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MÜNCHEN/ Bayerische Staatsoper: LADY MACBETH VON MZENSK

 München: Bayerische Staatsoper: „LADY MACBETH VON MZENSK“, 11.12.2016
Dimitri Schostakowitschs Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ (nach einer Novelle von Nikolaj Leskow) war bei ihrer Uraufführung 1934 in Leningrad ein großer Publikumserfolg. Das Stück erfreute sich in Russland einer großen Beliebtheit, bis Stalin es 1936 verbot, wohl wegen der ausgeprägten Erotik in der Musik. Erst Jahrzehnte später konnte die Oper in einer überarbeiteten Fassung unter dem Namen „Katerina Ismailowa“ wieder in der Sowjetunion aufgeführt werden. Die Bayerische Staatsoper brachte das Werk nun in der zweiten Neuproduktion der Saison (Premiere am 28.11.) in der Urfassung von 1934.

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Anja Kampe und Misha Dydik auf ihrer (kurzen) Flucht. Copyright: Wilfried Hösl

Auch in München wurde die „Lady Macbeth von Mzensk“ zu einem großen Publikumserfolg. Dies lag zum einen an der großartigen musikalischen Gestaltung des Bayerischen Staatsorchesters unter Generalmusikdirektor Kirill Petrenko. Musiker und Dirigent brachten alle Facetten und Emotionen der mitreißenden, pulsierenden und spannungsreichen Musik zum Klingen. Zärtlichkeit und Brutalität, Lust und Verzweiflung, Sarkasmus und Ironie – all dies klang einem aus dem Graben entgegen. Dabei hielt Kirill Petrenko immer das richtige Maß, so dass die Emotionen immer klar und tief empfunden, aber nicht überzeichnet und verzerrt herüberkamen. Außerdem war das Orchester den Sängern immer ein aufmerksamer und unterstützender Partner. Große Gefühle kamen aber nicht nur aus dem Graben, sondern waren auch auf der Bühne zu sehen. Regisseur Harry Kupfer hat die verschiedenen Charaktere der handelnden Personen genau herausgearbeitet. Dafür bleibt das Bühnenbild von Hans Schavernoch – eine abgewrackte Fabrikhalle – eher statisch, und die zeitgemäßen Kostüme von Jan Tax sind relativ schlicht gehalten. So konnte man sich ganz auf die eindringliche Personenregie konzentrieren, die durch großartige Sängerdarsteller in packender Art und Weise umgesetzt wurde. Anja Kampe begeisterte durch ihre vielschichtige und hochemotionale Interpretation der Katerina Ismailowa. Sie schaffte es, dem Publikum die Gefühle und Beweggründe dieser unglücklichen Kaufmannsfrau nahe zu bringen, so dass man der Figur am Ende große Sympathie entgegenbrachte, obwohl sie drei Menschen ermordet hat. Auch stimmlich konnte Anja Kampe mit ihrem klaren, warm leuchtenden und immer souverän geführten Sopran alle Facetten der Partie zum Ausdruck bringen. Katerinas Gegenspieler, ihr Schwiegervater Boris Timofejewitsch, wurde von Anatoli Kotscherga herausragend dargestellt. Er zeichnete das Bild des misstrauischen, aufdringlichen und brutalen Familienoberhaupts derart überzeugend, dass einem bei jedem seiner Auftritte großes Unbehagen beschlich. Sein immer noch kräftiger, manchmal aber etwas trocken klingender Bass passte sehr gut zum schroffen Charakter seiner Partie. Misha Didyks Sergej zeichnete sich durch einen burschikosen, jungenhaften, fast ein wenig naiven Charme aus. Mit der Ermordung von Katerinas Ehemann und spätestens mit dem Verrat an Katerina im letzten Bild zeigte er aber auch seine Falschheit und Selbstsüchtigkeit. Misha Didyk sang seine Partie mit klarem, hellem, aber trotzdem tragenden und durchsetzungsfähigen Tenor. Sergej Skorokhodov zeigte ebenfalls ein überzeugendes Rollenportrait des durchsetzungsschwachen Sinowij Borissowitsch, Katerinas Ehemann. Stimmlich konnte er in der musikalisch kleinen Partie die Vorzüge seines strahlenden Tenors nur selten zu Geltung bringen.

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Alexander Tsymbalyuk und der Chor. Copyright: Wilfried Hösl

Auch die Nebenrollen waren allesamt hervorragend besetzt, beispielsweise mit Anna Lapkovskaja als Sonjetka, Kevin Conners als „der Schäbige“, Goran Jurić als Pope und Heike Grötzinger als Köchin Aksinja. Besonders hervorzuheben ist die grandiose Leistung von Alexander Tsymbalyuk als Polizeichef und „Alter Zwangsarbeiter“. Er schaffte es, zwei völlig unterschiedliche Rollen sowohl schauspielerisch als auch musikalisch vollkommen überzeugend darzustellen. Zunächst war er der großspurige, leicht angeschickerte, aber trotzdem elegante und mit Autorität ausgestattete Polizeichef, der mit seiner Truppe die Leiche im Keller der Ismailows entdeckt und das Mörderpaar verhaftet. Nur Minuten später ist er als „Alter Zwangsarbeiter“ ein körperlich und seelisch leidender Mann, der sich in der kalten Atmosphäre der Zwangsarbeit noch die Fähigkeit des Mitleids bewahrt hat. Eine tief ergreifende Darstellung. Wohl nicht zufällig beendet Harry Kupfer das Stück in seiner Inszenierung mit dem Bild des um Katerina und die Opfer der unmenschlichen Gewaltmärsche trauernden „Alten Zwangsarbeiters“.
Am Ende großer Applaus eines begeisterten Publikums, vor allem für Kirill Petrenko und Anja Kampe.

Gisela Schmöger

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