Der Neue Merker

MOZART KLARINETTENKONZERT, MATTHIAS MUELLER: PICCOLO CONCERTO GROSSO/OKTETT

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MOZART KLARINETTENKONZERT, MATTHIAS MUELLER: PICCOLO CONCERTO GROSSO/OKTETT– NEOS CD

Die Bassettklarinette hat es in sich: Sie verfügt über einen immensen Tonumfang von vier Oktaven und reicht eine Terz tiefer als eine „Normale“ Klarinette. Der Hörer erlebt verschiedene Klangregister, die Stimmen Tenor und Bass, Alt und Koloratursopran sind auf einem Instrument spiel- und erlebbar. Der Baseler Klarinettenvirtuose und Komponist Matthias Mueller hat nun selbst gemeinsam mit Jochen Seggelke die Bassettklarinette zu einem vollkommenen „Zauberstab“ weiterentwickelt. Ein solches Instrument spielt er auch als Solist des berühmten späten Klarinettenkonzerts von Mozart aus dem Jahr 1791. 15 Jahre hat Mueller sich auf diese Aufnahme vorbereitet. Das Ergebnis zeigt, dass sich die Mühe gelohnt hat. Es ist nicht die erste Aufnahme des Mozartschen Geniestreiches mit Bassettklarinette. Schon in den Neunzigern hat das Concerto Köln eine Einspielung mit Pierre André Taillard vorgelegt und damit den Forschungsergebnissen des Züricher Mozartforschers Ernst Hess Rechnung getragen, der gemeinsam mit Hans Rudolf Stalder nachwies, dass Mozart das Werk für Bassettklarinette geschrieben hat.

Die neue Einspielung mit dem herausragenden Zürcher Kammerorchester (Konzertmeister Willy Zimmermann), ist dennoch nichts weniger als eine Offenbarung. Das Originalklangensemble von der Limmat verbindet eine transparent-sehnige Struktur mit einem üppig/süffigen Klang, eine sonnengläserne Klarheit der Instrumente mit unerhörter Tiefenstaffelung, Charakter mit Schmelz und damit Analytisches mit Kulinarischem auf ideale Art und Weise. So gut auf elastische Federn „gebettet“, spielt Matthias Mueller – zumindest auf Tonträger – tatsächlich das Konzert seines Lebens. Er lässt bei der Ornamentierung und den Kadenzen seiner persönlichen Phantasie und Kreativität im Rahmen der Traditionen freien Lauf, sodass niemand dieses Klarinettenkonzert je genauso wirklich gehört hat. Für die Interpretation stand – wie dies der Solist im Booklet anmerkt – Nikolaus Harnoncourt Pate. Das Resultat ist lustvoller und diversifizierter in den Klangmöglichkeiten des Soloinstruments als bei vielen ebenfalls guten Vergleichseinspielungen. Ein runder Ton, prächtige Obertöne und prägen das Hörerlebnis. Besonders in dem Rahmensätzen freut sich der Musikfreund an der launischen Erkundung der tiefen Register, großen Intervallsprüngen und flotten Sechzehntelläufen. Das spezifisch herrlich quakende Brummen in den Bässen zeigt, dass der Schalk auch noch dem reifen Mozart im Nacken gesessen ist. „Die Bassettklarinette dialogisiert hier mit dem Orchester und mit sich selber“ in bester Manier. Die größte Überraschung bringt dann der überirdisch schöne zweite Satz. Wie eine veritable Operndiva singt das Instrument von unergründlicher Sehnsucht, vom Aufblitzen der Verheißungen des Jenseits im Diesseits, dazwischen aber auch von durchaus koketter Melancholie und schwärmerischem Schmachten.

Damit die CD aber der große Wurf werden konnte, der er ist, verdanken wir zwei im neoklassizistischen Stil gehaltenen Eigenkompositionen von Matthias Mueller, dem an Franz Schubert orientierten Oktett aus dem Jahr 2014, gespielt vom ensemble remixed (Klarinette, Fagott, Horn, Violinen, Viola, Cello, Kontrabass) und dem Piccolo Concerto Grosso für zwei Bassettklarinetten (zu Mueller gesellt sich hier Michael Collins) und Orchester. Letzteres nimmt Bezug auf die G-Moll Symphonie KV 550 und Don Giovanni. Spielerisch dialogisieren die Solisten, „wetteifern, tanzen, umschlingen sich und gehen eigene Wege“ (Mueller), dass es die hellste Freude ist. Zur Abwechslung einmal Zeitgenössisches überaus bekömmlich, zudem mit starker Eigenmarke und ironisch angehauchter Freude am Fabulieren. 

Dr. Ingobert Waltenberger

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