Der Neue Merker

MÜNCHEN/ Gärtnerplatz-Produktion im Cuvilliéstheater. DON GIOVANNI. Premiere und erste Folgevorstellung

DON GIOVANNI, Gärtnerplatztheater München – 24.6. (Premiere) und 26.6.2017

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Copyright: Thomas Dashuber

Nach dem Fallen des Schlussvorhanges am Premierenabend von „Don Giovanni“ letzten Samstag, 24.Juni, brandete im Cuvilliestheater deutlicher Beifall auf (in der ersten Reprise zwei Tage später mit weitgehend anderer Besetzung blieb der Applaus deutlich verhaltener). Ganz klar war zunächst nicht, galt der Jubel primär dem scheidenden Musikchef des Gärtnerplatztheaters, den Mitwirkenden vor und auf der Bühne, dem Regie- und Ausstattungsteam oder allen gemeinsam. Aus Sicht des Schreibers dieses Berichtes war es wohl der letztgenannte Aspekt – nicht unbedingt gerechtfertigt in der persönlichen und subjektiven Betrachtung. Der Beifall am Montag fiel da durchaus differenzierter aus.

Aber der Reihe nach.

Mit dieser Neuproduktion von „Don Giovanni“ beendet das Gärtnerplatztheater eine langjährige Wanderschaft durch diverse Spielorte Münchens während der Renovierung des Hauses. Im Oktober soll die neue Spielzeit wieder im Stammhaus eröffnet werden. Als Regisseur für diese letzte „Tourneeproduktion“ wurde Herbert Föttinger engagiert, auf dessen Deutung der Oper man durchaus gespannt sein konnte, war doch sein „Fidelio“ im Theater an der Wien bei Presse wie Publikum nicht auf ungeteilte Zustimmung gestoßen. Und in Interviews vor der Premiere konnte man auch nicht nur zwischen den Zeilen lesen, dass er sich nicht wörtlich an das Libretto halten würde. Dass er das Stück in die Gegenwart verlegt, würde jedenfalls mich vom Prinzip nicht stören; das lässt der Text zu. Und die Höllenfahrt ist ein Maßstab für jede Regie, gleichgültig ob traditionell oder modern. Bloß, die Höllenfahrt gibt es nicht. So, wie es auch den Komtur als Statue nicht gibt und auch keinen Friedhof. Jene Christusfigur, die in der verinszenierten Ouvertüre an einer Hauswand hängt, symbolisiert später die Statue am Grab des Komtur. Giovanni wird sie von der Wand herab nehmen und zum Gastmahl in jenen Sessel setzen, in dem er zuvor geschlemmt hat. Geschlemmt laut Libretto, denn Leporello bringt bloß Wein und keine Speisen (ich weiß nicht, wie er von der Qualität der Küche schwärmen und heimlich ein Stück Fasan nehmen kann), sondern legt ein Kreuz aus roten Blumen auf den Bühnenboden. Und da die Statue in der Tat steinern ist, zieht sie Don Giovanni auch nicht in die Tiefe (in den Bühnenhintergrund, ins Feuer oder was es sonst für Höllenfahrten gibt). Nein, Don Giovanni erschießt sich.

Dabei zeigt Föttinger immer wieder durchaus passende Lösungen – wenn etwa die Freundinnen und Freunde von Zerlina und Masetto gleichsam eine ungarische Bauernhochzeit vorbereiten, wenn das Fest bei Giovanni zu einem Besäufnis mit viel nackter Haut ausartet, wenn Zerlina in einem Meer von Rosenblüten verführt wird. Und dann gibt es wiederholt Brüche und Unlogiken, die das Vergnügen trüben. Der Komtur fällt nach dem Duell tot aus einer der zahlreichen Haustüren, eine Pistole in der Hand – warum wischt Giovanni dann Fingerabdrücke ab ? Die (laut Text) maskierten Donna Anna, Donna Elvira und Don Ottavio sind gleich wie di anderen Gäste des Festes gekleidet – wie können sie von Leporello und Don Giovanni als Masken angesprochen werden ? Ist es wirklich notwendig, dass sich drei Damen, die zunächst Kofferträgerinnen (Rollkoffer werden getragen !) von Donna Elvira waren, beim Ständchen um Don Giovanni scharen ? Und warum schreibt Don Giovanni die Inschrift auf das Grab des Komtur, die Leporello vorlesen soll, eigentlich selbst ? Nicht wirklich einfallsreich ist die Idee, bei der Registerarie die Gesichter von Frauen an die Wand zu projizieren. Gewiss, das mögen kleinliche Einwände oder Beckmesserei sein, aber wir sind ja im Merker.

Praktikabel ist das Bühnenbild von Walter Vogelweider. Drei auf die Drehbühne gestellte weiße Kuben, die an Mausoleen auf italienischen Friedhöfen erinnern und vielfältige Spielflächen ermöglichen. Warum eine zeigerlose Uhr manchmal vorhanden und dann wieder weg ist, hat sich mir allerdings nicht eröffnet. In diesen Rahmen passen die Kostüme von Alfred Mayerhofer perfekt. Ein Kleid für die bei ihrem ersten Auftritt spärlich gekleidete Donna Anna, Hosenanzüge für Donna Elvira und Zerlina, ein Straßenanzug für Don Giovanni, Leporello mit Brille und Kaputzensweater, dunkle Anzüge und folkloristische Röcke für die Hochzeitsgesellschaft; bei der Party im Schloss tragen dann auch die Männer bunte Röcke und alle haben Glitzerhauben auf. 

Deutlich auf die Habenseite fällt die musikalische Seite der Produktion. Marco Comin, der das Gärtnerplatztheater – wie der Presse zu entnehmen ist nicht ganz friktionsfrei – zu Saisonende verlässt, interpretiert Mozarts Musik mit Ecken und Kanten, sieht im Notentext mehr „Dramma“ denn „giocoso“. Dieses Konzept deckt sich wohl auch mit den Intentionen des Regisseurs und ermöglicht den Sängern, ihre Stärken zu zeigen. Dabei führt er das Orchester zu Forteklängen, die dann vor allem die Damen immer wieder zum Forcieren zwingen.

Don Giovanni war an beiden Abenden der auch in Wien gut bekannte Mathias Hausmann. So, wie er von der Regie gezeichnet wird, ist er wohl nicht der traditionelle Frauenheld. Fettiges ins Gesicht hängendes Haar, schlaksig, offenes Hemd wechselt mit nacktem Oberkörper, offensichtlich vom ständigen Alkoholkonsum gezeichnet. Aber die Frauen fliegen auf ihn. Das mag seiner schön geführten Stimme geschuldet sein; die „Champagnerarie“ wird zum gesanglichen 100-Meter-Lauf, im „Ständchen“ zeigt er Schmelz. Dass Bösartigkeit und Schöngesang sich verbinden lassen, bewies er vor allem ohne Premirenstress am zweiten Abend. Ein stimmlich wie darstellerisch überzeugender Leporello war in der Premiere der noch junge Levente Páll. Vielleicht könnte die eine oder andere Phrase etwas nuancierter gebracht werden, aber das mag auch der gewünschten Interpretation geschuldet sein. Dort, wo es auf die stimmliche Kompetenz ankommt, kann dieser Sänger punkten. Als Donna Anna feierte Jennifer O´Loughlin ein überzeugendes und vom Publikum gewürdigtes Rollendebut. Sie versteht es, die Stimme gekonnt einzusetzen, je nach Situation dramatisch oder voller Lyrismen. Zu diesen beiden Ensemblemitgliedern muss der Besucher aus Wien dem Gärtnerplatztheater neidvoll gratulieren. Camille Schnoor, auch sie wird hier vorsichtig gefördert und aufgebaut, ist die Premierenbesetzung der Donna Elvira. Vom Typ der Gegenpol zu Donna Anna und optisch ein Wenig der Zerlina ähnelnd, singt sie die Partie scheinbar ohne Probleme, die Ausbrüche in „Mi tradi“ meistert sie bravourös. Und auch die dritte Dame, die Zerlina der Sophie Mitterhuber, ist ein Gewinn für die Produktion. Bei aller Verliebtheit in ihren Masetto hat sie es faustdick hinter den Ohren. Aussehen, Spiel und Stimme bilden eine Dreieinigkeit, die an große Interpretinnen der Vergangenheit erinnert. Die Zerlina könnte für einige Zeit „die“ Partie für die junge Sängerin sein. Musikalisch ist der Don Ottavio in dieser Inszenierung für eine kräftigere Stimme vorgesehen. Das kommt Lucian Karasnecz zugute, der der Leichtigkeit vieler Mozartpartien entwachsen scheint. Und so gibt er dieser oft als Schwächling gesehenen Figur ein zumindest in Ansätzen kantiges Profil. Sergii Magera war in der Premiere ein profunder Komtur, der seine wesentlichen Szenen leider aus dem Off singen muss. Nicht ganz glücklich war ich über Matija Meic; nicht als Masetto in der Premiere und nicht als Leporello in der zweiten Aufführung am Montag. Zu brutal singt und spielt er den Bauern, zu wenig stimmliche Finesse offenbart er als Diener. Wie überhaupt in der Alternativbesetzung neben Mathias Hausmann vor allem die Elvira von Nadja Stefanoff und Maria Celeng als Zerlina am meisten überzeugen konnten. Beide verfügen über schöne, gut geführte Stimmen – ohne Schärfe in der Höhe – und überzeugen auch darstellerisch. Der Besetzungszettel des zweiten Abends nennt Szabolcs Brickner als Don Ottavio, während im Programmheft (und auch bei Operabase) Tamas Tarjanyi als Alternativbesetzung steht. Was auch immer der Grund für den Wechsel gewesen sein mag, dem Publikum wurde nichts gesagt (plötzliche Erkrankung, familiäre Gründe,…). Davon ausgehend, dass Brickner die Partie relativ kurzfristig übernommen hat, muss man seine Leistung würdigen. Er singt die Partie weicher, von der Stilistik her gewohnter. Der Bruch zwischen Rollenklischee und hier gewollter Dramatik fällt bei ihm weniger deutlich aus. Auch der zweite Komtur, Christoph Seidl, singt die kurze aber wichtige Partie mit profundem Bass; Christoph Filler singt und spielt den Masetto rollengerecht als eifersüchtiger Jungbauer. Vor allem stimmlich nicht begeistern konnte mich die alternative Donna Anna der Sophia Brommer. So schön und warm ihre Mittellage klingt, in der Höhe wird die Stimme eng und schrill. Schade, denn vom Typ würde ihr diese Rolle liegen.

War die Premiere von nahezu einhelligem und anhaltenden Beifall und auch Applaus an den passenden Stellen während der Aufführung geprägt, verhielt sich das Publikum am zweiten Abend deutlich zurückhaltender.

Michael Koling   

 

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