Der Neue Merker

MÜNSTER: DER FREISCHÜTZ – gruselig. Neuinszenierung

 Theater Münster   Weber  DER FREISCHÜTZ  –   gruselig

 Premiere 25. März 2017  – besuchte  2. Aufführung 7. April 2017

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Max (mit Chor). Copyright: Oliver Berg

 

 Mit seiner Oper in drei Aufzügen„Der Freischütz“ auf ein Libretto von Friedrich Kind, das wiederum von alten Volksmärchen inspiriert wurde, erfand Carl Maria von Weber trotz einiger Vorläufer den Typus der „romantischen Oper“. Romantisch bedeutete wohl, daß die Natur – hier in Form das böhmischen Waldes  – menschliche Gefühlsregungen  maßgeblich formte. In ihm wirkten  dämonische Mächte, spielte sich aber auch das volkstümliche  abwechselnd fromme und ausgelassene Leben seiner Bewohner ab.

Für die Aufführung in Münster unter der musikalischen Leitung von Stefan Veselka  stellte die  Inszenierung von Carlos Wagner gruselige  Wolfsschluchts-Atmosphäre  wenn auch teils ironisch verfremdet, in den Vordergrund. Dafür ließ sich  Bühnenbildner Christophe Ouvrard von der ATeLIERWERKSTATT – Katja Byhan einen riesigen entwurzelten Baum  auf die drehbare Bühne bauen, dessen  aufragende Wurzeln in gespenstisch-dunkler Beleuchtung richtig schaurig wirken konnten, so wie ähnlich auch schon im Libretto der Oper für die Wolfsschlucht gefordert..  Dieser Baumstumpf  ragte  bis in Agathes   Wohnstube herein und zerriß sie in zwei Teile, sodaß auch dort für naive Wohlfühl – Romantik  kein Platz war. Für die  Wolfsschluchtsszene wurde diese Wohnstube  auf den Kopf gestellt, so daß etwa die Glühbirnen der Deckenlampe für die Herstellung der Freikugeln genutzt werden konnte.  Letztere spuckte Max nach Einnahme eines Zaubertranks unter grossen Schmerzen aus. Um den frommen Schlußchor schrecklich zu konterkarierern, wurde der Bösewicht Kaspar zum Schluß  verbrannt.

Dagegen gab es heitere Akzente durch  eine die ganze Bühne ausfüllende Projektion eines Hirsches als Ziel männlichen Jagdvergnügens schon beim Samiel-Motiv  der Ouvertüre und zu Beginn des letzten Aktes,  ebenso wie durch  einen  langsam erstarrenden Schuhplattler als Tanz der Landleute im I. Akt. Der Teufel ist bekanntlich ein gefallener Engel, so sollten Samiel und der fromme Eremit von demselben Sänger dargestellt werden. .

Bedingt durch Krankheit des Sängers konnte dies nicht gezeigt werden. Der Eremit wurde seitlich am Bühnenrand gesungen vom Bassisten Lukas Schmid, gespielt wurden Samiel und Eremit von der Regieassistentin Pia Kemper, für den Zuschauer als Notlösung erkennbar, rettete aber den Abend.

Auch der Darsteller des Max mußte krankheitsbedingt ganz kurzfristig durch einen Gast ersetzt werden, nämlich durch Tilman Unger vom Staatstheater Nürnberg. Opernfreunden aus Münster ist er aus dem Jahr 2013 in Erinnerung, wo er in Hindemiths „Neues vom Tage“ den „schönen Herrn Hermann“  sang und seiner Stimme vom Verfasser  dieses Artikels  schon damals „Heldentenorqualität“ bescheinigt wurde. Diese zeigte er  trotz der kurzfristigen Übernahme der Partie jetzt noch mehr als Max, den er kürzlich in Dresden sang.. In der grossen Szene  „Durch die Wälder..“  beeindruckte er mit Verzweiflung darstellender Stimmkraft in den Rezitativen und kantablen Legatobögen in der Arie. Ganz großartig im p ohne Orchesterbegleitung gelang ihm im Terzett des II. Aktes die wehmütige Frage „und hast du auch vergeben“

Stimmlich mit innigen, schlichten p-Kantilenen  und leuchtenden Spitzentönen beeindruckte  Sara Rossi Daldoss als Agathe.  In ihrer grossen Arie im II. Akt gelang das „leise leise fromme Weise“ mit ebenso Unschuld darstellender Stimmfärbung wie die Kavatine im III. Akt, Unschuld  jetzt auch im weissen Brautkleid unterstreichend (Kostüme auch Christophe Ouvrard)   Den heiteren Kontrast zeigte mit keckem Spiel und Gesang Eva Bauchmüller als Ännchen. Besonders in der Ariette „Kommt ein schlanker Bursch..“ sang sie perfekt Koloraturen, Triller und traf spielend die hohen Spitzentöne, spielend auch insofern, als sie dabei noch Schießübungen zu absolvieren hatte.

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Die Brautjungfern. Copyright: Oliver Berg

Gregor Dalal ist neben seinem Erfolg als „Falstaff“ geübt in Rollen von Bösewichtern. Das zeigte er einmal mehr als Kaspar. Seine Beethovens Pizarro nachempfundene Rache-Arie zum Schluß des I. Aktes  und auch die abgehackten kurzen Sätze in der Wolfsschlucht zeigten bis zu genau getroffenen tiefen Tönen seine stimmliche Kraft und Ausdrucksmöglichkeiten. Als einziger überzeugte er auch in den bis auf ein Minimum gekürzten Dialogen mit sprachlichem Können. So konnte er glaubhaft machen, daß Kaspar aus Todesangst zum Bösewicht geworden ist.   

Die übrigen kleineren  Partien waren rollendeckend besetzt. Boris Leisenheimer sang  und spielte gekonnt den arroganten Kilian, Plamen Hidjov war Erbförster Kuno , Filippo Bettoschi , zuerst mit Hirschgeweih als Kopfbedeckung, fand sich nach anfänglichen Schwierigkeiten auch stimmlich in die Rolle des Fürsten Ottokar.

Chor und Extrachor in der Einstudierung von Inna Batyuk sangen rhythmisch und stimmlich genau. Das höhnische „hehehe“ der Damen im I. Akt hätte man sich noch gehässiger gewünscht. Die Herren sangen den Jägerchor wie er denn so gesungen wird. Das abschliessende „Joho Tralalala“ könnte wohl noch mehr als Karikatur klingen. Sehr schön gelang der mehrstimmige Schlußchor.

Als musikalischer Leiter wählte Stefan Veselka durchgängig rasche Tempi, das grosse  Crescendo im Adagio zu Beginn der Ouvertüre hätte vielleicht noch eindrucksvoller dargestellt werden können. Den „Jungfernkranz“ nahm er auch verhältnismässig rasch, die geisterhafte Wirkung, die er bei langsamerem Tempo (Andante quasi allegretto) bewirken kann, stellte sich hier nur durch die matronenhaften Kostüme der „Brautjungfern“ ein.

Zur Jagd gehören Hörner. Deren Soli wurden im Laufe des Abends immer schöner, Tonmalerisch hörte man von ihnen und den Holzbläsern  etwa auch das Flügelschlagen der Nachtvögel oder das Bellen der Hunde in Wolfsschlucht-Szene. Von instrumentalen Soli seien erwähnt die von Weber so geliebte Klarinette, die „teuflischen Triller“ der Piccolo-Flöten bei Kaspars Lied vom „irdischen Jammertal“ die Solo-Oboe bei Ännchens Ariette, die  Solobratsche bei ihrer „Romanze“  oder das Solo-Cello zur Begleitung von Agathens Gesang.

Zwischenapplaus des Publikums im gut verkauften Theater blieb nach Maxens grosser Arie ganz unverdient völlig aus und klang später etwas müde. Umso lebhafter war der Schlußapplaus bis zum Schliessen des Vorhangs.

 Sigi Brockmann 8. April 2017

 

Probenfotos zum Teil mit anderen Sängern von Oliver Berg

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