Der Neue Merker

MÜNCHEN/Opernfestspiele/ Bayerische Staatsoper: LUCIA DI LAMMERMOOR

München: Opernfestspiele der Bayerische Staatsoper: „LUCIA DI LAMMERMOOR“, 25.07.2015

Während der Festspiele dürfen die Neuproduktionen der laufenden Saison natürlich nicht fehlen. Die Spielzeit 2014/2015 war von starken Frauenfiguren wie Emilia Marty in „Die Sache Makropulos“, Lulu, Arabella und Lucia in „Lucia di Lammermoor“ geprägt. Die Sängerinnen dieser Rollen feierten allesamt Triumphe in ihren Partien, so auch Diana Damrau als Lucia. In der Festspielvorstellung am 25.07. konnte das Publikum erneut Zeuge ihres musikalisch wie darstellerisch hervorragenden Rollenportraits werden. In Barbara Wysockas Inszenierung, die von der amerikanischen Upper Class der 50iger und 60iger Jahre und insbesondere vom tragischen Schicksal der Familie Kennedy inspiriert ist, ist Lucia eine starke, unabhängige Frau, die sich nicht zum Instrument des Machtstrebens ihres Bruders machen lassen will und die ihm in ihren Auseinandersetzungen auf Augenhöhe begegnet. Ihre Liebe zu Edgardo, in dieser Produktion deutlich von James Dean inspiriert, erlebt sie zunächst als überwältigendes Glücksgefühl, später dann als unfassbares Drama, das sie schließlich in den Wahnsinn und in den Tod treibt. Diana Damrau bringt all diese starken Emotionen mit Vehemenz zum Ausdruck. Dabei nutzt sie ihre virtuose, kaum zu überbietende gesangliche Darbietung stets zur Charakterisierung ihrer Bühnenfigur, so dass die Handlung nicht als Staffage für die Leistungsschau einer Primadonna herhalten muss, sondern zu einer packenden Story über Liebe und Macht wird.

Pavol Breslik bot als Edgardo ebenfalls eine hervorragende Leistung. Sein in letzter Zeit etwas kerniger gewordener aber trotzdem lyrischer, hell strahlender Tenor passt sehr gut zu seiner Bühnenfigur, einem unangepassten, impulsiven jungen Mann, dessen Handlungen rein von Emotionen bestimmt sind. Er gestaltete die Partie musikalisch mit großer Souveränität, Leichtigkeit und Sinn für die Feinheiten und Details der Partitur. Dalibor Jenis sang den Enrico mit klarer, kräftiger und frei strömender Stimme. Auch er zeichnete ein überzeugendes Rollenportrait des machtbesessenen Intriganten, dem zur Sicherung seiner Position jedes Mittel recht ist, der aber am Ende die Grausamkeit seines Handelns gegenüber Lucia erkennt und von Reue geplagt wird.

Neu gegenüber der Premierenbesetzung war Alexander Tsymbalyuk als Raimondo. Er ist ebenfalls ein hervorragender Sängerdarsteller, der die Ambivalenz des Priesters, dem einerseits das persönliche Unglück Lucias nahegeht, der andererseits aber strikt auf die Einhaltung der Konventionen pocht, mit Nachdruck deutlich machen konnte. Musikalisch überzeugte er mit seiner voluminösen, klangvollen, individuell gefärbten Bassstimme. Die kleineren Solorollen waren mit Dean Power (Normanno), Emanuele D’Aguanno (Arturo) und Rachel Wilson (Alisa) sehr gut besetzt. Oksana Lyniv leitete das bestens aufgelegte Bayerische Staatsorchester souverän und war den Sängern eine einfühlsame Begleiterin. Am Ende orkanartiger, langanhaltender Jubel für Diana Damrau, Oksana Lyniv und alle Kolleginnen und Kollegen.

Gisela Schmöger

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