Der Neue Merker

MÜNCHEN/ Bayerische Staatsoper: HÄNSEL UND GRETEL

München, Bayerische Staatsoper, Engelbert Humperdinck, „HÄNSEL UND GRETEL“,  29.12.2013

„Es geht um Essen – um die Abwesenheit oder den Überfluss von Essen.“, postuliert Regisseur Richard Jones im Programmheft. Und deshalb ist der große Kühlschrank in der  bürgerlichen Wohnküche leer. Zum Beerensuchen werden Hänsel und Gretel in den Wald geschickt und landen im Jagdzimmer, wo sie stummen, wie Bäume aussehenden, Männern die Beeren aus den Anzugtaschen klauben. Essen, wenn vorhanden, tut man mit den Fingern und das üppige Kuchenbüffet bei Rosine Leckermaul lädt geradezu ein, darin herumzupatschen und sich soviel als möglich in den Mund zu stopfen.  Zum Abendsegen im Jagdzimmer legen sich die Kinder auf den Boden und träumen von einer Kochbrigade, die alles auffährt, wonach Magen und Mund verlangen. Die Hexe bäckt librettogerecht im Ofen und wird schließlich in handlichen Stücken an die entzauberten Kinder verteilt. So weit – so gut?

Für diese Koproduktion mit der Welsh National Opera (Premiere in München am 24.3.13) hat Dirigent Tomás Hanus das bisher verwendete alte Notenmaterial mit der Neuausgabe verglichen. In dieser quellenkritischen Ausgabe finden sich – vom Komponisten approbierte – Korrekturen der Ur- und Erstaufführungsdirigenten Richard Strauss oder Hermann Levi. Strauss etwa empfand das Orchester an vielen Stellen „etwas zu dick“. Tomás Hanus gelang es, mit dem Bayerischen Staatsorchester einen wunderbar schlanken Klang bereits in der Ouvertüre zu evozieren. Statt wagnerepigonaler Orchestermassen hörte man plötzlich das Hexentanz-Motiv oder den Abendsegen genau. Den Sängern und der Wortdeutlichkeit kam der weitgehende Verzicht auf Forte ebenfalls entgegen. Bis auf Sabine Hogrefe (Gertrud) , die sich leider durch völlige Textunverständlichkeit auszeichnete, stand ein exzellentes Sängerensemble zur Verfügung: Markus Eiche als versoffen-verlotterter Peter, die rustikale Tara Erraught als Hänsel, eine lyrisch-weiche Hanna-Elisabeth Müller als Gretel, Yulia Sokolik als entzückendes Sandmännchen, Elsa Benoit als silberhelles Taumännchen. Wolfgang Ablinger-Sperrhacke wurde von der Maske so gründlich verunstaltet, dass er eine fabelhafte Hexe abgab, deren meckerndem Hi-Hi man anhörte, dass auch Mimes Zaubertrank zu ihrem Repertoire gehört…

Viel Jubel für Tomás Hanus, Tara Erraught und Hanna-Elisabeth Müller von den kleinen und großen Zuschauern.

 Jakobine Kempkens

 

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