Der Neue Merker

MÜNCHEN / Alte Kongresshalle: DIE FASCHINGSFEE von Emmerich Kalmán. Premiere

MÜNCHEN (Alte Kongresshalle) – Emmerich Kalmán: DIE FASCHINGSFEE (Premiere am 16. Februar 2017)

Wien 1917 – der Krieg tobt und fordert tausende Opfer, die meisten Bewohner hungern, aber Emmerich Kalmán, der schon 1915, im zweiten Kriegsjahr, mit seiner „Csárdásfürstin“ in der Operettenmetropole seinen größten Erfolg feiern konnte, bringt seine jüngste Operette zur Uraufführung. „Die Faschingsfee“ erlebt am 21.September im Johann-Strauß-Theater auf der Wieden erstmals ihre Weltpremiere. Schon im nächsten Jahr brachte das Gärtnerplatztheater die neue Operette in München zur dortigen Erstaufführung.

100 Jahre nach der Uraufführung und 99 Jahre nach der Premiere in München steht – mitten im Fasching – das heute nahezu vergessene Werk wieder am Spielplan des Gärtnerplatztheaters. Premiere war gestern, 16.Februar, in der Alten Kongresshalle oberhalb der Theresienwiese. Das Libretto von Alfred Maria Willner und Rudolf Österreicher basiert auf dem in Budapest erfolgreich aufgeführtem Stück „Zsuzsi kisasszony“ („Fräulein Susi“) und wurde für diese Neuproduktion vom „Hausherrn“ Josef E. Köpplinger passend adaptiert. Der Maler Viktor Ronai gibt ein Fest, weil er einen hohen Geldpreis gewonnen hat. Als dann eine unbekannte Schöne, von der er sich sofort angezogen fühlt, zu den Feiernden stößt, steigt sein Glücksgefühl noch. Weil einer der Gäste die Unbekannte belästigt, verteidigt er die Schöne, was ihm einen leidenschaftlichen Kuss einbringt. Was er nicht weiß – der Mann ist der Spender des Preises und zieht ihn beleidigt zurück. Verliebt malt Ronai noch in der Nacht ein Bild der Dame aus dem Gedächtnis. Am nächsten Tag ist das gewonnene und wieder verlorene Geld plötzlich wieder da, woraus sich diverse nicht nur logische Szenen entwickeln. Und es wäre keine Wiener Operette, gäbe es nach dem einen oder anderen Missverständnis nicht ein happy end – die unbekannte Schöne entpuppt sich als Fürstin Alexandra Maria, die sich an diesem Abend eigentlich mit Herzog Ottokar von Grevlingen verloben sollte, sich aber schlussendlich für den Maler entscheidet. 

Dass der „Faschingsfee“ im Werkekanon Kalmáns eher ein Schattendasein beschieden ist, liegt wohl auch daran, dass das Bessere der Feind des „Guten“ ist. So gibt es zwar eine ganze Reihe schöner Melodien, die einst wohl auch Schlager waren, aber alle kommen Operettenfreunden irgendwie bekannt vor.

Die makabre Situation, ein Künstlerfest im Fasching und rundherum tobt der Krieg und es herrscht bittere Armut, bricht Regisseur Josef E. Köpplinger gleich mehrfach. Zu Beginn der Aufführung lässt er Krankenschwestern mit versteinerten Gesichtern und grimmig blickende Soldaten um die Bühne und im Saal Runden drehen, von ihnen getragene rote Luftballons symbolisieren wohl Blut; in die feiernde Gesellschaft mischt sich immer wieder die Angst, doch noch zum Militär eingezogen zu werden; ein Polizist auf der Hinterbühne erinnert immer wieder daran, dass Feiern eigentlich verboten ist. Aber die Studenten kümmern sich um keinerlei Konventionen (wunderbar die Transvestitenparodie) und auch die Wirtsleute machen augenzwinkernd mit. Dass ein Soldatentrupp im Finale mit Nelken in den Gewehrläufen in den Krieg zieht, ist da eine passende Schlußsequenz. Da es Fasching ist, stellt sich die Frage der Bekleidung nicht wirklich (Kostüme: Dagmar Morell), aber alle Mitwirkenden sind typengerecht gekleidet. Die etwas herabgekommene, einstmals wohl feine Gewandung der Adeligen kontrastiert kongenial zu den Uniformen, den beschürzten Wirtinnen oder dem bunten Künstlervolk.

Das Fest spielt in einem Einheitsbühnenbild (Bühne: Karl Fehringer, Judith Leikauf); einer Stube, die eine Theaterkantine wie ein Wirtshaus gleichzeitig sein kann. Theaterklause kann man auf einer Tür lesen. Und immer wieder fällt Schnee im Bühnenhintergrund. Das Mobiliar dieses Gastzimmers ist der Zeit entsprechend einfach. Tische und Sesseln bieten, einfach verschiebbar, immer wieder neue Spielflächen. Gut gesetzte Lichteffekte (Licht: Josef E. Köpplinger, Michael Heidinger) ergänzen passend das Szenische.

Und die musikalische Seite dieser zu Recht bejubelten Premiere? Akustisch ist der Saal in der Alten Kongresshalle nicht unproblematisch. Die Mikroports werden zwar, so ist zu hören, lediglich für eine geplante CD-Aufnahme benötigt, dennoch empfand ich den Stimmklang immer wieder als zu technisch. Und das hinter der Bühne spielende Orchester ist zweifellos über Lautsprecher zu hören.

Der Maler Viktor Ronai und seine Faschingsfee sind mit Daniel Prohaska und Camille Schnoor nahezu ideal besetzt. Prohaska kann im Operettenschmelz schwelgen und bei Bedarf seinen Herzensschmerz gekonnt umsetzen, und wenn Schnoor ihre Anfangsnervosität ablegt, kommt sie einer Operettendiva auch vom Ausdruck her sehr nahe; stimmlich ist sie es vor allem nach der Pause. Sehr gut auch das zweite Paar – Simon Schnorr als stimmschöner Baron Hubert von Grevelingen, der seine Bindungsängste überzeugend bringt, und die spielfreudige und gleichermaßen stimmschöne Nadine Zeitl in der Partie der Lori Aschenbrenner. Ein pauschales Lob gebührt der Künstlerriege: Frank Berg, Josef Ellers, Peter Neustifter, Jan Alexander Naujoks, Susanne Seimel, Laura Schneiderhahn, Katharina Lochmann und Ulrike Dostal. Jede und jeder von ihnen ist gleichermaßen spiel- und sangesfreudig und stellt das Ensemble des Gärtnerplatztheaters ins beste Licht. Ebenso überzeugend in jeder Weise Erwin Windegger (Herzog Ottokar), Maximilian Mayer (Graf Mereditt) und Uwe Thomsen (Graf Eberhard); mehr als rollendeckend zeigen sich Dagmar Hellberg (Wirtin Rosl), und Maximilian Berling (Kellner Toni). Zwei Herren und einer Dame gebührt zu guter Letzt eine gesonderte Hervorhebung – Gisela Ehrensperger (die Wirtin Leopoldine Brandlmayer) mit einem zum Niederknien gesungenen Lied sowie der alte Kellner Franz Wyzner und Fritz Graas als Polizist; alle drei gleichsam Urgesteine des Gärtnerplatztheaters und persönlichkeitsstark noch im Alter.

Der auch im Spiel geforderte Chor wurde, ich bin versucht zu sagen wie immer, von Felix Meybier bestens einstudiert. Mit beinahe k.u.k.-Charme spielte das ungünstig hinter einem Gazevorhang sitzende Orchester unter der Leitung von Michael Brandstätter Kalmáns Melodienreigen.    

So gerne ich es möchte, zum Besuch dieser lautstark bejubelten Produktion kann ich nicht einladen. Alle Vorstellungen, selbst eine eingeschobene Zusatzvorstellung, sind restlos ausverkauft.   

Michael Koling

 

 

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