Der Neue Merker

MÜNCHEN/ Gärtnerplatztheater. Eröffnungsgala „Es ist soweit!“

München: “Es ist Soweit!” – Gärtnerplatztheater 15.10.2015 – Fulminant beschwingte Eröffnungsgala

Das frischrenovierte Gärtnerplatztheater feiert sich selbst mit einer fulminanten Eröffnungsgala. Oder vielmehr mit gleich zwei Aufführungen der Gala, wahrscheinlich waren am Samstag bei der „Premiere“ so viele geladene Gäste, dass man dem Volk am Sonntag auch die Gelegenheit geben wollte, zu sehen wo die Millionen geblieben sind und wie das neue Volkstheater jetzt aussieht. Und es ist wirklich sehr schön geworden.

Nach fünfeinhalb Jahren Bauzeit – es gab zwei Verlängerungen – und Kosten, die von ursprünglich geplanten 70 Millionen auf 121 Millionen stiegen, strahlt das Schmuckstück am Gärtnerplatz wieder. Der Zuschauerraum und die Foyers wurden „nur“ renoviert, der Orchestergraben tiefergelegt und mit Akustikpaneelen versehen. An Bühne und Bühnentechnik musste wenig verändert werden, die waren erst 2012 renoviert worden. Aber alles was sich hinter der Bühne anschließt, ist komplett Neubau. Es wurde 16 Meter in die Tiefe gegraben um Platz zu schaffen für Probebühnen, Werkstätten, Lager und einen Orchesterprobensaal, in dem zukünftig auch Kammerkonzerte stattfinden sollen.

Der neue Wagner-Vorhang hebt sich also an diesem zweiten Galaabend für den Intendanten Josef E. Köpplinger, der wohltuend kurz über seine Utopien spricht: Liebe und Schönheit will er vermitteln, die Herzen bilden, nicht nur den Verstand und „Wir wollen nicht lügen von der Bühne.“ Und dann wird er ein bisschen politisch, spricht davon, dass Toleranz gerade heute so wichtig sei, die Wahlprognosen in seinem Heimatland habe er sich lieber noch nicht angeschaut.

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Seltsame Gestalten auf Stelzen vor dem Gärtnerplatztheater    © Susanne Kittel-May

Doch die Vorstellung hat schon lange vorher begonnen: Vor dem Theater auf dem Gärtnerplatz staksen phantasievoll kostümierte Gestalten auf Stelzen zwischen fröhlichen Theaterbesuchern und zufälligen Passanten umher. Es gibt Sekt und Süßes und Kinder verstecken sich zwischen umherwandelnden Riesen-Rosenbüschen. Drinnen gibt es noch Taschentücher für die Emotionen, allerdings dürften die bei den überwiegend der heiteren Muse gewidmeten Programm nicht so oft zum Einsatz gekommen sein.
Es beginnt etwas Verhalten mit der „Ansprache an das Publikum“ aus dem Musical „The Frogs“, aber schon bei der „StarWars“ Suite für Orchester können der neue Chefdirigent Anthony Bramall und das Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz zeigen, was im akustisch aufgepeppten Graben steckt: jede Menge Sound, der sich klar und transparent im Haus ausbreiten kann. Danach folgt ein Feuerwerk an bekannten und weniger bekannten Melodien von Rossini, Lehár, Weill, Bizet, Sondhein, Kálmán, Mozart, Orff, Verdi, Donizetti, Johann Strauß, Sherman, Mancini und Berlin. Nicht weniger als 36 Sänger sind aufgeboten, das komplette Ensemble, und zeigen als Solisten oder in Ensembles ihre Sangeskunst.

Gisela Ehrensberger
und Franz Wyrzer, beide ehemalige Ensemblemitglieder, singen das Duett „Ist es Liebe“ aus Anatevka mit anrührender Natürlichkeit und Zartheit. Fulminant dann der Kanonensong aus der Dreigroschenoper, gesungen von Christoph Filler und Maximilian Mayer.
Mathias Hausmann darf seinen balsamischen Bariton sowohl im ernsten als auch im komischen Fach glänzen lassen: sehr schön das Freundschaftsduett aus den Perlenfischern zusammen mit Tenor Lucian Kraznec, witzig und teilweise zungenbrecherisch schnell die Szene „Cheti, Cheti, immatinente“ aus Don Pasquale zusammen mit dem Bass Levente Páll. Wunderschön kitschig das „Brüderlein und Schwesterlein“ aus der Fledermaus.

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Lasst das traute „Du“ uns schenken – Mathias Hausmann (Mitte), Ensemble des Staatstheaters am Gärtnerplatz     © Christian POGO Zach

Auch die Damen sind bestens bei Stimme: Jennifer O’Loughlin singt eine Arie aus Linda von Chamonix mit leuchtendem, beweglichem Sopran.
Einen kleinen Ausblick auf die Premiere der Lustigen Witwe geben Camille Schnoor und Daniel Prohaska mit dem berühmten Duett „Lippen schweigen“. Ausnahmsweise mal nicht walzertanzend zeigen die beiden in sehr genau beobachteter Personenregie die Anziehung und das gleichzeitige Nicht-Nachgeben-Wollen der beiden Figuren und singen dabei göttlich.
Das Ballett tanzt zur Polka „Unter Donner und Blitz“ eine beindruckende und originelle Choreographie, die wenig mit dem zu tun hat, was man sich landläufig unter einer Polka vorstellt, sondern vielmehr die Gesetze der Schwerkraft und die Unterschiede der Geschlechter aufzuheben scheint: Tänzer und Tänzerinnen traten gleichermaßen in androgynen Hosenanzügen auf und zeigen kraftvolles Tanztheater. Der darauffolgende Kinderchor singt zwar sehr schön eine Szene aus dem Musical „Tschitti Tschitti Bäng Bäng“, aber inszenatorisch viel diese Szene etwas ab.

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Polka „Unter Donner und Blitz“ von Johann Strauß – Ballett des Staatstheaters am Gärtnerplatz     © Christian POGO Zach

Sigrid Hauser spricht verbindende Aphorismen und kluge Worte, Nachdenkliches und Lustiges von großen Theatermenschen über das Theater. George Bernard Shaw kam zu Wort, aber auch Heinz Erhard, Meryl Streep und Edgar Degas, Karl Valentin und Joseph Göbbels (letzterer lamentiert in seinem Tagebuch, dass nicht bekannt werden dürfe, dass Johann Strauß Achteljude sei, sonst müsse er ein Aufführungsverbot für seine Werke verhängen und was bliebe dann noch, das man aufführen könne).

Ein gelungener Auftakt, der Lust auf mehr macht: Am Donnerstag, den 19. 10. Folgt die Premiere der Lustigen Witwe. Ich werde berichten. Der Vorstellung vom Samstagabend wurde vom Bayerischen Fernsehen aufgezeichnet und kann noch in der Mediathek abgerufen werden:

http://www.br.de/mediathek/video/video/die-wiedereroeffnung-mit-hoehepunkten-aus-oper-operette-und-musical-100.html

Susanne Kittel-May

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