Der Neue Merker

MÜNCHEN/ Gärtnerplatz im Cuvilliéstheater: DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL. Neuinszenierung/ 2. Vorstellung

MÜNCHEN – Gärtnerplatztheater im Cuvilliéstheater, Wolfgang Amadeus Mozart,  „DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL“, NI, 2. Februar 2014, 2. Vorstellung

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Raphael von Bargen (Bassa) Jennifer O’Loughlin (Konstanze). Foto: Lioba Schönbeck

Mozart im Rokoko-Ambiente des Cuvilliéstheaters – da braucht man nur noch die Tür zu öffnen und das Publikum strömt hinein. So auch bei dieser Neuproduktion. Etliche Kinder saßen im Zuschauerraum, die Inszenierung von Stephanie Mohr wird die Kleinen sicher nicht verstört, vielleicht ein wenig ratlos gelassen haben. Doch das geht uns Großen ähnlich. Die Regisseurin hat vor allem die Figur des Bassa aufgewertet. In Gestalt des jungen, gutaussehenden Raphael von Bargen stand ihr auch ein exzellenter Protagonist zur Verfügung. Ein Bassa, der äußerst respektvoll und zärtlich Konstanzes Nähe sucht, der Gedichte rezitierend über die Einsamkeit reflektiert. Wahrlich, eine glänzende Alternative zum (von Mozart so geschaffenen) eher faden Belmonte… Es beginnt zunächst mit einer Rokoko-Gesellschaft, die am Glücksrad dreht. Rechts und links auf der Bühne Theaterlogen, die später auch als Zu- bzw Abgänge zum Serail oder dem Garten dienen. Dann verwandeln sich die beiden Damen in modisch gekleidete Zeitgenossinnen, die Herren behalten ihren Rokoko-Dress. Auf der Mitte der Bühne (Bühnenbild: Miriam Busch) entsteht ein schwarzes, offenes Zelt, von der Decke schweben bunte (Garten)Lampions. Dann findet sich noch ein Sessel, mit dem später der betrunkene Osmin in die Lüfte entschwebt oder indem der Bassa seine Melancholie pflegt und sich probeweise die Pistole an die Schläfe hält. Am Schluss eine kleine Anleihe beim „Figaro“: Zur Entführung tummeln sich die beiden Paare und Osmin mit Taschenlampen im dunklen Garten und suchen einander – im Lichte dann finden sich aneinander gefesselt: Konstanze/Pedrillo und Belmonte/Blondchen. Insgesamt nichts Spektakuläres – nichts Ärgerliches, sicher aber auch zum mehrmaligen Anschauen zu gebrauchen.

Großartige Darsteller standen auf der Bühne: Jennifer O’Loughlin, die für die Partie der Konstanze sowohl die lyrische Kantilene als auch die strahlenden Koloraturen mitbringt.  Bravo und Szenenapplaus nach ihrer Marterarie. Vor allem hat sie die nötige Standfestigkeit, um dem überaus verführerischen Bassa von Raphael von Bargen zu widerstehen und ihn sogar zu ohrfeigen! Vorher kam er ihr schon gefährlich nahe und fast,  aber eben nur fast, wäre es zum Kuss zwischen den Beiden gekommen. Sein Rivale Belmonte (Dean Power) verfügt über mühelose Tenortöne und singt auch recht achtbar, wobei mir die mit viel Schmelz und Wärme interpretierte Baumeisterarie noch am besten gefiel. Doch gegen diesen Bassa blieb der Tenor eher blass und man hoffte am Schluss, dass es Konstanze wirklich nie bereuen möge, den noblen Selim ausgeschlagen zu haben…

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Dean Power (Belmonte), Patrick Simper (Osmin), Daniel Prohaska (Pedrillo). Foto: Lioba Schöneck

Blonde Csilla Csövári ist ein herrliches Biest, das mit strahlendem Sopran ihren Wächter Osmin das Fürchten lehrt. Dieser ist bei Patrick Simper und seinem sonoren Bass ein finsterer Geselle. Drahtig und geschmeidig, in schwarzen Lederharnisch gewandet, wird er gern bei Blondchen handgreiflich. Die lustvolle Schilderung der diversen Todesarten in seiner zweiten Arie ließ einen schaudern. Pedrillo Daniel Prohaska ließ sich wegen einer Verkühlung ansagen, schritt aber trotzdem „frisch zum Kampfe“ und schlug sich mit Witz und Spielfreude bravourös.

Die größte musikalische Freude bereitete wieder Chefdirigent Marco Comin mit dem glänzend spielenden Gärtnerplatzorchester. Ein frischer, schlanker Mozart ertönte aus dem Graben, temperamentvoll und mit klaren Zeichen animiert vom Dirigenten. Vor allem aber ist Comin ein wunderbarer Kapellmeister, der mit seinen Sängern atmet, gelegentlich stumm mitsingt und jeden auf Händen trägt.

Viel Jubel und Bravi für eine musikalisch rundum gelungene Vorstellung.

Jakobine Kempkens

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