Der Neue Merker

MÜNCHEN/ Cuvilliestheater/ Gärtnerplatz-Produktion: DAS LÄCHELN EINER SOMMERNACHT

DAS LÄCHELN EINER SOMMERNACHT – München, Cuvilliestheater, 5.3.2017

Dreimal lächelt die Sommernacht – einmal über die Jungen, die noch nichts wissen; ein zweites Mal über die Narren, die zu wenig wissen; und ein drittes Mal über die Alten, die zu viel wissen. So sagt es eine alte schwedische Volksweisheit und diese gibt die lebenserfahrene Madame Armfeldt an ihre Enkelin Frederika weiter. Dieses Lächeln der Sommernacht hat Ingmar Bergmann 1955 zu dem erfolgreichen Film inspiriert, der seinen Weltruf als Regisseur begründen sollte. Den Stoff haben dann auch Stephen Sondheim und Hugh Wheeler aufgegriffen und daraus das Erfolgsmusical „A Little Night Music“ gemacht. Wheeler verfasste dafür das Buch und Sondheim, der schon die Texte zu „West Side Story“ geschrieben hatte, war Komponist und Autor in Personalunion. Die von Harold Prince verantwortete Broadwayproduktion war im Jahr der Uraufführung 1973 ein so gewaltiger Erfolg, dass das Musical unter seiner Leitung in einer Starbesetzung auch verfilmt worden ist.

Für eine Neuproduktion am Münchner Gärtnerplatztheater, Premiere war vor gut einem Jahr am 4.Februar 2016 im Cuvilliestheater und jetzt gab es eine Wiederaufnahme mit der letzten Vorstellung am gestrigen 5.März,  hat John Owen Edwards die Partitur in eine passende Orchesterfassung gesetzt, die deutsche Übersetzung stammt von Eckart Hachfeld.

Marie-Luise Walek (Kostüme), Rainer Sinell (Bühne) und nicht zuletzt Michael Heidinger (Licht, gemeinsam mit dem Regisseur) haben dem Regie führenden Hausherren Josef E. Köpplinger einen Rahmen geschaffen, der das schwedische Landleben an der Wende vom 19. zum 20.Jahrhundert illustriert und mit den Spezifikas eines Musicals perfekt paart. Einmal mehr beweist Köpplinger sein Können in der Führung von Einzelpersonen und der scharfen, manchmal vielleicht überscharfen, Charakterzeichnung der Figuren. Und es ist zweifellos gewollt, dass beim wissenden Publikum Assoziationen zu Schnitzlers „Reigen“ aufkommen.

Rund um die Schauspielerin Desiree Armfeldt entpuppen sich Turbulenzen der Liebe. Gleich zwei Männer buhlen um deren Gunst. Das Problem dabei – beide Männer sind verheiratet. Rechtsanwalt Fredrik Egerman mit einer viel jüngeren Frau, die zum Schluss mit seinem Sohn aus erster Ehe den Gatten verlässt, und Graf Carl-Magnus Malcolm, der nach Außen einen überholten Ehrbegriff hoch hält und gleichzeitig seine Ehefrau betrügt. Auf dem Landsitz von Desirees Mutter, die im Rollstuhl sitzend an ihre amourösen Erlebnisse denkt und die Fäden fest in der Hand hält, treffen die liebeshungrigen Männer mit ihren Frauen zusammen.

Diese Geschichte hat Köpplinger in überzeugende Bilder gepackt, ein Sternenhimmel zu Beginn und am Ende ist der verbindende Bogen über die Liebeswirren der handelnden Personen. Der verklemmte Sohn des Rechtsanwaltes, der eigentlich Pfarrer werden möchte und seine Fantasien am Cello auslebt, versucht sich mit dem Dienstmädchen, ist aber in seine Stiefmutter verliebt. Das Dienstmädchen sucht nicht nur willige Geliebte, sondern vor allem einen wohlhabenden Mann. Die Ehemänner sind sexsüchtig wie eifersüchtig gleichermaßen und die jeweiligen Gattinnen schwanken zwischen Ergebenheit, Rachsucht und Zickenkrieg gleichzeitig.

Gisela Ehrensperger, die Grande Dame des Gärtnerplatztheaters, brilliert in der Rolle der Madame Armfeldt. In ihr paart sich Erfahrung, Ausdruckskraft und Bühnenpräsenz zu einer alles überragenden Persönlichkeit. Auch wenn es an dieser Stelle vielleicht nicht wirklich passend ist – der Musiktheaterfreund erinnert sich bei ihr an Sängerpersönlichkeiten wie Astrid Varnay, Martha Mödl, Leonie Rysanek oder (in der jüngsten Vergangenheit) Anja Silja. Ihre Enkelin spielt überzeugend die noch junge Oona Bantel und gibt dabei mehr als nur eine Talentprobe ab. Erwin Windegger ist ein überzeugend schmieriger Fredrik Egerman, Susanne Seimel das sexsüchtige Dienstmädchen Petra, die betrogenen Ehefrauen Anne Egerman und Gräfin Charlotte Malcolm sind bei Beate Korntner und Julia Klotz in besten Händen, Michael Johannes Mayer überzeugt als Butler Frid. Sie alle sind geübte Musicaldarsteller mit Erfahrung. Daniel Prohaska, zuletzt überzeugend als Operettentenor in der Premiere der „Faschingsfee“, spielt Graf Carl-Magnus Malcolm mit Überzeugung, wenngleich er da und dort etwas weniger schauspielerisch übertreiben könnte. Und, was ja nicht ganz unwichtig ist, er ist der Partie auch stimmlich gewachsen. Das trifft auch auf Sigrid Hauser zu, die der Provinzschauspielerin Desiree Armfeldt Profil verleiht. In der kurzen Theaterszene überzeugt sie als Mittelpunkt drittklassiger Häuser, ihr Privatleben ist von „Bekanntschaften“ geprägt. Kein Wunder, dass ihr die Mutter ihr uneheliches Kind zur Erziehung abgenommen hat. Als gleichsam Chor ergänzen Andrea Jörg, Katerina Fridland, Laura Schneiderhan, Stefan Thomas und Thomas Hohenberger das Ensemble perfekt. 

Nicht wirklich glücklich konnte ich gestern Abend mit dem Klangbild werden. Lag es am tief gelegten Orchester (die Musiker sitzen im Cuvilliestheater im Regelfall deutlich höher), lag es an der Balance der Tonaussteuerung (man sang in diesem wunderbaren Theater mit Mikros), oder woran auch immer. Andreas Kowalewitz, er wird am Donnerstag dieser Woche die Uraufführung von „Frau Schindler“ von Thomas Morse leiten, stand am Pult des Orchesters des Staatstheaters am Gärtnerplatz.

Michael Koling

 

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