Der Neue Merker

MÜNCHEN/ Opernfestspiele: LADY MACBETH VON MZENSK

München: Münchner Opernfestspiele: „LADY MACBETH VON MZENSK“, 22.07.2017

Lady Macbeth von Mzensk. Bayerische Staatsoper. …
Anja Kampe, Misha Didyk. Copyright: Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper

Die Neuproduktion von Dimitri Schostakowitschs Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ in der Inszenierung von Harry Kupfer(Bühne: Hans Schavernoch, Kostüme: Yan Tax) hatte im November 2016 an der Bayerischen Staatsoper Premiere und feierte vor allem dank der großartigen musikalischen Leitung von Kirill Petrenko einen sehr großen Erfolg. Natürlich durfte „Lady Macbeth von Mzensk“ dann auch im Repertoire der Münchner Opernfestspiele nicht fehlen.

Das Publikum im ausverkauften Nationaltheater erlebte einen packenden und aufwühlenden Abend. Kirill Petrenko und das Bayerische Staatsorchester loteten alle Extreme von Schostakowitschs mitreißender Musik aus und brachten die unterschiedlichsten Emotionen zum Klingen: monotone Langeweile, Frust, Brutalität, Ekstase, Lust, Zärtlichkeit und abgrundtiefe Verzweiflung. Diese pointierte musikalische Gestaltung unterstützte die Sänger sehr in der Entwicklung ihrer Bühnenfiguren. Anja Kampe zeigte als Katerina Ismailowa –wie auch schon in der Premierenserie- eine beeindruckende Leistung. Sie beherrscht die fordernde Partie souverän, so dass sie den Gesang stets in den Dienst der Darstellung stellen konnte. Sie weckte so durch ihre intensive und leidenschaftliche Interpretation in den Zuschauern sehr viel Sympathie für Katerina Ismailowa, immerhin dreifache Mörderin. Die drei Katerina umgebenden Männer machten es dem Publikum aber auch sehr leicht, die Handlungen der von ihrem bedrückenden Familienleben frustrierten Kaufmannsfrau nachzuvollziehen. Anatoli Kotscherga war als Boris Timofejewitsch der Inbegriff eines ekelhaften, autoritären Familientyrannen mit einer widerlichen Doppelmoral. Jedes Mal, wenn er die Bühne betrat, beschlich einen großes Unbehagen und eine grenzenlose Abneigung gegen diese Figur. Eine großartige schauspielerische Leistung! Stimmlich verfügt Kotscherga nicht mehr über die Mittel, die er in der Vergangenheit hatte, sein jetzt trockener Bass und die etwas brüchige Tiefe passen jedoch nicht schlecht zu seiner Rolle. Sergey Skorokhodov war als durchsetzungsschwacher Sohn und leidenschaftsloser, aber misstrauischer Ehemann ebenfalls sehr überzeugend und beherrschte seine Partie mit seinem hellen, kräftigen Tenor souverän. Misha Didyk war als draufgängerischer Liebhaber Sergey nahezu eine Idealbesetzung. Er sang die Partie mit durchsetzungsfähiger Stimme und stattete seine Bühnenfigur mit einem lässigen, schon fast dreisten, aber durchaus anziehenden Selbstbewusstsein aus, war einerseits draufgängerisch, andererseits jungenhaft charmant und machte auch als gesetzter Kaufmann eine gute Figur. Kein Wunder, dass Katerina sich in einen solchen echten Kerl verliebt. Dass ihm der Verrat an seiner Frau um seiner sexuellen Befriedigung willen ebenso leicht von der Hand geht wie vorher die Liebesschwüre für sie, muss Katerina vollends zur Verzweiflung bringen. Die stimmlich überzeugendste Leistung unter den männlichen Sängern brachte Alexander Tsymbalyuk als Polizeichef mit seinem mächtig auftrumpfenden, aber trotzdem klangschönen Bass. Er stattete seine Bühnenfigur einerseits mit Eleganz und Ernsthaftigkeit aus, ließ andererseits aber auch die Ironie und das Karikaturhaftedes Charakters nicht zu kurz kommen. Nur durch eine kurze Lichtpause ist der letzte Akt mit seiner trostlosen verzweifelten Grundstimmung von dem grellen, grotesken Hochzeitsakt getrennt. Das verinnerlicht und leise, aber trotzdem eindringlich vorgetragene Lied des Alten Zwangsarbeiters führt das Publikum in die hoffnungslose Welt der Gefangenen auf dem Weg nach Sibirien ein. Unglaublich, dass der Sänger derselbe ist, der vor wenigen Minuten noch als großspuriger, stimmgewaltiger Polizeichef auf der Bühne gestanden ist und jetzt in berührender Art und Weise den einzig mitfühlenden Charakter in der verrohten Welt der Zwangsarbeiter darstellt.

Der Chor der Bayerischen Staatsoper zeigte sichwie auch die übrigen Solisten in den kleineren Partien, wie etwa Kevin Conners als „Der Schäbige“, Goran Juric als Pope oder Carole Wilson als Köchin Axinjain  hervorragender Verfassung. Am Ende dankte das ergriffene Publikum allen Mitwirkenden mit großem Applaus.

Gisela Schmöger

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