Der Neue Merker

MÜNCHEN/ Bayerische Staatsoper/Opernfestspiele: DIE GEZEICHNETEN von Franz Schreker. „Gezeichnet sind wir alle“

München:“Die Gezeichneten”–Bayerische Staatsoper, Opernfestspiele 04.07. – Gezeichnet sind wir alle

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John Daszak
als Elefantenmensch AlvianoSalvago. © Wilfried Hösl

Gezeichnet sind sie alle, die Figuren in dieser Oper: Alviano Salvagodurch seine äußerliche Hässlichkeit, Charlotta durch ihre Krankheit, die adligen Freunde Alvianos durch die Exzesse ihrer ihre sexuelle Gier, und, etwas weniger verwerflich, die Bürgerschaft durch ihre Vergnügungssucht. Und wir Zuschauer im Nationaltheater ebenfalls, das soll uns doch der große Spiegel sagen, in dem sich das Publikum widerspiegelt. Und dass das Licht angeht im Zuschauerraum beim Auftritt des Capitanodi giustizia, ist ja auch ein gern gewählter Wink mit dem Zaunpfahl: „Hallo, das geht euch alle an!“ Das hatten wir beispielsweise bei Konwitschnis Tristan. Ob dieses und weiter Ähnlichkeiten mit Regieeinfällen verschiedener Kollegen – die Augen- und Sonnenscheibe aus Castelluccis Tannhäuser, die Kinoszene aus La Favorite – Absicht waren? Es ist zu vermuten. Diese Münchner Neuinszenierung der 1918 uraufgeführten Oper „Die Gezeichneten“ von Franz Schreker ist voll von Anspielungen und Zitaten, auch auf andere Kunstformen. So ist Carlotta ist keine Malerin, sondern Performance-Künstlerin, während der Szenen in ihrem Atelier malt sie Alviano nicht, sondern sitzt mit ihm an einem Tisch, Zitat einer Performance von Marina Abramović; „The Artist ispresent“. Ein Mäuse-Video läuf tim Hintergrund, die Aufarbeitung ihres durch die Krankheit beschränkten Lebens?Das Eiland „Elysium“ ist teils Erotik-Tanzshow mit androgynen Odalisken, teils Kino, in dem Ausschnitte aus Stummfilmen gezeigt werden, die alle mit Monstern zu tun haben: Der Golem, Frankenstein, Das Phantom der Oper, Nosferatu. Das Volk – zur Unterscheidung vom Adel trägt es Mäuseköpfe – ist begeistert.

Wie bei „Die Frau ohne Schatten“ arbeitet Regisseur Krzysztof Warlikowski auch hier mit der Bühnenbildnerin Małgorzata Szczęśniak zusammen, die wieder einen wandelbaren Einheitsraum schafft in elegantem, aber faschistisch anmutendem 30-ger-Jahre-Look. Kabinette und Projektionsflächen werden hereingefahren, vorne rechts steht schwarzglänzende, geschwungene Bar. In diesem Ambiente erzählt Warlikowski, der „Die Frau ohne Schatten“ noch kräftig übermalt hatte, die Geschichte erstaunlich geradlinig und nah am Libretto.

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Erotik-Tanz auf dem Eiland „Elysium“ –
CatherineNaglestad als Carlotta Nardi mit dem Opernballett der Bayerischen Staatsoper. © Wilfried Hösl

Ein hervorragendes Sängerensemble kann die Bayerische Staatsoper aufbieten, nicht weniger als 33 (!) Personen zählt die Besetzungsliste. Allen voran glänzt John Daszak als Elefantenmensch Alviano. Was er geliefert hat, war eine Charakterstudie allerersten Ranges, die Augen leuchteten aus der Maske des Elefantenmenschen heraus, wie es im Libretto beschrieben und gefordert ist und die eigentlich eher weiße Stimme konnte doch die ganze Ausdruckspallette der Emotionen transportieren.Ihm ebenbürtig ist Catherine Naglestad als Carlotta Nardi: mit warmem, höhensicheren Sopran konnte sie sowohl die gebremste Emotionalität der herzkranken Frau wie auch die überbordende Leidenschaft der Liebenden hervorragend darstellen. Das Objekt ihrer Begierde, der Graf Tamare, wird von Christopher Maltman mit elegantem Bariton und schöner Phrasierung gesungen.

Tomasz Konieczny als Herzog Adorno darf wieder einmal seine ganze Körperlichkeit ausspielen, er ist als Box-Fan gezeichnet, darf im komplett auf die Bühne gestelltem Ring mit roten Boxhandschuhen einen Kampf markieren. Dazu passt seine etwas knarzige Stimme ganz hervorragend.

Heike Grötzinger als Martuccia mit sicherem Mezzo, Dean Power als schmieriger Entführer Piero und Galeano Salas als Jüngling seien besonders aus dem insgesamt hervorragenden Ensemble hervorgehoben.

Die Musik ist schwelgerisch, eine Musik wie Opium; aus Elementen von Wagner, Strauss, Puccini, Debussy, aber auch Arnold Schönberg schafft Schreker etwas ganz Eigenes. Im zweiten Akt klingt das manchmal wie Filmmusik, hier vermisst man vielleicht einen Höhepunkt, Dramatik. Die kommt dann im dritten und vierten Akt mit bacchantischer Raserei und großem Pathos. Ingo Metzmacher am Pult des Bayerischen Staatsorchestersbringt das ganze expressionistische Potential dieser Musik zur Geltung ohne je in Kitsch und Schwulst abzugleiten. Das flirrt und gleißt wunderbar transparent, das dynamische Spektrum wird voll ausgereizt und die Tempi passen auch.

Der Beifall war kurz und nicht so enthusiastisch, wie es diese Aufführung eigentlich verdient hätte.

 Susanne Kittel-May

 

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