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MÜNCHEN/ Opernfestspiele/Prinzregententheater: „OBERON, KÖNIG DER ELFEN“

München:Münchner Opernfestspiele: „OBERON, KÖNIG DER ELFEN“, 24. und 27.7.

 Carl Maria von Webers letzte Oper nach knapp 50 Jahren wieder auf einer Bühne der Bayerischen Staatsoper

Bildergebnis für bayerische staatsoper oberon
Copyright: Wilfried Hösl

 Im Prinzregententheater fand am 21.7. die Premiere von „Oberon, König der Elfen“ von Carl Maria von Weber statt. Es war nach „Die Gezeichneten“ von Franz Schreker die zweite Premiere der Opernfestspiele 2017. Die musikalische Leitung hatte Ivor Bolton, Regie führte der junge österreichische Theaterregisseur Nikolaus Habjan, der damit sein Hausdebüt an der Bayerischen Staatsoper gab.

Der Komponist hat die erfolgreiche Uraufführung am 12. April 1826 im Royal Opera House Covent Garden in London und mehrere Folgevorstellungen selbst dirigiert, ehe er am 5. Juni 1826 in London an seiner Tuberkulose-Erkrankung starb. Drei Jahre später kam die Oper an das Königliche Hof- und Nationaltheater nach München. Inhaltlich stützt sich das Libretto des Engländers James Robinson Planché auf Shakespeares „A MidsummerNight’sDream“ – um ihn zu verstehen hatC.M. v. Weber sogar ausführlich und erfolgreich die englische Sprache erlernt! – , das mittelalterliche Heldenepos „Hüon von Bordeaux“ sowie auf sagenhafte griechische und orientalische Götter- und Heldengeschichten. Die Dramaturgie der „Romantischen Feenoper in drei Aufzügen“ spiegelt eine damals in London beliebte Musiktheater-Praxis wider: eine Mischung aus dramatischer Oper, Singspiel und Schauspiel. So enthält Webers „Oberon“ wunderbare Arien und sinfonische Passagen (die beide sich auch auf dem Konzertpodium durchgesetzt haben), muntere Singspiel-Szenen und zahlreiche ausführliche Dialoge und Monologe in nicht leicht verständlicher Sprache (Übersetzung ins Deutsche: Theodor Hell). Wie soll man das heute auf die Bühne bringen?

Regisseur und Puppenspieler Nikolaus Habjan (*1987 in Graz) entschied sich dafür, die verschiedenen dramaturgischen Ebenenin eine heutige, ironisiert-moderne Umgebung zu stellen, die Unterschiede deutlich zu betonen und doch mit einander zu verbinden: So spielt die Feenwelt in einem Labor für Hirnforschung. Der Chef-Forscher Oberon (Julian Prégardien) streitet sich mit seiner Kollegin und Ehefrau Titania (Alyona Abramowa), ob Mann oder Frau beständiger in Liebe und Treue seien. Sie beschließen, die Frage durch Versuche an vier zufällig ausgewählten Probanden wissenschaftlich zu klären. Durch Drogen wird das eine Paar in die Vorstellung versetzt, die heldisch-ernste Geschichte des Ritters Hüon von Bordeaux (Brenden Gunnell) und der schönen Kalifentochter Rezia (Annette Dasch) zu spielen, das andere Paar (Rachael Wilson, Johannes Kammler) verwandelt sich als deren Begleiter in das klassische Singspiel-Paar „Zofe“ und „Knappe“. Die Welt ihrer halluzinatorischen Abenteuer (Bühne: Jakob Brossmann, Kostüme: Denise Heschl) wird von drei wundervollen Puppenspielernund ihren grotesken Klappmaulpuppen dargestellt und gesprochen. Es gibt da neben zwei herrlich ängstlichen Palastwachen den Kalifen und den Prinzen Babekan, die Ritter Hüon auftragsgemäß töten muss, um die schöne KalifentocherRezia mit ihrer Zustimmung zu entführen.Drahtzieher des Geschehens ist der Hirnforscher in Gestalt des Feenkönigs Oberon, der als überdimensionale weiße Gespensterpuppe mit Glühbirnen-Augen zu sehen ist. Da der Meinungsstreit zwischen Oberon und Titania über die Treue nach dem Orient-Abenteuer immer noch nicht geklärt ist, schafft Oberon noch eine weitere Prüfung der Paare mit Schiffbruch, Gefangenschaft beim Emir von Tunis und Todesdrohung an. Das Ergebnis wird hier nicht verraten – auch, weil es für den Zuschauer nicht ohne weiteres erkenntlich ist!

Die Verlegung der Feen-Handlung um Oberon und Titania in ein medizinisches Labor, die ironische Brechung der hehren Heldengeschichte um den edlen Ritter Hüon, die Darstellung wichtiger und mächtiger Personen als Puppen und die langen, unterschiedlich verständlichen Sprechszenen haben wohl einige Zuschauer irritiert, wie Gespräche und der freundliche, aber keineswegs enthusiastische Schlussbeifall vermuten lassen. Positiv zu vermerken ist die feine und geschmackvolle Ironisierung der Heldengeschichte um Hüon und Rezia, die von Brenden Gunnell und Annette Dasch – neben ihrer Leistung in ihren gesanglich höchst anspruchsvollen Partien – mit Delikatesse dargeboten wurden. Dafür gab es Schmunzeln und Gelächter ebenso wie für die wunderbaren Puppen und ihre Spieler („die drei Pucks“) Manuela Linshalm, Daniel Frantisek Kamen und Sebastian Mock. Direkt ins Herz gingen Gesang und Spiel des „volkstümlichen“ Pärchens Rachael Wilson und Johannes Kammler als Zofe Fatime und Knappe Scherasmin. Julian Prégardien, der als Oberon leider keine große Gesangsszene hat, beeindruckte aber neben seiner kultivierten Stimme umso mehr als Darsteller des fahrigen Labor-Professors und durch seine verständliche und fesselnde  Deklamation der hehren Oberon-Monologe.Spielfreudig und klangschön agierte der Extrachor der Bayerischen Staatsoper. Ein Positivum der Inszenierung war, dass sie bei den großen Gesangsnummern und sinfonischen Passagen den Trubel und Aktionismus auf der Bühne sehr zurücknahm und so dem Bayerischen Staatsorchester unter Ivor Bolton die Gelegenheit gab, die wundervolle romantische Musik von Carl Maria von Weber zu zelebrieren.

Helga Schmöger

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