MÜNCHEN/ Gärtnerplatztheater: MARTHA – ein kurzweiliger Opernabend – auch dank Loriot

by ac | 11. November 2017 22:59

München: “Martha” – Gärtnerplatztheater 11.11.2017

Martha, Martha, du entschwandest, singt der arme, verlassene Lionel, dabei war Martha doch nie wirklich bei ihm gewesen. Und in dieser Inszenierung von Loriot sieht man auch warum: Lady Harriet alias Martha interessiert sich gar nicht für Männer, singt aber mit ihrer besten Freundin Nancy wunderbar seelenvolle Koloraturen im süßen Terzenabstand. Dagegen kein einziges Duett mit Lionel. So kommt es auch, dass am Ende, wenn sich die beiden Paare gefunden haben und auf dem – wie sollte es bei Loriot anders sein – allgegenwärtigen Sofa sitzend die freundliche Zukunft besingen, das Glück schon zu bröckeln beginnt: der eine, Plumkett, liest Zeitung, der andere, Lionel, nimmt sein Strickzeug wieder zur Hand; die Frauen sitzen dazwischen, und da die Männer mit sich selbst beschäftigt sind, wenden sich wieder einander zu.

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Seelenvolle Koloraturen mit der besten Freundin: Valentina Stadler (Nancy), Jennifer O’Loughlin (Lady Harriet Durham), © Christian POGO Zach

Zwischen diesen beiden Szenen entfaltet sich ein allerliebstes Singspiel, das niemand so ganz ernst zu nehmen scheint. Die augenzwinkernde Ironie Loriots, er ist nicht nur für die Regie, sondern auch für Bühnenbild und Kostüme verantwortlich, zeigt sich vor allem in den kleinen Nebenhandlungen: der Polizist, der in einen Hundehaufen tritt und dann die ganze Szenen über versucht, seine Schuhe wieder sauber zu bekommen, der Kellner, der zwei Chordamen den Weg zu Toilette weist und dann seelenruhig die Stühle auf die Tische räumt, während alle anderen das Leid Lionels beklagen. Und besonders schön, im zweiten Bild gibt es eine Generalpause, da fährt von der Seite eine riesige, Papphand herein und stupst den Sänger des Plumkett an, dass er weitersingen soll.

Die Inszenierung ist inzwischen mehr als 30 Jahre alt, Premiere war im Januar 1986 in Stuttgart, and Gärtnerplatztheater kam sie gute 10 Jahre später im Juli 1997 und die Neueinstudierung 2017 wirkt immer noch erstaunlich frisch. Das liegt an den genannten vielfachen ironischen Brechungen, keiner scheint seine Rolle so wirklich ernst zu nehmen, alle geben ein bisschen zu viel des Guten, sodass der witzige Abend immer zwischen romantischer und komischer Oper zu changierenden scheint – so der Untertitel: „Romatisch-komische Oper“ – und auch die Nähe zum Musical nicht scheut. Dabei hat Loriot offenbar genau auf die Musik gehört, die kleinen Tanzeinlagen, die auch die Sänger immer mal wieder zeigen, sind immer aus der Musik entwickelt.

Stichwort Sänger: da wäre zunächst Jennifer O’Loughlin zu nennen: es ist erstaunlich wie souverän sie aus allem möglichen Bewegungen noch die Koloraturen der Lady Harriet singt. Ein wunderbar lyrischer Sopran, der auch bei den höchsten Tönen nie schrill wird. Ihr zur Seite Valentina Stadler als ihre Vertraute Nancy, die ihren warmen, beweglichen Mezzo öfter mal in Sopranhöhen schwingen darf. Beide sind am besten, wenn sie miteinander singen, ihre Stimmen harmonieren ganz wunderbar.

Eigentlich schade, dass die Männer von Loriot doch etwas trottelig gezeichnet werden: Lionel Lucian Krasznec hätte die Stimme zu einem romantischen Liebhaber, lyrischen Schmelz und mühelose Höhen und – absichtlich, wie ich vermute – immer etwas zu viel Träne in der Stimme. Holger Ohlmann als sein Ziehbruder Plumkett darf im Porterlied und auch an anderen Stellen ordentlich poltern. Sehr komisch und souverän vorgetragen die tiefen Koloraturen, die ihm Flotow im Duett mit seiner Nancy geschrieben hat. Das kundige Publikum lachte wissend, als zum Auftritt von Lord Tristan Mickleford, mit profundem Bass gesungen von Martin Hausberg, das Tristan-Motiv erklingt.

Am Pult steht Andreas Kowalewitz. Er leitet das Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz mit flotten Tempi und hebt vor allem die rhythmische Lebendigkeit der humoristischen Szenen hervor. In der doch relativ trockenen Akustik des Gärtnerplatztheaters wäre bei der Lautstärke manchmal weniger mehr: Die Sänger werden ab und an doch vom Orchester zugedeckt, was mit dem an sich leichten französischen Ton der Partitur nicht immer vereinbar ist. Hervorragend die Präzision in der Abstimmung zwischen Bühne und Orchester, die in den witzig choreografierten Chorszenen, Chor und Extrachor des Staatstheaters am Gärtnerplatz sind im Einsatz, besonders wichtig ist.

Ein wunderbar kurzweiliger Opernabend der vom Publikum ausgiebig beklatscht wurde.

Susanne Kittel-May

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