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Merker 2002-2007
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22. Jahrgang
Juli/August/Septemb.
2010
168
- - - - -
Anton Cupak
19.07.2010
13:35:40
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Kritiken  
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Verona/Arena:  IL TROVATORE – am 28.8. 2010


3. Akt. Cappella in Castellor. Foto: Lacina

Zum ersten Mal in seiner Geschichte präsentierte das Opernfestival von Verona fünf Produktionen von ein und demselben Regisseur: Altmeister Franco Zeffirelli waren diese 88. Festspiele gewidmet. Auf dem Programm standen Turandot, Aida, Madama Butterfly, Carmen und Il Trovatore. Letztere Inszenierung in bombastischen Bühnenbildern stammte aus dem Jahr 2001. Die prächtigen Kostüme entwarf Raimonda Gaetani.

Über open-air Spektakel von Bregenz, St. Margarethen über Mörbisch und Verona mag der Bayreuth verwöhnte Besucher wohl die Nase, angesichts eines Publikums, das – fast möchte ich den Ausdruck „schamlos“ gebrauchen – ein Blitzlichtgewitter aus Kameras in der irrigen Meinung entlädt, damit eine im Schnitt 40 Meter entfernte Bühne aufhellen zu können, rümpfen. Es ist schon verwunderlich, wie groß die Naivität eines solchen Festspielpublikums ist. Aber sind sie nicht dem antiken Publikum jener Zeiten vergleichbar, das johlend und grölend den Tierhetzen und Gladiatorenkämpfen beiwohnte und sich über das vergossene Blut ergötzte? Legen denn die Stierkämpfe unserer Zeit nicht ein beredtes Zeugnis unserer sittlichen und moralischen Verderbtheit ab? Was erdreiste ich mich aber eingedenk einer solchen rohen vox populi zu polemisieren. Seit Jahrzehnten pilgern Besucher nun regelmäßig nach Verona und die Stadt sowie die spätabendlichen Spiele verbreiten ein eigenartiges Flair, das den Besucher zweifellos – trotz mancher Widrigkeiten – in seinen Bann zieht.

Insgesamt sechs Mal stand dieser Troubadour nun auf dem Programm. Der Rezensent konnte der Dernière beiwohnen. Es war bewölkt, windig und die Kühle dieses Abends mag ein Vorbote des hereinbrechenden Herbstes gewesen sein. Wenn es heiß ist, kann man sich leicht ein Sakko ausziehen. Optimistische Touristen, die in kurzen Hosen in der Platea neben mir saßen und auch mit kurzärmeligen Hemden und T-Shirts bekleidet waren, begannen spätestens ab der Pause entsetzlich zu frieren. Ich konnte mich - shame over me! - eines von Häme getragenen Grinsens dabei leider nicht erwehren!

Trotz dreisprachiger Durchsage, die Mobiltelefone auszuschalten, wurde Verdis feurige Musik immer wieder von werkfremden Melodien unterlegt und es dauerte natürlich schon eine gewisse Zeit, bis ein solches Telefonino endlich nach langem Suchen in einer übervollen Damenhandtasche nicht einfach abgestellt, nein weit gefehlt, bloß stumm geschaltet wurde, denn man will ja keine lebenswichtige SMS versäumen! Offenbar waren an diesem Abend aber außer dem völlig unwichtigen Rezensenten nur Herzchirurgen, Diplomaten und Politiker anwesend, die selbstredend 24 Stunden erreichbar sein müssen!…

Das Schlagzeug im Orchester, so befand offenbar ein Teil des Publikums, musste an diesem Abend noch verstärkt werden. Aber woher nimmt man da in der Eile die geeigneten Instrumente? Die Veranstalter haben da in weiser Umsicht vorgesorgt, indem sie dursterfüllte Besucher mit Cola-Dosen eindeckten. Ihres Inhaltes bis zur Neige entleert, stellt man sie praktischer Weise auf dem Steinboden der Arena ab. Ob des aufbrausenden Windes an diesem Abend oder gezielter Fußtritte wegen, das war nicht auszumachen, verselbstständigen sich diese Instrumente solcherart und kullerten ungebremst scheppernd zum Orchestergraben hin. Zu diesem Zeitpunkt musste man sich schon als „ordinary every day opera goer“ (Zitat: Anne Russell: The Ring Cycle) schon mächtig beherrschen, um nicht einen Nervenzusammenbruch zu erleiden...
Aber was machen bei den Myriaden von Menschen schon diese wenigen Hundert aus, die keinerlei Benehmen und Beherrschung haben? Ihnen mit Verachtung zu begegnen, wäre zwecklos, denn sie erkennen ja nicht, was sie tun…

Aber kommen wir zum Spektakel: Marco Armiliato gelang mit dem Orchester der Arena di Verona eine zündende, brodelnde musikalische Umsetzung dieses Meisterwerkes von Verdi. Er setzte an den entscheidenden Stellen deutliche Akzente und scheute auch nicht vor grellen Effekten zurück. Und so waren auch besonders die Chorstellen unter der blendenden Einstudierung von Giovanni Andreoli einer der Höhepunkte an diesem Abend.

Die Hauptrollen waren, mit Ausnahme des Manrico, zwei- bis dreifach besetzt. Diesen gab Marcelo Álvarez mit durchaus leuchtendem, höhensicheren Tenor. Allein bei der gefürchteten Bravourarie „Di quella pira l'orrendo foco“ hatte auch er Probleme. Dabei gelang ihm der Beginn bis zum Final-Ton auch prächtig, dann drehte er aber dem Publikum den Rücken zu während ihm Ruiz (Carlo Bosi) einen Umhang über die Schultern breitete und kniete nieder. Durch das Fernglas konnte ich nicht genau erkennen, was Álvarez da tat. Ich hatte den optischen Eindruck, dass der Sänger irgendetwas zu sich genommen hatte, vielleicht einen Spray für die angestrengten Stimmbänder, damit ihm schließlich der gefürchtete Final-Ton doch einigermaßen, wenn auch nicht besonders lange angehalten, unter äußerster Kraftanstrengung gelang. Dem tosenden Applaus des Publikum, mit wiederholten „bis“-Rufen als Aufforderung zur Wiederholung dieser Arie, kam der Sänger freilich nicht nach, denn er war hörbar bis an seine Grenzen gegangen. Wie anders wäre da ein Bonisolli dem Publikumswunsch gerne nachgekommen!

Aber die Leistung von Álvarez mag wegen dieses singulären Tones nicht geschmälert werden. Er war ein feuriger Manrico, dessen Stimme sich wunderbar mit der von Leonora und Azucena verband.

Mit der Partie der Leonora war die Rumänin Anda-Louise Bogza zu Beginn noch etwas überfordert und es machte sich ein gefährliches Vibrato in den hohen Lagen bemerkbar, das sie erst im Laufe des Abends einigermaßen in den Griff bekam. Ihre Spitzentöne hörten sich bisweilen auch sehr scharf und gepresst an, vor allem in ihren Soloarien, wie etwa in „Tacea la notte placida e bella in ciel sereno“ in der zweiten Szene. Dafür verbreitete sich in den Duetten mit Manrico eine geradezu pastöse Italianità. Und da gab es dann auch verdiente Brava-Rufe! Bewegend gestaltete sie auch ihre Finalszene,  in den Armen Manricos verblassend.

Als Hauptmann Ferrando war an diesem Abend mit Giorgio Giuseppini ein prächtiger Bariton bühnenpräsent, der schon mit seiner Auftritts-Arie „Di due figli vivea padre beato“ aufhorchen ließ.

Herrlichen baritonalen Schmelz verbreite auch der ungeliebte Bruder Manricos, Alberto Gazale als Graf von Luna, mit einem geradezu herzzerreißenden „Il balen del suo sorriso D'una stella vince il raggio!“

Als Azucena des Abends war die Ungarin Andrea Ulbrich ein Höhepunkt und erklärter Liebling des Publikums. Überzeugend gestaltete sie die ungeheuren seelischen Qualen dieser Figur, aufgerieben und zerrissen zwischen ihrer Erinnerung an die zum Feuertod verurteilte Mutter und dem eigenen Kind, das ebenso in den Flammen den Tod fand und ihrer Ersatzliebe zu ihrem Ziehsohn Manrico, der um die Geheimnisse dieser Vorgeschichte nicht weiß. Man muss nicht Italienisch verstehen, um die dramatischen Ereignisse in ihrer berühmten Eingangsarie „Stride la vampa! - la folla indomita“ nachvollziehen zu können. Und erst Recht ihr Taumeln zwischen der Rache für ihre Mutter und dem Mitleid für den unwissenden Manrico in ihrer verzweifelten finalen Arie „Un giorno, turba feroce l'ava tua condusse Al rogo... Mira la terribil vampa!“ Großartig!

Die kleineren Rollen waren mit der jungen Litauerin Ausrine Stundyte als Ines, Alessandro Reschitz als alter Zigeuner und Vicenzo Di Nocera als Bote rollenabdeckend besetzt.

Der geradezu frenetische Applaus mit standing ovations galt dem gesamten Ensemble und dem Dirigenten. Das große Plus dieser Inszenierung war, dass man mit einer Pause zwischen dem zweiten und dritten Akt das Auslangen fand, was zu einer ungemeinen Verdichtung und Konzentration des Dargebotenen beitrug. Bravo!     

Harald Lacina

 

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