Der Neue Merker

MÜNCHEN/ Bayerische Staatsoper: LUCIA DI LAMMERMOOR – Licht und Schatten

München: “Lucia di LAMMERMOOR” – Bayerische Staatsoper – 12.12.2017 – Licht und Schatten

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Piotr Beczała als Edgardo James Dean Ravenwood. © Wilfried Hösl

Von den hochkarätig besetzten Repertoire-Vorstellungen der letzten drei Wochen, Simon Boccanegra mit Zelko Lučić, Andrea Chenier mit dem Dream-Team Kaufmann/Harteros und jetzt eben die Lucia mit Beczała und Tezier – Damrau hat krankheitsbedingt abgesagt – ist letztere die schwächste. Das liegt nicht zuletzt am Dirigenten. Das liegt sogar hauptsächlich am Dirigenten.

Antonio Fogliani rammt einen derart brachialen Donizetti in den Orchestergraben des Nationaltheaters, dass im ersten Akt die Sänger alle (mit einer Ausnahme)  zum Schreien verdonnert waren und was im Parkett ankam, hatte streckenweise mehr mit Lärm zu tun, als mit Musik. Außerdem legt er durchweg ein derart gehetztes Tempo vor, dass auch erstklassige Sänger wie Ludovic Tézier streckenweise nicht mitkommen. Von schön ausgekosteten Legatobögen kann man bei diesem Dauerprestissimo nur träumen. Verschenkt die Wirkung des berühmten Sextetts , das Petrenko in der Premierenserie, aber auch später Oksana Lyniv, sehr leise begonnen und dann zum Forte gesteigert hatten, sodass eine unglaubliche Spannung entstand. Fogliani lässt auch hier keinen Raum für solche dynamischen Differenzierungen. Erst ab der Wahnsinnsszene nimmt der Dirigent Tempo und Lautstärke etwas zurück.

Piotr Beczała ist zweifellos zurzeit einer der besten und gesuchtesten Tenöre und das zu Recht; er hat eine schöne, in der Mittellage warm klingende, farbenreiche Stimme, die er sehr kultiviert führt, trotzdem lässt er mich seltsam kalt. Liegt es daran, dass er doch hauptsächlich im Mezzoforte und Forte unterwegs ist, oder daran, dass seine Höhen nur selten aufblühen und glanzlos sind? Ich hätte jedenfalls insgesamt einen feineren Vortrag von ihm erwartet; er ist auch dann unnötig laut, wenn er nicht das Orchester übertönen muss. Darstellerisch wirft er sich mit vollem Einsatz in die Rolle des jungen Wilden á la James Dean, die die Regisseurin Barbara Wysocka ihm zugewiesen hat und verkörpert sie sehr glaubhaft  und in seiner großen Arie am Ende auch berührend.

Für die Titelpartie war wie gesagt ursprünglich Diana Damrau vorgesehen, mit Olga Pudova kam nun die zweite Einspringerin  zum Einsatz ( am Samstag hat Adela Zaharia mit großem Erfolg die Vorstellung gerettet). Frau Pudova lässt sich nicht vom allgemeinen Dauerforte der Mitsänger anstecken, sondern singt von Anfang mit viel Mut zum Piano und zu differenzierter Gestaltungsweise. Sie hat eine schöne, mädchenhaft klingende, bewegliche Stimme . die sie sehr ebenmäßig über alle Register führt. Im Gegensatz zu mancher Rollenvorgängerin wird sie nie schrill und phrasiert sehr schön. Der  absolute Höhepunkt der Oper ist also folgerichtig die Wahnsinnsszene, in der Pudova wunderschön mit der Glasharfe im Duett singt.  Diese Sängerin, die im Sommer schon als Olympia in Hoffmanns Erzählungen überzeugte, würde ich gerne öfter hören.

Mit Ludovic Tézier ist ein in München – und nicht nur hier – sehr geschätzter Sänger für den Lord Enrico Ashton verpflichtet, der leider wie oben beschrieben, mit den Tempo und Lautstärkeauswüchsen etwas zu kämpfen hat.  So flüchtet auch er sich im 1. Akt in ein Dauerforte. Erst im Laufe der Vorstellung findet er Gelegenheit zu differenzierterer Singweise, die im Duett mit Beczała, der Verabredung der Todfeinde zum Duell, ihren Höhepunkt findet.

Nicolas Testé gibt einen relativ rauen Raimondo, sein Timbre ist doch etwas trockener als in dieser Rolle sonst zu hören, liefert nichtsdestotrotz einen stimmiges Rollenportrait.

Galeano Salas hat als Arturo einen ziemlich kurzen Auftritt, den er mit schöner lyrischer Stimme absolviert.

Sergiu Saplacan  als Normanno kann mich überzeugen. Zu Beginn geht er im Chor fast unter und ist auch darstellerisch etwas steif. Seiner Stimme mangelt es an Farben, aber vielleicht braucht ein intriganter Bösewicht – als solchen zeichnet ihn die Regie – das ja auch gar nicht.

Alyona Abramova sang die wenigen Zeilen der Alicia mit schönem, warmem Mezzo.

Susanne Kittel-May

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