Der Neue Merker

MÜNCHEN: ELEKTRA

München: Bayerische Staatsoper: „ELEKTRA“, 13.02.2017:

Elektra 2017_Nina Stemme-Doris Soffel_(c)Wilfried Hösl
Nina Stemme, Doris Soffel. Copyright: Wilfried Hösl

 Zwischen den beiden großen Premieren – Semiramide wurde am 12.02. aus der Taufe gehoben – Andrea Chenier wird am 12.03. folgen, schnell noch etwas Strauss zum Entspannen: Elektra mit einer fulminanten Nina Stemme in der Titelrolle. Die Inszenierung von Herbert Wernicke aus dem Jahr 1997 verbannt sie auf ein grobgezimmertes Holzpodest links vorne an der Rampe. Die Bühne ist von einer schwarzen Mauer verschlossen, die nur manchmal diagonal wegkippt und einen Blick auf eine blutrote Treppe in einem glühend ausgeleuchteten Bühnenraum freigibt. So entstehen archaisch anmutende abstrakt-beeindruckende Bilder. Die vorherrschende Farbe ist schwarz: schwarz die Mauer, die meistens geschlossen ist, schwarz gekleidet ist Elektra, wie die Mägde, bei denen sie leben muss. Ihre Schwester Chrysothemis erscheint dagegen in unschuldigem Weiß, die Mutter Klytämnestra in mörderischem Rot.

Ein großer Nachteil dieser Inszenierung ist, dass es keine Übertitelung gibt. Das komplette Ausnutzen der Bühnenhöhe macht eine Projektion auf das Bühnenportal unmöglich, was sehr schade ist, da man vor allem bei den hohem Frauenstimmen kaum versteht, was genau gerade gesungen wird.

 Der reduzierte Aktionsradius der Elektra, sie verlässt das Podest nur ganz selten, führt zu einem extrem konzentrierten Spiel und Nina Stemme versucht sich die Seele aus dem Leib zu singen, bleibt dabei aber immer auf der Gesangslinie und wirkt dabei dann doch einen Tick zu brav. Sie hat schier unendliche Kraft, auch die großen Ausbrüche klangen nie schrill oder geschrien, sondern immer gesungen und sie konnte ihre Stimme auch ins Piano zurücknehmen. Insgesamt gelang ihr ein beeindruckendes Portrait der Frau, die nur für die Rache an den Mördern ihres Vaters lebt.

 Ricarda Merbeth ist eine ihr ebenbürtige Chrysothemis: voll, warm und jugendlich klang die Stimme, keine Ermüdung zu hören, dabei war sie tags zuvor in Berlin im Tannhäuser eingesprungen und hatte dort beide Frauenrollen, Venus und Elisabeth, gesungen.

 Auf nicht ganz so hohem Niveau präsentiert sich Doris Soffel als Klytämnestra. Ihr Mezzo klingt doch schon etwas abgesungen und sie flüchtet öfter mal in Sprechgesang. Zu Beginn hat sie Probleme über das Orchester zu kommen, die legen sich aber später. Sie spielte die Klytämnestra extrem manieristisch, ihr triumphierendes Lachen, als sie vom – vermeintlichen – Tod Orests erfährt, hätte auch einer antiken Tragödin gut angestanden, heute wirkt es ein bisschen überzogen.

 Schade, dass Strauss die Männerstimmen immer etwas stiefmütterlich bedacht hat. Der Orest hat ja gefühlt maximal eine Viertelstunde zu singen. Johan Reuter gab ihn mit sicher geführtem Bass und großer Textverständlichkeit. Überhaupt war das gestern eine hervorragende Ensembleleistung der Sänger, auch die kleinen Rollen der Mägde und Diener waren sehr gut besetzt. Hervorheben möchte ich Golda Schultz als Fünfte Magd, die ihr kurzes Arioso wunderschön gestaltete.

 Der archaischen Wucht auf der Bühne kann auch das Orchester unter der musikalischen Leitung von Simone Young Paroli bieten. Den harten Blechakkorden setzt sie die vergiftet-süßen Streicher gegenüber und erzeugt so von den ersten kraftvollen Akkorden des Agamemnon- Motivs an eine immense Spannung, die in der gänsehauterzeugenden Erkennungsszene zwischen Orest und Elektra gipfelt.

 Alles in allem ein großer Strauss-Abend, der in Ovationen, vor allem für Stemme, endete.

 Susanne Kittel-May

 

 

Diese Seite drucken