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MÜNCHEN/ Gärtnerplatztheater: MARTHA – Wiederaufnahme der Loriot-Inszenierung

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München, Gärtnerplatztheater – MARTHA (Wiederaufnahme der Loriot-Inszenierung am 11.November 2017)

 

Es sind unzählige Statisten, die von einer Bühnenkarriere träumen. Wenigen gelingt es, den Wunsch auch zu erfüllen. Einer, dem das gelang, ist Bernhard-Victor von Bülow (1923-2011). Berühmt wurde der entfernte Verwandte des Dirigenten Hans Bülow allerdings unter seinem Künstlernamen Loriot. Wer aber Loriot auf seine legendären Fernsehsketche oder gar nur auf die gezeichneten Figuren mit den Knollennasen reduziert, der vergisst seine Affinität zur Musik. Hat er doch eine ebenso witzige wie treffende deutsche Fassung zu Leonard Bernsteins „Candide“ geschrieben und eine zu Lachtränen reizende Kurzfassung von Wagners „Ring“, genannt „Der Ring an einem Abend“. Beide Werke waren vor nicht langer Zeit auch in Wien an der Volksoper in exemplarischen Aufführungen zu erleben.

Für zwei Opern ließ sich der ehemalige Komparse der Stuttgarter Oper auch zur Regie überreden – „Der Freischütz“ hatte 1988 in Ludwigsburg Premiere, und schon zwei Jahre davor war „Martha“ erstmals in Stuttgart zu sehen. Ob des Erfolges wurde diese Inszenierung zunächst vom Theater Meiningen übernommen und steht seit 1997 immer wieder am Spielplan des Gärtnerplatztheaters. Am gestrigen 11.November erfolgte die umjubelte Wiederaufnahme im neuen alten Haus am Gärtnerplatz.

Loriot war bei „Martha“ nicht bloß für die Regie verantwortlich, von ihm stammen auch die Entwürfe für Bühnenbild und Kostüme. Anhänger des so genannten Regietheaters werden bei dieser Interpretation indigniert die Nase rümpfen, Liebhaber der klassischen deutschen Spieloper dagegen in Begeisterungstaumel verfallen. Und in ihrer Begeisterung übersehen die Traditionalisten, dass Loriot das Stück gnadenlos seziert und die hintergründigen Spitzen erbarmungslos bloß legt. Dass das Spiel dabei ab und zu scharf an der Grenze zum schenkelklopfenden Klamauk vorbei schrammt, sei dem begnadeten Satiriker Loriot verziehen. Er nähert sich der Grenze zum Ulk sehr nahe an, aber er überschreitet sie nicht. Auch dann nicht, wenn sich die in Regenmäntel gekleidete und mit Schirmen bewaffnete Gesellschaft im Takt der Musik wiegt oder die Ehrendamen der Königin als zweibeiniges Pferdeballett einreiten. Richard Wagner sitzt in wohlwollender Pose im Hintergrund und zu guter Letzt wird eine überdimensionierte Königin in einer Mischung aus Queen, Madonna und Matrone als Bild auf den Bühnenhintergrund hochgezogen und blickt zustimmend auf das bunte Kultspektakel. Eines aus der Schlusssequenz hätte ich jetzt beinahe vergessen: ein Diener stellt ein altes Grammophon an den Bühnenrand und natürlich bleibt die Schallplatte hängen. Der Chor muss im Gleichklang mitsingen.

Vieles an dieser Inszenierung, für die Wiederaufnahme von Ulrike Aberle betreut, ist eine Karikatur des viktorianischen England, könnte aber ebenso in einem der deutschen Fürstentümer spielen. Voll Zynismus persifliert Loriot die Gesellschaft mit subtilem Humor und Augenzwinkern. Nirgendwo mit Holzhammer, aber immer verständlich. Und auch 20 Jahre nach der Premiere im Gärtnerplatztheater jubelt das Publikum.

Jubelte auch, weil die musikalische Seite beinahe durchwegs dem hohen Niveau der Inszenierung entspricht. Andreas Kowalewitz am Dirigentenpult kommt mit der nicht einfachen Akustik des Hauses gut zurecht, einzig die Blechbläser klangen von meinem Zahlplatz in der zehnten Reihe im Vorspiel etwas zu dominant. Hervorragend, anders kann man es nicht nennen, agieren die Damen und Herren des Chores samt Zusatzchor (Einstudierung Felix Meybier), müssen die Damen und Herren doch nicht nur gesanglich überzeugen sondern auch individuelle Charaktere mimen. Mehr als lediglich gut sind jene Chormitglieder, die als Mägde und Pächter kleine Soli zu singen haben. Christian Schwabe gibt überzeugend den Diener des Lord Mickelford, Christoph Seidl ist ein würdiger Richter mit wallender Perücke. Mit wohltönendem Bass singt Holger Ohlmann den von Standesdünkel erfüllten Plumkett, Martin Hausberg ist als Tristan die Karikatur eines britischen Landedelmannes. Valentina Stadler beweist Spielfreude und zeigt mit wohltönendem Mezzo, dass die Nancy zu oft zu Unrecht als „Wurzen“ gesehen wird. Den Lyonel gibt Lucian Krasznec, Tenor für alles am Gärtnerplatztheater, mit dem ich einmal mehr nicht wirklich glücklich werden konnte. Lautstark bejubelt werden seine Spitzentöne, dass diese aber nicht bruchlos, dafür forciert über einer schönen Mittellage liegen, stört nur den Stimmpuristen. Der wird dafür einmal mehr von Jennifer O´Loughlin in der Titelpartie zu Lobeshymnen animiert. Sie, die die Martha vor ein paar Jahren schon an der Volksoper gesungen hat, hat am Gärtnerplatz eine neue Heimat gefunden, in der sie ihre stimmlichen Fähigkeiten zeigen und weiterentwickeln kann. Ich habe selten eine so schön phrasierte und innig gesungene „Letzte Rose“ gehört wie gestern am Abend. Und in dieser Inszenierung kann sie auch ihr komödiantisches Talent ausleben.

Gerne würde ich für einen Besuch dieser Produktion werben, zumal die Deutsche Spieloper auf den heimischen Spielplänen fehlt, allein – es gibt nur noch drei Aufführungen und diese sind schon sehr gut verkauft. Wer das Glück hat, noch eine Karte zu ergattern, dem sei die Opernreise von Wien nach München ans Herz gelegt.

Michael Koling           

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