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MÜNCHEN/ Reithalle/Gärtnerplatz-Produktion: FRAU SCHINDLER. Keine Angst vor Kitsch. Uraufführung

München: Gärtnerplatztheater in der Reithalle: Uraufführung „FRAU SCHINDLER „, 09.03.2017 – Keine Angst vor Kitsch

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Eine mutige Frau: Emilie Schindler (Katerina Hebelková)
      © Christian POGO Zach

Vielleicht dreht ja irgendwann jemand einen Film über Emilie Schindler, die einen nicht unerheblichen Anteil an der Rettung der 1200 jüdischen Zwangsarbeiter von „Schindlers Liste“ hatte. Thomas Morse, seines Zeichens Filmkomponist in Los Angeles, hält das für unwahrscheinlich, deshalb hat er sich für seine erste Oper die Geschichte dieser Frau an Schindlers Seite, oder vielleicht besser: in seinem Schatten, ausgesucht.

So ehrenvoll es für das Gärtnerplatztheater ist, sogar während der Exilzeit zwei Uraufführungen zu produzieren  (die erste war „Liliom“ letzten Herbst), Emilie Schindler hätte ein besseres Libretto verdient. Wenn man schon „echte“ Ereignisse der jüngsten Vergangenheit auf die Bühne bringen will, dann sollte man sie auch sachlich richtig darstellen. Das ist hiernicht der Fall, denn das Libretto wimmelt von schlecht recherchierten Szenen: so zum Beispiel eine, die in Brünnlitz spielt und in der Göbbels Stimme aus dem Radio den Verlust der 6. Armee in Stalingrad und gleich darauf das Kriegsende verkündet. Die Schlacht von Stalingrad endete im Februar 1943 – die Schindler‘sche Fabrik zog aber erst 1944 nach Brünnlitz um. Ein zeitlicher Bruch in der ansonsten linear erzählten Handlung.

Ein anderes Beispiel: Kriegsende war im April – weshalb müssen die Schindlers dann bei besungener Eiseskälte mit dem Zug in die Schweiz fahren? Tatsächlich flohen sie nach Regensburg bevor die nach Argentinien emigrierten. 

Das Libretto von Kenneth Cazan(in Zusammenarbeit mit Morse) ist arg banal und viel zu redselig. Auch scheint mir die Übersetzung aus dem Englischen nicht sehr gelungen. Der amerikanische (!) Offizier, der die Flüchtlinge an der Schweizer (!) Grenze willkommen heißt, nennt die Schindlers „gut situiert“. Das kann er gar nicht wissen. Gut gekleidet war hier vielleicht gemeint.

In der Einführungsveranstaltung hatte Thomas Morse – oder war es Kenneth Cazan? – noch gesagt, das Thema Holocaust und Rettung der jüdischen Zwangsarbeiter sei nur der Hintergrund, vor dem er dieLebens- , Liebes- und Leidensgeschichte der Emilie Schindler in ihrer Ehe mit Oskar erzählen will. Tatsächlich nahm aber dieser Hintergrund einen sehr großen Raum ein, was derOper allerdings eher zugutekommt, ermöglicht es doch eindrucksvolle Chorszenen.

(Es entbehrt übrigens nicht einer gewissen Ironie, dass da in der Einführungsveranstaltung fünf Männer auf dem Podium saßen und beklagten, dass der Frau an Oskar Schindlers Seite so wenig Raum gegeben wurde. Aber so ist das Klassikgeschäft – noch)

Die Musik verwendet verschiedene Stilelemente: in den Dialogszenen Emilie/Oskar werden moderne Klangteppiche, mit viel hellem Schlagzeug  (Xylophon, Glockenspiel, Klavier) in kleinteiligen Motiven ausgebreitet, andere Szenen sind eher wie Filmmusik mit pastosen, tränensatten Streicherklängen. Das überschreitet dann manchmal die Grenze zum Trivialen. Es gelingen aber auch beeindruckende Szenen:Die große Chorszene vor der Pause, in der das Kriegsende besungen wird, die Freiheitsrede Oskar Schindlers, das Abschiedsduett zwischen Emilie und Marthe und die große Szene der Emilie in Argentinien, in der sie ihr Leben nach dem Krieg rekapituliert. Nicht so gelungen die Szene, in der Schindler mit den Nazi-Offizieren zu den Klängen des Tristan-Vorspiels Verhandlungen über die Umwandlung der Emaille- zur Munitionsfabrik führt. Pünktlich zum Tristan-Akkord fälltdas Wort „Weltherrschaft“. Als kurzes Zitat wäre es vielleicht witzig, in der gezeigten Länge ist es ein Klischee: Wagner und Hitler.

Für das Bühnenbild zeichnet Kevin Knight verantwortlich. Er ließ sich von den großen Fenstern der Fabrik in Brünnlitzinspirieren: auf der extra für die Verwendung in der Reithalle konzipierten Drehbühne sind zwei große Sprossenfester auf verschiedenen, gegeneinander verschiebbaren Ringen montiert. Das ermöglicht filmisch schnelle Szenenwechsel.

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Privates Drama vor Holocaust- Kulisse: Emilie und Oskar Schindler (Katerina Hebelková, Mathias Hausmann) © Christian POGO Zach

Von den Sängern sticht vor allem Katerina Hebelkováheraus, sie verkörpert die umfangreiche Titelpartie mit warmem Mezzo, der in der Höhe manchmal ein bisschen zu viel Durchschlagskraft hat. Sie gibt die elegante Dame im Abendkeid ebenso glaubhaft, wie die alte Frau, die am Ende einsam im Rollstuhl auf leerer Bühne sitzt.

Nicht ganz auf dem gleichen Niveau Mathias Hausmann als Oskar Schindler: seiner Figur fehlt das Charisma, das den Frauenhelden und Lebemann Schindler wohl ausgezeichnet hat. Stimmlich gibt es auch bei ihm nichts zu auszusetzen. Ein warmer, schön geführter Bariton.

Der einzige fiktive Charakter in dieser Oper ist das Hausmädchen Marthe Marker, von Jennifer O‘Laughlin mit schöner, höhensicherer Stimme gesungen. Die zweite etwas größere Rolle ist Frau von Daubek, eine Mühlenbesitzerin die Emilie Schindler Lebensmittel für ihre Leute zur Verfügung stellt. Thomas Morse hat ihr eine Arie geschrieben, in der sie beklagt, dass die Frauen immer hinter den Männern die Trümmer der Kriege wegräumen müssen. Elaine Ortiz Arandes gab ihr ihre Stimme.

Vom Rest der personenreichen und auf sehr gutem Niveau singenden Ensembles sei nur Matija Meićgenannt. Der kroatische Bariton überzeigt als Peter Gorlinsky, Reporter der Argentinischen Tageblatts, mit weichem, warmem Bariton. Als Wache 3 hat er so wenig zu singen, dass er mir da nicht aufgefallen war.

Die musikalische Leitung liegt in den Händen von Andreas Kowalewitz,der leider kaum zu sehen ist, da das Orchester war hinter der Bühne platziert und größtenteils durch die beiden Fensterwände verdeckt ist. Er sorgt für die notwendige Transparenz in den eher kleinteiligen Klangwolken ebenso, wie für die nötige Opulenz bei den Streichern. Mit sicherem Gespür für Dynamik und Tempo hält er die Aufführung musikalisch zusammen.

Heftiger aber kurzer Applaus.

Susanne Kittel-May

 

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