Der Neue Merker

MÜNCHEN: DIE FRAU OHNE SCHATTEN. Wiederaufnahme

München: “Die Frau ohne Schatten” – Bayerische Staatsoper 02.07.2017

Was haben Marylin Monroe und Mahatma Gandhi, King Kong und Batman, Jesus, Buddha und Karl Marx gemeinsam? Sie alle erscheinen während der Schlussapotheose von „Die Frau ohne Schatten“ als bunte Projektionen auf den Bühnenwänden des Nationaltheaters. Alles wird gut, wenn die Menschen nur lustig und tolerant sind und viele Kinder kriegen. Alle Standesgrenzen verschwinden, Färbers können mit Kaisers beim Sekt sitzen, während im Hintergrund die noch Ungeborenen sich hüpfend und tanzend freuen, dass sie jetzt doch noch zur Welt gebracht werden. Worüber sich die Rentenversicherung auch freuen dürfte.

So jetztzeitig und geheimnislos sieht Regisseur Krzysztof Warlikowski das Ende von Strauss‘ Oper, die er doch so geheimnisvoll begonnen hatte. Nämlich mir einer 10-minütigen Videosequenz, die auch Besuchern, die den Film – Alain ResnaisLetztes Jahr in Marienbad – nicht kannten, deutlich sagte, worum es gehen würde: um ein Spiel aus Erinnertem und Geträumten, aus Nie-Gelebtem und Gewünschtem. Nicht umsonst ziert Sigmund Freuds Couch den Einband des Programms. Die Mehrdeutigkeit spiegelt sich auch in der leicht verwandelbaren Bühne von Małgorzata Szczęśniak: mal ein eleganter, nussbaumgetäfelter Raum im Stil der 60-ger Jahre, dann öffnen sich bühnenhohe Tore und geben den Blick frei auf einen nüchtern, weißgefliesten Raum, der alles sein kann, Psychiatrie, Krankenhaus, Kinderheim, Pathologie. Der von unten beleuchtete Bühnenboden lässt wunderschöne, poetische Bilder entstehen, es hilft allerdings, wenn man vorher die Handlung gelesen hat.

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Die Kaiserin (Ricarda Merbeth) mit ihrer noch ungeborenen Tochter, der Kaiser (Burkhard Fritz) mit dem Falken.  © Wilfied Hösl

Interessanterweise hat die Programmgestaltung der Bayerischen Staatsoper diese Wiederaufnahme zwischen zwei Vorstellungen der diesjährigen Festspielpremiere gesetzt, Schrekers Die Gezeichneten, ungefähr zur gleichen Zeit entstanden wie die Frau ohne Schatten, von ebendemselben Regie-Bühnen-Team. Und diese Aufführung geriet zu einem Fest für die Augen und die Ohren, was vor allem – aber nicht nur – Kirill Petrenko und dem Bayerischen Staatsorchester zu verdanken ist. Wie schon bei der Premiere entfalten sie eine ungeheure Vielfalt an Klangfarben, Transparenz der einzelnen Orchesterstimmen, dynamischen Abstufungen vom Pianissimo bis zum gefühlt fünffachen Fortissimo. In diese Klangmassen werden die Singstimmen immer organisch eingebettet, nie übertönt. Ein sensationelles Dirigat!

Auf gleich hohem Niveau bewegen sich die Sänger: Die Kaiserin Ricarda Merbeth meistert die teilweise absurd hoch liegende Partie mit erstaunlicher Sicherheit und viel Wärme in der Stimme. Burkhard Fritz als Kaiser ebenfalls sehr schönstimmig und höhensicher, sein „Falke, du wiedergefundener“ ein wunderbares Zwiegespräch mit dem Cello. Im dritten Akt wird er dann etwas schwächer, da geraten die Höhen etwas eng.

Als Färberpaar – in diese Inszenierung machen sie die Wäsche – glänzen wie schon bei der Premiere Elena Pankratova und Wolfgang Koch. Beide scheinen immer besser zu werden, Pankratova mit immer warmem, großem Sopran, Kochs Höhensicherheit wird hier öfter gefordert als letztes Jahr bei den Meistersingern und es scheint, als hätte die Stimme an Volumen gewonnen. Was nicht heißen soll, dass er nicht auch leise und innig singen kann. So gelingt diesen beiden Sängern gerade die Szene in der sie gegenseitig ihren Verlust betrauern sehr anrührend.

Die Amme ist eigentlich die interessanteste Figur in diesem Zaubermärchen, Katalysator für die Gefühle von Kaiserin und Färberin, intrigante Strippenzieherin und zuletzt als Verliererin in die Menschenwelt verdammt. Michaele Schuster brilliert mit tragfähiger, wandelbarer Mittellage und nur manchmal etwas ausgefransten Höhen in dieser Rolle.

Von den vielen kleineren Rollen seien Sebastian Holecek und – wieder einmal – Dean Power besonders hervorgehoben. Ersterer als Geisterbote mit kernigem Bariton, letzterer als Buckliger und als Erscheinung eines Jünglings, allerdings darf er hier nur seine schöne lyrische Stimme hören lassen. Auf der Bühne steht ein sexy „Body Double“.

Eine intelligente, poetische Inszenierung, ein musikalisches Feuerwerk – Ovationen für Petrenko, die Sänger und für Regisseur Warlikowski, der sich hier den Beifall abholte, der ihm bei der Premiere zu Die Gezeichenten anscheinend nicht gegönnt wurde.

 Susanne Kittel-May

 

 

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