Der Neue Merker

MÜNCHEN/ Bayerische Staatsoper: LE NOZZE DI FIGARO – Neuproduktion

München: Bayerische Staatsoper: „LE NOZZE DI FIGARO“ – Neuproduktion, 31.10.2017 (Premiere war am 26.10.)

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Alex Esposito (Figaro), Olga Kulchynska (Susanna), Christian Gerhaher (Graf Almaviva). Copyright: Wilfried Hösl

Für die erste Neuproduktion der Saison 2017/2018 kehrte Regisseur Christof Loy, der in München schon einige erfolgreiche Inszenierungen gemacht hat, darunter den schon fast legendären „Roberto Devereux“, an die Bayerische Staatsoper zurück, diesmal für Mozarts „Le nozze di Figaro“. Er sieht das Werk einerseits als Kaleidoskop der vielschichtigen Erscheinungsformen von Liebe und Eros und andererseits als Ausdruck der Machtlosigkeit des Einzelnen im Kosmos. Statt die Geschehnisse selbst zu lenken, sind die Menschen selbst Spielball ihrer Ur-Emotionen oder gesellschaftlicher Konventionen. Dieses Ausgeliefertsein bringen Christof Loy und sein Bühnenbildner Johannes Leiacker sehr anschaulich zum Ausdruck, indem sie das Stück in einem immer größer werdenden Raum spielen lassen, in dem sich die Personen zunehmend verlieren.

Zunächst sehen wir Figaro und Susanna als Marionetten in einer Miniaturausgabe des Nationaltheaters. Später öffnet sich die Bühne zu einem in weiß gehaltenen, theaterähnlichen Raum, dessen Dimensionen im Lauf des Abends immer größer werden, so dass am Ende nur noch eine riesige Türe zu sehen ist, vor der die handelnden Personen wie kleine Spielzeugwesen aussehen. Die anderen Hauptgedanken seiner Inszenierung kommen leider nicht so klar zum Ausdruck. So ist von komplexen, vielschichtigen Beziehungen der Protagonisten untereinander oder von verschiedenen Facetten eines einzelnen Charakters nahezu nichts zu sehen. Insbesondere Alex Esposito als Figaro und Christian Gerhaher als Conte di Almaviva zeichneten ihre Figuren ziemlich eindimensional als übellaunige Zeitgenossen, die außer Wut und Ärger nicht mehr viele Emotionen zu kennen scheinen. Alex Esposito betonte dies auch immer wieder durch unerwartete gesangliche Ausbrüche während seiner Arien, was von seiner eigentlich schönen und klangvollen Stimme ablenkte und seine kultivierte Gesangslinie unnötig störte. Christian Gerhahers Conte zeigte nur einmal eine andere Facette seines Charakters: Im Duett mit Susanna am Anfang des dritten Aktes wurde er plötzlich kurz schüchtern und verklemmt, was aber mit dem vorherigen und auch nachher sofort zurückkehrenden Furor der Figur so wenig zusammenpasste, dass es nicht wie ein neuer Wesenszug des Conte erschien, sondern wie eine kurzeitig auftretende, fremde Person. Gesanglich gestaltete Gerhaher seine Rolle meisterhaft und es war, wie immer, eine Freude, ihm zuzuhören. Wegen der eindimensionalen schauspielerischen Gestaltung der Partie war seine Interpretation insgesamt jedoch eher enttäuschend.

Die junge ukrainische Sopranistin Olga Kulchynska sang die Susanna mit klarer, heller und beweglicher Stimme. Besonders in der innig und gefühlvoll gesungenen Rosenarie konnte sie das Publikum sehr für sich einnehmen. Leider ist auch ihre Figur von der Regie etwas eindimensional und ohne viel Charme und Esprit gezeichnet, so dass sie sich schauspielerisch nicht voll entfalten konnte. Dass die Protagonisten auf der Bühne die Vielschichtigkeit ihrer Rollen nicht gut zum Ausdruck bringen konnten, lag wohl nicht nur an der Regie, sondern auch am Dirigat von Constantinos Carydis. Seine besonders im ersten und zweiten Akt wahnwitzigen Tempi machten eine musikalische Interpretation und einen differenzierten, emotionalen Vortrag der Arien unmöglich. Mit dem Orchester dagegen konnte Carydis von der Ouvertüre an trotz der Schnelligkeit die Feinheiten der Partitur zum Ausdruck bringen, und die Rasanz und Atemlosigkeit der Handlung hörbar machen ohne abgehetzt zu klingen. Im Zusammenspiel mit den Sängern funktionierte dies jedoch zum großen Teil nicht. Nur dort, wo er für eine Arie gemäßigtere Tempi fand, ließ er Platz für eine musikalische Gestaltung.

Davon konnte vor allem Federica Lombardi als Contessa profitieren, und sie wurde dann auch zur herausragenden Sängerin und Interpretin des Abends. Ihre Gräfin war eine hochelegante Erscheinung und eine selbstbewusste, integre Persönlichkeit, die am Ende durch ihre großmütige Verzeihung wahre, selbstlose Liebe, fern von allen äußerlichen Eitelkeiten zeigt. Mit ihrem warmen, leuchtenden Sopran und ihrer innigen, gefühlstiefen, aber immer stilvollen Art zu singen, berührte sie das Publikum tief und konnte den ganzen Zauber von Mozarts Musik zum Klingen bringen.

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Olga Kulchynska (Susanna), Anne Sofie von Otter (Marcellina). Copyright: Wilfried Hösl/ Bayerische Staatsoper

Die kleineren Rollen waren teils hervorragend, teils eher blass besetzt. Anne Sofie von Otter war eine wunderbar temperamentvolle, skurrile Marcellina, die sich vom streitsüchtigen Drachen zur liebevollen, aber trotzdem energischen Mutter wandelte. Der Bartolo von Paolo Bordogna war ihr dagegen weder stimmlich noch darstellerisch ebenbürtig. Auch Solenn‘ Lavanant-Linke konnte als Cherubino nicht voll überzeugen. Ihre Stimme ist zwar tragend und beweglich, hat aber nur wenige Klangfarben, was ihren Vortrag etwas fahl erscheinen ließ.

Insgesamt hätte etwas mehr Leichtigkeit und Charme der Produktion gut getan. Es wird interessant sein zu sehen, wie künftige Besetzungen mit dieser Inszenierung umgehen werden, die durch ihr unaufdringliches, aber ästhetisch schönes Bühnenbild, die eleganten Kostüme von Klaus Bruns und die ausbaufähige Personenregie durchaus repertoiretauglich ist.

Gisela Schmöger

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