine Leiche ist, und Christian Van Horn als einzig verbliebener Diener Julio

Die Absurdität der Handlung besteht darin, dass sie alle aus nie geklärten Gründen, als gäbe es eine unsichtbare Wand um dieses Wohnzimmer, nicht imstande sind, dieses „nach der Party“ zu verlassen. Längere Zeit hier eingesperrt, wird das Verhalten der einzelnen notwendigerweise erratisch, hysterisch, gewalttätig, die Geschichte wird immer absurder und schlägt vor der Befreiung noch ein paar Purzelbäume. Sicher, man kann sich stets auf die Bunuel-Vorlage berufen, hätte aber die Handlungsführung zweifellos etwas stringenter und im höheren Sinn logischer halten können – der zweite Teil des Abends verlässt dann dermaßen die Ebene des Noch-Nachvollziehbaren, dass man nicht davor gefeit ist, sich auch zu langweilen.

Dass es trotzdem ein tolles Beispiel für (abgehobenes) zeitgenössisches Musiktheater ist, steht außer Zweifel. Dass man es nicht fünfzigmal sehen will wie „Tristan“, „Don Giovanni“ oder „Tosca“, dürfte auch klar sein… Aber kennen soll man es zumindest.

Renate Wagner

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NEW YOK/ Wien „Die Met im Kino“: THE EXTERMINATING ANGEL

18.11.2017 MET/Kino „The Exterminating Angel!

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Starken Tobak bot die MET (zumindest für einen nicht gerade horror- und gruselaffinen Kulturkonsumenten wie mich). Thomas Ades‘ komponierte die Oper, die 2016 in Salzburg uraufgeführte wurde, nach einem Film von Luis Bunuel („Der Würgeengel“). Der extremen Handlung tiefer Sinn ist es, Menschen – in diesem Fall sind es Opernbesucher, die zu einer Dinner-Party eingeladen sind und tagelang den Raum der Festivität aus unerfindlichen Gründen nicht verlassen können – in einer scheinbar ausweglosen Situation zu beobachten. Dabei werden Schwächen, Ängste und Handlungen der unterschiedlichsten Art gezeigt, in verschiedene Arten des Wahnsinns verfällt jeder.

Ades Musik unterstreicht die Handlung meisterhaft, und lässt es an Schwierigkeiten (vor allem für die Soprane) an nichts mangeln. Zum effektvollen Klangteppich, der auch mit heutiger Technik verstärkt wird, den das ausgezeichnete Orchester bereitet, hat sich auf der Bühne ein hochkarätiges Sängerensemble versammelt. Es wäre nicht fair, einzelne hervorzuheben, dazu waren die Ausführenden mit Feuereifer zu sehr um den richtigen Ausdruck mit den verfügbaren Stimmmitteln bemüht. Thomas Ades war als Dirigent ein heroischer Turm in der Schlacht, seine hohe musikalische Intelligenz zeigte sich auch hier wieder, wie er den Solisten und dem Orchester das von ihm geforderte Niveau durch intensive Arbeit erreichte und beste Wirkung erzielte. Die Inszenierung von Tom Cairns ließ kaum Wünsche offen, vielleicht hätte die Handlung im ersten und zweiten Akt etwas straffer, spannender erzählt werden können, aber der letzte Akt entschädigte für leichte Längen davor. Das Bühnenbild und die Kostüme von Hildegard Bechtler rundeten den großen Erfolg dieser Aufführung ab.

Die Kinoübertragung war nicht eben sehr publikumswirksam, die Anwesenden hatten ihr Kommen aber nicht zu bereuen.

Johannes Marksteiner

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TERNITZ/ Stadthalle: „I LOMBARDI ALLA PRIMA CROCIATA“. Die „Amici del Belcanto“ boten wieder eine Rarität!

TERNITZ/ Stadthalle: „I LOMBARDI ALLA PRIMA CROCIATA“. Die „Amici del Belcanto“ boten wieder eine Rarität! 18.11.2017

Verdis vierte Oper mit noch sehr viel Belcantotraditionen wurde somit erstmalig in Österreich aufgeführt. Schon allein dafür sei der unermüdliche Michael Tanzler bedankt und gelobt.

Wieder wurde das Unternehmen mit dem Chor und dem Orchester der Staatsoper Banska Bystrica  aufgeführt. Am Pult stand auch wie immer Marian Vach, der das gut studierte Orchester fast klipppenfrei leitete. Da diese Oper sehr große Chorszenen hat, sei diese Leistung, die Arbeit des Chorleiters Jan Prochazka besonders hervorzuheben.

Die Geschichte handelt im ersten Kreuzzug (unter Gottfried von Bouillon), und beweist gleich zu Beginn, dass diese „frommen“ Ritter alles andere als brave „Waserln“ waren. Dem Aufruf des Klerus folgten die Söhne des Folco, Herr von Rho (diese Teilnahme ist bestätigt), seine beiden Söhne Arvino und Pagano. Die beiden erinnern sehr stark an das Brüderpaar der „Masnadieri“, Pagano ist die Kanaille. Diese beiden Rollen wurden Ignacio Encinas und Francesco Ellero d `Artegna anvertraut. Beide Sänger, die man schon viele Male in diversen Rollen bei den Amici hörte. Der Tenor von Ignacio Encinas ist nicht mehr so ganz taufrisch und somit hatte er mit den Bögen und Legatophrasen ordentlich zu kämpfen, da litt auch sehr stark die Intonation. Doch dann kamen immer starke Höhen, nicht immer ganz kontrolliert, aber erfreulich. Ähnlich ist es bei Francesco Ellero d `Artegna, der ebenfalls nicht mehr so junge Sänger zeigt Schwierigkeiten bei den Piani, aber bringt ebenso wie Encinas immer tolle Höhen und setzte sicherheitshalber auf Leutstärke. Somit starb der tödlich verwundete Pagano sehr lautstark,.

Ganz anders das Liebespaar Giselda und Oronte. Giselda, die Tochter des Folco und Viclinda sang Iano Tamar mit enormer Intensität, seien es herrlich schwebende Piani, dramatische Stellen und musikalisch perfekt die für Verdi typischen a capella Stellen. Ihre Arien wurden zu einem Ohrenschmaus und herrlich gelangen von ihrer Seite die großen Ensembles, die sie absolut zu führen wusste. Als Oronte konnte man sich über die Stimme von Gustavo Porta erfreuen. Ein typischer Spintotenor mit viel Stilgefühl. Er stürzte sich voll lyrischem Schmelz in die Rolle mit dem einzigen Belcantoreißer dieser Oper. Wunderbar sang er im Terzett – die Sterbeszene mit der Taufe des muslimischen Ritters Oronte durch den büßenden Pagano und der trauernden Giselda.

Als verräterischen Pirro hörten man mit sicherer Stimme das „Urgestein“ der Amici, Stefan Tanzer. Als Orontes Elternpaar hörte man Gerhard Motsch als Tyrann von Antiochia Acciano und mit angenehmen Mezzo Maria Lapteva als Sofia, die heimlich getaufte Mutter. Die in der Handlung verschwundene Viclinda, die Mutter Giseldas war Sanna Matinniemi. Als den Kreuzzug absegnenden Prior von Mailand lernte man  den angenehmen Tenor von Alexander Gallee kennen.

Leider namenlos ist der Violinist, der herrlich das Geigensolo vor und zu Giseldas Arie musizierte.

An der Staatsoper wurde die Umarbeitung  „Jerusalem“ gespielt, wäre doch schön, es wieder aufzunehmen, so es noch die Dekoration dazu im Fundus geben könnte.

Die Aufführung war wie immer und zu Recht umjubelt, ,man freut sich auf die nächste Rarität.

Elena Habermann

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TERNITZ/NÖ/ Stadthalle: I LOMBARDI ALLA PRIMA CROCIATA – konzertant

 

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Das berühmte Terzett vl. n. r.: Francesco Ellero D’Artegna, Gustavo Porta, Iano Tamar. Copyright: Heinrich Schramm-Schiessl

AMICI DEL BELCANTO: „I LOMBARDI“-Konzertante Aufführung in Ternitz/18.11.2017

(Heinrich Schramm-Schiessl)

Die „Amici del Belcanto“ luden wieder einmal zu einer ihrer konzertanten Opernaufführungen in die Stadthalle von Ternitz. Wie es gute Tradition ist, stand wieder ein Werk abseits des Mainstreams der Opernszene auf dem Programm, diesmal Giuseppe Versdis „I Lombardi alla prima crociata“. Es ist Verdis vierte Oper und mit ihr wollte er an den Sensationserfolg des „Nabucco“ anschließen. So gibt es z.B. auch in diesem Werk einen grossen patriotischen Chor. Trotz des grossen Erfolges bei der Uraufführiung konnte sich das Werk – zumindest ausserhalb Italiens – keinen wirklich fixen Platz in den Spielplänen erobern, zumal man heute eher auf die spätere Umarbeitung unter dem Titel „Jerusalem“ zurückgreift. Wirklich bekannt aus dem Werk ist neben dem oben erwähnten Chor nur die Tenorarie „La mia letizia“ und das grosse Terzett im Finale des 3. Aktes. Letzeres verdankt seinen Bekanntheitsgrad vor allen Dingen der bislang unerreichten Aufnahme von 1930 mit Elisabeth Rethberg, Benjamino Gigli und Ezio Pinza. Warum das Werk nicht populärer ist, ist eigentlich unverständlich. Neben den bereits genannten Stücken hat es eine ungemein feurige Musik, wunderbare Chöre, schöne Arien und effektvolle Ensembles, wobei das zuvor erwähnte Terzett bereits ganz grosser Verdi ist.

Inhalt des Werkes ist ein Familiendrama und eine tragische Liebesgeschichte vor dem Hintergrund der Kreuzzüge gegen Ende des 11. Jahrhunderts.

Nunmehr nahmen sich die „Amici“ dieses Werkes an und es wurde wieder ein vom Publikum bejubelter Abend. Man hat immer das Gefühl, dass die Sänger, die ja bekanntlich ohne Gage auftreten – es werden lediglich die Spesen (An- und Abreise sowie der Aufenthalt) ersetzt – mit besonderer Begeisterung bei der Sache sind. Zudem ist es den „Amici“ gelungen, in den letzten Jahren so etwas wie ein kleines Ensemble aufzubauen. Die Krone des Abends gebührt eindeutig Iano Tamar in der ungemein fordernden Rolle der Griselda. Natürlich, Tamar gehört zur internationalen Klasse – warum sie in den letzten vier Jahren nicht mehr an der Staatsoper gesungen hat, weiss nur der Direktor – aber an diesem Abend wuchs sie über sich hinaus. Die dramatischen Passagen sang sie mit einer unglaublichen Verve und vermochte auch die lyrischen Stellen ungemein empfindsam zu gestalten. Die Finalis des 2. und 4. Aktes sowie das von ihr grossartig geführte Terzett waren die Höhepunkte des Abends. Ihr am nächsten kam Francesco Ellero D’Artegna als Pagano. Die Stimme klingt zwar stellenweise etwas rauh, aber auch er versteht es seine Rolle ungemein differenziert zu gestalten. Er setzt, wo es nötig ist, effektvoll die Spitzentöne und lässt sonst die Stimme wunderbar strömen. Eines der Hauptprobleme des Werkes ist sicher der Umstand, dass man eigentlich zwei gleichwertige Tenöre benötigt, und das ist auch hier nicht ganz gelungen. Gustavo Porta (Oronte) verfügt über eine gut tragende Stimme mit toller Höhe und einem ansprechenden Timbre. Es gelang ihm durchaus auf Linie zu singen und das Schluchzen, dass ich bei seinem Enzo kritisch angemerkt habe, war diesmal nicht zu hören. Nicht wirklich glücklich wurde ich mit Ignacio Encinas als Arvino. Natürlich, er hat immer noch eine tolle Höhe, aber besonders in den lyrischen Passagen merkt man, dass die Zeit nicht spurlos an seiner Stimme vorbei gegangen ist. Susanna Matinniemi (Viclinda), Maria Lapteva (Sofia) und Stefan Tanzer (Pirro) waren zufriedenstellend. Als Comprimari hörte man Alexander Gallee (Prior von Mailand) und Gerhard Motsch (Acciano).

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Schlussapplaus. Copyright: Heinrich Schramm-Schiessl

Am Pult stand wie immer Marian Vach. Er betreut die konzertanten Opernaufführungen seit der ersten Vorstellung (1992/Il trovatore), also seit 25 Jahren. Er hat das Orchester der Staatsoper von Banska Bystrica wie immer sorgfältig einstudiert und war ein umsichtiger Leiter. Das Zwischenspiel im 3. Akt klang sehr schön, wobei das Violinsolo nicht vom Konzertmeister, sondern von einem im Programmheft leider namentlich nicht genannten Solisten gespielt wurde. Sehr gut der Chor der Staatsoper von Banska Bystrica (Einstudierung: Jan Prochazka), dem in diesem Werk ja eine bedeutende Rolle zukommt.

Am Ende, wie schon angemerkt, viel Jubel, besonders für Iano Tamar und Francesco Ellero D’Artegna.

Heinrich Schramm-Schiessl

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WIEN/ Staatsoper: ADRIANA LECOUVREUR – so schreibt man Operngeschichte

Wiener Staatsoper
„ADRIANA LECOUVREUR“: SO SCHREIBT MAN OPERNGESCHICHTE (18. November 2017)

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Roberto Frontali, Anna Netrebko. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Es gibt sie also doch noch – diese „magischen Momente“ in denen die Zeit stille zu stehen scheint, in denen es keinerlei Husten gibt, in denen 2400 Menschen mit der gleichen Puls- und Atem-Frequenz regungslos verharren, ehe dann am Ende unbeschreiblicher Jubel einsetzt. So geschehen im Finale  der vierten und letzten aktuellen Reprise von „Adriana Lecouvreur“ von Francesco Cilea mit der „Traum-Besetzung“ Anna Netrebko und Piotr Beczala. Hier wurde – was viel zu selten geschieht – Operngeschichte geschrieben und vermutlich einer veristischen Oper zum späten Durchbruch auch in Wien verholfen. Denn die Cilea-Oper, die international von Stars wie Renata Tebaldi, Magda Oliviero oder Renata Scotto zum Erfolg verholfen wurde, fand bei der Staatsopern-Erstaufführung vor 3 Jahren nur mäßigen Anklang. Trotz klangvoller Namen! Nun wirkte dieses Stück über die tödliche Rivalität zwischen dem Star der Comédie Francaise Adriana Lecouvreur und der Fürstin von Bouillon leicht unfreiwillig komisch: da werden Briefe vertauscht, wechselt Oper mit Ballett (Das Urteil des Paris) und dann wieder mit Sprechtheater-Pathos. Zuletzt stirbt die Titelheldin an vergifteten Veilchen …Aber wenn Anna Netrebko um ihre Liebe zu Maurizio, dem Grafen von Sachsen – Piotr Beczala -kämpft, verstummen alle Einwände.

Anna Netrebko wird immer besser. Zu der voluminösen, in der Mittellage und Tiefe dunklen Stimme kommt jetzt ein Piano-Schwelgen wie ich es auch bei ihr noch ganz selten erlebt habe. Schon in der Auftritts-Arie demonstriert sie was Belcanto heißt.  Samtige, schwebende Piano-Höhen werden zurückgenommen oder „aufgemachr“, der Lagenwechsel bereitet keinerlei Mühe, das Crescendo oder Decrescendo verursachen keinerlei Anstrengung. Und dann verwandelt sich dieses Wesen der Sanftmut in eine „Tigerin“, es agiert plötzlich eine wahrlich „Hochdramatische“ und Tosca lässt grüßen (und man kann sich auf die nächste  Met-Sensation freuen). Freilich hat die Netrebko auch die idealen Partner.

Für Piotr Beczala gilt das Gleiche wie für „Anna-Superstar“. Er befindet sich in der Form seines Lebens und diese Rolle liegt dem „Feschak“ aus Polen besonders. Der Stimm-Sitz wird immer besser, die Höhen strahlen und die Balance zwischen Dramatik und Lyrik wird wunderbar gehalten.

Zum Glück steht mit Evelino Pido, der seine Ausbildung in Turin begann, ein Routinier am Pult des Orchesters der Wiener Staatsoper. Und er hat nicht nur zwei Super-Stars zu betreuen. Die  verheiratete Gegenspielerin von Adriana, die  rachsüchtige Gräfin Bouillon wird – wie bei der Premiere – von der in Petersburg geborenen Mezzo-Sopranistin Elena Zhidkova mit emotionalem Voll-Einsatz gegeben. Der Rest des Ensemble’s soll mit einem kollektiven Lob versehen werden. Nein, Roberto Frontali als Michonnet muss mit einem Sonderlob gewürdigt werden; ansonsten: Alexandru Moisiuc war ein finsterer Ehemann der Fürstin, Pavel Kolgatin ein frischer Poisson, Raúl Gimenez ist ein würdiger Abbé. Ryan Speedo Green ein hünenhafter Quinault, Tobias Huemer ein kauziger Haushofmeister und Bryony Dwyer und Miriam Albano waren reizende Kolleginnen der Diva.

Die Inszenierung von David McVicar (Bühne Charles Edwards) wäre wohl schon bei der Uraufführung von „Adriana Lecouvreur“ im Jahr 1902 als altmodisch kritisiert worden. Aber was soll’s ? im November 2017 wurde endlich wieder einmal Operngeschichte geschrieben. Und für ein paar Sekunden stand die Zeit still…Unvergesslich!

Peter Dusek

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WIEN/ Kammeroper: DON PASQUALE – „Norinas Polyamorie“. Neuinszenierung und Arrangement für „Salonorchester“

Wien/ Kammeroper: „Norinas Polyamorie“. Neuinszenierung – Vorstellung am 17.11.2017


Julian Henao-Gonzalez, Carolina Lippo, Florian Koefler, Matteo Loi. Copyright: Barbara Zeininger

Gaetano Donizettis „Don Pasquale“ ist eine Perle der komischen Oper – und diese Perle wird in der Kammeroper in einer neuen Fassung präsentiert: Tscho Theissing hat Donizettis Partitur „modernisiert“ und für ein „Salonorchester“ arrangiert.

http://www.operinwien.at/werkverz/donizett/apasq3.htm

Dominik Troger / www.operinwien.at

ZUR FOTOSERIE „DON PASQUALE“

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WIEN / Staatsoper: SALOME

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Fotos: Wiener Staatsoper / Pöhn

WIEN / Staatsoper:
SALOME von Richard Strauss
232.
Aufführung in dieser Inszenierung
16.
November 2017

Die Wiener Staatsoper hat „Strauss-Tage“ ausgerufen, schließlich war der Komponist von 1919 bis 1924 Direktor des Hauses und füttert mit seinen Hauptwerken beharrlich das Repertoire. Allerdings weiß der heutige Direktor selbst, dass Strauss sich nicht unbedingt „von selbst“ verkauft (wie offenbar jeder „Barbier von Sevilla“, egal, wie er besetzt ist), und das zeigte sich gleich bei der Auftakt-Vorstellung der Strauss-Tage – denn ausverkauft war diese „Salome“ nicht, obwohl man es mit einer achtbaren Besetzung zu tun hatte.

Vor allem Peter Schneider am Pult garantiert immer die nötige Dramatik (wenn sie auch gelegentlich zu laut ausfallen kann) und die Spannung, die schließlich eindreiviertel Stunden durchhalten muss.

Die „Salome“ lebt auch in Wien von ihrer Inszenierung, von der zumindest die betörende Jugendstil-Ausstattung von   Jürgen Rose übrig geblieben ist – eine legendäre Aufführung, eine der wenigen des Hauses, an der man nicht rütteln sollte, weil sie das Werk optimal präsentiert und den Sängern jede Möglichkeit gibt. (Nur wer, wie die Merker-Rezensenten, links auf der Galerie sitzt, wird zu wenig von Herodes und fast nichts von den Aktionen der Herodias mitbekommen…).

Lise Lindstrom ist eine tapfere Frau. Obwohl die Wiener sie als Turandot gar nicht gut behandelt haben, ist sie wieder da und stellt sich der nächsten Monsterrolle. Allerdings liegt da auch ihre großartige, uneitle, packende „Wozzeck“-Marie dazwischen, mit der sie im Theater an der Wien so beeindruckt hat. Als Salome ist die blonde Lise Lindstrom eine nordische Eisprinzessin, die alle hohen Töne der Partie mit solcher Sicherheit schmettert (und auch noch beeindruckend die paar nötigen Piani hat!), dass man über das eine oder andere Tremolo hinweghört. Freilich – sie ist weder kindlich noch gar erotisch, als Tänzerin tut sie, was man ihr gesagt hat, Gänsehaut erzeugt sie keine, aber darstellerisch ist diese Salome, die vor den Belästigungen des Herodes davonläuft (Achtung! #metoo!), um sie dann für ihre Zwecke zu instrumentalisieren, eine hoch interessante, berechnende Gestalt. Mitleid hat man nicht mit ihr, aber das ist ja in dieser schlimmen Geschichte auch nicht nötig.

Aus der Tiefe der Gruft steigt ein eisiger Fanatiker: Alan Held ist es ( in der „Freischütz“-Produktion wird er  der Kaspar sein), der mit metalliger Stimme Angst und Schrecken verbreiten kann (interessant, dass er Wärme hören lässt, wenn er von Jesus spricht). Dass er der starken Salome so starken Widerstand entgegensetzt, macht vor allem das Duett der beiden spannend.

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Herwig Pecoraro und Janina Baechle sind ein bewährtes Tetrarchen-Paar, er hat es nicht nötig, einen Neurotiker zu spielen, ein hilfloser, wütender Mann reicht. Janina Baechle triumphiert (einmal in der Mitte der Bühne!), wenn sie fälschlich meint, Salome verlange den Kopf des Jochanaan, um ihrer lieben Mutter einen Gefallen zu tun…

Die Nebenrollen sind durchwegs recht gut besetzt, allerdings fiel die Ungleichheit von „Paarungen“ auf: Ryan Speedo Green, erstmals als erster Soldat, war weit hörbarer als sein zweiter Kollege, desgleichen Sorin Coliban als erster Nazarener.

Am Ende feierte das Publikum verdienterweise vor allem die blonde Eisprinzessin. Salome kann man ja gestalten, wie man will – wenn man es nur gut macht.

Renate Wagner

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MÜNCHEN/ Gärtnerplatztheater: MARTHA von Friedrich von Flotow

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Auf dem Markt zu Richmond: Holger Ohlmann (Plumkett), Ann-Katrin Naidu (Nancy), Jennifer O’Loughlin (Martha) und Alexandros Tsilogiannis (Lyonel). Copyright: Christian POGO Zach

Gärtnerplatztheater in München wiedereröffnet: „Martha“ von Friedrich von Flotow (Vorstellung: 15. 11. 2017)

Das kürzlich wiedereröffnete Gärtnerplatztheater in München, das einige Jahre lang generalsaniert wurde und nun seine Besucher in neuem Glanz erwartet, brachte die romantisch-komische Oper „Martha“ von Friedrich von Flotow in der legendären Inszenierung von Loriot zur Wiederaufführung. Die Uraufführung von „Martha oder Der Markt zu Richmond“ fand am 25. November 1847, also vor 170 Jahren, im Kärntnertortheater in Wien statt, die Premiere am Gärtnerplatztheater in München am 6. Juli 1997.

Friedrich von Flotow (1812 – 1883) hatte ein inniges Verhältnis zu Wien. Sein Meisterwerk Martha war ein Auftragswerk der Wiener Hofoper und eroberte nach dem sensationellen Uraufführungserfolg die ganze Welt, wobei als zweite Bühne 1848 Weimar folgte, wo Franz Liszt mit diesem Werk seine Tätigkeit als Operndirigent begann. Es folgten innerhalb kurzer Zeit Berlin, München, Schwerin und Paris.

In seinem im informativen Programmheft veröffentlichten Artikel über den Komponisten unter dem Titel  Nicht nur „Martha“ wies Hans Peter Wiesheu darauf hin, dass die Oper in verschiedene Sprachen übersetzt wurde. „Entscheidend für den Erfolg war aber, dass Martha die erste durchkomponierte Opéra comique ohne gesprochene Dialoge war, die oftmals einer Übersetzung hinderlich sind.“ Flotow lebte einige Jahre in Wien und war anlässlich seines 70. Geburtstags und der gleichzeitigen 500. Aufführung von „Martha“ Ehrengast der Wiener Hofoper.

Die Handlung von Flotows Meisterwerk, dessen Libretto von Wilhelm Friedrich (Pseudonym des Hamburger Dichters Friedrich Wilhelm Riese) stammt, in Kurzfassung: Als sich Lady Harriet Durham, ein Edelfräulein der englischen Königin, wieder einmal unendlich langweilt, kommt ihr die Idee, sich als Bauernmagd Martha zu verkleiden. Auf dem Markt von Richmond lässt sie sich mit ihrer Vertrauten Nancy vom reichen Pächter Plumkett und seinem Ziehbruder Lyonel engagieren. Naturgemäß erweisen sich die edlen Damen als wenig brauchbar für die Hausarbeit – doch umso geeigneter für anderes… Nach einigen peinlichen Zwischenfällen und Lyonels gesellschaftlichen Aufstiegs – durch einen Ring seines Vaters wird er als ein Graf Derby erkannt – kommt es zu einem Happyend zu viert. Lady Harriet schwört dem überraschten Lyonel ewige Treue.

Loriot (geb. 1923 in Brandenburg unter dem Namen Bernhard-Viktor von Bülow, gest. 2011 in Ammerland am Starnberger See) gelang es auf seine typisch gefühlvolle Art und Weise, die von Sentimentalität angereicherte Handlung durch zauberhafte Ironie erträglich zu machen. Passend dazu sein Bühnenbild (mit humorvollen Anspielungen, wie beispielsweise: ein reizvolles Aktgemälde wird, sobald Damen die Bühne betreten, umgedreht – die Rückseite des Bildes zeigt ein Porträt der Queen Victoria) und die von ihm entworfenen  Kostüme, die die Kleidung der britischen Gesellschaft im 19. Jahrhundert widerspiegelten.

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Jennifer O’Loughlin ist eine Idealbesetzung der „Martha“. Copyright: Christian POGO Zach

Aus dem erstklassigen Sängerensemble ragten heraus: die amerikanische Sopranistin Jennifer O’Loughlin als Lady Harriet Durham alias Martha, die besonders nach ihrer Arie „Letzte Rose“ Beifallsstürme erhielt, und der griechische Tenor Alexandros Tsilogiannis als Lyonel – an diesem Abend zum ersten Mal am Gärtnerplatz! –, der mit seiner lyrischen Stimme begeisterte. Melancholisch eindrucksvoll gesungen seine Arie „Martha, Martha, du entschwandest …“. (Dass manchem Besucher im Publikum in dieser Minute ein Kabarettabend einfiel, an dem ein Sänger den Text änderte in „Martha, Martha, du entschwandest und mit dir mein Portemonnaie“ passte zur Loriot-Inszenierung…)

 Beide Hauptdarsteller brillierten auch schauspielerisch, wobei anzumerken ist, dass ebenfalls  die Einstudierung des Chors (Felix Meybier) eindrucksvoll war und auch choreographisch sehr kreativ ausfiel (Choreographische Betreuung: Fiona Copley). Ebenso ausdrucksstark agierten die Mezzosopranistin Ann-Katrin Naidu in der Rolle der Nancy, der Bass Holger Ohlmann als Plumkett und der Bariton Martin Hausberg als Lord Tristan Mickleford. Gesanglich stets auf der Höhe und darstellerisch durchwegs komödiantisch trugen sie genauso zum Erfolg der Vorstellung bei wie auch in zwei Nebenrollen der österreichische Bass Christoph Seidl als Richter von Richmond und der deutsche Bariton Christian Schwabe als Diener des Lord Mickleford.

Das Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz brachte unter der Leitung von Andreas Kowalewitz den Melodienreichtum der romantisch-komischen Oper von Flotow mit allen Facetten zum Klingen.

Auffallend war, dass die gesamte Statisterie des Staatstheaters am Gärtnerplatz – wie auch der Extrachor und die Kinderstatisterie – mit großer Spielfreude agierten (Spielleitung: Ulrike Aberle) und so zum Erfolg dieser 120. Vorstellung seit der Premiere am 6. Juli 1997 wesentlich beitrugen.

Das begeisterte Publikum zollte immer wieder Szenenbeifall und am Schluss nicht enden wollenden Applaus für alle Mitwirkenden – mit einigen Bravo-Rufen für die beiden Hauptdarsteller Jennifer O’Loughlin und Alexandros Tsilogiannis.

Udo Pacolt

 

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RIEHEN bei Basel/Schweiz / Kammertheater: DIE ZAUBERFLÖTE FÜR KINDER. Premiere

 

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Klein, aber fein: Das „Kammertheater Riehen“. Foto: Michael Hug

Riehen (bei Basel):  Kammertheater – W. A. Mozart „Die Zauberflöte für Kinder“     –  Premiere  15.11.2017

 Wenn im Kleinen Grosses entsteht

Riehen, der schmucke Ort an Basels Grenze, hat in kultureller Hinsicht viel zu bieten. Da ist die „Fondation Beyeler“, welche nebst der eigenen Kunstsammlung immer wieder mit bedeutenden Ausstellungen von z. B. Monet und heuer Paul Klee aufwartet und damit sowohl nationales wie auch internationales Publikum in seinen Bann zieht. 1979 gründete Dieter Ballmann in dieser kunstbegeisterten Umgebung sein Ateliertheater und bereicherte so die blühende Kleinkunstszene in der Regio Basiliensis um ein weiteres Bijou. 38 Jahre leitete der umtriebige Theatermann sein Theater mit grosser Leidenschaft. Nebst eigenen Produktionen mit eigenen Ensemble bot Ballmann den Basler Theater- und Kleinkunstfreunden im Rahmen von Gastspielen die Gelegenheit namhafte nationale und internationale Künstler wie Gert Fröbe und Gisela May – im wahrsten Sinne des Wortes – hautnah im kleinen, feinen Theater zu erleben. Nach 38 Jahren nun wendet sich das Blatt: Dieter Ballmann übergibt das Theater in jüngere Hände – der „Touch of Ballmann“ bleibt jedoch bestehen: Isolde Polzin und Simon Rösch sind seit Jahren feste Bestandteile des Atelier-Theaters. Ein Neuanfang wird es dennoch. Die neuen Theaterleiter verpassen dem etablierten Theater einen neuen Namen: Kammertheater Riehen. Alles im Wandel: „Atelier“ wird „Kammer“, Ensemblemitglieder werden Theaterleiter und Hausherren Gäste. Und eben als Gast präsentiert nun Dieter Ballmann seine „Zauberflöte für Kinder“. Die Produktion ist zwar nicht neu, hat aber nichts an Charme und Zauber eingebüsst – ganz im Gegenteil. Im märchenhaften Bühnenbild und den zauberhaften Kostümen von Dietlind Ballmann werden Kinder (und deren Eltern) in die wunderbare Welt der Oper eingeführt und können dabei nicht nur Theater sehen sondern gleich erleben und mitgestalten. So braucht es für die Schlange, welche Tamino verfolgt, eine ganze Reihe Kinder, welche ins Kostüm der giftgrünen Schlange schlüpfen und mit allergrösstem Vergnügen den Prinzen über die Bühne jagen – zu Hilfe, zu Hilfe! Dem kleinen Lionel, der noch kleineren Lisa und ihrem Bruder Moris gefällt das so gut, dass sie Papageno, wann immer er Statisten als Tiere oder Sklaven sucht, als allererste zur Verfügung stehen wollen und die Bühne stürmen. Philipp Steiner gibt einen lustigen Papageno, der als Moderator durch das Stück führt und das Eis zwischen Bühne und dem jungen Publikum sofort brechen kann. Natürlich darf dabei das berühmte Vogelfängerlied nicht fehlen. Philipp Steiner meistert auch den musikalischen Part mit viel Witz, Charme und Bravour. Besonders anrührend gerät ihm „Ein Mädchen oder Weibchen“. – Überhaupt wird musikalisch einiges geboten!

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Papageno (Philipp Steiner), die drei Damen (Kimberley Nebel, Barbara Wädele, Sandra Lucco), Tamino (Philipp Borghesi) – und die Schlange – fast tot zu deren Füssen. Foto: Michael Hug

Einfühlsam hat Barbara Kleiner diese „Zauberflöte“ musikalisch einstudiert. Sie hat darauf geachtet, dass die jungen ZuhörerInnen gefordert aber nicht überfordert werden. Spiel- und Musikszenen sind wunderbar aufeinander abgestimmt – so wird es nie eintönig und es gibt immer etwas zu erleben. Barbara Kleiner begleitet die Aufführung differenziert und spielerfreundlich am Klavier. Das Quintett mit Tamino, Papageno und den drei Damen gelingt perfekt! Apropos Damen: Kimberly Nebel, Barbara Wäldele und Sandra Lucco harmonieren musikalisch wunderbar als erste, zweite und dritte Dame. Barbara Wäldele verdreht zudem Papageno als hinreissende Papagena ihrem Papageno charmant den Kopf und erobert mit ihrer quirligen Art auch die Herzen der Kinder, welche als kleine Papagenas und –nos zu ihrem letzten Einsatz auf der Bühne kommen. Sandra Lucco begeistert optisch als auch musikalisch als Märchenprinzessin Pamina. Bei den „Männern, welche Liebe fühlen“ fällt ihre fein differenzierte musikalische Gestaltung besonders auf. Kimberly Nebel tritt immer wieder als Tänzerin in Erscheinung und gibt dem Baum und den Elementen Feuer und Wasser konkrete Gestalt. Dieter Ballmann gibt einen herrlich keifenden Monostatos. Fehlt nur noch Tamino: Der mittlerweile 19jährige Philipp Borghesi machte bereits im zarten Alter von 15 Jahren an der „Baseldytsche Bihni“ auf sein Schauspieltalent aufmerksam. In der vergangenen Spielzeit brillierte er an derselben Bühne als Max in „Otello darf nicht platzen“. Dabei wurde auch sein Gesangstalent offenkundig – denn in der „Otello“-Produktion der „Baseldytsche Bihni“ kamen die Gesangsnummern (unter anderem das Freundschaftsduett aus Verdis „Don Carlo“) nicht ab Band sondern wurden live dargeboten. Nach dieser Erfolgsproduktion nahm der junge Künstler weiterhin regelmässig Gesangsunterricht, entwickelte seine Stimme erfolgreich weiter – und kann jetzt sein erstes musikalisches Engagement in dieser herrlichen „Zauberflöte“ bestreiten. Dies macht er mit Bravour! Er setzt seine jugendliche Tenorstimme geschickt ein, lässt bei „Zu Hilfe, zu Hilfe“ durchaus auch heldisches durchblitzen – das freut die Wagnerianer im Publikum – und begeistert bei „Wie stark ist nicht dein Zauberton“ mit reinem, fein differenziertem, höchst lyrischem Gesang mit perfekter Diktion – ein Attribut, das auf sämtliche Aufführenden zutrifft.

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Tamino (Philipp Borghesi). Foto: Michael Hug

Strahlende Kinderaugen vor, während und nach der Aufführung, welche den Aufführenden entgegen leuchten und ein riesiger Applaus – was gibt es schöneres für die aufführenden Künstler? Und: Wenn Lionel, Lisa und Moris den Weg ins Theater oder sogar auf die Bretter, welche die Welt bedeuten,  dank dem heuer erlebten, finden, dann ist das der allerbeste Beweis dafür, dass wirklich Grosses nicht selten auf den kleinen Bühnen passiert.

Michael Hug

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WIEN/ Staatsoper: ADRIANA LECOUVREUR. Jubel für das „Opern-Traumpaar“

 

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Anna Netrebko (Adriana), Piotr Beczala (Maurizio). Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

 

WIEN / Staatsoper: Jubel nach „ADRIANA LECOUVREUR“ mit dem „Opern-Traumpaar“

15.11. 2017 – Karl Masek

Am 6. November 1902 hatte das Verismo-Stück die Uraufführung im TeatroLirico in Mailand. Angelina Pandolfini war die erste „Diva Adrienne“ und kein geringerer als Enrico Caruso kreierte als Erster den wankelmütigen Feldherrn und Liebhaber Moritz von Sachsen.

112 Jahre zogen ins Land, bis Francesco Cilèas einzige seiner insgesamt fünf Opern, die sich einigermaßen im Repertoire der Opernhäuser halten sollte, den Weg an die Wiener Staatsoper fand. Die Erstaufführung im Haus am Ring fand – kaum zu glauben – erst am 16. Februar 2014 in dieser Inszenierung statt. Wie sonst auch etliche Male war die Wiener Volksoper wieder etwas schneller: Hier hob sich der Vorhang für  die erste Wien-Aufführung „bereits“ im Dezember 1969 …

Adriana Lecouvreur lebte von 1692 bis 1730 und war ein Star der Comédie-Française und der angebliche Giftmord der Herzogin von Bouillon an der Rivalin um die Gunst des Maurizio, Conte di Sassonia, inspirierte Cilèa als Basis zu seiner Oper.

Die Divenrolle wurde im Laufe der Jahrzehnte von vielen Superstars der Opernbühne gesungen – genannt seien Renata Tebaldi, Montserrat Caballé,Renata Scotto, Mirella Freni und – 2014 in Wien: Angela Gheorghiu.

Für Anna Netrebko ist diese Rolle wie geschaffen. Sie betört in diesem veristischen „Reißer“ um Liebe, Eifersucht und Tod eines Theaterstars das Publikum. Im derzeitigen Stadium ihrer Stimmentwicklung liegt ihr die Rolle geradezu ideal in der Kehle. Mit dem staunenswerten Tonumfang von der immer dunkler werdenden cremigen, ja rauchigen Mittellage bis hinauf zu der fantastisch aufgehenden,   strahlenden Höhe scheint sie für die vielschichtige Rolle, die auch melodramatischen Sprechgesang verlangt, derzeit ohne Konkurrenz zu sein. Die Netrebko spielt nicht eine Diva (wie ihre Vorgängerin Gheorghiu), sie IST diese Diva, steigert sich bis zum Gifttod im Finale atemberaubend und darf am Ende stehende Ovationen entgegen nehmen.

Und diesmal gab es tatsächlich (vor allem im Schlussbild) ein Opern-Traumpaar zu hören und zu sehen: Piotr Beczala nähert sich anscheinend der Form seines Lebens. Großartig, wie er seine edel timbrierte, dramatischer gewordene Stimme technisch beherrscht. Wunderbar, wie gesund und voller Schmelz diese Stimme klingt, wie herrlich er bis in höchste Höhen rund phrasiert. Und mit der Netrebko als Partnerin zeigte er sich auch darstellerisch hochmotiviert und stellte (glaubwürdiger als früher) einen „Liebhabertyp“ dar, der skrupellos ist, wenn er sich politische Vorteile erhofft und Blumen (die Veilchen!) an die Principessa von Bouillon weitergibt, die er eben von Adriana geschenkt bekommen hat. Die berühmt-lange Todesszene wurde von beiden mit unüberbietbarer Dramatik gestaltet. Auch er wurde ausgiebig gefeiert.

Die Inszenierung von David McVicar, spielt bewusst in der eigentlichen Zeit, nämlich im Paris des Jahres 1730.Wie schön, derlei hie und da doch noch zu sehen!Und nicht wie so oft  willkürliche Raum- und Zeitverschiebungen!  Man sah eine rundum gelungene Ensembleleistung.

Roberto Frontali war der unglücklich in Adriana verliebte und mit seinem fortgeschrittenen Alter berührend hadernde Theaterinspizient Michonnet (mit noblem Bariton), Elena Zhidkova war die explosive Veilchenblumen-Giftmörderin und „matchte“ sich stimmlich mit der Netrebko auf Augenhöhe. Raúl Gimenez (Abate), Alexandru Moisiuc (Il Pricipe di Boouillon), sowie Ryan Speedo Green, Pavel Kolgatin, Tobias Huemer, Bryony Dwyer und Miriam Albano erfüllten die Randfiguren mit Leben.

Evelino Pidò dirigierte schon die Premiere vor dreieinhalb Jahren und bewährte sich einmal mehr als souveräner Klanggestalter und temperamentvoller Antreiber des veristischen Geschehens. Das Orchester der Wiener Staatsoper hatte einen großen Abend.

Ausverkauftes Haus. Das Opernglück schien am dritten Abend der aktuellen Serie vollkommen.

Karl Masek

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