Der Neue Merker

MÜNCHEN/ Bayerische Staatsoper: BORIS GODUNOW

München: Bayerische Staatsoper: „BORIS GODUNOW“, 25.04.2016:

tsy
Alexander Tsymbalyuk. Copyright: Wilfried Hösl

Die Münchner Premiere der Urfassung von „Boris Godunow“ von Modest Mussorgsky in der Inszenierung von Calixto Bieito im Februar 2013 war eine Sensation. Dies lag in erster Linie an dem Sänger der Titelpartie, dem damals erst 36-jährigen Alexander Tsymbalyuk. Seine tief empfundene Darstellung des an seinem Gewissen scheiternden Zaren war damals nicht nur unter Opernfans Stadtgespräch. In den folgenden Jahren war Alexander Tsymbalyuk in einigen anderen Rollen an der Bayerischen Staatsoper zu hören, bevor er im April 2016 als Boris nach München zurückkehrte. Seine Gestaltung der Partie in der nüchternen, in der heutigen Zeit spielenden Inszenierung war erneut sensationell. Sein Boris ist ein junger, sich seiner Verantwortung und Machtfülle jedoch durchaus bewusster Zar, der letztlich vergeblich versucht, zum Wohl seines Volkes und seiner Familie zu regieren. Fast möchte man diesem ernsthaften, nobel auftretenden Mann nicht glauben, dass er seine Herrschaft durch den Mord an dem Zarewitsch Dimitrij gefestigt hat. Auch er kommt mit den Gewissensqualen, die von seinen weniger skrupellosen Gegnern geschickt geschürt werden, nicht zurecht, so dass er schließlich von ihnen in den Tod getrieben wird. Alexander Tsymbalyuk stellt jede Emotion so wahrhaftig, anrührend und tief empfunden dar, dass einen diese Interpretation direkt ins Herz trifft. Dies gilt sowohl für seine schauspielerische als auch für seine musikalische Gestaltung. Mit seiner großen, warmen und samtig klingenden Stimme, seiner eleganten russischen Diktion und seinen klug gesetzten Betonungen macht er jede Nuance der Gefühlswelt von Boris deutlich. Eine großartige Leistung, die nur schwer zu übertreffen ist.

Auch die übrigen Solisten hatten ihren Anteil am großen Erfolg der Vorstellung. Die Rolle des Pimen wurde zwar vom der Regisseur etwas stiefmütterlich behandelt, dennoch konnte Ain Anger als nur vordergründig weltabgewandter, in Wahrheit jedoch durchaus politisch aktiver Mönch überzeugen. Er nahm das Publikum besonders mit seiner klangvollen, nobel geführten Stimme für sich ein. Maxim Paster war als heuchlerischer, den Sturz des Zaren bewusst vorantreibender Fürst Schuiskij ebenfalls sehr überzeugend. Er sang die Partie mit klarem, ausdrucksvollem Tenor. Der junge russische Bariton Boris Pinkhasovich zeigte als Schtschelkalow große Bühnenpräsenz. Sein eher hell timbrierter, frei strömender Bariton ist sehr angenehm anzuhören. Seit der Premiere wird die Rolle des Warlaam von Vladimir Matorin gesungen. Er macht Warlaams Lied von der Eroberung Kasans immer zu einem Kabinettstückchen in dem ansonsten so düsteren Stück. Auch Sergej Skorokhodov als Grigorij Otrepjew, Eri Nakamura als Xenia, Rachael Wilson als Fjodor, Helena Zubanovich als Schenkwirtin, Kevin Conners als Gottesnarr  und Heike Grötzinger als Xenias Amme brachten durchweg sehr gute Leistungen.

Der junge russische Dirigent Vasily Petrenko, derzeit u.a. Chef des Oslo Philharmonic Orchestra und das Bayerische Staatsorchester brachten den düsteren und dennoch faszinierenden Charakter der Musik hervorragend zum Ausdruck und waren den Sängern einfühlsame Begleiter. Ein Extralob gebührt dem Chor und dem Kinderchor der Bayerischen Staatsoper, die die großen Chorpassagen zu einem faszinierenden Klangerlebnis machten. Am Ende großer Jubel für alle Solisten, vor allem aber natürlich für den herausragenden Alexander Tsymbalyuk.

Gisela Schmöger

Diese Seite drucken