Der Neue Merker

MÜNCHEN: TRISTAN UND ISOLDE – Bayerische Staatsoper

München: “Tristan und Isolde” – Bayerische Staatsoper 13.04.2017

Dass die Sängerin der Brangäne mehr Applaus bekommt, als das Protagonistenpaar oder König Marke hat man so noch nicht erlebt. Und dass eine Isolde sowohl von der Brangäne als auch von ihrem wiewohl indisponierten Tristan „an die Wand gesungen wird“ ist auch selten. Vergangenen Donnerstag haben wir’s erlebt.

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Okka von der Damerau als Brangäne
© Wilfried Hösl

 Als Ostergeschenk gab es nach langer Wagner-Abstinenz Tristan und Isolde in der inzwischen fas 20 Jahre alten Inszenierung von Peter Konwitschny (Premiere am 30. Juni 1998). Ursprünglich war Christiane Libor als Isolde vorgesehen, die aber krankheitsbedingt Anfang April absagen musste und durch Petra Lang, die Bayreuther Isolde vom letzten Jahr, ersetzt wurde. Diese hat keine wirklich „schöne“ Stimme, vor allem die hohen Töne sind oft eng und klanglos, nur selten blühen sie richtig auf. Auch erscheint ihre Stimme vor allem im Zusammenspiel mit der Brangäne, Okka von der Damerau, einen Tick zu klein, der oberen Mittellage fehlt es an Kraft. Das kann sie teilweise durch ihre intensive Gestaltung wettmachen: Ich habe selten eine Isolde gehört, die die Verzweiflung des ersten Aufzugs, die Scham über die Zurückweisung und die selbstzerstörerische Wut so intensiv darstellen konnte (mit Ausnahme von Waltraud Meier natürlich). Und wenn sie am Ende mit wie von innen leuchtendem Gesicht das Ertrinken und Versinken herbeisingt, bevor sie ihren Tristan an die Hand nimmt und mit ihm abgeht, dann sind die weniger schönen Passagen vergeben.

Stephen Gould entwickelt im Laufe der Vorstellung eine Indisposition, die sich ab Mitte des zweiten Aufzugs in Husten und Räuspern äußert, aber kaum einen Einfluss auf seine stimmlichen Möglichkeiten hat. Er besitzt schier unerschöpfliche Kraftreserven und gestaltet diese Wahnsinnspartie mit warmem, baritonalem Timbre und schönen, leuchtenden Höhen, extrem wortverständlich und mit untadeliger Phrasierung. Auch die gefürchteten Fieberträume des 3. Aufzugs werden nie gebellt oder geschrien, sondern immer gesungen. Ein paar gekrächzte Töne verzeiht man da gern. Er ist meines Erachtens der derzeit beste Tristan weltweit.

René Pape singt wieder einmal einen tief berührenden, tieftraurigen König Marke und wird dafür vom Publikum am Ende gefeiert, aber doch einen Tick weniger als Okka von der Damerau: Diese Sängerin, Ensemblemitglied der Bayerischen Staatsoper seit sechs Jahren, hat sich von der Ersten Magd in Elektra und der Dritte Dame in der Zauberflöte über Floßhilde, Erda und Götterdämmerungs-Waltraude nun zu den mittleren Partien hochgearbeitet: letzte Jahr war sie Ulrica um Maskenball, heuer nun die Brangäne. Ihre wunderschöne, sahnige Stimme flutet das Haus, kommt mühelos über alle Orchesterwogen. Das „Habet acht“ wird so zu einem Höhepunkt des Abends und am Ende erhält sie, wie schon gesagt, den größten Applaus.

Der Kurwenal liegt bei Ian Paterson in Bayreuth-bewährten Händen. Er hat einen kernigen, durchschlagskräftigen Bariton, an mancher Stelle hätte ich mir ein bisschen mehr Kantabilität gewünscht.

Auch die kleinen Rollen sind wie immer sehr gut besetzt: Dean Power als junger Seemann, Francesco Petrozzi als Melot, Kevin Conners als ein Hirte und Christian Rieger als Steuermann.

Die musikalische Leitung lag in den Händen von Simone Young, die das Bayerische Staatsorchester sicher durch die Stürme und Untiefen des Werks führt. Das Vorspiel nimmt sie sehr getragen, wie mir überhaupt das Tempo oft zu langsam war. Die Sogwirkung, die von einer Tristan-Aufführung ausgehen kann, entfaltet sich nur an einigen Stellen: Ende des Duetts im 2. Aufzug, Markes Monolog, Isoldes Liebestod. Ein ordentliches, aber kein herausragendes Dirigat.

Susanne Kittel-May

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