Der Neue Merker

WIESBADEN: DIE WALKÜRE im ersten Ring-Durchlauf

Staatstheater Wiesbaden: Richard Wagner: DIE WALKÜRE

am 27. April 2017

 

Not tut……der Text!

 Im Rahmen der Internationalen Maifestspiele wird die Inszenierung von Wagners „Der Ring des Nibelungen“ in der Lesart von Uwe Eric Laufenberg zwei Mal als Zyklus aufgeführt. Nun in der „Walküre“ gab es verschiedene Umbesetzungen.

 Kurzfristig entschied sich Laufenberg, den Siegmund mit Andreas Schager zu besetzen. Schager ist und bleibt in seinen  Rollen ein großer Sympathieträger. Wie bereits bei den Siegfried-Partien begeisterte Schager mit frischer, gesunder Stimme und szenischem Totaleinsatz sein Publikum. Lyrische Ansätze, z.B. in den „Winterstürmen“ gibt es kaum. Verstörend dennoch abermals die außerordentlich vielen Textpatzer! Hinzu kamen zu viele falsche Einsätze und sogar auch falsche Töne. Bei den „Wälse“-Rufen forcierte Schager derart stark, dass vor allem der zweite „Wälse“-Rufe empfindlich zu hoch geriet und zudem die Stimme ihr Vibrato verlor. Diese Kraftmeierei hat Schager überhaupt nicht nötig. Wenn er auf Linie singt, dann kann er mühelos, leicht und strahlend tönen, wie das herrliche „Wälsungenblut“ zeigte. All diese Einwände trübten jedoch nicht den großen Jubel für ihn.

An seiner Seite gab Sabina Cvilak eine sehr lyrische Sieglinde. Ich bleibe bei meinem Eindruck, den ich bereits in der Premiere hatte: diese Partie ist in ihren Anforderungen nicht ideal für Sabina Cvilak. Sicher, die Mittellage und die Tiefe nehmen ein. In der Höhe kommt die Stimme zu deutlich an Grenzen, die Stimme spreizt sich, die Höhen flackern und Vokalverfärbungen müssen dazu beitragen, die Anforderungen zu bewältigen.

Evelyn Herlitzius begeisterte mit ihrer mitreißenden Darstellung, dem wissenden Ausdruck und der passenden Stimmgröße als Brünnhilde. Jauchzend, mitfühlend und bewegend verstand sie es, die Wunschmaid in den Mittelpunkt des Geschehens zu rücken. Die „Hojotohos“ sind bei ihr keine Bravournummer, sondern authentischer Ausdruck einer jungen Unbekümmertheit. Wunderbar die Sonorität in der Todesverkündigung und beseelt die Kantilenen im großen Schluß-Duett.

Egils Silins als Wotan erschien mir etwas engagierter als im Januar. Stimmlich war er hervorragend disponiert und blieb der Partie  nichts schuldig. Irritierend seine ausdrucksbezogene Teilnahmslosigkeit im 2. Aufzug. Alles klang gleich, keine Wortakzente oder dynamische Differenzierung. Dass es in der Erzählung um alles geht, war zu keinem Zeitpunkt erfahrbar. Ob „Nimm den Eid“, „Und für das Ende sorgt Alberich“ oder das verächtliche „Geh“…….kein Ausdruck. Nichts! Schade! Und wie bereits im Januar, die große Wende kam auch hier bei ihm wieder mit dem 3. Aufzug. Endlich, ging Silins aus sich heraus, setzte klare, markante Akzente, gestaltete wesentlich musikalischer und textbezogener. Sein Abschied geriet markant und bewegend.

Gewachsen in Stimme und Interpretation die Fricka von Margarete Joswig. Im Textbezug wählte sie nun auch ein paar „spitze“ Töne, die der Göttergattin gut anstanden.

Die beste Leistung bot für mich der neue Hunding von Albert Pesendorfer. Was für ein Hunding! Gefährlich, bedrohlich, verschlagen und ungemein hintergründig. In seiner Gestalt und seinem „sprechenden“ Gesicht spielte sich weit mehr ab, als die flache Inszenierung von Laufenberg zeigte!Welcher Triumph in seiner Mimik als er Siegmund als seinen Todfeind erkannte! Bei Pesendorfer saß jeder Ton, jede Nuance, jede Geste! So und nicht anders! Eine große, unvergessliche Leistung!

 Das Hessische Staatsorchester, in diesen Wochen intensivst gefordert, spielte wie beflügelt auf. Auch das Dirigat von Alexander Joel wirkte freier und drängender. Herrlich waren die Soli im Cello und den Klarinetten. Das Blech war in Geberlaune, kultiviert, sauber in der Intonation und niemals dröhnend. Als strapazierfähiger Optimist dachte ich, dass ich nun im 3. Versuch meinen bis dato immer geschmissenen Beckenschlag bei „Ich berührte Alberichs Ring“ bekommen würde! Und? Natürlich, wieder geschmissen, ebenso der Beckenschlag im Feuerzauber! Diese „Beharrlichkeit“ gibt es nur in Wiesbaden und seltsamerweise (zum Glück…) nur bei Wagner.

 Und: rauschender Szenenapplaus für das brav galoppierende (!) Pferd!

 Großer Jubel am Schluss!

Dirk Schauss

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BRATISLAVA: „LA JUIVE“/„Židovka“/“Die Jüdin“

Bratislava: „Židovka“(„LA JUIVE“, „Die Jüdin“) – 27.4.2017

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Copyright: SND/ Pavol Breier

 Diese meisterhafte Inszenierung von Peter Konwitschny wurde zuerst in Gent/Antwerpen gezeigt und erhielt dann in Mannheim den begehrten deutschen „Faust“-Preis. Den oder irgendeinen anderen würde sie in Preßburg gleich noch einmal verdienen! Vor allem aber möglichst viele Besucher! Ich möchte diese Produktion vor allem den Wiener Opernfreunden ans Herz legen, für die Bratislava ja so nahe liegt und die mit dieser Aufführung der Halévy-Oper interessante Vergleichsmöglichkeiten haben, die wohl kaum anders als zugunsten Konwitschnys ausfallen werden.Da ist dem Regisseur wirklich alles in einer Weise gelungen, die einen 3 Stunden nur den Atem anhalten lässt.

 Erstens bietet er blendende Theaterarbeit mit bestens organisierten Auftritten aller Solisten, Chorsänger und Statisten sowie gekonnten, nur kurzen Verwandlungen. Aber das Entscheidende ist: Er zeigt Menschen. Es gibt nicht „die Guten“ und „die Bösen“. Alle sind beides. Er führt die Gründe für die von Halévy gezeigte Feindschaft zwischen Christen und Juden „aus Glaubensgründen“ ad absurdum. Mit einem so einfachen Mittel wie blauen Plastikhandschuhen für die Christen und gelben Handschuhen für die Juden, in einer der Chorszenen ergänzt durch eine Gruppe mit roten (was die ganze Sache nur noch lachhafter macht), demonstriert er, was in Wirklichkeit den Unterschied zwischen diesen und jenen Menschen ausmacht: nämlich gar keiner. Oder ein eingebildeter oder angelernter. Ein paar Geistliche sind kostümlich als Christen erkennbar und den Hintergrund der Bühne ziert in den meisten Szenen ein riesiges rundes Glasfenster mit christlichen Symbolen. Spätestens, wenn die in der Finalszene in weißem Brautkleid mit Blumenstrauß im Arm auftretende Rachel als zum Tode verdammt eine Leiter besteigt, die zum Zentrum dieses Kirchenfensters führt, ist der pure Hohn unübersehbar, den diese „fromme“ Kulisse beinhaltet. Ansonsten gibt es nur moderne Kleidung. Eléazar agiert fast nur nur in heller Hose und weißem Hemd, in besagter Finalszene auch noch in „weißer Jacke“, sodass er gut zu seiner „Tochter“ passt. Die agiert sonst meist in Schwarz oder mit modischem engem Mantel. Die Chordamen tragen einheitlich ein „kleines Schwarzes“ mit kleiner weißer Halszierde und schwarze Stöckelschuhe, die Chorherren schwarze Anzüge. Nahezu das gesamte Bühnenpersonal behält die eigenen Haare. Der Gegensatz schwarz – weiß wird ebenfalls ins Lächerliche gezogen: Rachel mit langen schwarzen Locken, Eudoxie als dumme, aber raffinierte Göre mit aufgetackelter  Blondfrisur. Wie die dumme Blonde und die gescheite Schwarze – großartig sowohl Katarina Flórová/Rachel als auch Jana Bernáthová/Eudoxie,in jeder Beziehung –  um denselben Mann kämpfen, zunächst einander bekämpfen, dann ihn gemeinsam beschützen, ergibt geradezu eine Komödie! Und der Arme Leopold bricht unter dieser unerträglichen Doppellast geradezu körperlich zusammen, muss von der Gefolgschaft gestützt und getragen werden. Das ist glänzend gemachte Satire in Reinkultur und geht doch unter die Haut. Weil auch er, der fiese Schwächling – Mensch bleibt.

Immer wenn ein Konflikt seinen Höhepunkt an – rein intellektuell erkennbarer – Lächerlichkeit bzw. Unnötigkeit erreicht, wird der Aktionsbereich in den Zuschauerraum hineingezogen. Die Fähnchen schwenkende Menge turnt in den seitlichen Gängen und vor der fußfreien Parkettreihe umher, und wenn Eléazar daran ist, an seinem inneren Konflikt zu zerbrechen, singt er seine große Arie (die bekannteste aus dieser Oper): „Rachel, als Gott dich einst zur Tocher mir gegeben“,  von der er ja weiß, dass sie es gar nicht war, sondern eine Christin) tritt er zuerst an die Orchesterbrüstung und hält sich dort fest, dann läuft er vor der fußfreien Parkettreihe hin und her. Mühelos zu verstehen: Das betrifft uns alle!

Die Konflikte zwischen den einzelne Personen werden minutiös ausgespielt – jede einzelne spannend und zugleich unterhaltend und immer zugleich tragisch und komisch.

Aber alle Personen haben auch sympathische Züge, zeigen sich auch warmherzig und bereit, zu verzeihen. Als das Schlimmste werden die Momente des Anstoßes gezeigt, die binnen Sekunden ganze Gruppen zu irgendeinem Fehlverhalten verleiten. Dieses ewige Rätsel der Menschheitsgeschichte, dass Führerpersönlichkeiten übelster Sorte die Einwohner eines ganzen Landes zu Fehlleistungen abseits jeder Menschlichkeit animieren können, wird hier demonstriert. Die logische Erklärung bleibt freilich aus. Muss ausbleiben. Denn es gibt keine. „Wehe, wenn sie losgelassen, wachsend ohne Widerstand….“ – wir kennen die klassischen Verse, die sich auf das feurige Element ebenso beziehen können wie auf menschlichen Wahn.

Dass der Dirigent Dušan Štefánek am Schluss den wenigsten Applaus erhielt, obwohl er mit dem SND Orchester und Chor Großartiges an Einfühlung und Koordination geleistet hat, ist dem Faszinosum Bühne geschuldet, das die Musik einfach aufsog und ins Optische übersetzte.  Eine Gemeinschaftsleistung sondergleichen!

 Natürlich kam eine solche auch von den Solisten – von allen. Ich besuchte ganz gezielt diese Reprise (die A und B Premiere war Anfang April), weil da Zurab Zurabishvili als Eleazar gastierte, der die Rolle schon in Mannheim verkörpert hatte und von unseren dortigen ‚Merkern‘ in höchsten Tönen gepriesen wurde. Nach seinem großartigen Otello in Augsburg wundert mich nichts mehr…Aber dass er die noch viel komplexere Rolle des Eléazar, die nicht unbedingt von einem Belcantisten gesungen werden muss, so prachtvoll, mit wunderschöner Stimme würde singen können, war dann doch noch eine Überraschung und machte die Figur natürlich um einiges sympathischer. Dabei wurde vollkommen klar, dass ihn die Umstände zu aus Verzweiflung geborenem Zynismus getrieben haben. Doch auch der gebrochene Jude bleibt am Ende Mensch. Großartig!

Den Liebesrivalen, Fürst Leopold (als solcher optisch nicht erkennbar), vereinnahmt von  beiden Frauen, sang Robert Remeselnik mit ebenfalls sehr schönem, leicht ansprechendem Tenor. Die beinah unsingbare Partie wurde hier sangbar – wieder ein Grund, humanes Verständnis für den Mann aufkommen zu lassen.

Leichter tut sich damit für gewöhnlich der Sänger des Kardinal Brogni. Der altbewährte Peter Mikulas vermochte mit seinem warmen Bass sowohl Wohlwollen zu vermitteln, wie auch Angst und zuletzt Verzweiflung, wenn ihm klar wird, dass die eigene, tot geglaubte Tochter ausgerechnet von dem verachteten Juden gerettet und lebenslänglich als eigenes Kind betreut wurde. Sein letztendlicher Zusammenbruch ergreift zutiefst. Ján Ďurčo durfte rollengemäß als Ruggiero nur Autorität vermitteln. Die Negativreaktionen des Volkes sprachen für sich bzw. für die Kraft seiner diesbezügliche Ausstrahlung.

Nur am Rande sei bemerkt, dass die Oper französisch  gesungen wurde und es nur slowakische Übertitel gab.  Gefesselt vom Bühnengeschehen, dürfte dies aber nur wenige der anderssprachlichen Besucher gestört haben.

 Die Vorstellung war gut besucht, aber nicht ausverkauft. Den geringen Zwischenapplaus nach den einzelnen Szenen oder Solonummern führe ich auf die große Betroffenheit zurück, die jede Szene bewirkte. Ein großer Dank am Schluss konnte nicht ausbleiben.
Sieglinde Pfabigan

 

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WIEN/ Staatsoper: UN BALLO IN MASCHERA

Un Ballo in Maschera. Wiener Staatsoper, 26.4.2017

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Maria Nazarova (Oscar). Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Solo für Beczala

 Die in die Jahre gekommene Inszenierung von Gianfranco de Bosio in den zuckerlfarbenen Bühnenbildern von Emanuele Luzzati und den opulenten Kostümen von Santuzza Cali erlebte bereits die 95. Aufführung. Sie erfreut die Freunde des Stehtheaters und des Rampensingens nach wie vor und ich nehme an, dass sie noch lange bestehen bleibt (aus wirtschaftlicher Sicht wäre es ja schade die ganzen Kostüme zu verschrotten…).

 Jesús López Cobos leitete das Staatsopernorchester routiniert – und so klang es auch. Ein wenig Dienst nach Vorschrift, ohne großen Höhen und Tiefen.

Der hormongesteuerte Gustaf III. wurde von Piotr Beczala dargestellt – und alleine wegen ihm war die Gesamtqualität der Aufführung doch etwas überdurchschnittlich. Der Sänger zählt sicherlich zu den besten des lyrischen Tenorfaches, seine Stimme ist schwerer und durchschlagskräftiger geworden seit meiner letzten Begegnung mit ihm. Schauspielerisch wurde ihm ja nicht viel abverlangt, deswegen konnte er sich komplett auf das Singen konzentrieren, war sicher in den Höhen, hatte eine hervorragende Mittellage und seine Stimme sprach auch bei den tieferen Passagen hervorragend an. Wie schon erwähnt – alleine schon seine Leistung machte es wert an diesem Abend die Oper besucht zu haben.

 Die fiktive „Silbermedaille“ errang die junge Maria Nazarova, die sich nach meiner Ansicht nach als einzige bemühte, etwas Leben in die Stehpartie zu bringen. Als Oscar überzeugte sie mit viel Temperament, einer in den Höhen schon sehr durchschlagskräftigen Stimme, die man während der Ensembleszenen gut raushörte. Bei einigen der tiefer gelegenen Passagen musste man allerdings schon sehr aufmerksam hören, damit man sie auch wahrnehmen konnte – dieses Manko machte sie allerdings mit sicheren Koloraturen wieder wett. Sie ist ein Gewinn für das Ensemble der Wiener Staatsoper und ihre Entwicklung wird zu beobachten sein.

 Sorin Coliban ist als Graf Warting eine Luxusbesetzung in jeder Hinsicht, auch Ayk Martirossian als Mitverschwörer Graf Horn schlug sich mehr als beachtlich. Die beiden anderen Comprimarii, Igor Onishchenko (Christian) und Benedikt Kobel (Richter/Diener) waren rollendeckend bzw. hätten doch Luft nach oben.

 Nach etwas verhaltenem Beginn und kleineren Problemen in den höher gelegenen Passagen der Tessitura steigerte sich der Renato des Abends, George Petean, allerdings dürfte ihm die Partie teilweise wirklich zu hoch liegen.

 Bonigwe Nakani schlug sich als Ulrica beachtlich, allerdings merkte man doch, dass sie noch recht jung ist – da fehlte teilweise der Ausdruck, den routiniertere Sängerinnen einbringen können, um die Wahrsagerin dämonischer erscheinen zu lassen. Allerdings hat Nakani eine profunde Tiefe und wird bei entsprechendem Training und bei fortschreitender Erfahrung in ihr Fach sicherlich noch hineinwachsen.

 Sehr zwiespältig ist der Eindruck den Kristin Lewis als Amelia hinterlassen hat. Vielleicht hatte sie nicht ihren besten Tag, aber nach sehr schön gesungenen Phrasen erwischte sie immer wieder Töne nicht korrekt und musste immer ein klein wenig „nachbessern“. Sie hat ein schönes und interessantes Timbre, doch insgesamt war sie sehr unausgeglichen – in der Tiefe hat sie auf jeden Fall noch viel Potential – da waren viele Töne einfach verschenkt.

 Insgesamt eine durch Bezcalas Leistung sehr gute Vorstellung, die vom Publikum goutiert wurde. Bei den Solovorhängen wurde sehr wohl abgestuft – Beczala erhielt den längsten und lautesten Applaus mit vielen Bravo-Rufen, gefolgt von Nazarova, Petean und dann Kristin Lewis, die in etwa den gleichen Zuspruch wie das Duo Coliban/Martirossian erhielt.

 Kurt Vlach

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WIEN/ Krypta der Peterskirche „Oper in der Krypta“: DER FLIEGENDE HOLLÄNDER

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Apostol Milenkov als „Holländer“. Foto: Marcus Haimerl

WIEN/ Krypta der Peterskirche: Oper in der Krypta: „DER FLIEGENDE HOLLÄNDER“ – 26. 4. 2017

Opernerlebnisse sind nicht an große Häuser gebunden. Nicht nur sog. „Provinztheater“ offerieren sie ebenso wie die Metropolen, sondern manchmal auch kleine Räume in großen Städten. Die Krypta der Peterskirche im Zentrum  der Wiener Innenstadt (Petersplatz, gleich um die Ecke vom Graben)  ist seit  2014 Schauplatz für eine Besonderheit: „eine neue Opernbühne, die es ermöglicht, Ihnen auf ungewöhnlich intensive und berührende Art und Weise bekannte, aber auch unbekannte Opernwerke hautnah zu zeigen“, wie die Intendantin Dorothee Stanglmayr es verlockend zum Ausdruck bringt.

Angeregt durch den mehrfach dort mitwirkenden bulgarischen Bassbariton Apostol Milenkov, der sich zugleich als Regisseur und Titelheld zur Verfügung stellte, assistiert vom „Steuermann“ Sergio-Tallo-Torres, der sich eifrig um die Umbauten in der Pause und während der Aufführung bemühte, gab es hier Wagner im Kleinformat. Und das hat funkioniert!

„Stehtheater“ kann ungemein faszinierend sein – wenn die richtigen Leute dastehen.  Für große Aktion ist auf der kleinen Bühne ja kaum Platz. Natürlich auch weder für einen Chor noch für ein Orchester. Aber dem ward abgeholfen: Beides wurde mehr als effizient vertreten durch eine zarte Italo-Koreanerin, Rugiada Lee, am Flügel, die mit nicht nur raumfüllendem Klang (was ja leicht machbar ist), sondern mit einer musikdramatischen Kompetenz ohnegleichen Wagner so aufregend präsentierte, wie er es komponiert hat.  Man lauschte der Ouvertüre, die ja schon das ganze Drama vorwegnimmt, ebenso gebannt wie den hiemit aus der linken Ecke des Saales ertönenden Chorszenen im 3. Akt und den großen Szenen der Hautpersonen, die nicht nur in diesen „Orchesterklang“ liebevoll eingebettet ihre Stimmen ertönen ließen, sondern auch eine leidenschaftliche Unterstützung für ihre Rollengestaltung erhielten.

Als szenischen Hintergrund gab es oberhalb der Mittelbühne Projektionen eines bewegten Meeres mit oder ohne geheimnisvolles Schiff zu sehen. Da hätte etwas mehr Abwechslung, angepasst an die jeweiligen Vorgänge in der Musik.  nicht geschadet.

Auf ganz persönliche Art faszinierten die beiden Hauptpersonen. Nachdem der Fliegende Holländer seit Jahrhunderten im Unruhezustand die Weltmeere durchsegelt hat, bedeutet die Landung, die ihm nur alle 7 Jahre gewährt wird, gewiss ein inneres Ruheerlebnis. Wagner lässt ihn ja auch ganz ruhig auftreten (::“kommt an das Land“). Den damit verbundenen Selbstbesinnungs-Monolog vermochte Apostol Milenkov mit nur wenigen Gesten sozusagen im Stand glaubhaft zu machen. Der groß gewachsene, schwarz gewandete Sänger vermittelte das Mysterium dieser Figur allein durch die Stimme und – natürich – das Wissen darum,  was er hier sang, mit entsprechend markanter Diktion. Er ist kein Schmeichelbass, wie man ihn etwa für Sarastro oder die großen Verdi-Rollen erwarten würde, sondern ein kräftiger Bassbariton mt exzellenter Höhe, aber – vor allem – mit einer sonoren Tiefe, die für Hintergründiges geradezu prädestiniert erscheint, und hier wohl am faszinierendsten im piano-Einsatz („Dich frage ich…“,, „Wie aus der Ferne…“) Das Faszinosum dieser Figur blieb bis zum Ende präsent. (Milenkov hat ja in Sofia auch schon den Wotan gesungen und würde vom Stimmvolumen her gewiss auch als Holländer weit größere Räumlichkeiten füllen.)

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Magdalena Renwart. Foto: Herta Haider

Innerlich immer schon, aber ab dem 2. Akt auch sicht- und hörbar zeigte sich die Senta, Magdalena Renwart (eine Tirolerin mit viel Italien-Hintergrund) allen Herausforderungen in Stimme und Darstellung gewachsen. Mit warmem, höhensicherem Sopran konnte sie die jeweilige Gefühlslage der Dalandstochter vermitteln, erfreute im Umgang mit der realen Umgebung im Vaterhaus durch charmant-mädchenhaftes Verhalten und ließ glauben, dass ihre leidenschaftliche Hinneigung zu dem verdammten Seefahrer auch der letzten Konsequenz standhalten kann. Sie verschwand nach der ekstatischen Versicherung „Hier steh ich, treu dir bis zum Tod“ im dunklen Hintergrund. Dann aber – zum anschließenden Erlösungs-Motiv vom Pianoforte – trat das vereinte Paar aus besagtem Hintergr wieder auf die Bühne und ging Hand in Hand durch den Mittelgang der Zuschauerreihen vom Schauplatz ab. Eine wunderbar „erlösende“ Idee, die trotzdem noch ein offenes Ende lässt,  für den ewig umstrittenen Schluss der Oper.

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Muratcan Atam, Magdalena Renwart. Foto: Herta Haider

Zwei bemerkenswerte Tenöre ergänzten das Ensemble. Ein junger türkischer Erik, Muratcan Atam, physisch dem Typ „Spieltenor“ zuordenbar , aber vokal mit beachtlicher Strahlkraft der gut sitzenden Stimme, mit der er die schwierige Partie klaglos bewältigte, wohl für Größeres bestimmt. Wir dürfen neugierig sein… „Unser“ (Kunstsalon)-Spanier  Sergio Tallo-Torres beschwor mit viel Animo den Südwind, der ihn zu seinem Mädel bringen soll. Mit fast schon raumsprengendem Mezzo  nahm sich die (uns ebenfalls bekannte) Puertoricanerin Celia Sottomayor ihrer Aufgaben als Mary an. Nicht ganz so passend zum alten Haudegen Daland: der einspringende Sebastian Peissl, der wie Sentas jüngerer Bruder aussah und noch recht anfängerhaft aufs Vokale konzentriert, die humorige Zwiespältigkeit der Daland-Figur nicht vermitteln konnte. Er ist ja noch in Ausbildung begriffen und man kann noch nicht sagen, in welches Rollenfach der junge Bassbariton sich entwickeln wird.

Eine reizende Idee als Chor-Ersatz: 5 kleine Mädchen durften stricken und dabei das „gute Rädchen“ summen und brummen lassen.

Der ausverkaufte Saal der Krypta vereinte eine Menge „Alt-Wagnerianer“, die das ungewohnte „Event“ ihres Lieblingskomponisten lang und laut bejubelten.

Sieglinde Pfabigan

 

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WIEN / Staatsoper: LADY MACBETH VON MZENSK

WIEN / Staatsoper: LADY MACBETH VON MZENSK am 25.04.2017

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Brandon Jovanovich. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

 

Dieses Meisterwerk aus der Zwischenkriegszeit des zwanzigsten Jahrhunderts kann man nicht teilnahmslos „konsumieren“ – zu sehr wühlt die Musik von Dmitri Schostakowitsch auf und die spannende, aber trostlose Geschichte sorgt dafür, dass man nicht gut gelaunt, sondern nachdenklich und bedrückt nach Hause geht. Leider hat das Stück kein bisschen an Aktualität verloren, spielt zwar offiziell im zaristischen Russland, war aber mit gutem Grund in den totalitären Regimen von Stalin und Hitler verboten – zu deutlich waren die Parallelen – aber auch die Assoziationen zur gegenwärtigen politischen Situation in vielen, gar nicht so weit entfernten Gegenden drängen sich auf. Dass die zwischenmenschlichen Abgründe bis hin zu Vergewaltigung, Mord und Totschlag so meisterhaft mit der  hoffnungslosen Grundstimmung verwoben wurde, erklärt die eindringliche Wirkung dieses schaurig-schönen Werkes.

Meisterhaft war diesmal wieder die musikalische Umsetzung durch das Staatsopernorchester incl. Bühnenorchester in großer Besetzung unter der Leitung von Ingo Metzmacher. Weit über einfache Sängerbegleitung hinaus „wurde hier Musik zur Handlung“ und die Orchesterzwischenspiele vermittelten bzw verstärkten die Stimmungen der Handlung.

Meisterhaft war auch die rollengerechte Besetzung bis zu den kleinen Rollen, deren Bedeutung erst in der Interpretation durch „Luxusbesetzungen“ voll zur Geltung kommt:

In der Titelrolle erlebten wir eine Singschauspielerin in der idealen Entwicklungsphase von Stimme und Ausdruck. Eva-Maria Westbroek konnte die anspruchsvolle Partie mit der Leichtigkeit und Souveränität singen, die eine ausdrucksstarke Darstellung erst möglich machen. Schon ab dem ersten Ton erlebten wir eine gelangweilte, frustrierte Frau, die nicht bereit ist, ihre Lebenssituation zu akzeptieren – dass die dreifache Mörderin aus zum Teil „niedrigen Beweggründen“ trotzdem als die sympathischeste Figur der Handlung empfunden wird, gibt zu denken.

Wolfgang Bankl lebte die dunkle Seite der menschlichen Eigenschaften eindrucksvoll aus und erfüllte die vielschichtige Figur des Boris Ismailow stimmgewaltig mit Leben. Er drückt ihr, wie schon u.a. beim Klingsor und beim Graf Waldner seinen persönlichen Stempel auf und legt die Latte sehr hoch. Carlos Osuna gestaltete seinen Sohn Sinowi – ein echtes „Simandl“ – rollengerecht als Schwächling.

Ein ganz anderes Kaliber ist der Sergej von Brandon Jovanovich. Sein polternder Tenor glänzt nicht mit stimmlicher Feinmotorik, für den rücksichtslosen Macho hat sein technisch guter Tenor aber sowohl den schmeichlerischen Schmelz als auch die brutale Kraft.

Wie schon erwähnt, waren bei dieser Vorstellung die kleinen Rollen sensationell besetzt:

Herwig Pecoraro, den wir u.a. als Mime und als Herodes schätzen, war zwar mit dem „Schäbigen“ stimmlich unterfordert, bot aber darstellerisch einen Leckerbissen über die Nöte eines trockengelaufenen Säufers.

Jongmin Park – sonst Basilio, Wassermann, Ramfis u.v.m. – ließ bereits beim ersten Ton aufhorchen. Sein wunderschöner, schwarzer Bass erlaubte ihm die Darstellung eines sehr weltlichen Popen, der dank der geliehenen Macht ein unbeschwertes Leben führt.

Clemens Unterreiner gestaltete den korrupten Polizeichef mit beängstigender Realität. Eine Luxusbesetzung, ebenso wie Ayk Martirossian als „Alter Zwangsarbeiter“, der die kleine Rolle mit edel strömendem Bass aufwertete.

 Immer wieder erstaunt uns die unglaubliche erotische Ausstrahlung von Zoryana Kushpler, die uns schon als Carmen, Maddalena und als Lola fasziniert hat – wenn sie auftritt knistert es in der Luft. Mit gereiftem, schön klingendem Mezzosopran stellt auch sie eine Luxusbesetzung dar und macht verständlich, warum Sergej mit rücksichtsloser Menschenverachtung zu der berechnenden, aber attraktiven Sonjetka gewechselt ist.

Auch Rosie Aldridge als bemitleidenswertes Vergewaltigungsopfer Axinja, Hans Peter Kammerer als Verwalter/Polizist, Manuel Walser als Hausknecht/Wächter, Peter Jelosits als Lehrer und Simina Ivan als Zwangsarbeiterin sorgten für hohes Niveau in diesem bedrückenden Stück.

Dass es zu keinem jubelnden Schlussapplaus kam, lag sicher nicht an der künstlerischen Leistung der Akteure, sondern an der Handlung, die trotz (oder vielleicht gerade wegen) der relativ realistischen Inszenierung von Matthias Hartmann zum Nachdenken anregt.

 

Maria und Johann Jahnas

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LINZ/ Musiktheater: DIE HARMONIE DER WELT von Paul Hindemith

Musiktheater Linz Hindemith DIE HARMONIE DER WELT Premiere am 8.4.2017, besuchte Vorstellung 24.4.2017 – Ein auf den ersten Eindruck etwas sperriges Werk, dessen Uraufführung Paul Hindemith am 11. August 1957 am Pult des Prinzregententheaters in München an Stelle des erkrankten Ferenc Fricsay dirigiert hatte. Die Reaktionen bei der Uraufführung kann man in der Ausgabe Der Spiegel 34/1957 nachlesen http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41758349.html.

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Copyright: Thilo Beu

Bereits 1951 hatte Paul Hindemith eine Sinfonie gleichen Namens verfasst, die die musikalische Quintessenz seiner späteren Oper enthält. Die Oper wiederum ist die vorletzte Hindemiths. Ihr sollte 1961 noch die einaktige Oper „Das lange Weihnachtsmahl“ auf einen Text von Thornton Wilder, den Hindemith ins Deutsche übersetzt hatte, folgen.

Der Inhalt der fünfaktigen Oper durchläuft ein Zeitfenster von 22 Jahren zwischen 1608 und 1630. Die Schauplätze wechseln simultan und wollen damit dramaturgisch gesehen die Gleichzeitigkeit des Unvereinbaren widerlegen. Sie führen von Prag nach Güglingen in Württemberg, Linz, Sagan in Schlesien nach Regensburg und schließlich in einer großangelegten Passacaglia barocken Ausmaßes in strahlendem E-Dur in sphärische Gefilde. Kepler entdeckte durch seine musiktheoretischen Überlegungen die drei Gesetze der Planetenbewegungen, die bis heute ihre Gültigkeit bewahrten. Für ihn war Musik ein kosmisches Phänomen, eine Weltenmusik, bei der die Himmelsbewegungen eine fortwährende polyphone Musik, die durch das Ohr nicht hörbar ist, erzeugten. In seinen Betrachtungen sieht er sich einerseits der hohen Realpolitik in Gestalt der beiden Kaiser Rudolf II. und Ferdinand II. sowie Wallenstein und anderen Aristokratenausgesetzt, andererseits dem Unverständnis der eigenen Familie. Am Ende muss sich Kepler resignierend eingestehen „Die große Harmonie, das ist der Tod… Im Leben hat sie keine Stätte“. Über die Disharmonie seiner Gegenwart findet der sterbende Kepler nur durch seinen unerschütterlichen Glauben an eine letzte Harmonie der Welt Trost.

In Linz wurde Hindemiths Oper „Die Harmonie der Welt“ bereits 1967, also zehn Jahre nach ihrer Uraufführunggezeigt. Während Hindemiths Oper „Cardillac“ ihren festen Platz im Repertoire der Wiener Staatsoper hat und auch seine Oper „Mathis der Maler“ 2012 mit überwältigendem Erfolg am Theater an der Wien gezeigt wurde, blieb eine szenische Aufführung der „Harmonie der Welt“, wohl auch auf Grund ihres Nahebezuges von Johannes Kepler, der ja von 1612 bis 1626 in Linz gelebt hatte, bisher nur der oberösterreichischen Donaumetropole vorbehalten. Und diese zeigt nun das Opus Magnum Hindemiths in der ungekürzten Fassung (!) nun dankenswerter Weise bereits zum zweiten Mal, wenn auch in einem zeitlichen Abstand von einem halben Jahrhundert. Wer bei der österreichischen Erstaufführung – so wie ich – noch nicht geboren war, musste die Gelegenheit nützen, um nach Linz zu reisen, denn einer weiteren Aufführungsserie nach vielleicht wieder 50 Jahren würde der Rezensent wohl nicht mehr beiwohnen können.

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Seho Chang, Björn,  Sven Hjörleifsson. Copyright: Thilo Beu

Kaum zu glauben, aber seit der Uraufführung in München 1957 ist dies erst die sechste Neuinszenierung dieser Oper. Für Linz bedeutete sie einen gewaltigen logistischen Kraftaufwand. Zunächst erkrankte Regisseur Dietrich Hilsdorf, sodass  Intendant Hermann Schneider die Inszenierung auf Grund dessen Konzeptes (Dramaturgie: Christoph Blitt) fertig stellte. Gerrit Priessnitz erzeugte am Pult des Bruckner Orchesters Linz einen gewaltigen Klangteppich, der A- und Polytonalität kongenial verband und das Publikum suggestiv in seinen Bann zog. Der gewaltige, mitunter an beiden Rändern des Zuschauerraumes positionierte Chor und Extrachor des Landestheaters Linz war auf diese ungeheuren Aufgaben durch Georg Leopold und Martin Zeller besonders gut  vorbereitet worden. Dieter Richter stellte eine Art Observatorium in Form eines Kuppelbaus in die Mitte der Bühne, dazwischen wird immer wieder ein Straßenprospekt eingezogen, Symbol der Bewegung, denn Kepler muss ja seinen Aufenthaltsort in Abhängigkeit von den jeweiligen  Brotherren häufig wechseln. Die geöffnete und immer wieder gedrehte Sternwarte eröffnete den Blick in Keplers Wohnung und in Wallensteins Prunksaal. Ein ständig rotierendes Pendel in der Mitte des Raumes rief Erinnerungen an Richard Peduzzis Bühnenbild für den 2. Akt der Walküre im Bayreuther Jahrhundertring von Patrice Chereau hervor. Renate Schmitzer verzichtete größtenteils auf historisierende Kostüme, lediglich der Klerus und die beiden Kaiser waren „standesgemäß“ gekleidet. Die übrigen Protagonisten und Protagonisten gefielen sich in Kostümen, die dem ersten Drittel des 20. Jhd. verpflichtet waren.

Seho Chang war ein von den politischen Kräften seiner Zeit aufgeriebener  Astronom auf der Suche nach der Weltenharmonie, der bis zu seinem Ende nie den Glauben an eine göttliche Weltordnung verlor. Sein kräftiger Bariton changierte dabei gekonnt zwischen lyrischer Verinnerlichung und gewaltiger Expressivität im forte. Am Ende war er noch als Himmelskörper Erde zu hören. Sandra Trattnigg war eine bis zuletzt treu ergebene Gattin Susanna, die mit ihrem gewaltigen Sopran bis in höchste Höhen schon einmal der Obrigkeit Paroli zu bieten vermochte und in der Schlussapotheose Venus. Besonders eindringlich gestaltete die in Kaunas in Litauen geborenen Mezzosopranistin Vaida Raginskytė Keplers Mutter Katharina, die von Aberglauben geleitet und als Hexe verleumdet beinahe auf dem Scheiterhaufen endet, dank der Fürsprache ihres Sohnes aber im letzten Augenblick gerettet werden kann sowie Luna. Keplers Gehilfe, später Gegenspieler  Ulrich Grüßer war in der Kehle des isländischen Tenors Sven Hjörleifsson bestens aufgehoben, der am Ende auch den Mars sang. Ein Erlebnis, sowohl in gesanglicher wie auch darstellerischer Hinsicht bot der in Südafrika geborene Tenor Jacques le Roux als Wallenstein, ein machtgieriger Despot, durch seinen unbeugsamen Glauben an Horoskope aber verwundbaren Menschen. Im Finale war ihm natürlich die Rolle von  Jupiter vorbehalten. Die beiden Kaiser Rudolf II. und Ferdinand II. sowie Sol unterlegte Dominik Nekel mit dem Anlass entsprechenden majestätischen Bass. Matthias Helm gefiel als Studienabbrecher Tansur aus Wittenberg, der Flugblätter mir Berichten über Katastrophen, die von Kometen ausgelöst werden, mit erdigem Bariton lautstark verkauft. Im Finale verkörperte er noch Saturn.Dem in Odessa geborenen Bass Nikolai Galkin war der Klerus in Gestalt des evangelischen Linzer Pfarrers Daniel Hizler, der Kepler vom Abendmahl ausschließt, als auch dessen Regensburger katholischen Kollegen vorbehalten. In der Schlussapotheose noch Merkur. Dem smarten Bassbariton Ulf Bunde waren die Rolle von Susannes Vormund Baron Starhemberg sowie eines Vogtes (Rechtsbeistand) vorbehalten, einen weiteren Anwalt verkörperte Bassbariton Tomaž Kovačič, während Tenor Csaba Grünfelder als Keplers Bruder Christoph rollengerecht agierte. Die kleine Susanna, Keplers Tochter, wurde von Theresa Grabner verkörpert. Vier Weiber (Danuta Moskalik, Sarolta Kovacs-Führlinger, Karin Behne und Mitsuyo Okamoto) beobachten heimlich, wie Katharina den Leichnam ihres Vaters auf dem Friedhof ausgräbt und beschließen sie daraufhin als Hexe anzuzeigen. Den drei Mördern Jang-Ik Byun, Tomaž Kovačič und Ville Lignell war es bestimmt, Wallenstein zu töten. Seinen gebührenden Auftritt absolvierte auch ein Schäferhund mit tierischer Präzision.

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Mächtige Bildaufbauten: Copyright: Thilo Beu

Dem Publikum des für einen Montagabend gut ausgelasteten Musiktheaters Linz gefiel die Produktion und es spendete allen Mitwirkenden warmherzigen Applaus.                                                                        Harald Lacina 

 

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LINZ/ Musiktheater: DIE HARMONIE DER WELT von Paul Hindemith

Bildergebnis für LINZ Musiktheater die Harmonie der Welt
Die Inszenierung wartet mit opulenten Bühnenbildern auf. Copyright: Thilo Beu/ Linzer Landestheater

Opernrarität in Linz: „Die Harmonie der Welt“ von Paul Hindemith (Vorstellung: 24. 4. 2017)

Das Musiktheater Linz, das immer wieder auch mit selten gespielten Werken das Opernpublikum überrascht, hat zurzeit die Rarität „Die Harmonie der Welt“ von Paul Hindemith auf dem Spielplan. Diese Oper in fünf Aufzügen, deren Libretto der Komponist selbst verfasste, wurde im Jahr 1957 im Prinzregententheater München uraufgeführt und kam bereits 1967 im Linzer Landestheater zur Österreichischen Erstaufführung, wobei Keplers Bezug zur Stadt Linz gewiss eine Rolle spielte.

Der Inhalt der Oper zeigt das Leben des großen Mathematikers und Astronomen Johannes Kepler zwischen 1608 und 1630 in Prag, Linz, Württemberg, Schlesien und Regensburg, wo er im Alter von 59 Jahren stirbt. Es schildert unter anderem sein Streben nach Harmonie, die er privat mit der Heirat seiner Jugendliebe Susanna findet. Sie hat nicht nur Verständnis für seinen Forscherdrang, sondern ergreift auch öffentlich Partei für Kepler. Seine Versuche, die Welt durch Harmonie zu verbessern, mussten in den Zeiten des Dreißigjährigen Krieges zum  Scheitern verurteilt sein.

Die packende Inszenierung des mehr als dreistündigen Werks durch Dietrich Hilsdorf und – nach dessen Erkrankung – durch Hermann Schneider, den Linzer Opern-Intendanten, zeigt auf sehr anschauliche Art und Weise (kreative Bühnengestaltung: Dieter Richter) die wichtigsten Stationen in Keplers Leben, zu denen auch der Prozess gegen seine Mutter im Jahr 1621 gehört, die als Hexe angeklagt war und für deren Freilassung sich Kepler mit Erfolg einsetzt. Es war eine großartige Idee der Regie, die Gerichtsszene inmitten des Publikums spielen zu lassen.

Für den musikalischen Erfolg der Produktion sorgten neben dem wie immer großartigen Bruckner-Orchester Linz unter der profunden Leitung von Gerrit Prießnitz, das Hindemiths schillernde Partitur klangvoll zum Besten gab, das starke Sängerensemble. Die Rolle von Johannes Kepler verkörperte der koreanische Bariton Seho Chang mit kräftiger Stimme und erstaunlicher Wortdeutlichkeit. Beeindruckend auch seine Bühnenpräsenz. Nicht minder beeindruckend die stimmliche und schauspielerische Leistung der Sopranistin Sandra Trattnigg als Keplers Frau Susanna, die eine sinnliche Wärme ausstrahlte.  

Bildergebnis für LINZ Musiktheater die Harmonie der Welt
Sandra Trattnigg als Susanna und Seho Chang als Johannes Kepler (Foto: Thilo Beu)

Ausdrucksstark gestaltete die litauische Altistin Vaida Raginskyte die Rolle von Keplers Mutter Katharina, deren seltsame Ideen zur Anklage als Hexe führten. Ebenso beeindruckend waren der südafrikanische Tenor Jacques le Roux als Feldherr Wallenstein und der isländische Tenor Sven Hjörleifsson als Keplers Gehilfe Ulrich sowie der Bassist Dominik Nekel als Kaiser Rudolf II. und Kaiser Ferdinand II.    

 Dass auch die kleinen Rollen erstklassig besetzt waren, bewiesen der deutsche Bassbariton Ulf Bunde als Baron Starhemberg und als Richter im Hexenprozess, der ukrainische Bass Nikolai Galkin als Linzer und Regensburger Pfarrer sowie die Sopranistin Theresa Grabner in der Rolle der kleinen Susanna, Keplers Töchterchen aus erster Ehe. Stimmgewaltig agierte der Chor und Extrachor des Landestheaters Linz, der fast stets seitlich der Zuschauerreihen sang (Einstudierung: Georg Leopold und Martin Zeller) und dadurch Volkes Stimme eindrucksvoll darstellte.

Das Publikum im gut besuchten, aber leider nicht ausverkauften Musiktheater belohnte alle Mitwirkenden mit lang anhaltendem Applaus.

Udo Pacolt

 

 

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ATHEN/ Greek National Opera: MACBETH von G. Verdi. Hexen an der Macht. Wiederaufnahme

Greek National Opera, Athen: MACBETH von Giuseppe Verdi. Hexen an der Macht

Wiederaufnahme am 23. April 2017 : Hexen an der Macht

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 Nachdem im neuen Athener Opernhaus vor Ostern die ersten Ballettaufführungen stattfanden, kam nun die Oper zum Zug. Aufgrund des knappen Planungszeitraums griff man auf eine Produktion von Verdis „Macbeth“ zurück, die im Januar 2014 in der Alexandra Trianti Hall des Megaro Mousikis Premiere gefeiert hatte. Diese basiert auf der italienischen Fassung der Oper aus dem Jahr 1874. Um es gleich vorweg zu sagen: Die Akustik des Hauses wusste – mindestens im hinteren Parkett – zu überzeugen.

 Die Inszenierung von Lorenzo Mariani – mit dem Bühnenbild von Maurizio Balò und den Kostümen von Silvia Aymonino – versetzt die Handlung ins kriegerische 20. Jahrhundert und lässt die Hexen gleich Nornen die Schicksalsfäden ziehen. So ist das Hexentrio auch ständig und schon während des Vorspiels präsent, ohne dass sich daraus tiefere Einsichten in die Psyche von Macbeth und dessen Gattin vermitteln würden. Der Metallkasten auf der Bühne mutet wohl wie eine Festung an und ist in seiner brutalistischen Architektur durchaus eine brauchbare Metapher für das Geschehen. Allein von Personenführung ist auf der Bühne nicht allzu viel zu spüren. Die Solisten wie der Chor verharren gar zu gerne in Stillstand und an der Rampe. Macbeth erscheint dabei als schwache Persönlichkeit, während sich Lady Macbeth – wenig überraschend – als hemmungslos machthungrig präsentiert. Man könnte sich tatsächlich eine interessantere Interpretation vorstellen.

 Das Orchester unter der Leitung von Lukas Karytinos zeigt sich in guter Form. Die bisweilen schleppenden Tempi in den beiden ersten Akten (z.B. in der ersten Arie der Lady Macbeth) sorgen allerdings für Spannungsunterbrüche vor der Pause. Der verstärkte Chor der Nationaloper (Einstudierung: Agathangelos Georgakatos) erweist sich – insbesondere in den Frauenstimmen – seiner Aufgabe gewachsen. Mitglieder des Balletts tanzen von Renato Zanella choreografierte Einlagen, die unauffällig bis nichtssagend bleiben.

 Tassis Christoyannis als Macbeth überzeugt weniger durch Fülle und Klangfarbe seiner Stimme, als durch seine intensive Rollengestaltung. Im 3. und 4. Akt wächst er zur bestimmenden Bühnenfigur empor. Das ist hörens- und sehenswert. Nicht zu überzeugen vermag hingegen Dimitra Theodossiou als Lady Macbeth. Ihr Sopran weist erhebliche technische Mängel auf, da fehlen exponierte Töne, reissen andere vorzeitig ab, gelingen Verzierungen nur ansatzweise. Zudem sind die gestalterischen Mittel der Sängerin, szenisch und stimmlich, sehr beschränkt. Das Potential der grossartigen Sopranpartie bleibt so leider weitgehend ungenutzt. Petros Magoulas als Banco und Dimitris Paksoglou als Macduff bieten gute Leistungen. In den kleineren Partien macht Antonia Kalogirou positiv auf sich aufmerksam. Das Publikum dankte allen Beteiligten mit herzlichem, anhaltendem Beifall.

 Ingo Starz

 

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WIESBADEN: GÖTTERDÄMMERUNG oder Flimmerdämmerung? Premiere

HESSISCHES STAATSTHEATER WIESBADEN: GÖTTERDÄMMERUNG  / FLIMMERDÄMMERUNG?

Premiere am 23. April 2017

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

In einem außerordentlich hohen Kraftakt schloss sich nun der „Ring“-Zyklus mit der „Götterdämmerung“, inszeniert von Uwe Eric Laufenberg. Sein Konzept einer „Zeitreise“ durch verschiedene Epochen wurde mit der „Götterdämmerung“ nicht erkennbar weiter verfolgt. Somit befinden wir uns nach dem „Siegfried“ immer noch in einer gegenwärtigen Welt mit Büromaterial und bekommen hier wieder so manches bildliche Zitat anderer Inszenierungen zu sehen. Siegfried betritt laut gähnend, „bewaffnet“ mit einem Elektrorasierer und einem Kaffee sein Glashaus. Laufenberg ist erkennbar verliebt in seine Ideen, die kein sinnvolles Ganzes entstehen lassen. Natürlich gibts wieder (zu) viele Videos zu sehen und zwischen den handelnden Personen passiert erstaunlich viel……, nämlich nichts! So ist z.B. Hagen von staunenswerter Harmlosigkeit, ein netter Schreibtischtäter. Keine Bedrohlichkeit, Dämonie oder Dominanz.

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Katharina Konradi, Marta Wyk, Andreas Schager, Silvia Hauer Foto: Karl & Monika Forster

Immerhin gibt es (warum erst jetzt ?) den ein oder anderen szenischen Querverweis auf die anderen „Ring“-Opern. So taucht die Ellipse aus der 1. Szene des „Rheingoldes“ hier nun in der Rheintöchter-Szene des 3. Aufzuges auf, ergänzt durch einen Tresen. Nun eine Bar….willkommen „Zum Rheingold“. Diese bildlichen Banalisierungen ergeben weder Sinn, noch offenbaren Sie einen anderen Blickwinkel. Verschenkt.

Bei Waltrautes Erzählung ist für längere Zeit plötzlich der Wanderer auf der Bühne und hört zu. Brünnhilde registriert ihn und….? Das wars. Keine Interaktion. Nichts.

Gut gelöst war hingegen die Verwandlung Siegfrieds in die Person von Gunter.  Die Illusion, hier Gunter zu sehen, habe ich bisher noch nicht so überzeugend gesehen. Ungewöhnlich die Idee, bei Siegfrieds Tod, wesentliche Requisiten der anderen Ring-Opern als Stätte der Erinnerung zu zeigen. So sehen wir das Monument der Walküre, den Tarnhelm, den Amboss oder auch Sieglindes Kleid.

Dennoch: selten war in einer „Ring“-Inszenierung derart viel szenischer Leerlauf zwischen den handelnden Personen zu bestaunen.

 

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Shavleg Armasi, Chor und Extrachor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden. Foto: Karl & Monika Forster

Auch in der Führung des Chores gab es keine markanten Ideen. Eine Armada aus Schwarzhelmen, die lediglich als Pulk aufmarschiert und szenisch recht blass wirkt, da half dann auch das eher unmotivierte Gerenne des Chores nichts. Und das ständige Fähnchen schwingen, wann immer es etwas zu jubeln gab, nervte.

Unfassbar einfallslos der fast konzertante Schluss, in welchem Brünnhilde an der Rampe ihren Gesang absolviert und wie ein Verkehrspolizist mal hierhin und dorthin deutet, schließlich abgeht und der Rest ist dann……Videofilm! Sonst nix!

Doch halt: dann kommt Gutrune zum Erlösungsmotiv auf die Bühne und schaut mit dem Fernrohr ins Publikum! Das war doch? Richtig, vor gut 30 Jahren bereits in Frankfurt bei Ruth Berghaus Inszenierung zu sehen!

Warum nun also dieser „Ring? Denn als Leistungsschau kam das Hessische Staatstheater doch erkennbar an Grenzen, was nicht verwunderlich ist. Die Inszenierung eröffnet keine neuen Blickwinkel, spart Natur und Mythos aus. Die Personenführung ist oftmals beziehungslos, starke Charakterisierungen entstehen kaum. Starke Bildeindrücke gibt es nicht. Und ist in der Regie kein Einfall drin, dann hilft nur noch der Videofilm. Viel zu oft! Ein szenisch vergesslicher „Ring“ also…….Und die Musik?

Musikalisch erschien auch der vierte Abend der Tetralogie z. T. ambivalent. Mit Catherine Foster hat Laufenberg eine sehr gute Wahl für die Brünnhilde getroffen. Foster ist erkennbar in der Rolle angekommen und bietet sängerisch nahezu alles, was sich ein Zuhörer wünscht: mühelosen, ausdauernden und wissenden Gesang. Sie nutzt vielfältig und sehr differenziert die dynamische Skala. Die Textverständlichkeit ist sehr gut und glücklicherweise ist sie auch in der Lage, den Text intensiv zu gestalten. Einige deutlich zu tief gesungene Höhen seien nicht verschwiegen. Im Schlussgesang war aber dann alles im Lot. Andreas Schager als Siegfried war auch hier wieder sein unbekümmertes Selbst. Er sang frisch drauf los, als gäbe es keinen nächsten Morgen. Alles sehr laut, nicht selten zu hoch, vor allem dann, wenn er forcierte. Hierzu besteht keinerlei Anlass, denn er ist sehr gut in der Lage, diesmal auch die beiden geforderten hohen C’s,  diese fordernde Partie gut zu singen. Was ihm fehlt, ist die Freude an der dynamischen Differenzierung. Auch eine sinngebende Textgestaltung ist bei ihm eher zufälliger Natur. Auffallend bei ihm wieder der hohe Anteil an Textfehlern. Davon abgesehen, dürfte es derzeit weltweit keinen Siegfried-Sänger geben, der derart mühelos, konditionsstark und stimmschön diese Partie singt! Shavleg Armasi ist eine ungewöhnliche Besetzung als Hagen. Kein baumlanger Kerl (Anm.d. Red.: Warum auch? Er ist ein Albensohn), sondern eher von gedrungener Gestalt mit vergleichsweise heller Stimme. Eher ein Bass-Bariton, d.h. keinerlei Bassesschwärze, dafür aber fulminant ausgesungene Höhen bei gutem Textverständnis. Gut erfasste er die Vielschichtigkeit seines Charakters, wenngleich er szenisch viel zu blass wirkte, was aber allein der Regie anzulasten ist.

Sabina Cvilak und Mathias Tosi als Gibichungen Paar Gutrune und Gunter wirkten an seiner Seite sehr blass. Cvilak irritierte mit mancher Vokalverfärbung und arg flackernden Höhen. Und Tosi wirkte als hagerer großer, kahlköpfiger Gunter eher optisch wie ein Hagen und erfreute wenig mit seinem kehlig fest klingenden Bariton. Warum auch Laufenberg Gutrune als Pseudo-Monroe-Verschnitt präsentieren musste, erklärt sich nicht und ist auch wiederum eine (zu oft) zitierte Interpretation anderer Ring-Inszenierungen.

Bernadett Fodor gestaltete ihre lange Erzählung als Waltraute eher eintönig und zeigte starke Registerbrüche, so dass die Tiefe oft nur im Sprechgesang bewältigt wurde.

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Thomas de Vries, Shavleg Armasi. Foto: Karl & Monika Forster

 Thomas de Vries als Alberich hingegen, zeigte auch hier in der eher kurzen Szene mit Hagen, wie spannend guter und vor allem textbezogener Gesang wirkt. Mit ausgeprägtem Legato und gezielten Wortakzenten stellte dieser außergewöhnliche Sänger seine Rolle in den Mittelpunkt. Das nächtliche Zwiegespräch zwischen Alberich und Hagen gerät wenigstens an dieser Stelle szenisch etwas eindrücklich. Hagen thront in der Bühnenmitte, während über ihm Alberichs Kopf als Video präsentiert wird. Sehr erfreulich, wie bereits im „Rheingold“, erklangen die „Rheintöchter“ (Katharina Konradi, Marta Wryk und Silvia Hauer). Das Zusammenspiel und die unterschiedlichen Timbres ergaben eine berückend homogene Gesamtwirkung. Als Nornen mit grünen Laserprojektionen gefielen stimmlich Bernadett Fodor (1.Norn), Silvia Hauer (2. Norn), wo hingegen leider hier bereits Sabina Cvilak (3. Norn) durch flackernde Höhen deutlich abfiel. Szenisch wirkte auch diese Szene durch unmotiviert wirkende Gänge reichlich zufällig.

Der Chor und Extrachor des Staatstheaters in der Einstudierung von Albert Horne erklang kräftig, präzise und in der Mannenszene hinreichend durchschlagskräftig.

Dirigent Alexander Joel zeigte in der „Götterdämmerung“ seine bisher überzeugendste Arbeit. Sein Dirigat zielte wieder auf Transparenz und Durchhörbarkeit. Sehr gut glückte die Balance zwischen Bühne und Graben. Die Sänger mussten nicht forcieren. Erfreulich große Bögen erklangen in den Zwischenspielen, vor allem in der Morgendämmerung. Dem Trauermarsch fehlte hingegen die Wucht. 

Immerhin musizierte das Staatsorchester weitgehend klangschön. Vor allem die Holzbläser erfreuten durch klar ausmusizierte Soli. Die Streicher intonierten sauber und sonor. Kleinere Malheurs im Blech fielen nicht zu stark ins Gewicht.  Erfreulich besser die Schlagzeuger, die diesmal nur zwei Schmisse in Siegfrieds Rheinfahrt hinlegten, sonst aber deutlich präziser am Werk waren.

Eher erschöpfter, aber einhelliger Applaus. Ovationen für Foster und Schager.

Dirk Schauss

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WIESBADEN: GÖTTERDÄMMERUNG

Wiesbaden: „GÖTTERDÄMMERUNG“ – 23.04.2017

CATHERINE FOSTER (Brünnhilde) Copyright K.+M. Forster
Catherine Foster (Brünnhilde). Copyright: K & M Forster

Der „Ring“ hat sich mit der „Götterdämmerung“ (Richard Wagner) unter der Regie von Uwe Eric Laufenberg am Hessischen Staatstheater geschlossen. Gleich einer Zeitreise durch Epochen der Antike von der Wiege des Nomadentums bis in Gegenwart erzählte der Regisseur diesen gewaltigen Musikepos und verstand es in vortrefflicher Weise die Figuren des dritten Ringtages in Charaktere unserer heutigen Zeit zu formen. In großartiger natürlicher Darstellung spielten sich die Darsteller in personifizierten Konstellationen die Bälle zu, allen voran die phänomenale Brünnhilde (Catherine Foster).

In höchst ästhetischer  Assoziation verband Gisbert Jäkel die Bühnenelemente, setzte ins Walküren-Hippodrom gekonnt Brünnhildes Glasbungalow, verlieh der Gibichungen-Halle geschmackvoll-würdige Dimensionen. Die teils übertriebenen Videoeinblendungen (Falko Sternberg) wirkten zuweilen eher störend als nützlich. Elegante typengerechte Kostüm-Kreationen  (Antje Sternberg) erwiesen sich als echte lohnenswerte Hingucker, ebenso die wenigen stilistisch –passenden Mobilar-Accessoires. Gewiss hätte man sich die bewaffneten und Fahnen schwenkenden Mannen ersparen können, dafür boten die attraktiven halbseidenen Töchter des Etablissements „Zum Rheingold“ für optische Abwechslung.

Fazit: eine optisch gelungene Visualisierung des Tetralogie-Finales und vom Publikum sehr wohlwollend honoriert.

Als unübertroffen strahlender Fixstern am Wagner-Firmament dürfte gegenwärtig die Brünnhilde von Catherine Foster gelten und avancierte mit beseelter Darstellung und unvergleichlicher Vokalkultur zum umjubelten Höhepunkt der musikalisch ebenso hörenswerten Produktion. Frau Fosters ebenmäßig in allen Lagen höchst ansprechender Sopran faszinierte die Hörer gleichwohl während der lyrischen Passagen im herrlichen Aufblühen der Emotionen als auch während der gewaltigen dramatischen Ausbrüche. Die exzellente Sängerin verstand es auf wunderbare Weise ihrem ebenmäßig strömenden Organ unter Vermeidung jeglicher Schärfen, satte Grundierungen der warmen Mittellage zu entlocken, den Fortebögen strahlenden Silberglanz zu verleihen. In nie nachlassender Qualität von Zu neuen Taten bis zum finalen großartigen Starke Scheite adelte Foster auf göttliche Weise das Wotanskind. In jeder Phase der vokal intensiven Verkörperung gesellte sich eine vorbildliche Artikulation der unvergleichlichen Künstlerin und trug so zum optimalen Rollenportrait bei.

Gewiss verfügt Andreas Schager (Siegfried) über immense heldentenorale Mittel und dürfte an st(r)ahlkräftigen Resonanzen seinesgleichen suchen, doch frage ich mich als Zuhörer, geht ein Sänger derart unbekümmert mit Stimmreserven um – wie lange noch? Bei aller Würdigung seines beeindruckend eingesetzten Materials, der stabilen Mittellage, der atemberaubenden Technik, den mühelosen Höhen ließ der Sänger (in meinen Ohren) warme Farben, tenorale Abstufungen, ja selbst zuweilen verbindliche Tonalität vermissen.

In bester Diktion, herrlich sattem Altregister und enormen Höhenaufschwüngen ihres prächtigen klangvollen Organs versuchte Bernadette Fodor (Waltraute) leider vergeblich, Brünnhilde zum Ringverzicht zu bewegen und glänzte zudem als hervorragende Erste Norn.

Gleichmäßig strömend im Mezzoton vermittelte Silvia Hauer die Zweite Norn und verführerisch die Flosshilde. Kein Wunder an den scharfen Soprankanten der Dritten Norn (Sabina Cvilak) musste das Seil zwangsläufig zerreißen, auch hielt die Dame als Sexy-Gutrune vokal nicht, was sie optisch versprach. Klangvoller setzten dagegen Woglinde (Katharina Konradi) und Wellgunde (Marta Wryk) ihre akustischen wie optischen Reize ein.

Dem Bass von Shavleg Armasi (Hagen) fehlte es zwar an abgrundtiefer Schwärze, doch verstand es der Sänger mit herrlich strömendem  Material zu punkten und der Partie im intellektuellen Spiel völlig neue Nuancen zu verleihen.

Mit mächtigem, schön timbriertem Bassbariton gab Thomas de Vries den Einflüsterungen Alberichs zwingendes Profil. Als Fehlbesetzung erwäge ich Matias Tosi als wankelmütiger Gunther. Vortreffliche Leistungen boten  hingegen Chor und Extrachor (Albert Horne) des Hauses und fügten sich ausgezeichnet ins Geschehen.

In geradezu bewundernswertem Dirigat gestaltete Alexander Joel am Pult des prächtig aufspielenden Hessischen Staatsorchesters Wiesbaden das geniale Musikwerk zum großen Klangerlebnis. Breit, getragen, transparent in vielfältigen Schattierungen animierte Joel den Instrumentalkörper zu interessanten Klangnuancen. Stets behielt der versierte Stabführer die Oberhand mit wachem Blick zur Bühne und gestaltete dank aller orchestralen Gruppierungen sehr eindrucksvoll pompöse Solomomente (Rheinfahrt, Trauermarsch).

Zu Recht wurden die Musiker in den finalen Jubelsturm um Foster und Schager etc. mit einbezogen.

Gerhard Hoffmann

 

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