Der Neue Merker

MÜNCHEN/ Bayerische Staatsoper: „JENŮFA“

München: Bayerische Staatsoper: „JENŮFA“, 11.03.2017

„Eine junge Frau liebt leidenschaftlich einen von zwei rivalisierenden Halbbrüdern. Sie wird unehelich schwanger und von ihm verlassen. Der andere würde sie nehmen, das Kind seines stets beneideten Bruders will er nicht. Die Stiefmutter der jungen Frau, die sich um sie wie um eigenes Fleisch und Blut sorgt, sieht nur einen Ausweg: Nach heimlicher Entbindung ertränkt sie das neue Leben im winterlichen Fluss. Mit dem Frühling steht eine Hochzeit an. Doch das Eis taut und gibt die zerstörten Hoffnungen des zurückliegenden Sommers frei. Im Glauben ihr Bestes zu wollen, geleitet von eigenen Enttäuschungen und beeinflusst von einer starren Moral, greift die Küsterin unumkehrbar, dem Schicksal gleich ins Leben ihrer Stieftochter Jenůfa ein.“ So die kurze, einführende Beschreibung derOper „Jenůfa“ von Leoš Janáček auf der Homepage der Bayerischen Staatsoper.

In ihrer Inszenierung aus dem Jahr 2009 verlegt Barbara Frey die Handlung in ein Küstendorf der Gegenwart. Das Bühnenbild (Bettina Meyer) zeigt im ersten Akt eine felsige Meeresküste mit alten, von den Fluten herangeschwemmten Fässern am Strand. Verschwommen im Nebel sind in der Ferne zwei moderne Windräderzu sehen. Links, direkt neben einer der beiden Windkraftanlagen steht einekleine Hütte– das Zuhause der Küsterin und Jenůfas, wie der Zuschauer im zweiten Akt erfährt. Gleich zu Beginn der Aufführung wird auf die Außenseiterrolle Jenůfas in der dörflichen Gemeinschaft hingewiesen: Jenůfa, die auf der linken Bühnenseite allein auf einem Felsen sitzt und sehnsüchtig auf die Rückkehr ihres Geliebten Števa wartet, wird von der vorbeiziehenden Dorfgemeinschaft argwöhnisch beäugt. Auf der rechten Bühnenseite sitzen Števas Großmutter, die alte Buryja,und sein Halbbruder Laca mit einer spürbaren inneren Distanz zueinander.

Aus dieser bedächtigen Ausgangssituation entwickelte sich in der Vorstellung am 11.03.2017 zügig ein musikalisch wie darstellerisch packender, kurzweiligerOpernabend, in dem man komprimiertintensivste Emotionen erleben durfte. Und ganz am Ende wurde die Hoffnung geschenkt, dass auch nach den schlimmsten Ereignissen zumindest die Möglichkeit besteht,durch individuelle Entwicklungs- und Reifeprozesse die Basis dafür zu schaffen, dass etwas Neues, Gutes entstehen kann – oder mit den Worten der Bayerischen Staatsoper auf ihrer Homepage „eine große Verheißung auf das kleine lebbare Glück“.

Intensivste Emotionen bot allen voran Karita Mattila mit einer grandiosen, ergreifenden Gestaltung der Küsterin. Vom ersten Moment an war diese Küsterin nicht einfach nur eine strenge, kalte, in den dörflichen Moralvorstellungen verhaftete Frau, der ihre gesellschaftliche Stellung sowie diejenige ihrer Ziehtochter Jenůfa über alles geht. Bei der von Karita Mattila dargestellten Küsterin waren von Anfang an starke Emotionen spürbar: So etwa eine tiefe Traurigkeit und Verbitterung aufgrund ihrer Ehe mit einem gewalttätigen Alkoholabhängigen, Furcht vor einer ebenso unglücklichen Ehe ihrer geliebten Ziehtochter, Wut über die uneheliche Schwangerschaft Jenůfas, panische Angst vor einem sozialen Abstieg, Hass auf den flatterhaften Kindsvater, Verzweiflung sowie eine tiefe innere Zerrissenheit.Nach dem Kindsmord wird die Küsterin von einem massiven schlechten Gewissen geplagt, sieht ihr Unrecht ein, übernimmt die Verantwortung für ihre Tat, empfindet ehrliche Reue und bittet ihre Ziehtochter um Vergebung. All das brachte Karita Mattila mit einer überwältigenden stimmlichen und darstellerischen Intensität auf die Bühne. Hochverdient wurde die Sopranistin hierfür am Ende vom Publikum mit großem, langanhaltendem Applaus bejubelt. Völlig zurecht brandete ein wahrer Begeisterungssturm auf.

Auch die Titelfigur wurde von Sally Matthews sehr eindrücklich gestaltet. An Jenůfas Gefühlswelt – wie etwa ihrer Liebe und Verzweiflung sowie ihrer Angst und Hoffnung – ließ Sally Matthews mit ihrem warmen, leuchtenden Sopran den Zuschauer ebenso intensiv teilhaben wie an der inneren Entwicklung der Titelfigur. Deren anfängliche Verachtung gegenüber Laca wandelte sich im Laufe der Zeit zu einem tiefen, ehrlichen Respekt vor dessen aufrichtiger, ehrlicher Zuneigung. Jenůfa besitzt eine innere Stärke und Souveränität, die es ihr ermöglichen, die Fehlbarkeit der Menschen (einschließlich ihrer eigenen) zu akzeptieren und nicht nur die Beweggründe der Küsterin für die Tötung ihres Kindes wie auch die Motivation Lacas für seineMesserattacke nachzuvollziehen, sondern die Taten schließlich sogar zu verzeihen.

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Sally Matthews, Stuart  Skelton. Copyright: Wilfried Hösl

Stuart Skelton wurde vom Publikum ebenfalls hochverdient bejubelt. Mit seinem ausgesprochen klangschönen, dunkel timbrierten, heldischen Tenor, der über eine strahlende Höhe verfügt, gestaltete er sehr ausdrucksstark die Rolle des Laca insgesamt als echten Sympathieträger.Er brachte Lacas unmittelbares Entsetzen über seine Messerattacke sowie seine innige, aufrichtige Zuneigung und Liebe zu Jenůfa ebenso glaubwürdig zum Ausdruck wie dessen negative Emotionen –Neid und Eifersucht auf seinen Stiefbruder Števa sowie Wut über die anfängliche, verächtliche Zurückweisung durch Jenůfa. Auch Laca verfügt auf seine Weise über eine innere Stärke und Souveränität, um am Ende gemeinsam mit Jenůfa nach all der Tragödie den Zuschauer doch noch mit der oben beschriebenen Hoffnung nach Hause gehen zu lassen. Die Aufführung endet dann auch mit einem ganz starken, tief berührenden letzten Bild: Während der allerletzten Takte des Werkes setzen sich Laca und Jenůfa mit baumelnden Beinen auf den zur Hütte der Küsterin gehörenden Holzsteg. Laca rutscht näher zu Jenůfa heran und ergreift ihre Hand. Beide drücken die Hand des anderen ganz fest. – Licht aus.

Für Lacas Stiefbruder Števa kann man in dieser Inszenierung noch nicht einmal ansatzweise einen Hauch von Sympathie empfinden. Der gutaussehende, dem Alkohol zugetane junge Mann ist egoistisch, oberflächlich, verantwortungslos und besitzt einen durchweg schwachen Charakter. Nach seiner Rückkehr von der Musterung behandelt er Jenůfa in der Öffentlichkeit grob, herablassend und demütigend. Ihre Sorgen und Nöte aufgrund ihrer Schwangerschaft interessieren ihn nicht. Gelangweilt liest er Zeitung, während sie ihm ihr Herz ausschüttet. Im weiteren Verlauf sieht er sich selbst immer nur als Opfer und versinkt in Selbstmitleid. Dieses Rollenporträt wurde von Pavol Breslik mit seinem klangschönen Tenor sowohl gesanglich als auch darstellerisch überzeugend gestaltet. Hanna Schwarz sang die alte Buryja mit großer, voluminöser Stimme. Christian Rieger als Altgesell, Kristof Klorek als Dorfrichter, Heike Grötzinger als dessen Frau, Laura Tatulescu als Karolka, Alyona Abramowa als Schäferin, Talia Or als Barena, Elsa Benoit als Jano, Anna El-Khashem und Milan Siljanov als erste und zweite Stimme sowie der Chor der Bayerischen Staatsoper rundeten die guten Leistungenab.

Unter der hervorragenden Leitung von Tomáš Hanus brachte das Bayerische Staatsorchester die ungeheure musikalische Intensität des Werks in hoher Präzision und Transparenz sehr stark zum Ausdruck. Auch hierfür gab es verdientermaßen besonders großen Beifall und Jubel des Publikums. Alles in allem ein beeindruckender, ganz toller Opernabend!

Martina Bogner

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