Der Neue Merker

MÜNCHEN/ Bayerische Staatsoper: LADY MACBETH VON MZENSK

München: “Lady Macbeth von Mzensk” – Bayerische Staatsoper 01.11.2017

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Oben wird gefeiert, unten ärgert man sich, dass man nicht eingeladen ist – die Polizeiszene aus dem dritten Akt    © Wilfried Hösl

Das ist ganz schön harter Tobak für eine Allerheiligenvorstellung: so wenig Heil, so viel Unheil! Der einzige fühlende Mensch eine Doppelmörderin, die sich am Ende selbst umbringt und noch die neue Freundin ihres Geliebten mitnimmt. Für die Inszenierung hat man den Regie-Altmeister Harry Kupfer geholt, Premiere war am 28. November 2016. Zusammen mit dem Bühnenbildner Hans Schavernoch zeigt er das Drama einer Frau, deren Freiheitsdrang und Liebessehnsucht in einer von Männern bestimmten Gesellschaft sich nur durch Mord artikulieren kann und sie so in die Selbstzerstörung führt. Schostakowitsch steht eindeutig auf der Seite der Lady, die er als Opfer der sozialen Gegebenheiten darstellt. Die Geschichte in einem unwirtlichen, frühindustriellen Milieu angesiedelt. Das Schlafzimmer der Lady hängt an riesigen Haken mitten in einer Fabrik- oder Lagerhalle, die Enge ihrer Welt deutlich machend. Leider sind die Männer in dieser Inszenierung verniedlichend grotesk, parodistisch gezeichnet. Die Angst der Katarinas vor diesem harmlosen Boris mit Spazierstock ist ebenso schwer zu verstehen, wie ihre plötzliche Leidenschaft für den Knecht Sergej, der ihr ziemlich brutal und ungeschickt an das Kleid geht – von Wäsche kann keine Rede sein. Sex passiert hier nur in der Musik, über das berühmte Posaunenglissando wurden ja schon Romane geschrieben. Unfreiwillig komisch ist es, wenn Sergej sich wie ein Kind zum Verstecken die Decke über den Kopf zieht, als die Entdeckung der Affäre droht.

Dritter und vierter Akt geraten eindrücklicher als die ersten beiden: wenn die Tafel mit der Hochzeitsgesellschaft hochfährt und den Blick auf die Polizeistation freigibt, Polizisten auf Bürostühlen beklagen, dass sie niemanden ausnehmen können, ein großartiges Ensemble, das hier mit der richtigen Mischung aus Satire und Groteske inszeniert ist. Die Hochzeitsgesellschaft verharrt übriges ca. 15 Minuten in eingefrorenen Posen – ein Kabinettstück der Körperbeherrschung.

Anja Kampe ist das Energiezentrum dieser Oper, sie ist mit ein oder zwei kurzen Ausnahmen immer auf der Bühne. Ihre Stimme, mal hell leuchtend und schmeichelnd, mal düster und verzweifelt, hat schier unendliche Reserven für diese doch relativ große Partie. Die Mittellage scheint mir noch voller und kräftiger geworden zu sein, das leichte Vibrato in der Höhe, das sie bei den letzten Sieglinden gezeigt hat, ist verschwunden. Das war eine in meinen Augen perfekte Leistung, sängerisch wie darstellerisch. Am stärksten beeindruckt hat mich die Verzweiflung ihrer Soloszene im letzten Akt zum tristanähnlichen Englischhorn.
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Anja Kampe als Katerina und Misha Didyk als Sergej – auf dem Weg ins Arbeitslager
    © Wilfried Hösl

Da haben es die männlichen Kollegen schwer mitzuhalten. Anatoli Kotscherga ist mir nicht fies und gefährlich genug. Mehr bieder als gewalttätig, ging er öfter im Orchester unter.

Die beiden Tenöre, Sergey Skorokhodov als Ehemann Sinowi und Misha Didyk als Verführer und Geliebter Sergej, haben ziemlich ähnliche Stimmen mit heller, relativ farbloser Höhe, aber und kräftiger, leicht baritonaler Mittellage. Ersterer hatte nicht besonders viel zu singen und zu spielen, letzterer dafür umso mehr. Er gab einen überzeugend unsympathischen (ein viel zu schwaches Wort!) Mann, der Frauen ausnutzt und sich am Ende nur noch selbst leidtut.

Neben diesen vier Hauptrollen gibt es noch jede Menge Nebenrollen: Kevin Conners als Der Schäbige klingt ein bisschen schwächer als man es von ihm gewohnt ist und hätte die Betrunkenheit in der relativ langen Szene im dritten Akt ruhig ein noch deutlicher spielen können: die Musik ist da wesentlich drastischer, das ist ein Torkeln und Schwanken, dass es einem schwindlig werden kann. Goran Jurič gibt dem Popen seinen schwärzer gewordenen Bass, Alexey Shishliaev ist Polizeichef und Alter Zwangsarbeiter. Vor allem letzterer gelang ihm sehr eindringlich – doch noch ein menschliches Wesen neben Katerina. Eine skurrile kleine Episode darf Dean Power als Lehrer zum Besten geben: er hat entdeckt, dass Frösche eine Seele haben, aber keine unsterbliche. Wie immer eine schöne lyrische Darbietung.

Gut gemacht die Choreographie während der Zwischenspiele: das Volk vergnügt sich beim Tanz, während Katarina einsam in ihrem Bett liegt. Ebenso gut die Chorführung, man hat den Eindruck, Individuen vor sich zu haben, vor allem im vierten Akt beim Marsch ins Arbeitslager. Der Chor der Bayerischen Staatsoper gibt wieder einmal ein eindrucksvolles Zeugnis an Präzision und Strahlkraft ab.

Das Orchester unter Oksana Lyniv funkelt und grollt, dass es eine Freude ist. Ein überaus präzises Dirigat, dem das Orchester mit offensichtlichem Spaß an den schnellen Tempo- und Dynamikwechseln folgte. Die Bläser sind für besondere Stellen in den Proszeniumslogen platziert, was einen noch direkteren, brutaleren Klang ermöglicht.

Insgesamt eine sehr erfreuliche Vorstellung.

Susanne Kittel-May

Übrigens: Für ihren Videoblog (Vlog) zur Lady Macbeth von Mzensk hat die Bayerische Staatsoper gleich zwei Preise erhalten: es gab Prämierungen beim German Brand Award 2017 und beim Deutschen Preis für Onlinekommunikation 2017. Hier kann man sich das anschauen: Zum Vlog der BSO

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