Der Neue Merker

MÜNCHEN/ Gärtnerplatztheater: DIE LUSTIGE WITWE. Eröffnungsproduktion

München: “Die Lustige Witwe” – Gärtnerplatztheater 19.10.2017

Man nehme eine große Portion Revue, etwas Schmonzette, viel Klamotte und eine Prise Morbidezza und fertig ist eine umjubelte Eröffnungspremiere am Gärtnerplatztheater in München. Wer sich mehr Tiefgang erwartet hatte, wurde enttäuscht. Der Hausherr Joseph E. Köpplinger inszenierte einen netten, unbeschwerten Abend. Obwohl der Tod omnipräsent war.

Es beginnt bedeutungsschwanger mit einer Beerdigung, offensichtlich der von Hanna Glawaris erstem Mann, die von einer glatzköpfigen Gestalt im langen dunklen Militärmantel beobachtet wird, offensichtlich der Tod. Diese Gestalt wird im weiteren Verlauf immer präsent sein. Entweder still und stumm im Hintergrund oder als ebenso stummer Strippenzieher zwischen den Liebespaaren. Adam Cooper mimt und tanzt ihn, besonders eindrucksvoll im Lied vom dummen Reiter und in dem wunderbar choreographierten „Lippen schweigen“. Am Ende, wenn Hanna und ihr Danilo sich endlich in den Armen liegen und alle noch mal den Weibermarsch (Ja, das Studium der Weiber ist schwer) singen und tanzen, verkündet er mit einem Schuss das Attentat auf den Habsburgischen Thronfolger Franz Ferdinand und den Ausbruch des Krieges. Die Männer gehen als ab, in den Krieg, die Frauen verlassen auch nach und nach die Bühne, zurück bleib allein Hanna. Der Tod, jetzt als Engel, schreitet aus dem Hintergrund herbei und küsst sie. Jetzt ist sie sein.

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Vom Tod geküsst: Camille Schnoor als Hanna Glawari, Adam Cooper als Todesengel

© Marie-Laure Briane

Zwischen diesen beiden Polen, der Beerdigung am Anfang und dem Todeskuss am Ende, entspinnt sich eine unbeschwerte, heitere Abfolge der beliebten Musiknummern, der allbekannten Witzchen, für die vor allem das Botschaftsfaktotum Njegus – hinreißend: Sigrid Hauser – sorgt. Es ist immer viel los auf der Bühne in dieser Operette mit den vielen Ensembles, Chorszenen und Tänzern. Nur für die beiden intimen Momente des noch verhinderten Liebespaares – den Walzer im ersten Akt und das Duett „Lippen schweigen“ im 3. Akt – verschwindet der Trubel und gibt einer wunderschön nebelumwaberten Intimität Raum. Aber der Tod als Dritter im Bunde ist auch hier immer dabei. Dass besagtes Duett hier nicht, wie sonst schon hundertmal gesehen, walzertanzend gesungen wird, sondern als Studie des vom Andern angezogen seins und dem nicht nachgeben Wollens, wurde schon letztes Wochenende in der Eröffnungsgala vorgeführt.

Gesungen und getanzt wurde durchweg ganz wunderbar. Camille Schnoor gibt die Hanna Glawari als selbstbewusste und starke Frau, die sich gegen die Männerwelt durchsetzt – bis der Krieg ins Spiel kommt. Ein angenehmes Timbre, Höhensicherheit, Durchschlagskraft, aber auch sehr schöne Piani lässt sie hören. Nur die Textverständlichkeit lässt etwas zu wünschen übrig. Ihr Traudliebster Danilo ist Daniel Prohaska mit jungenhaftem Charme und metallischem Tenor.

Das zweite Liebhaber des Abends, Lucian Krasznec als Camille de Rossillion, besingt seine Angebetete mit fast mühelosen hohen „H“s und „C“s. Die so Besungene, Jasmina Sakr als Valencienne, wurde leider ab und zu vom Orchester überdeckt. Vielleicht ist da noch etwas mehr Feinabstimmung zwischen Orchester und Bühne nötig.

Der Rest der Besetzung, Hans Gröning als Baron Mirko Zeta, Liviu Holender als Vicomte Cascada, Juan Carlos Falcon als Raoul de Saint-Brioche, Maximilian Berling als Bogdanowitsch, Susanne Seimel als dessen Frau Sylviane, Franz Berg als „Miniatur-Otello“ Kromov, AnnKatrin Naidu als dessen Frau Olga, um nur die wichtigsten zu nennen, tragen zur großartigen Ensembleleistung bei.
Szenenapplaus ernten die beiden lebenden Marmorfiguren am Gartenpavillon.

Das Orchester des Staatstheaters an Gärtnerplatz unter der musikalischen Leitung von Anthony Bramall zeigt sich in glänzender Spiellaune. Pointierte Tanzrhythmen, die es richtig krachen lassen wechseln sich mit zarten Geigenklängen.

Und am Ende zeigt uns der Regisseur noch mal, wie man ein Publikum so richtig manipuliert: Nach dem doch recht verhaltenen Ende setzt mitten in der zweiten Applausrunde überraschend die Musik wieder ein mit dem Weibermarsch, der vorher durch die Kriegsnachricht unterbrochen wurde. Das Publikum beginnt im Rhythmus mitzuklatschen, ganz nach sozialistischer Manier, wie es am Tag zuvor die Delegierten beim Chinesischen Parteitag getan haben. Was soll uns das sagen? Dass wir alle verführbar sind? So wie der Tod in der Operette die Fäden zieht und die Menschen manipuliert und verführt, so lassen wir uns von Rhythmus und Musik verführen. Trotzdem ist es eine Eröffnungspremiere, die einfach Spaß macht.

Susanne Kittel-May

 

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