Der Neue Merker

MOZART: LA CLEMENZA DI TITO, Salzburger Festspiele live 3. August 1977

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MOZART: LA CLEMENZA DI TITO, Salzburger Festspiele live 3. August 1977, ORFEO 2 CD; „Ein Salzburger Modell?“ 

Veröffentlichung: 13.10.2017

Den heurigen Salzburger Festspielsommer haben Regisseur Peter Sellars und Dirigent Teodor Currentzis mit Mozarts letzter Oper „Titus“ eröffnet. Das zumindest große Medien- und Publikumsecho galt einer inhaltlichen Neudeutung, orientiert an der aktuellen gesellschaftlichen Flüchtlings- und der globalen Terrorismusproblematik. Was die Musik anlangt, so wurden die von Franz Xaver Süßmayr geschriebenen Rezitative weitgehend gestrichen und durch Trauermusiken aus Mozarts c-Moll-Messe, seinem Adagio und Fuge und der Maurischen Trauermusik „ersetzt. 

Dank Orfeo kann der Operninteressierte nun 40 Jahre zurückgehen und sich anhand des „La clemenza di Tito“-Mitschnitts vom 3. August 1977 (ein Jahr nach der Premierenserie) seine eigenen Gedanken zur musikalischen Substanz von Salzburger Mozartdeutungen machen. Damals dirigierte der 34-jährige James Levine einen knackigen Mozart voller Energie und Emotion, wobei er vor allem nach dem der Proportionalität der Zeitmaße verpflichteten Tactus-Prinzip bei aller dramatischen Verdichtung auch auf das organische Atmen mit der Partitur samt den ausführenden Sängern, dem Chor und dem Orchester nicht verzichtete. „Unverkrampft“ konventionell in Phrasierung und Tempo und hochmusikalisch spannungsgeladen zugleich ist Levines Zugang zu Mozart. In den Wiener Philharmonikern hat er damals kongeniale Mitstreiter gefunden. Immerhin haben im selben Festspielsommer Herbert von Karajan „Salome“ und „Don Carlo“ und Karl Böhm „Don Giovanni“ dirigiert… Sicherlich ist der freiere interpretatorische Ansatz einer radikalen Expressivität von Currentzis artikulatorisch schmissig, aber auch voller unerwartet wilder Bremsmanöver.

Allerdings bewegte sich die sängerische Seite, was Homogenität, Stil, Charakter und Timbre der Stimmen anlangt, 1977 auf einem unvergleichlich höheren Niveau als 2017. Für heutige Verhältnisse sind vor allem die herausragenden Leistungen der Tatiana Troyanos (Sesto), der Carol Neblett (Vitellia) und der Catherine Malfitano (Servilia) nicht zu toppen. Der breite, höhensichere und cremig-saftige Mezzo der tragischerweise 54-jährig verstorbenen Tatiana Troyanos in der Hosenrolle des Sesto ist Legion. Wer die Troyanos auf der Bühne erleben durfte, wie ich dies in der Wiener Norma-Serie mit Renata Scotto das Glück hatte, wird weder Timbre, noch Eleganz und Stil, oder ihre beeindruckende Bühnenerscheinung je vergessen können. Auch in der Felsenreitschule in Salzburg stand ihre Gesangskunst und Profilierung der Rolle mit rein musikalischen Mitteln im Zentrum der Aufführung. Akustisch nicht minder aufregend ist das markante Rollenporträt der Carol Neblett als intrigante Vitellia. Bekannt als wohl beste und ideale Schallplatten-Minnie (Puccinis „La Fanciulla del West“ mit Domingo, Milnes; Mehta), kommt Neblett auch beim dramatischen Mozart der große Stimmumfang, klare Farben und eine hohe Charakterisierungskunst zugute. Ebenso wusste die Amerikanerin Catherine Malfitano in der lyrischen Partie der Servilia, Schwester des Sesto, wie später in der Verkörperung komplexester Frauenfiguren Maßstäbe an singdarstellerischer Intelligenz zu setzen. Die brave Anne Howells als Annio ergänzte dieses wunderbare Damenquartett, das auch in allen Duetten und Ensembleszenen harmonierte. 

Die Titelpartie war bei Werner Hollweg in sehr guten Händen. Von Stil und Diktion her eher „deutsch“, vermochte er mit eindringlicher Textausdeutung und perfekter Technik zu überzeugen. Hollweg fasziniert auch in den sperrigsten Rezitativen noch mit seiner immensen Rollenidentifikation und intensivem Ausdruck. Kurt Rydl war als Publio schon damals ein imposanter dunkler Bass, die feine Klinge war seine Sache eher nicht.

Der Chor der Wiener Staatsoper war für die wenigen Auftritte bestens vorbereitet. Eine Einschränkung muss allerdings bei der Tonqualität gemacht werden. Den schwierigen akustischen Bedingungen in der Felsenreitschule entsprechend klingt die Aufnahme sehr hallig, die Stimmen hätte man sich mehr im Vordergrund und präsenter wünschen dürfen. Insgesamt ist die Aufnahme jedoch ein wichtiges Dokument einer vergangenen Ära. 

Dr. Ingobert Waltenberger 

Tipp: UNITEL/Deutsche Grammophon hat 1975 auch eine DVD/Filmversion in leicht varriierter Besetzung mit Tatiana Troyanos, Carol Neblett, Catherine Malfitano, Eric Tappy sang damals den Titus, Anne Howells, den Wiener Philharmonikern, ebenfalls unter James Levine, herausgebracht. Ponnelle ließ in seiner letzten Opernverfilmung einfach die Figuren in Kostümen des 18. Jahrhunderts in den Ruinen von Rom (Villa Adriana) spielen, und es klappte ganz vorzüglich.

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